Maria Braig - Spanische Dörfer

Dieses Buch für Leser ab 13 Jahren erklärt die Flüchtlingsproblematik auf verständliche und nachvollziehbare Weise.

Im Mittelpunkt stehen drei junge Menschen, die aus der Norm fallen: der frischgebackene Architekt Enrique, der als Enriqua geboren wurde, der angehende Lehrer Leon, der ein Chromosom mehr hat als die meisten anderen Menschen und die junge Afrikanerin La Marche (später heißt sie Manso), die nach Europa kam, um dort die Freiheit zu finden.

 

Zuerst begleitet der Leser La Marche. Sie nennt sich selbst so, weil sie lange Zeit unterwegs ist. Sie läuft und läuft, schlägt sich alleine durch. Wie sie letzten Endes über das Mittelmeer kommt, wird nicht explizit erzählt, sicher ist nur, dass sie eines Tages genau dann aus dem Meer steigt, als Enrique am Strand sitzt und grübelt. Kaum dass sie das Land erreicht und einen Schluck Wasser zu sich genommen hat, tauchen zwei Polizisten auf. Enrique ruft ihr ein eindringliches "Lauf, los lauf!" zu. La Marche rennt los. Sie hat die Worte nicht verstanden, aber der Ton war deutlich.

 

Mit diesem Erlebnis ändert sich Enriques Beziehung zum Meer. Es hat seine Unschuld verloren. Ist nicht mehr ein neutraler Ort, sondern einer, der über Menschenleben entscheidet.

Kurz nach diesem Erlebnis wandert Enrique aus.

Spanien bietet ihm keine Zukunft. Er hofft in Deutschland

in seinem Beruf Fuß zu fassen und zieht nach München. 

Dort findet er schnell einen Job als Kellner, ein Zimmer in einer WG, er lernt die Sprache, aber ihm wird klar, dass er wenig Chancen hat, als Architekt zu arbeiten.

Aber da niemand von seiner Vergangenheit weiß und alle ihn als Mann kennen gelernt haben, ist er wenigstens hier sicher, nicht mit diesem Thema konfrontiert zu werden.

 

Seinen Freund Leon hat er im Heimatdorf zurückgelassen. Leon macht eine Ausbildung zum Lehrer, d.h. auch er hat gegen viele Widerstände und Vorurteile zu kämpfen.

Aber er hat ein sonniges Gemüt und schafft es, erlebte Beleidigungen recht gut aus seinem Kopf zu verbannen.

 

Mit der Hilfe verschiedener Menschen schafft es La Marche ebenfalls nach München. Und auf wunderbare Weise treffen die beiden, die sich am Strand in Südspanien nur kurz begegneten, die Begegnung für beide aber sehr intensiv und zukunftweisend war, wieder. Es ist wirklich ein Wunder,

und dass die beiden sich dann auch noch ineinander verlieben, ein weiteres. 

Bald wagt es Manso sogar, ihren Unterschlupf an der Isar zu verlassen, und zu Enrique zu ziehen.

 

Ihr Leben als Illegale belastet beide sehr. Sie will und kann sich nicht auf ein langwieriges Asylverfahren einlassen,

dazu ist sie nach ihren Erlebnissen und ihrer momentanen psychischen Verfassung nicht in der Lage. Aber dann hätte sie wenigstens die Hoffnung, dass sie legal bleiben darf.

 

Es findet sich eine ganz andere Lösung.

Eine wirklich utopische, von Hoffnung getragene, aber auch mit Erfahrung unterfütterte. 

 

Mit vielen Unterstützern kann Enrique eine Idee Leons in die Tat umsetzten: die Gruppe kauft ein fast verlassenes Dorf in Spanien. Dort sollen Menschen leben, die andernorts wenig Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben haben. 

Ohne Ansehen von Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung sollen sie dort gleichberechtigt miteinander leben. 

Enrique hatte bei einem Praktikum den italienischen Ort Riace kennengelernt.

Dort hat ein rühriger Bürgermeister Flüchtlingen ein neues Zuhause gegeben. Sie renovierten verlassene Häuser, zogen ein und retteten so den Ort vor dem Aussterben. 

Sehr zur Freude der dort verblieben Einheimischen, die bald einsahen, dass die Fremden nicht Bittsteller, sondern Retter waren und sich ein normales Zusammenleben entwickelte.

 

Das Buch endet mit dem Bezug der ersten Häuser des Dorfes Todo el Mundo und dem rudimentären Aufbau von Strukturen, in denen die Freiheit sich entfalten kann.

 

Maria Braig erklärt, was es für junge Menschen bedeutet, alleine ihre Heimat zu verlassen. Wie die Ungewissheit der Zukunft auf ihnen lastet und dass es bei weitem nicht nur an ihnen selbst, ihrem persönlichen Einsatz, liegt, ob das Vorhaben gelingt. 

Der Leser kann sich gut in die drei Protagonisten hineinversetzen, da Braig beim wesentlichen bleibt und auch ein Augenmerk auf die gesellschaftlichen Umstände legt.

Es ist deutlich zu spüren, wie sehr ihr das Schicksal ihrer Protagonisten am Herzen liegt, und auch, dass sie solche Lebensläufe aus eigener Anschauung und dem Umgang mit Migranten kennt.

 

Das ganze Buch ist durchzogen von glücklichen Zufällen, keine Schreckensbilder werden gezeichnet (Schwierigkeiten von Mansos Flucht werden nur ganz diskret angedeutet). Deshalb erscheint für den erwachsenen Leser alles ein bisschen zu glatt und fast märchenhaft. Doch für Jugendliche ist es eine gute Heranführung an einen Themenkomplex.

 

Da Braig nicht ausschließlich das Thema Flucht, sondern auch das der sexuellen Orientierung oder die Frage "Was ist eine Behinderung?" bespricht, macht sie auf die generelle Problematik des Andersseins aufmerksam.

Und sie zeigt eine Lösung auf, die das Anpacken der Betroffenen voraussetzt.

Hier nehmen Menschen ihr Leben selbst in die Hand, nachdem sie erfahren haben, dass sie nicht auf eine Besserung, die von außen kommt, warten können.

Auch das ist eine schöne Botschaft für junge Leser, die die Möglichkeit eines Auswegs aus großen Schwierigkeiten gezeigt bekommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Maria Braig: Spanische Dörfer 

Verlag 3.0, 2016, 190 Seiten