Joshua Groß - Faunenschnitt

Dieses in Orange eingebundene Buch ist schon durch seine Gestaltung eine Besonderheit: der Text ist in sattem Rot gedruckt, außerdem sind Fotografien der Künstlerin Hannah Gebauer eingefügt, die entdeckt werden wollen.

Und zwar ganz konkret: sie sind in Schmetterlingsbindung gebunden, d.h., man muss ihnen mit dem Messer zu Leibe rücken, um sie sehen zu können. Will man das dem Buch nicht antun, kann man die Fotoseiten auch gegen die Sonne halten, dann sieht man sie zart durchschimmern. Dieses Sich-Eröffnen hat eine andere Qualität, als einfaches Anschauen!

Die in blau-grau-grün-Tönen gehaltenen Fotos bilden farblich ein Gegengewicht zum Druck, inhaltlich geben sie den Hintergrund zur Geschichte.

 

Der Ich-Erzähler Frank erhält einen Anruf von seinem Verleger Bruno, als er gerade in Florenz ist. Bei Bruno ist eingebrochen worden, Frank soll sofort ins Salzkammergut fahren und helfen, den Diebstahl aufzuklären.

Frank, der soeben erst Livorno verlassen hat, wo er eine unangenehme Begegnung mit einer Moräne hatte - sie hatte sich beim Baden in seine Wade verbissen, er schleifte das zwei Meter lange Tier hinter sich her bis zur Promenade, wo eine beherzte junge Frau das Tier köpfte und ihn damit von dieser außergewöhnlichen Last befreite(!).

Kaum von diesem Schrecken erholt, fährt er also an den Grundlsee. Soeben ausgestiegen, bekommt er am Bahnhof einen beigen Hund geschenkt, den Frank auf den Namen Ru tauft, zu Ehren des Schriftstellers Milos Ru Novalsky, dessen Roman "Ein moderner Graf von St. Germain" er schon vierzehn Mal gelesen hat. 

Frank fährt zu Bruno und dessen Partnerin Karmen, einer Psychologin. Später und immer wieder geht Frank am Ufer spazieren, dort lernt er den Bootsverleiher Edward kennen, erlebt den Absturz eines Segelflugzeuges auf dem Wasser (zwei Personen, eine davon ist Karmen, klettern aus dem Flugzeug, es ist also niemandem etwas passiert). Er erhält ein Paket von seinem Freund Alfred, das eine Elefanten-Statue von Dali enthält (diese soll später verkauft werden, denn Alfred verdient sich manchmal etwas Geld dazu).

Eines Nachmittags trifft er im Wald Sofia, die ihm von ihrer Kräuterzigarette anbietet. Das Arung, das hier geraucht wird, ist das bei dem Einbruch entwendete, Sofia bekommt es von Alan geschenkt, der schwer bedröhnt seitdem in einem kleinen Zelt lebt. Frank verliebt sich in Sofia.

Am Ende der Geschichte brechen sie zusammen nach Tschechien auf, nach Most, wo es eine Statue von Edward Kelley gibt, einem Alchimisten, dem die Ohren abgeschnitten wurden, weil er es nicht geschafft hatte, Gold herzustellen. Die beiden wollen nachschauen, ob die Statue Ohren hat oder nicht.

Davor wird aber noch der Bootsverleiher Edward Talbot, Sohn eines englischen Vaters, der am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Gegend lebte, ermordet. In seinem Keller finden Frank und Bruno Druckplatten: könnten das die Platten sein, mit welchen Hitler Pfundnoten herstellen ließ, um durch eine Hyperinflation England zu destabilisieren? Diese Aktion Bernhard gab es wirklich, die Druckplatten wurden im Toplitzsee versenkt, Ende der 50er Jahre hat man einige davon geborgen. Und die Nachbarn hörten jede Nacht Geräusche aus Eddies Keller.

 

Das ist groben Zügen die Handlung des Buches, die so verkürzt wiedergegeben vielleicht etwas absurd klingen mag.

Ich hoffe, dass diese Inhaltsangabe niemanden davon abhalten wird, das Buch zu lesen, denn es bietet viel mehr und ganz anderes als als dieser Plot vermuten lässt.

  

Groß stürzt den Leser in ein Kaleidoskop von Mosaiksteinchen, die wunderlich zusammengesetzt werden.

Jedes Steinchen für sich genommen ist der Realität entlehnt (siehe Inhaltsangabe), aber wie er sie zusammenbaut und zusammenschüttelt, sprengt das, was gemeinhin als Realität empfunden wird. Der Held ist ein junger Mann auf der Suche, raucht gerne betörende Arung-Zigaretten (der Verleger tut kaum etwas anderes), er liebt die schönen Mädchen, er mag den beigen Hund. Er ist manchmal trotzig, manchmal schlitzohrig, vor allem aber ist er ein "Möglichkeiten-zauberer." Diese Bezeichung ist dem Buch "Wie der Soldat das Grammofon repariert" von Sasa Stanisic entlehnt, ich finde, sie passt hier vortrefflich.

 

Hier einige Aussagen Franks, der übrigens Perseus extrem ähnlich sieht:

"Ich baue ein begehbares Kaleidoskop."

(Das bedeutet, er ist Schriftsteller.)

"Eigentlich will ich meine Ängste akzeptieren. Und ich will dabei helfen, die Postmoderne zu überwinden.

Die Postmoderne und den Kapitalismus. Eines bedingt irgendwie das andere. Und ich möchte mutig sein."

"Ich versuche hier etwas anderes. Ich versuche hier, dreiste Zartheit und merkwürdige Zweifel zu vereinen."

 

Frank liebt symbolische Akte, da er erkannt hat, dass auch ein noch so präzise arbeitender Dichter die Wirklichkeit nicht abbilden kann. Dazu ist sie viel zu flüchtig. In einer schönen Szene arrangiert er eine Pad-Kaffeemaschine (Sinnbild hochgradiger kapitalistischer Verschwendung und schlechten Geschmacks) auf Brunos Terrasse. Daneben stellt er den Elefanten Dalis und Ru. Er zündet die Kaffeemaschine an, entfernt den Sichtschutz von der Terrasse und erfreut sich an diesem Anblick.

"Alle sollten sehen, wie Ru und Dalis Elefant vor einer brennenden Kaffeemaschine hockten. Alle sollten sehen, wie die seelenlose Raffgier abfackelte. Ich stieß anhaltendes, hohes Kriegsgeheul aus, bis ich mich selbst ausfüllte.

Dann tanzte ich singend um das Feuer."

 

In dieser Aktion überwindet er Postmoderne und Kapitalismus, wie er es sich vorgenommen hat. Später macht er sich Notizen davon. Karmens Gemüt beruhigt er mit Kaffee aus einer klassischen Espressokanne.

Karmen ist selbst Teil einer Performance geworden, indem sie zu einem Patienten ins Flugzeug stieg, der den Absturz und die Bergung der Maschine geplant hatte. Dass ihre Ablenkungstherapie so endet, hatte sie nicht geahnt, aber was zählt, ist dass sie winkend dem Flugzeug entsteigen konnte. Sofia ist übrigens eine der Studentinnen, die das Flugzeug bergen, was für ein schöner Zufall.

Ohne die Performance wären sich Frank und Sofia, dieses "Sonett aus schwebenden Seifenblasen", nicht begegnet....

 

Dieses kleinen Szenen setzten die Bilder zusammen.

Erst beim zweiten Lesen erschließen sich die vielen inneren Verbindungslinien, Vor- und Zurücksprünge und ich denke, eine dritte oder vierte Lektüre bringt wieder andere unterirdische Linien hervor. Oder wie Groß schreibt:

 

"Ich befand mich 708 Meter über dem Meeresspiegel, unter mir gab es genug Platz für Wasserschlangen."

 

Die "Zarten und Komplexen" tauchen mehrfach auf.

"Im Diffusen konnten sich die Polemiker profilieren, wir alle wurden empfänglich für Verschwörungstheorien, die Paranoia wuchs, und die anderen, die nicht einfältig waren oder geltungssüchtig, die Zarten, die Komplexen, sahen aus wie Feiglinge, weil sie offenbar abhanden kamen." (S.18)

Er denkt über Gößl, die Stadt am Grundlsee, nach:

"Alle wussten alles. Nicht, dass ich diese Ahnung beweisen konnte, aber ohne gegenseitige Überwachung (also Mutlosigkeit und Misstrauen) gibt es keine Heuchelei. Und doch existierte unter Gößl ein finsterer Kern, den niemand kannte. Und weil dieser Kern zwar existieren durfte, aber nicht unerkannt, kamen Einbrüche und Stillschweigen überein, ein saugendes Unbehagen zu erschaffen, das von den Zarten, von den Komplexen deutlich wahrgenommen wurde und sie verunsichern sollte." (S.87)

Später, in seiner Abschiedsnotiz an Bruno schreibt er:

"Es wird erst zu Veränderungen kommen, wenn die Zarten und Komplexen verstehen, dass sie in Wirklichkeit die Mutigen sind." (S.109)

 

Groß'  Roman - zu einem solchen wird er erst, wenn man sich auf kaleidoskopisches Lesen eingelassen hat - kreist um Helden, die zart und komplex sind, wie der Roman selbst. Alle Personen, die ihn bewohnen, wirken wie aus der Zeit gefallen, vom etwa zwei- bis vierjährigen Hund, bis zum sogenannten "Waranendichter", der die Eigenschaft hat, überall gleichzeitig sein zu können.

 

Das Buch ist ein Abenteuer, schnelles Durchlesen auf der Suche nach markanten Stellen bringt keinen Genuss.

Man muss sich den Text ebenso eröffnen wie die Fotos, nicht mit Hilfe eines beherzten Schnittes, sondern mit Hilfe von Veränderungsbereitschaft. 

 

 

"Faunenschnitt" ist übrigens ein Begriff aus der Geologie.

Er bezeichnet ein plötzliches Massenaussterben bestimmter Organismen, die zuvor prägend waren.

Könnte das auf die Geschichte bezogen bedeuten, dass es dann Platz für die Zarten gibt?

 

 

 

 

 

 

 

Joshua Groß: Faunenschnitt

Mit Fotografien von Hannah Gebauer

starfruit publications, 2016, 124 Seiten

 

 

 

 

 

 

Die angefügten Bilder zeigen einige der  12 doppelseitigen Fotografien in japanischer Bindung, sowie den Text in Rot

 

Copyright: Hannah Gebauer