Jessica El Menshawi & Helena de Anta (Hg) -

Hijab - Frauen und ihr Tuch

Eigenverantwortung und Freiheit sind meist nicht die ersten Assoziationen, wenn die Worte Hijab, Kopftuch oder Schleier fallen. Doch in diesen 23 Gesprächen, die die Herausgeberinnen mit Frauen unterschiedlichsten Alters an verschiedenen Orten führten, fallen sie häufig. "Wir möchten mit diesem Buch die Schublade Frau mit Kopftuch öffnen und mit den zwischen 2020 und 2021 geführten Interviews einen Einblick in das Denken verschleierter Frauen bieten. Welche Bedeutung kann ein Stück Stoff haben? Wer gibt dem Tuch diese Bedeutung? Wer sind die Frauen, die sich entscheiden, es zu tragen oder eben auch nicht?" Diese, dem Vorwort entnommene Passage, drückt deutlich die Intentionen der Herausgeberinnen aus: den Wunsch aufzuklären, miteinander und nicht übereinander zu reden, heraus zu kommen aus der Vorurteilsfalle. Dies alles ist den beiden Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaftlerinnen trefflich gelungen. Ich habe jedenfalls viel gelernt durch diese Gespräche.

 

Die Eingangsfrage lautet häufig sinngemäß: Wann hast du begonnen, Kopftuch zu tragen?

Die Altersangaben schwanken hier erheblich, meist fiel die Entscheidung für Kopfbedeckung mit einer Veränderung im Leben zusammen. Eine neue Schule, eine neue Arbeitsstelle, ein Ortswechsel. Dies ersparte den Frauen eine ausufernde Rechtfertigung, warum sie nun plötzlich verschleiert sind. Denn eines kommt in allen Interviews ganz klar heraus: es braucht Mut und Kraft, sich mit diesem Tuch, das so viel mehr als eine Kopfbedeckung ist, in der Öffentlichkeit zu zeigen.

 

"Kopftuch zu tragen, benötigt unglaublich viel Willenskraft und Stärke. Ich freue mich immer, wenn ich über eine erfolgreiche muslimische Frau lese, die Kopftuch trägt, weil ich immer denke, die hat es doppelt so schwer wie eine Frau ohne Kopfbedeckung. Wir Frauen haben es generell nicht einfach, egal in welchem Kulturkreis, aber mit Kopftuch muss man sich doppelt anstrengen und doppelt so hart arbeiten, um etwas zu erreichen. Man muss permanent beweisen, dass man ein Mensch ist, der genauso gut denken, sprechen und schreiben kann wie andere", so die 28-jährige Sundos Mirjam Tasnim Zaidan, Turbandesignerin aus Wien.

 

Sie spricht hier gleich mehrere Punkte an, vor allem die strukturelle Benachteiligung von kopftuchtragenden Mädchen und Frauen, sei es in der Schule oder bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.

Umso mehr erstaunt es, mit welcher Beharrlichkeit junge und auch ältere Frauen an ihrem Hijab festhalten. Berufswünsche werden zurückgestellt, Beleidigungen in Kauf genommen, viel Aufklärungsarbeit in Gesprächen und durch Vorbild geleistet, um eines klar zu machen: dies ist alleine meine Entscheidung.

 

Ein jedes der Gespräche räumt auf mit der Vorstellung, das Tuch sei ein Zwang, aufgebürdet von Vätern und Brüdern, Onkeln und Cousins, dem ganzen patriarchalen Gefüge.

 

Für die befragten Frauen ist das Tuch ein Bekenntnis zur Religion, das von Herzen kommt, es ist ein Ausdruck ihrer Freiheit, sich sichtbar zum Islam zu bekennen. Wie es, am Rande bemerkt, auch bei katholischen Ordensschwestern üblich ist.

 

Mariyam Kaltai, in Kasachstan lebende Betriebswirtin und Journalistin, sagt:

"Ich habe lange als PR-Beraterin gearbeitet und da gibt es sicherlich auch einige Bereiche oder Events, bei denen man keinen Hijab tragen sollte. Was ich daran aber immer nicht verstehe ist, warum es überall erlaubt ist, sich zu entblößen, sexy Kleidung zu tragen, freie Dekolletés zu zeigen, aber

sich zu bedecken, ist nicht normal. Das ist doch deine Entscheidung. Es gibt verschiedene Arten, sich zu kleiden. ... Wenn halbnackte Frauen eintreten dürfen, warum nicht verschleierte Frauen?"

 

Damit spricht sie ein Grundproblem an, das weltweit und religionsübergreifend gilt: die Betrachtung der Frau als Objekt. Warum sollen sich Frauen in Rollen und Bilder einfügen, die sie nicht selbst gewählt haben? Warum bestimmen andere, wie viel Stoff genau die richtige Menge ist? 

Alleine dieser Gedanke sollte zu mehr Verständnis füreinander und Dialog untereinander führen.

 

Angesprochen werden auch die Themen Nationalität und Heimat (Wo fühlst du dich zugehörig?), die Veränderungen nach dem 11. September 2001, Fragen des Stylings und die Rolle des Internet dabei, die Reaktionen innerhalb der Familie, welche Veränderungen das Tragen des Tuches in der Selbstwahrnehmung auslöst - die Fragen der Interviewer-innen sind nicht starr, sie entwickeln sich aus dem jeweiligen Gespräch, sind bemüht, die persönliche Situation der Frauen in die ihres Wohnortes, ihrer Familienstruktur und auch ihrer beruflichen Tätigkeit einzuordnen.

 

So ergibt sich ein sowohl weites als auch tiefes Bild, ein großes Spektrum an Gedanken und Erkenntnissen.

Besonders aufrüttelnd fand ich die Mails, die Merve Sulemani, eine Biologin, die Mühe hatte, einen Praktikums-platz an einem Gymnasium zu finden, aufgrund einer Absage an eine Lehrperson schrieb.

 

Diese Mails sind ganz persönlich, bieten aber auch eine historische Betrachtung, beleuchten strukturelle Probleme, sind ganz und gar auf einen Wunsch nach Dialog und Anerkennung von Diversität ausgelegt. 

 

"Viele der oben genannten Punkte und Problematiken betreffen uns alle, denn wir sind alle Teil dieser Gesellschaft. Eine auf Augenhöhe basierende, sensibilisierte, den eigenen Blick hinterfragende und konstruktive Auseinandersetzung mit diesen Themen ist daher um so wichtiger. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass Reflexionen über Diskriminierung, Ausgrenzung und gesellschaftliche Machtverhältnisse gerade auch in der Institution Schule stattfinden, mit Berücksichtigung der Perspektiven der Betroffenen."

 

In der Schule, am Arbeitsplatz, in den Familien, den Nachbarschaften, auf Spielplätzen und Stadtfesten, in Wartezimmern und im Zug - es gibt keinen Ort, an dem man nicht miteinander ins Gespräch kommen kann. 

Und keinen, an dem sich nicht auch über eigene Vorurteile und Denkschablonen reflektieren ließe.

 

Erschienen ist der Band im "trotz allem Verlag", der Name ist Programm. Momentan sind zwei weitere Titel lieferbar, ein Geschenkbüchlein für Liebhaber von Sprachspielen und ein Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren, das deutlich macht, wie wichtig es ist, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht auf den Prinzen oder sonst jemanden zu warten. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jessica El Menshawi und Helena de Anta (Hg): Hijab,

Frauen und ihr Tuch

23 Gespräche, geführt von der Herausgeberinnen, 

ergänzt durch ein Vorwort, Abbildungen verschiedener Hijabstile und Fotos der interviewten Frauen

trotz allem Verlag, 2022, 132 Seiten