Hier begegnet man Menschen, die in Erinnerung bleiben

 

 

Vera Brittain:

Vermächtnis einer Jugend

Die Autobiographie einer der wichtigsten britischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts umfasst die Jahre 1900-1925. Sie erzählt vom Kampf um Aufnahme am College in Oxford 1914, von ihrer ersten Liebe Roland, der in den Krieg zog und wie viele ihrer Freunde und auch ihr Bruder Edward, nicht zurückkehrte. Die junge Literaturstudentin unterbrach ihr Studium und arbeitete volle vier Jahre als Kranken-schwester in London, auf Malta und in Nordfrankreich,

sie erlebte das Grauen, das der Krieg über Europa gebracht hatte in einer Art, die sie fast zur Verzweiflung trieb. Diese Erlebnisse wurden jedoch zum Ansporn, sich konsequent mit all ihrer Kraft dem Pazifismus und Internationalismus zu widmen. Nach dem verspätet abgeschlossenen Studium unterrichtete Vera Brittain Geschichte, hielt Vorträge, war

als Journalistin tätig, schreib Essays und Romane.

Damit kämpfte sie für den Frieden und für die Rechte der Frau, für die Menschenrechte also.

In ihrem Buch schildert sie ihre persönlichen Erfahrungen, die sie mit den historischen Ereignissen verknüpft und erschafft so ein einzigartiges Zeugnis - zeitgeschichtlich wie literarisch. Und eines der wenigen aus weiblicher Sicht.

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Stefan Zweig: Buchmendel /

Die unsichtbare Sammlung

Zwei Novellen aus Kriegs- und Nachkriegszeiten, als die Welt sich wandelt und zur "neuen Zeit" wird.

Ein Sammler, der nicht weiß, dass er auf leeres Papier schaut und ein Buchhändler mit einem "dämonisch unfehlbaren" Gedächtnis sind die Protagonisten, die von dieser neuen Zeit betrogen werden. 

Die Erzählungen sind nicht nur illustriert, viel eher trifft zu,

dass sie durch die Zeichnungen dramatisiert und in ihrer Tiefenstruktur freigelegt werden. Das wunderschöne Buch, das nebst den Texten und Illustrationen über ein fundiertes Nachwort, ein Werkverzeichnis und den letzten Text

Stefan Zweigs verfügt, ist zudem auf feinstem Papier gedruckt und mit rotem Faden geheftet - das Buch lässt

keine Wünsche offen.

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Ré Soupault: Nur das Geistige zählt

Vom Bauhaus in die Welt. Erinnerungen

Weimar, Berlin, Paris, Tunis, New York, Basel und immer wieder Paris.

Malerin, Filmemacherin, Modedesignerin und Unternehmerin, Fotografin, Schrift-stellerin und Übersetzerin.

Ré Soupault, 1901-1996,  lebte an vielen Orten, kannte die wichtigsten Avantgarde-Künstler des Jahrhunderts, übte diverse Tätigkeiten aus, begann immer wieder von Neuem - und hörte nie auf, genau zu beobachten. Ihr Blick ist präzise und aufmerksam, geprägt von Menschlichkeit und der Achtung vor dem anderen. Ihre Erinnerungen geben einen unvergleichlichen Einblick in die Welt des 20. Jahrhunderts.

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Charlotte Perkins Gilman:

Die gelbe Tapete

Eine junge Frau soll sich auf Wunsch ihres Mannes nach der Geburt des ersten Kindes in einem abgelegenen Haus erholen. "Ruhekur" nennt sich

die Behandlung, die jede körperliche oder geistige Betätigung verbietet.

Sie wird in einem ramponierten ehemaligen Kinderzimmer im obersten Stock einquartiert, die Fenster sind vergittert, die Tapete ist unglaublich hässlich. Diese Tapete und die Erforschung ihres Musters wird jedoch zur einzigen Beschäftigung der Ich-Erzählerin, die langsam dem Wahnsinn verfällt. Die Schauergeschichte, die an die Erzählungen E.A. Poes erinnert, ist zugleich ein flammendes Plädoyer für die Rechte der Frau. Für das Recht auf Phantasie, geistige Tätigkeit und Selbstbestimmung.

Ein Schlüsseltext der amerikanischen Literatur.

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Robert Scheer: Der Duft des Sussita

Mit Witz und scharfem Blick beschreibt Robert Scheer das komplizierte und vielschichtige Leben in Israel.  Zwischen politischer Theorie, gesellschaftlicher Utopie und dem täglichen Leben mit all seinen Verrückheiten, zwischen Theodor Herzl und dem Schweinefleischliebhaber Onkel Sauberger, zwischen Weinen und Lachen pendeln die zwölf Erzählungen, die alle miteinander verbunden sind. Alle schildern mit unvergleichlich warmem Humor die Widersprüchlichkeit und Vielfalt des Lebens in einer geographischen Region, in der es ganz anders zugeht als in Europa.

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Helen Simpson: Nächste Station

Simpsons Protagonisten sind um die Fünfzig, angekommen im "Gleitsicht-brillenalter". Der Blick wandert in die Vergangenheit, Kuchen backen kann eine hoch emotionale Angelegenheit werden, die Kaskaden an Erinnerungen auslöst. Die ersten Zipperlein machen sich breit, nächtliche Unruhe, täglicher Umgang mit dem nicht mehr zufrieden stellenden Blick in den Spiegel. Was ist und was kommt jetzt noch? In neun Erzählungen spürt die Autorin diesen Fragen nach, weder weh-noch schwermütig, sondern mit klarem Blick, mit Witz und Ironie, mit Empathie und großem Geschick, persönliches Empfinden mit den Anforderungen der Welt zu verknüpfen.

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Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Das Haus der Richardsons brennt ab. 

Und alle sind sich sicher: das war Izzy, die jüngste, und von allen für verrückt gehaltene, fünfzehnjährige Tochter.

Die nach außen hin perfekte Familie wird anderen Formen von Familie und Zusammenleben gegenübergestellt:

der allein erziehenden Mia und ihrer Tochter Pearl, den Adoptiveltern McCollough, der jungen Bebe, die ihre Tochter weggegeben hatte, einem Ehepaar, das beide Kinder verloren hat - die Frage, was macht Familie aus: Biologie oder Liebe? ist eine Frage, die der Roman durchspielt. Dahinter stehen Überlegungen zur Planbarkeit des Lebens, zur Ordnung als solche, zu den erloschenen Funken in eingezwängten Herzen, zu Toleranz und Offenheit, zur Sprengkraft der Kunst und Menschlichkeit. "Manchmal muss man ganz von vorne anfangen. Manchmal muss man alles abbrennen..." Celeste Ng entwickelt sehr plastisch und überzeugend unterschiedlichste Charaktere und legt verschiedene Spuren, die zeigen, wie vielen Gefahren ein Leben ausgesetzt ist.

Wie wenig "Gelingen" geplant werden kann...

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Wilson Collison:

Tod in Connecticut

Nolya ist intelligent, schön, Millionenerbin. Sie steht im Ruf, ein "Flittchen" zu sein, dabei legt

sie hohe ethische Maßstäbe an sich selbst an. Die Freiheiten, die sie sich nimmt, kollidieren jedoch mit den Vorstellungen der New Yorker Gesellschaft am Anfang der 1920er-Jahre. Aber sie ist nicht bereit, wie eine Marionette

an Fäden gezogen zu werden. Im ersten Teil des Romans

sind Liebe, Leidenschaft, Gesellschaft, Konventionen und Freiheit die Themen, im zweiten Teil erhält der Roman eine unerwartete Erweiterung. Plötzlich stehen Recht und Gerechtigkeit, Manipulationen und Ausnutzung persönlicher Macht und gesellschaftlicher Stellung im Fokus.

Diese werden nicht theoretisch abgehandelt, sondern sind eingebettet in die abgründige Geschichte Nolyas und ihrer Suche nach Liebe.

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Lewis Grassic Gibbon:

Lied vom Abendrot

Dieser großartige Roman spielt zwischen 1912 und 1919 und erzählt

das Leben der Chris Guthrie bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Jahr.

Mit dem Ersten Weltkrieg verändert sich auch das kleine Dorf Kinraddie im Nordosten Schottlands, der Heimat von Chris. In einer ganz eigenen Sprache, deren Tonfall und Rhythmus den Text tragen und die kongenial ins Deutsche übersetzt wurde, berichtet er von den zwei Chris´: der einen, die lernen und selbst Lehrerin werden möchte, und der anderen, die sehr am Land und dem Leben auf dem Bauernhof hängt. Der Roman erzählt von Chris und der Gesellschaft, in der sie lebt und davon, wie sich diese wandelt und eine Epoche unwiederbringlich zu Ende geht. Dieses "Lieblingsbuch der Schotten" ist ein in jeder Hinsicht unkonventioneller Roman, der lokal verankert, aber kein bisschen provinziell ist.

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Edith Wharton: Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart

Lily Bart, eine unvergleichlich schöne und anmutige Frau um die dreißig, sucht Anschluss an die beste Gesellschaft. Sprich: sie sucht einen Ehemann, der ihr Bedürfnis nach Luxus befriedigen kann, denn die Erfahrung plötzlichen Verarmens nach der Pleite ihres Vaters hat sie um so empfänglicher gemacht für alles Schöne. Sie ist Teil der glamourösen Welt, bis sie durch eine Intrige von ihren sogenannten Freunden fallen gelassen wird. Sie wird zu einer tragischen Heldin, zu langsam löst sie sich von ihrer bisherigen Vorstellung vom Leben, zu wenig traut sie ihren eigenen Gefühlen. Whartons Roman ist Entwicklungs- und Gesellschaftsroman, Liebesgeschichte, Charakterstudie, Porträt und Sittengemälde - glänzend geschrieben, psychologisch fein gezeichnet, unterhaltsam und spannend. Er ist ein Juwel und kein bisschen angestaubt.

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Rita Indiana: Tentakel

Acilde hat zwei Ziele: Chefkoch und ein Mann werden. Argenis möchte als Künstler reüssieren. Giorgio Menicucci möchte seiner Frau Linda helfen,

das Meer zu retten. Sie leben in der Dominikanischen Republik der Zukunft, doch der Roman hat seine Wurzeln im 17. Jahrhundert.

Er ist ein bunt zusammengesetztes Puzzle mit Teilen aus Religion, Umweltzerstörung, Geschichte der Karibik, Identitäts- und Genderfragen, bildender Kunst und Musik. Die Realität wird ständig durchkreuzt von der Vergangenheit, in Wahrheit sind diese gar nicht zu trennen. Wie die Kunst, die in der Lage ist,

Raum und Zeit hinter sich zu lassen und Entferntestes zu überbrücken, kreuzen sich in diesem Roman die Wege multibler Ichs. Was die Beantwortung der Frage: Wer ist ich? nicht gerade erleichtert, dem Leser aber eine sehr vielfältige und kompromisslos moderne Geschichte beschert, die frei und unverblümt mischt, schichtet, verflüssigt und vor nichts zurückschreckt.

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Alasdair Campbell: Der Junge aus Ness

Colin Murray wächst in den 1950er und 60er- Jahren auf den Äußeren Hebriden auf. Die karge Landschaft, Arbeit und Armut bestimmen das Leben der Menschen. Aber auch das weit verzweigte Verwandtschaftsgeflecht,

die Geschichten und Lieder, die den Menschen ihre Identität geben. Als Colin das Dorf Ness verlässt, um die Schule in Stornoway und später die Universität in Aberdeen zu besuchen, verlässt er nicht nur die Insel, sondern die Gemeinschaft, die ihm Wurzeln gab. Er gerät in eine Abwärtsspirale, es bleibt am Ende offen, ob Colin sich aus dieser befreien konnte. Alasdair Campbell, ebenfalls von der Insel Lewis, zeichnet ein genaues Gemälde des Lebens am Rand Europas. Die Stimme eines Erzählers, der auf das Geschehen blickt, wird abgelöst durch den Ich-Erzähler,

der in Briefen sein Leben erzählt. Damit verwebt er sehr geschickt Vorder- und Hintergrund sowie das Individuum mit der Gemeinschaft. Sein Held Colin führt in seinen Briefen die Tradition des Geschichtenerzählens fort, das ist eine letzte Bindung an seine Heimat.

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Bianca Bellová: Am See

Diese wuchtige Coming-of-Age-Geschichte erzählt das Schicksal Namis, der weder seine Mutter noch seinen Vater kennt. Nach dem Tod der Großmutter verlässt er als Dreizehn-jähriger das Dorf am See und geht in

die Hauptstadt. Auf der Suche nach der Mutter und einem besseren Leben.

Sein Schicksal ist extrem hart, Bellová erzählt es bildstark, direkt und in einer glasklaren Sprache. Sie knüpft an den existenzialistischen Gedanken des Geworfen-Seins an - das Leben verlangt Nami alles ab. Bellová erzählt dieses "alles" beeindruckend gut.

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Céline Minard: Das große Spiel

Eine Frau kauft sich ein 20 Hektar großes Gebiet in den Bergen. Dort lässt sie eine "Lebensröhre" bauen, in der sie völlig autark ist. Sie will herausfinden, ob man "im Abseits" leben kann.

Sie ist den Elementarkräften der Berge ausgesetzt, genauso all dem, was die Einsamkeit freisetzt. Doch zu einem Spiel - und das ist das Leben für sie - gehören zwei, man kann nicht mit sich selbst spielen,

sich nicht selbst überraschen. Sie scheint auch wirklich

nicht ganz alleine zu sein. Ob das Wesen, das dort in den Bergen haust, eine Geburt ihrer Phantasie ist oder jener Spielpartner, mag der Leser entscheiden.

Auch er muss sich einlassen auf dieses Spiel, das schließlich in die Leere zwischen zwei Berggipfel gespannt wird.

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Volker Kaminski: Rot wie Schnee

Der Maler Tom Lautenschläger malt nach einer zweijährigen Schaffenskrise ein überwältigendes Bild, den "Jungen im Schnee." Dieses Bild symbolisiert die Schrecken der Flucht. Es ist der Auftakt zu einer Grauen Serie, die die Nach-kriegszeit ins Bild setzt. Diese Zeit mit ihren Aggressionen und ihrem Druck lastete auf der Seele des Malers, wie der Krieg selbst auf seinem Vater.  Dieser sucht den Maler in seinen Träumen heim, sie verstehen sich in diesen Träumen so wenig wie in der Realität. Nach vielen weiteren Bildern, in denen Tom die Themen Krieg/Flucht, Familie und Heimat  bearbeitet, schließt sich für Tom mit der Darstellung eines alten Mannes der Kreis. Er kann seine eigenen Erinnerungen von den "geerbten" lösen und erst damit endet für ihn die Nachkriegs-zeit. Der vielschichtige psychologische Roman ist auch eine Auseinandersetzung mit der Kunst als Forschung und Arbeit. In leichter und flüssiger Sprache lässt Kaminski den Leser einem Künstler bei der Arbeit zuschauen, dabei gibt er dem Menschen und den Bildern Raum und Stimme.

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Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

Rick Martin ist mit vierundzwanzig Jahren auf dem Höhepunkt seines Ruhms angekommen: er ist der beste Jazz-Trompeter der Welt. Begonnen hat er als Pianist in Los Angeles, doch sein Instrument ist die Trompete, die

er in diversen New Yorker Orchestern spielt. Und vor allem nach der Arbeit im Orchester, wenn für ihn die wirkliche Art, Musik zu machen beginnt. Frei, ohne Rücksicht auf das Publikum,

mit Musikern, die auf die gleiche besessene Art spielen.

In seinem Leben gibt es nichts, das längere Zeit Bedeutung hätte - außer der Freundschaft zu Smoke und wenigen anderen schwarzen Musikern, mit denen der weiße Rick zusammenspielt. Sein Talent verschlingt schließlich sein Leben. Er trinkt immer mehr - was sein Spiel nicht beeinträchtigt - sein Leben aber mit nicht einmal dreißig Jahren beendet. Bakers Roman ist phantastisch komponiert: um das Grundthema herum führt sie so viele Gedanken aus, dass eine komplexe Melodie, ein unverwechselbarer Sound, ein variantenreicher Rhythmus entsteht, der dem Sog des Jazz in keiner Weise nachsteht.

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Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

Das Universalgenie Humboldt prägte unsere heutige Vorstellung von der Natur wie kein Zweiter. Er konnte beweisen, dass die Natur ein großes Geflecht ist, in dem alles mit allem zusammen hängt. Sehr früh erkannte er auch, dass dieses System ein verletzliches ist: jeder Eingriff des Menschen hat Folgen. Ausgedehnte Forschungsreisen, Kontakte zu Wissenschaftlern auf der ganzen Welt, nicht endende Wissbegier, Mut, Phantasie und Einfühlungs-vermögen waren seine Methoden der Weltaneignung. 

Andrea Wulf untersucht die Quellen, aus denen Humboldt sich speist. Sie zeichnet seine Entwicklung als Wissen-schaftler und als Mensch auf, sie stellt seine Erkenntnisse vor, und berichtet von den Einflüssen, die er auf nach-folgende Wissenschaftler(generationen) und auf die Weltsicht jedes Einzelnen hat. Sie zeichnet das Bild eines einzigartigen und faszinierenden Mannes, der nicht hoch genug geschätzt werden kann. Mit ihrem Buch, das so viele Facetten in sich vereinigt, gelingt ihr ein ganz großer Wurf, zumal sie sich nicht in all den Einzelheiten verliert, sondern stets das große Ganze im Auge hat und sehr anschaulich und gut erzählen kann.

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Arthur Miller (Text) & Franziska Neubert (Illustrationen): Fokus

Das Leben Lawrence Newmans,

eines Mannes von knapp fünfzig Jahren, verändert sich schlagartig als dieser eine Brille bekommt. Plötzlich sieht er aus wie ein Jude, d.h. plötzlich gehört er nicht mehr dazu. Er verliert seine Arbeit, sein Ansehen, ist Anfeindungen ausgesetzt, schließlich gewalttätigen Übergriffen. Im Lauf der Zeit verschafft ihm die Brille jedoch einen genaueren Blick auf die Realität, als er ihn jemals hatte. Dieser setzt einen Entwicklungsprozess in Gang, der ihn erkennen lässt, dass es nicht wichtig sein sollte, zu "welcher Rasse ein Mensch gehörte." Der 1945 erschienene und im letzten Kriegsjahr in New York spielende Roman bricht mit einem Tabu: er thematisiert den Antisemitismus in Amerika und er ist heute noch immer oder wieder von erschreckender Aktualität. Daneben ist er ein glänzendes literarisches Werk, das mit einer dichten Struktur sehr tief in die Seele eines Individuums und die einer Gesellschaft hineinführt.

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Frans Eemil Sillanpää: Jung entschlafen

Nachdem Kustaa seinen ererbten Hof verkaufen musste und seine Frau kurz darauf stirbt, bleibt er alleine mit seiner Tochter Silja zurück. Silja ist gerade sechzehn, da stirbt auch Kustaa, Silja ist nun auf sich selbst gestellt und verdingt sich als Magd auf verschiedenen Höfen. Nur ein Jahr, nachdem sie eine erschütternde erste Liebe und Trennung erlebt hat, stirbt Silja, nur zweiundzwanzig ist sie geworden. Soweit der Plot. Der finnische Nobelpreisträger Sillanpää (1888-1964) beschreibt die Natur - die sichtbare äußere und die von ihm sichtbar gemachte innere - so präzise, fein und warmherzig, er zeichnet von allem und allen so lichte Bilder, dass der Leser sofort Zugang zu und Sympathie für diese vergangene Welt findet und empfindet. Die Einsamkeit und Traurigkeit, aber auch die Freude und Zufriedenheit mit Wenigem, das unbewusste Wissen um das Werden und Vergehen in der Natur und im Leben ist diesen einfachen Menschen eigen. Dies bewahrt sie davor, mit dem Schicksal zu hadern. Dem Leser bescheren sie einen tiefen Blick in eine zugleich nahe und ferne Zeit. 

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Anne Cuneo:

Der Eiskönig aus dem Bleniotal

Carlo Gatti verlässt als Zwölfjähriger sein Dorf im Tessin. Achtzehn Jahre wird er in Paris leben, wo er Maroni und Waffeln verkauft, dann zieht er weiter nach London, wo er das gesellschaftliche Leben erneuert. Womit? Mit einer ganz neuen Kaffeehauskultur.

Er richtet Cafés ein, denen nichts Anrüchiges anhaftet, die gute Speisen und vor allem Eiscreme anbieten.

Dieses Eis wird zur Grundlage seiner Geschäfte, die sich

bald auf Restaurants, Music Halls und Theater ausdehnen.

Außerdem importiert Gatti Eis aus Norwegen und verkauft dies an Lebensmittelhändler. Zum Speiseeis gesellt sich

das Rohprodukt, das ihn dann richtig reich macht. 

So geschäftstüchtig er ist, sein Herz ist aus Gold: schon

als er noch nichts als Schulden hat, setzt er sich für die Schwächsten ein. Unter anderem für Nick, einen Sechs-jährigen, den er auf der Straße aufliest und in die Familie aufnimmt. Dieser schmächtige Junge entwickelt sich zu einem gefragten Ingenieur, der auch die Lebensgeschichte seines Ziehvaters aufschreibt. In Form einer Doppel-biographie und vor sehr präzise gezeichnetem Hintergrund der Zeitgeschichte. Der Leser begegnet in diesem Roman

dem London des 19. Jahrhunderts, das den Geist Charles Dickens atmet. 

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Jonas T. Bengtsson: Kugelfisch

Sus, ein neunzehnjähriges Vorstadtkind, erlegt sich selbst Tests auf, mit denen sie sich abhärten will. Sie hat etwas Wichtiges vor, was, erfährt der Leser erst ganz am Ende. Klar ist, dass sie ihre Willensstärke trainieren will und aufhören, über gut oder böse, richtig oder falsch, nachzudenken. 

Sie lebt vollkommen alleine, klaut, dealt, kifft. Sie ist Teil der untersten Gesellschaftsschicht und hat in dieser knallharten Welt absolut keine Geborgenheit erfahren, sie weiß nicht, was eine Familie, ein Zuhause sein kann. Bengtsson schaut ganz schonungslos in diese Welt, und zeigt, was eine solche Umgebung aus Menschen macht.

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Charlotte Perkins Gilman:

Diantha oder der Wert der Hausarbeit

Um nicht ewig mit der Hochzeit warten zu müssen, beschließt die 21-jährige Diantha Geld zu verdienen. Sehr zum Entsetzen ihres Verlobten und auch ihrer Familie. Doch sie lässt sich nicht von ihren Plänen abbringen und erarbeitet sich in relativ kurzer Zeit wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Sie gründet ein Unternehmen für Dienstleistungen im Haushalt. Damit befreit sie die bürgerlichen Frauen von

der Führung eines Haushaltes und  macht aus rechtlosen Dienstmädchen selbstbewusste Angestellte.

Die konkrete Utopie beschreibt ein Geschäftsmodell,

das zugleich ein Sozialmodell ist, das funktioniert und die Gesellschaft verändert, zum Wohle aller, nicht nur der Frauen. Der 1910 erschienene Roman der Frauenrechtlerin Perkins Gilman zeichnet auf, wie ein Frauenleben aussehen kann, das nicht mehr unter männlicher Vorherrschaft steht.

Diantha gelingt es, ihre Träume umzusetzen und macht anderen Frauen Mut, ihr zu folgen.

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Daniel de Roulet:

Zehn unbekümmerte Anarchistinnen

Im Jahr 1873 verlassen zehn junge Frauen ihr Tal im Schweizer Jura,

um sich in Südamerika ein neues Leben aufzubauen. Eines in Freiheit, denn sie sind Anarchistinnen. Ohne Männer, aber mit einigen Kindern, kommen sie nach monatelanger Überfahrt an, Punta Arenas kann die Erwartungen nicht erfüllen. Sie ziehen weiter, schließen sich einem anarchistischen Experiment auf einer kleinen Insel an. Auch diese ist nicht die Endstation.

Es geht weiter nach Argentinien, wo sich die Verbliebenen radikalisieren. Mittlerweile sind sie nur noch zu viert,

was nicht an Streitereien in der Gruppe lag. Wichtig die Erkenntnis am Ende: "Was zählt, ist nicht, die anarchistische Utopie zu verwirklichen, sondern Anarchistin zu sein."

De Roulet hat einen beachtlichen Roman, der auf Tatsachen beruht, geschrieben, der Schwierigkeiten nicht verschweigt, aber niemals der Verzweiflung das Heft in die Hand gibt.

Das behalten die unbekümmerten Anarchistinnen! 

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Vicente Valero: Die Fremden

Vicente Valero spürt vier "fremden Verwandten" seiner Familie nach.

Es sind Männer, die früh weggingen und niemals wieder ganz nach Hause zurückkehrten. Weil sie, wie Ramon Chico, nicht aus dem Exil zurück kommen konnten, oder, wie Carlos Cevera, auch nach Jahrzehnten nicht in die Inselgesellschaft passten. 

Aus "Schatten" und "Erinnerungslandschaften" setzt Valero mit großer poetischer Kraft und viel Vorstellungsvermögen ein Bild seiner Familie zusammen, das sehr bewegend die einzelnen Personen, wie auch die Zeitläufe, aufzeichnet.

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Émilie de Turckheim: Popcorn Melody

Tom hat Literatur studiert, doch nun betreibt er einen kleinen Supermarkt.

Er verkauft nur das Allernötigste, nimmt nebenbei aber auch noch auf dem alten Barbierstuhl seines Vaters die Sorgen der Dorfbewohner ab. Er schreibt Haikus in Telefonbücher und versucht in der Steinwüste irgendwo in der amerikanischen Provinz zu überleben. Das wird noch schwieriger, als direkt gegenüber ein großer Supermarkt eröffnet. Der Besitzer: Buffalo Rocks, eine Popcorn Fabrik und der einzige große Arbeitgeber weit und breit. Ausgestattet mit unglaublichem Humor und voller Selbstironie meistert Tom sein Leben. Doch es geht in diesem mit vielen schrägen Charakteren bevölkerten Roman nicht nur um Tom, es geht auch um Recht, Gerechtigkeit, Würde, Freundschaft und die Liebe.

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Peter Wawerzinek: Ich-Dylan-Ich

Der Schreiberling Wawerzinek (so nennt er sich) reist auf den Spuren des Dichters Dylan Thomas durch Wales. Vierzehn war er, als er die Gedichte Thomas zum ersten Mal im Radio hörte, gelesen vom Dichter selbst. Sofort verfiel er dieser Stimme, die nie mehr aufhören sollte, ihn zu begleiten. Das Buch ist die Beschreibung einer Suche: nach dem Dichter Thomas, dem Land Wales mit seiner Weite und den engen Ortschaften, nach der Dichtung an sich und über die Suche nach sich selbst. Peter Wawerzinek reflektiert sein eigenes Leben und Schreiben im Leben des walisischen "Dichterkönigs" - er hat aber keine distanzlose Lobpreisung verfasst, sondern einen durchweg an vielen Stellen gebrochenen Text. Und dies in dem Rhythmus, den er in sich trägt, seit er in Wales war. Das ist ein fließender, ruhiger, überzeugender.

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Nina Jäckle: Stillhalten

Otto Dix porträtiert 1933 die 21-jährige Tänzerin Tamara Danischewski.

Diese ist Schülerin von Mary Wigman, abends tanzt sie im Kabarett, um für sich und ihre Mutter den Lebensunterhalt zu verdienen. Nur drei Jahre, nachdem sie Dix Modell stand, heiratet sie, nicht zuletzt auf Drängen der Mutter, einen reichen Mann. Die Sicherheit hat ihren Preis: er verbietet

ihr das Tanzen. Tamara gehorcht und hält still.

Der Roman, der sich frei an das Leben der Tänzerin hält, besteht aus den Gedanken der Zurückblickenden.

Sie ist die personifizierte Einsamkeit, die in freiem Fluss der Erinnerungen ihr Leben Revue passieren lässt.

Ein Leben, das die Möglichkeit zur Freiheit verschenkte. 

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Hanns-Josef Ortheil: Faustinas Küsse

Als "Filippo Miller, Maler" trägt

Goethe sich in die Liste der Behörden ein, als er 1786 die Stadt Rom betritt.

Er will unerkannt bleiben. Doch der junge Giovanni Beri heftet sich an

seine Fersen, er ist ein Spion im Dienste Seiner Heiligkeit. Er wird zu Goethes Schatten, verfolgt ihn auf Schritt und Tritt und macht sich zur Aufgabe, diesem grüblerischen und zu viel redenden Nordmenschen römische Lebensart beizubringen. Das heißt nichts anderes, als ihn dem Leben zurückzugeben. Denn dass Goethe an einer schweren Krankheit leidet bemerkt Beri sehr schnell. Womöglich an unerwiderter Liebe? Die kann nur durch die Liebe einer echten Römerin geheilt werden. Die Geschichte entwickelt sich nicht ganz so, wie Beri es sich vorgestellt hat, aber eines ist sicher: die Wiedergeburt des Dichters findet nicht durch die Begegnung mit der Antike statt. Der Leser sieht den "Fremden" durch die Augen des jungen Mannes,

der einen unverstellten Blick hat und es liebt zu fabulieren.

Er ist ein wunderbarer Einfall des Dichters Ortheil, der ein federleichtes Buch voller Ironie und Überraschungen geschrieben hat, das bezaubert durch die Seelen-verwandtschaft zweier Menschen, die eigentlich getrennt durch Standesgrenzen nichts miteinander zu tun haben dürften. Dabei sind sie durch Literatur und Leben

aufs Engste verbunden. 

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Fiona Kidman: Jean Batten, Pilotin

Jean Batten war die "Garbo der Lüfte": eine sehr attraktive junge Frau, die in den 1930er Jahren diverse Flugrekorde aufstellte, die z.T. jahrzehntelang Gültigkeit hatten. Sie wurde in Neuseeland geboren, nach der Trennung ihrer Eltern lebte sie - stets zusammen mit der Mutter Nellie - in sehr bescheidenen Verhältnissen.

Nur ein eiserner Wille und unglaubliche Kraftanstrengungen ermöglichten ihr die Erfolge, die sie in den Himmel der Stars katapultierte. Für einige Zeit. Dann war sie nur noch in Fliegerkreisen bekannt, lebte auf Jamaika, Teneriffa, immer wieder in England, eine Rückkehr nach Neuseeland verlief eher ernüchternd - ihr unruhiger Geist trieb sie durch die Welt. Sie hatte nie eine eigene Familie gegründet, bis zum Tod Nellis mit fast neunzig Jahren war die Mutter ihr Anker. Auch dieses Verhältnis war nicht ganz unproblematisch, doch eines ist gewiss: Nellie glaubte immer an ihre Tochter und verbarg alle Ängste, die mit den Rekordflügen ihrer Tochter verbunden waren. Ein ungewöhnliches Leben, voller Abenteuer und auch großer Einsamkeit - Fiona Kidman hat das alles in ihrem Roman sehr anschaulich und mit großer Sympathie für ihre Heldin beschrieben.

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Elena Ferrante:

Die Geschichte eines neuen Namens

Aus Lila Cerullo wurde Lila Carracci, Ehefrau und Eigentum von Stefano Carracci. Lila hätte sich beugen und fügen müssen, doch das ist nicht ihr Naturell. Diverse Male fängt sie neu an, krempelt ihr Leben um, nimmt sich Freiheiten, die ihr nicht zustehen. Und bezahlt teuer dafür.

Elena ist sehr erfolgreich: sie verlässt die Welt des Rione,

legt ein Examen mit Auszeichnung ab, verlobt sich mit einem Akademiker. Sie könnte stolz sein, doch die Zweifel sitzen tief und nagen an ihrer Seele. Die Dualität und Rivalität der Lebensentwürfe der beiden Mädchen spiegeln die gesellschaftlichen Umstände der 1960er Jahre und sie leuchten tief in die Köpfe und Herzen zweier junger Frauen, die beide ausbrechen möchten, auf ganz unterschiedliche Arten. Und die beide ein großes Bedürfnis haben, ihre Geschichten und Gedanken nieder zu schreiben.

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John Clare: Reise aus Essex

Clare gehört in England zu den großen Naturdichtern der Romantik.

In Deutschland ist er weitgehend unbekannt, nun liegt endlich ein Band mit autobiographischen Schriften vor, die es ermöglichen, den Dichter zu entdecken. Detailliert und mit dem Anspruch der Wahrhaftigkeit beschreibt Clare in diesen Fragmenten seine Entwicklung von Kindesbeinen an bis zum Mannesalter und sich einstellendem Erfolg als Dichter. Herzstück des Buches ist der Bericht über einen viertägigen Gewaltmarsch nach der Flucht aus einer psychiatrischen Anstalt, in die er mit achtundvierzig Jahren eingewiesen worden war. An Körper und Seele völlig zerschunden kommt er zu Hause an, sein Text beschreibt eindrücklich seine Verzweiflung. Er kommt nicht wieder auf die Beine und verbringt die letzten dreiundzwanzig Jahre seines Lebens in der Psychiatrie. Doch die Gedichte und Essays, die er zuvor schrieb, sind einzigartig und machen ihn zu einem großartigen Chronisten des englischen Landlebens.

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Ernst Jandl - Ian Hamilton Finlay:

not / a concrete pot - Briefwechsel

Der hier erstmals publizierte Briefwechsel gibt Einblick in die Werkstatt zweier Dichter, beide Vertreter der Konkreten Poesie.

Sie tauschen sich sehr vertraut über Persönliches, die Schwierigkeiten des Veröffentlichens und Verlegens, die gesundheitlichen und finanziellen Malaisen aus - und über Fragen der Poesie. Was kann Konkrete Poesie, woran bemisst sich der ästhetische Wert eines Kunstwerkes? 

Beide suchen und ringen, mit sich selbst, der Poesie, dem Leben. Der Briefwechsel ist "Zeuge eines poetologischen und poetischen Gesprächs", dargelegt in einem sehr schön gestalteten Buch mit vielen Abbildungen.

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Johannes Bobrowski: Mäusefest

Zweiundzwanzig Erzählungen aus den Jahren 1962 bzw 1965, die auf die Zeit vor und während des Krieges zurückblicken. Die Personen in den Geschichten ahnen, was auf sie zukommt, der Leser weiß es.

Bobrowski erzählt von Menschen und Landschaften (dem Ostpreußen seiner Kindheit), von Bedrohung, Verlust und Verwüstung. Und dies in einer außergewöhnlichen Sprache, die präzise, bilderreich, poetisch und auch witzig ist.

Tief- und hintergründig sind die auf den ersten Blick so ruhigen Texte, in ihnen herrscht eine großartige Weite -

auch wenn sie in kleinen Dörfern und kleinsten Hütten angesiedelt sind.

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Octave Mirbeau:

Diese verdammte Hand

Georges, von seiner Familie als "Schwachkopf" bezeichnet, erkennt in der Begegnung mir Lucien, einem Maler, der unverkennbar die Züge van Goghs trägt, dass auch er ein Künstler ist. Er schreibt. Und er begleitet Lucien nicht nur, er ist ein Spiegel des Freundes, der dessen Leben und Leiden mit und an der Kunst aufzeichnet. Der Journalist, Kritiker, Romanautor und Anarchist Mirbeau geht hart ins Gericht mit der Gesellschaft, die jede Individualität unterdrückt.

Und er beschreibt die Qualen eines Künstlers, der, in seinen Augen, vergeblich versucht, sein Inneres in Farbe zu fassen. Formal ist der Roman ein wegweisender des ausgehenden

19. Jahrhunderts, denn er bricht mit der Erzähltradition des Naturalismus. Gedanklich nimmt er den Existenzialismus vorweg.

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Lynne Sharon Schwartz:

Alles bleibt in der Familie

Eine Großfamilie in New York, die vor Augen führt, wie moderne Vielfalt Platz finden kann in der altmodischen Struktur "Familie". Dass diese Familie funktioniert (mit viel und auch ungewöhnlichem Patchwork), ist vor allem Bea zu verdanken, die mit ihrem großen Herzen dafür sorgt, dass alle aufgenommen werden und ihren Platz an der Tafel finden. Sie ist jetzt fünfzig, erzählt werden die zehn Jahre zuvor,

mit all den Umbrüchen und Veränderungen, mit ihren Suchbewegungen, Kreisen und Mäandern der einzelnen Familienmitglieder (und das sind wirklich viele).

Diese Familiengeschichte ist ein Plädoyer für die Vielfalt,  

die Großzügigkeit, das Miteinander. Und witzig ist sie dazu, scharf beobachtet und feinsinnig geschildert.

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Paolo Rumiz: Der Leuchtturm

Der Reiseschriftsteller Rumiz verbringt

drei Wochen auf einer winzigen Insel im Mittelmeer. Er wohnt im dortigen Leuchtturm und erlebt die Kräfte der

Natur hautnah, geistreinigend und

seelenverändernd. Er reflektiert über die mediterrane Kultur, das einstmals Verbindende des Mittelmeeres, die Lingua franca, die von Gier bestimmte Politik des modernen Menschen. Er lernt, wie wenig der Mensch zum Leben braucht und wie viel er sich nimmt.

Er lernt die verschiedenen Winde kennen, er spürt die Seele der kargen Insel, er begegnet abseits der Ablenkungen des "normalen" Lebens seinem eigenen Ich - ohne darüber das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

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Stephan Lohse: Ein fauler Gott

Der elfjährige Ben verliert seinen kleinen Bruder. Zurück bleiben er und die verzweifelte Mutter, der Vater lebt mit seiner zweiten Frau weit weg.

Während Ruth, die Mutter, gegen eine sich immer mehr verhärtende Leere ankämpft, schafft Ben den Weg heraus aus der alles bestimmenden Trauer. Seine Naivität und Neugier aufs Leben gewinnen die Oberhand. Der Roman spielt Anfang

der 1970er Jahre und fängt die Atmosphäre dieser Zeit wunderbar ein. Und wirklich beeindruckend ist, wie nah der Autor dem Leser Ben und seine Mutter bringt, ohne ihnen

zu nahe zu treten. Mit feiner Beobachtungsgabe beschreibt er ihre Mühen und auch die Hilfen, die sie erfahren, die Umgebung, in der sie sich bewegen und wie die Lust am Spiel Leben retten kann.

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Bov Bjerg: Auerhaus

Eine SchülerWG Mitte der 80er Jahre in einem Dorf am Fuß der Schwäbischen Alb: hier spielt der Roman, der unglaublich gut die Atmosphäre, die Stimmung der Zeit und ihre spezifische Sprache einfängt.

Die sechs Jugendlichen, die dort zusammen wohnen, probieren das richtige Leben aus. Es bedeutet viel Improvisation, diverse Partys und sehr viel reden. Es liest sich leicht und oft lustig, dieses Buch, doch es hat einen ernsten Untergrund: die jungen Menschen sind hier, weil Frieder versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Sie wollen aufpassen, dass es ihm nicht bei einem zweiten Versuch gelingt - und sie möchten ihm einen Grund aufzeigen, warum es sich lohnt, zu leben. Doch dafür muss jeder für sich diesen erstmal finden.

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David Garnett: Mann im Zoo

Nach einem Streit mit seiner Freundin Josephine im Londoner Zoo, bei dem sie ihm vorwirft, selbst hierher zu gehören, bittet John um Aufnahme und zieht tatsächlich als Exponat ins Affenhaus ein. Er wird zur Sensation, die Massen strömen, alle wollen ihn sehen, diesen Homo sapiens. Der Roman beherbergt mehrere Geschichten in sich: psychologische und gesellschaftskritische Studie auf der einen, eine hinreißende, von großen Gefühlen dominierte Liebesgeschichte mit der Möglichkeit ganz unterschiedlicher Lesarten auf der anderen Seite. Das alles mit Eleganz,

Humor und Ironie in bester englischer Erzähltradition,

very gentlemanlike.

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Sabine Friedrich: Immerwahr

Im Jahr 1900 promoviert Clara Immerwahr in Chemie als erste Frau an der Universität Breslau. Sie ist schon dreißig und heiratet kurz darauf den Chemiker Fritz Haber, ein Jahr später kommt der Sohn Hermann zur Welt. Clara hatte von einer wissenschaft-lichen Arbeit an der Seite ihres Mannes geträumt, gemeinsam mit ihm wollte sie das Leben der Menschen verbessern - doch sie versinkt in den häuslichen Pflichten einer Ehefrau und Mutter. Haber hat überhaupt kein Interesse daran, mit ihr zu arbeiten. Clara durchlebt das Drama einer intelligenten und gut ausgebildeten Frau, die keinerlei Anerkennung erfährt und die die Schuld dafür noch bei sich sucht. So hat sie es gelernt: die Frau nimmt sich zurück, dient und pflegt, es steht ihr nicht zu, sich das zu nehmen, was sie möchte. Diesen Konflikt von Erwartungen der Gesellschaft und eigenen Wünschen stellt Friedrich in den Mittelpunkt, auch der Zeitgeist wird anschaulich porträtiert. Es wird Clara sein, die ihrem Leben ein Ende setzt, nicht nur, weil Fritz sie als "Verräterin" beschimpft. Er hat das Gas entwickelt, das 1915 in Belgien eingesetzt wurde, er hat die Wissenschaft verraten. Sie ist all diesen Widersprüchen nicht mehr gewachsen.

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Colm Toibin: Brooklyn

Die junge Eilis Lacey wandert Anfang der 1950er Jahre nach Brooklyn aus, weil sie in ihrer irischen Heimat wenig Chancen auf ein gutes Leben hat. Nach anfänglichem Heimweh meistert sie ihr neues Leben sehr gut, sie arbeitet, bildet sich fort und verliebt sich in Tony. Sie sieht ihre Zukunft in Amerika, doch ein schreckliches Ereignis zwingt sie, zu ihrer Mutter zurückzukehren. Aus geplanten vier Wochen wird ein ganzer Sommer und Eilis verzweifelt fast an der Frage, wohin sie nun gehört. Der Roman erzählt auf beeindruckende Art und Weise von Fremdsein und Exil,

von Selbstfindung und der Frage nach dem richtigen Leben.

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Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Dieser Roman spielt in den 1950er Jahren

in Neapel. Die unzertrennlichen und sehr ungleichen Freundinnen Elena und Lila kämpfen um ihren Platz im Leben.

Die hochintelligente Lila hat das Pech, nach der Grundschule in der Schusterwerkstatt ihres Vaters mitarbeiten zu müssen, während Elena Mittelschule und Gymnasium besuchen darf. Trotz all ihrer Bildung fühlt Elena sich nicht gleichwertig: Lila ist ihr im Leben immer mindestens einen Schritt voraus. Doch auch Lila steht auf wackligen Füßen und gibt einen

Teil ihrer eigenen Sehnsüchte an Elena ab. Es entsteht eine spannungsreiche Beziehung mit wechselseitigem Bewundern, Fremdsein, Vertrauen und Unverständnis.

Dies alles eingebettet in ein reiches Geflecht aus Beziehungen zu Verwandten, Nachbarn, Mitschülern, Verehrern und Freunden - und in die Stadt Neapel, die eine weitere Protagonistin des Romans ist. Die Geschichte ist sehr plastisch, sehr lebendig, hochinteressant, wunderbar menschlich und erzählt Geschichte aus weiblicher Sicht.

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Rabih Alameddine:

Eine überflüssige Frau

Die zweiundsiebzigjährige Aaliya muss zwei aufreibende Tage überstehen: plötzlich taucht ihr Halbbruder in ihrer Beiruter Wohnung auf, um die Mutter bei ihr abzuliefern, einen Tag später kommt es zu einem Wasserschaden inclusive Überschwemmung.

(Fast) zu viel auf einmal für die Frau, die es gewohnt ist, sehr zurückgezogen zu leben und sich der Literatur und ihren Übersetzungen ins Arabische zu widmen.

Alameddine, einer der renommiertesten Schriftsteller des Nahen Ostens, kreiert um diese Ereignisse herum einen Roman, in welchem Aaliya wie eine moderne Scheherazade mit vielen Gedanken und Gedankensprüngen, Abschweifungen und Umwegen eine dichte Geschichte ihres Lebens und das ihrer Heimatstadt Beirut erzählt.

Mit herzenswarmer Stimme und gütigem Humor überstand sie ihr Leben und so wird sie auch die beiden Tage mit ihren Folgen meistern...

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Truman Capote: Sommerdiebe

Die siebzehnjährige Grady ist glücklich: sie wird einige Wochen ohne ihre Eltern alleine in New York verbringen, diese gehen auf Reisen nach Europa.  

Sie pfeift auf die Vorstellungen ihrer Eltern, die von einem rauschenden Debüt und einer standesgemäßen Ehe ihrer Tochter träumen - Grady träumt von einem wilden und freien Leben.

Das genießt sie mit ihrem Geliebten Clyde in jenem heißen Sommer. Doch bald wird aus einem Spiel tragischer Ernst... Dieser Roman ist das Debüt des gefeierten Schriftstellers,

das 2004 in einem Pappkarton auftauchte, erst jetzt kann

der Leser erfahren, wir reif sein Erstling ist, und wie sehr all das in ihm angelegt ist, was auch die späteren Romane Capotes (1924-1984) auszeichnet.

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Anne Garréta: Sphinx

Ein namenloser Ich-Erzähler und A*** erleben eine Liebesgeschichte mit allen Höhen und Tiefen, am Ende bleibt der Erzähler mit all seinen Erinnerungen und all seiner Trauer alleine zurück. Um Ordnung in seine Gedanken zu bringen, schreibt er rückblickend auf, was während der Jahre in Paris, New York oder auf Reisen in andere Städte geschah. Der Erzähler war DJ in einer beliebten Pariser Disco, A*** Star einer Tanzrevue, beider Leben findet hauptsächlich nachts statt. Das besondere an dieser Geschichte ist: von keinem der beiden Protagonisten erfährt der Leser das Geschlecht. Dies führt vor Augen, wie schwer es ist, frei von Stereotypen und angelernten Mustern auf einen Menschen zu blicken und die Frage A***s  "Wie siehst du mich eigentlich?" unverstellt und auf jeden einzelnen Menschen bezogen zu beantworten.

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Paul McVeigh: Guter Junge

Mickey hat gerade die Elementary School hinter sich und träumt von einer besseren Zeit auf der St. Malachy´s - die neue Schule ist seine einzige Hoffnung, den Grausamkeiten seiner Klassenkameraden zu entkommen. Doch der Traum platzt, seine Eltern haben kein Geld für diese Schule.  Neun Wochen Sommerferien verbleiben ihm, um sich mit diesem Gedanken anzufreunden, neun Wochen,

die er in seinem Stadtteil Ardoyne, Belfast, verbringt.

Der katholische Teil ist genau so arm wie die protestan-tischen Teile, in der Stadt regiert die Gewalt der Briten, der IRA und der Randalierer von beiden Seiten.  Kein guter Ort für ein verträumtes, naiv-ehrliches und phantasievolles Kind, das nicht in die Kategorie "ein richtiger Junge" fällt.

Er möchte auch lieber ein guter Junge sein, um seine Mutter glücklich zu machen, die sehr unter dem saufenden Vater leidet. Mickey träumt unverdrossen von einem Leben in Amerika, er schmiedet Pläne, wie er gleichzeitig den Vater loswerden und dorthin gelangen könnte - und all das neben der ersten Liebe,  dem Verlust seines geliebten Hundes und der alltäglichen Gewalt um ihn herum.

Ein sehr warmherziges Buch, das einen Kämpfer in den Mittelpunkt stellt: er kämpft für sein Leben, seine Zukunft, seine Träume.

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Vita Sackville-West:

Unerwartete Leidenschaft

Lady Deborah Slane überrascht nach dem Tod ihres Mannes die ganze Familie: sie wird sich nicht in deren Obhut begeben, sie wird in ein eigenes kleines Häuschen ziehen. Nur sie und ihre Zofe, die eine achtundachtzig, die andere nur zwei Jahre jünger. Damit tut Lady Slane zum ersten Mal in ihrem Leben das, was sie tun möchte, und nicht das, was andere für sie entscheiden. Ein Teil ihrer Gedanken gehört der Vergangenheit, ein anderer grundsätzlichen Fragen zum Leben von Männern und Frauen und deren gänzlich verschiedenen Möglichkeiten. Ein weiteres Feld ist das Thema Alter, das die Autorin sehr einfühlsam beschreibt, obwohl sie bei der Verfassung des Romans noch keine vierzig war. Lady Slane lebt sich jedenfalls gut ein, und als dann

auch noch Herr FitzGeorge auftaucht, zeigt sich, dass Gestaltungswille nichts mit der Anzahl an gelebten Jahren

zu tun hat. Und man vor Leidenschaft nie sicher ist - und diese auf sehr vielen Gebieten existiert. Ein wundervoll "englischer"  Roman, geschrieben mit leichter und eleganter Feder, ohne Groll oder Bitterkeit.

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Virginia Woolf: Orlando

Orlando wird im 16. Jahrhundert in England geboren. Vom Hof der Königin wechselt er als Gesandter nach Konstantinopel, fällt dort nach vielen Turbulenzen in seinem Leben in eine tiefe Trance - und wacht als Frau wieder auf. Damit wechselt der Blickwinkel von der männlichen in die weibliche Perspektive und gibt der unnachahmlich scharfsinnigen Dichterin die Möglichkeit, durch die verschiedenen Zeitalter zu schreiten und deren Veränderungen mit viel Witz einzufangen - denn Orlando lebt weiter.  In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist Orlando eine moderne Frau geworden, die selbstbewusst ihren Wagen durch London steuert, doch sie ist auch eine,

die immer noch sehr gegen überkommene Vorstellungen kämpft. Ein grandioses Lesevergnügen, kein bisschen angestaubt, sondern immer noch hochaktuell.

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Wolfgang Herrndorf: Tschick

Zwei Vierzehnjährige wollen mit einem geklauten Lada von Berlin aus in die Walachei fahren. Sie kommen nicht ganz so weit, erleben aber den Sommer ihres Lebens. Sie lernen Menschen kennen, von denen sie nie gedacht hätten, dass es sie gibt, sie lernen ein ihnen völlig unbekanntes und neues Deutschland kennen, sie erleben großartige Natur und tiefe Freundschaft. Die Ausgabe der Edition Büchergilde wurde von Laura Olschok mit feinen,

die bedeutsamsten Momente der Erzählung einfangenden Zeichnungen illustriert. Sie geben dem Roman, der längst ein Bestseller ist, neue Tiefe und Anschaulichkeit und sind eine wunderbare Ergänzung dieses außergewöhnlichen Buches.

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David Grossman:

Kommt ein Pferd in die Bar

Der Stand-up-Comedian Dovele erzählt im Alter von 57 Jahren bei einem Auftritt in Netanja sein ganzes Leben. Das ist streckenweise komisch, dem Publikum bleibt jedoch zunehmend das Lachen im Hals stecken. Viele verlassen den Saal.

Am Ende ist nur noch ein Freund aus Kindertagen anwesend, der Richter Avischar. Die Männer sehen sich zum ersten Mal seit über 40 Jahren wieder,

Dovele hatte ihn extra eingeladen. Der Abend ist schon bald keine witzige Show mehr, sondern eine Mischung aus Beichte und Gerichtsverhandlung, denn Dovele bat den Richter schon vorher um ein Urteil. Der Roman schrammt an manchen Stellen am Unerträglichen entlang, hier scheint ein Schicksal sehr früh schon von einer großen Schuld besiegelt worden zu sein. Bleibt zu hoffen, dass Dovele einen milden Richter gewählt hat...

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Camilo Sanchez:

Die Witwe der Brüder van Gogh

Sechs Monate nach dem Selbstmord Vincent van Goghs stirbt auch sein Bruder Theo. Der Verlust des Bruders hatte ihn in tiefste Depressionen gestürzt, die ihm die Lebenskraft nehmen. Seine Witwe Johanna kümmert sich um den Nachlass des Malers und sorgt dafür, dass die Gemälde und Zeichnungen berühmt werden. Der Roman ist  eine Geschichte der Emanzipation, denn Johanna verfügt nicht nur über Kunstverstand, sie ist auch eine praktische und geschäftstüchtige Frau, die wirtschaftlich auf eigenen Füßen steht. Dies ermöglicht es ihr, zu entscheiden, was sie verkaufen, was sie ausstellen, und wie sie ihr Leben eigenmächtig gestalten möchte.

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Claudio Magris: Ein anderes Meer

Gerade mit seinem Studium der Altphilologie fertig geworden, wandert Enrico Mreule nach Argentinien aus.

Er verlässt seine Heimatstadt Görz bei Triest und er lässt den geliebten und verehrten Freund Carlo zurück. Dieser

ist der Fixstern in Enricos Leben und Denken. Nach einsamen Jahren als Cowboy kehrt Enrico 1922 zurück, Carlo lebt nicht mehr. Enrico wird Lehrer, er heiratet, schließlich zieht er sich in ein kleines Dorf an der Küste zurück.

Er lebt in Selbstbeschränkung und lässt das Jahrhundert an sich vorüberziehen wie ein Mann, der nicht das Leben sucht, sondern versucht, es zu verlieren.

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Lilian Faschinger: Magdalena Sünderin

Die schöne Magdalena entführt einen Priester aus dem Pfingstgottesdienst heraus. Im tiefen Wald fesselt sie ihn an einen Baum und zwingt ihn, ihr zuzuhören. Sie legt eine lange Beichte ab und berichtet von den sieben Liebhabern, die sie ermordet hat. Doch im Lauf der Beichte wird aus der Sünderin (fast) eine Erlöserin, der Pfarrer erlebt Unerhörtes und der Leser kommt in den Genuss einer hintersinnigen Scheherazade, deren Dreh- und Angelpunkt die Leidenschaft ist.

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Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

Achtzig Jahre umfasst die Lebensspanne von Edward Feathers: geboren 1923 in British Malaya, wird er als Fünfjähriger "nach Hause" geschickt, um im Kernland des Empire zum britischen Bürger erzogen zu werden. Er erlebt eine grausame Zeit bei seinen Pflegeeltern in Wales, erhält in einem Internat eine solide Bildung, studiert nach dem Krieg in Oxford. In Hongkong macht er Karriere als Anwalt und Richter der Krone - in Feathers Leben spiegelt sich ein Jahrhundert englischer Geschichte  und vor allem der Niedergang des British Empire.  Als Pensionär zieht er sich nach Südengland zurück, nach dem Tod seiner Frau Betty macht er sich plötzlich auf, einen Teil seiner Vergangenheit wieder zu finden und zu klären. Auf fünf Zeitebenen erzählt Gardam diese Geschichte, die auf jeder Ebene fasziniert und ein einzigartiges Gewebe erschafft, das gleichzeitig tief, leicht und elegant ist.

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Dorothy Baker: Zwei Schwestern

Judy plant ihre Hochzeit mit Jack.

Ihre Zwillingsschwester Cassie meint, sie vor diesem kolossalen Fehler bewahren zu müssen und will ihr die Heirat ausreden.  Sie entfesselt am Abend vor der Hochzeit ein großes Drama, das alle ihre Ängste offen legt: sie kann und will nicht ohne ihre Schwester leben.  

In diesem scharfsichtigen Roman, der wie kein zweiter die Besonderheiten des Zwilling-Seins beleuchtet, geht es um den Konflikt des gleichzeitigen Zueinander- und Auseinanderstrebens - mit existenzbedrohenden Folgen.

In diesem Konflikt verankert ist die unendliche Mühe, eine eigene Identität zu finden.

Ein sehr tiefgehender Roman, der stilistisch, psychologisch und thematisch eine Besonderheit darstellt und überaus fesselnd ist.

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Margaret Forster:

"Ich warte darauf, daß etwas geschieht"

Millicent King, 1901-2000, fing mit dreizehn Jahren an, Tagebuch zu schreiben.  Sie führt diese Gewohnheit bis zum Alter von sechsundneunzig fort und schafft damit ein Werk, das ein ganzes Jahrhundert umfasst. Ihr Lebens sei ein "gewöhnliches", sagt sie selbst, doch gibt es das überhaupt? Die Schriftstellerin Margaret Forster wählt für ihren Roman die Form des Tagebuches und erzählt die Geschichte eines Lebens, das Millicent mit vielen Frauen ihrer Generation teilt. Und damit zum Symbol wird wie der "Unbekannte Soldat": die Unbekannte Frau ihrer Zeit.

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Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

In neun Erzählungen brechen Welten auseinander und fügen sich neu zusammen. Es wird an Alter, Krankheiten, Unfällen oder Suizid gestorben - und doch beherrscht die Autorin die Kunst, daraus keine deprimierenden Geschichten zu machen. Sie schafft mit ihrem feinen und modernen Stil gleichzeitig Nähe und Distanz und sie schafft es, dass ihre Figuren Vergangenes ablegen können und gleichzeitig mit der Vergangenheit in Verbindung bleiben.

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Alex Capus: Reisen im Licht der Sterne

Capus stellt die gewagte These auf, dass der Schöpfer des Abenteuerromans

"Die Schatzinsel", Robert Louis Stevenson, die wahre Schatzinsel gefunden und auch ausgebeutet haben könnte. Jahrhunderte lang vermutete man die legendäre "Cocos Island", auf der der Kirchenschatz von Lima vergraben sein sollte vor Costa Rica - fand Stevenson sie auf Samoa? Und ließ er sich deshalb dort nieder und streute das Gerücht, die Insel sei gut für seine Gesundheit -  was nachweislich nicht der Fall war?

Capus kreiert aus Puzzlestücken eine Geschichte, die selbst eine Abenteuergeschichte ist, sehr spannend, vielseitig und weit weg von einer strengen Beweisführung mit Wahrheits-anspruch. Eine gelungene Mischung aus Biographie, Abenteuer, Versteckspiel und Spurensuche, weltweit und im gesamten Werk Stevensons.

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Sasha Abramsky:

Das Haus der zwanzigtausend Bücher

Chimen Abramsky, Großvater Sashas, trug in seinem Londoner Haus zwei Sammlungen zusammen, die europaweit ihresgleichen suchen: die "wahrscheinlich beste Bibliothek für jüdische Geschichte in Europa" und eine "sozialistische Sammlung," die "wahrscheinlich die vollständigste Privatkollektion weltweit mit ihrem Bestand an einschlägiger Literatur des 18., 19. und frühen

20. Jahrhunderts" war. Alle diese Bücher werden in Chimens Haus aufbewahrt, gelesen und benutzt, es ist eine lebendige Bibliothek, Chimen ein anerkannter Gelehrter auf zwei Fachgebieten, der weltweit geschätzt wird.

Sasha durchschreitet das Haus seiner Großeltern Raum für Raum, benennt die Schwerpunkte des jeweiligen Zimmers und zeichnet so neben der geistigen Lebensgeschichte Chimens europäische Kulturgeschichte auf - nicht nur die des Judentums.

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Karl Ove Knausgard: Sterben

Der erste Teil einer sechs Bände umfassenden Autobiographie widmet sich dem Tod des Vaters. Dieser war der Mensch, der trotz großem Abstand zur Familie deren gesamtes Leben bestimmte. Vor allem das Gefühlsleben. Als die Brüder das völlig vermüllte Haus reinigen, in dem der Vater seine letzten Jahre verbracht hatte und verstarb, werden viele Erinnerungen wach, die sich mit allgemeinen Fragen des Lebens und Betrachtungen vermischen.  

Die Faszination des Romans besteht darin, mit welcher Akribie er sich dem Vermessen von Zwischenräumen, Abständen und Distanzen widmet.

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Klaus Modick: Sunset

Am 17. August 1956 erhält Lion Feuchtwanger in seinem kalifornischen Exil die Nachricht, dass sein Freund Bertold Brecht in Ostberlin verstorben ist. In zwölf Kapiteln, die den zwölf Stunden des Tages entsprechen, bedenkt Feuchtwanger all das, was sein Leben ausmachte. Er reflektiert dabei nicht "nur" das, was ihn mit Brecht verbindet, er zieht Linien von seinem Leben zu seinem Werk, denkt über Heimat und Exil, Sprache, Literatur und die Einflüsse nach, die das Leben bestimmen.  In zurückhaltender Art und Sprache gibt Modick seinem Roman eine Dimension, die über die Beschreibung eines bestimmten Lebens weit hinausgeht, indem er durch verschiedene Blickwinkel klar macht, dass es hier nicht nur um die Probleme eines Künstlers geht.

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Rudyard Kipling: Über Bord

Der fünfzehnjährige Millionärssohn Harvey Cheyne stürzt von Bord eines Luxusliners und wird von einem Fischer gerettet. Fünf Monate verbringt er auf dem Fischkutter und reift in dieser Zeit zu einem verantwortungsbewussten Menschen heran. Das verwöhnte Söhnchen lernt den Wert der Arbeit und des Geldes kennen.

Dieser Abenteuer- Seefahrts- und Entwicklungsroman ist außerdem eine Sozialstudie und die genaue Beschreibung eines alten Handwerks: der Fischerei. Wunderbar illustriert und trefflich übersetzt ist das Buch ein Schmuckstück und Kleinod - man will es gar nicht mehr aus der Hand legen.

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James Hanley: Ozean

Das Passagierschiff Aurora sinkt nach einem Torpedobeschuss, fünf Männer finden sich in einem Rettungsboot wieder. Der Seemann Curtain ist der Einzige, der sich mit dem Meer auskennt, er übernimmt das Kommando. Hoffnung, Aufbegehren, verschiedene Persönlichkeiten, ihre Veränderungen und Vertauen sind die großen Themen, die Hanleys Werk ausmachen.  In seinem 1941 erschienenen Roman bereist er die "unerforschten Gegenden des Meeres und des Bewußtseins" - so William Faulkner, besser lässt es sich nicht ausdrücken.

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Charles Dickens - Ein Autorenporträt

Charles Dickens ist der Klassiker des

19. Jahrhunderts - er schuf Figuren, die Teil der britischen Kultur wurden, deren Namen Eingang in die Alltagssprache fanden. Seine auch literaturgeschichtlich wegweisenden Romane begeistern und berühren ihre Leser bis heute, darüber hinaus ist Dickens ein unermüdlicher Kämpfer für Aufklärung und Menschenrechte.

Protagonisten wie "Oliver Twist" oder Pip aus "Große Erwartungen" machen noch heute auf Missstände aufmerksam, die es so in Nordeuropa nicht mehr gibt, aber an vielen anderen Orten der Welt.

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Natalia Ginzburg: Familienlexikon

Ginzburg erzählt die Geschichte ihrer Familie und die Italiens von den 1920ern bis in die 50er Jahre hinein. Im Haus der Levis verkehren Wissenschaftler, Ingenieure und sehr viele politische Aktivisten. Die Brüder Natalias sind im Widerstand aktiv, die Eltern verstecken Verfolgte. Das, was die Familie zusammenhält ist ihr "Familienwörterbuch": immer wieder erzählte Geschichten oder eingestreute Sätze, an denen sich die fünf Kinder nach Jahrzehnten wiedererkennen. Ein weit verzweigtes, facettenreiches und an vielen Stellen sehr amüsantes Portrait, erzählt aus den Erinnerungen der jüngsten Tochter, einer der wichtigsten Schriftstellerinnen Italiens. 

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Fabio Stassi: Die letzte Partie

Ein Schachroman, der von weit mehr als diesem Spiel handelt. Erfolg, Berühmtheit, Besessenheit, Neid, Angst vor der Niederlage, Kämpfen bis zum Tod sind die Themen, um die es in dieser Geschichte über Capablanca und Aljechin, zwei Schach-weltmeister des 20. Jahrhunderts, geht.

Ein hochinteressant komponierter Roman mit 64 Kapiteln, der beide Seiten einer Medaille spiegelt und tiefe Einblicke in verschiedene Arten zu spielen - das heißt zu leben - gewährt.

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Patrick Modiano: Die Kleine Bijou

Die neunzehnjährige Thérèse glaubt,

in der Metro ihre tot geglaubte Mutter gesehen zu haben. Sie geht ihr nach, spricht sie jedoch nicht an.

Die Begegnung löst eine Lawine an Erinnerungen aus, Thérèse muss noch einmal ganz an den Anfang ihres Lebens zurückkehren, um mit diesem überhaupt beginnen zu können. Ein bewegender, tiefgründiger Paris-Roman des Nobelpreisträgers von 2014.

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 Lily Brett: Chuzpe

Mit viel Witz, Charme und Ironie erzählt Lily Brett die Geschichte eines phantastischen Erfolges: drei Menschen, zusammen über 200 Jahre alt, beginnen noch einmal ganz von vorn. Mit Mut, Grips und unglaublicher Energie stellen die drei ein Unternehmen auf die Beine, von dem jeder Experte abgeraten hatte. Doch wozu braucht es Experten, wenn man selbst Verstand hat und den Mut, sich dessen zu bedienen? Es geht um die Liebe, gutes Essen, Selbständigkeit und allerlei New Yorker Neurosen. Um Väter und Töchter, Frauensolidarität und körperliche Präsenz.

Ganz wunderbar. 

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Wolfgang Herrndorf:

Bilder deiner großen Liebe

Isa, dem "Müllmädchen" aus "Tschick" ist Herrndorfs letzter Roman gewidmet.

Er blieb unvollendet und weist einige Ungereimtheiten auf. Doch diese stören nicht, denn Isa ist eine so vielfältige Persönlichkeit, so jung, unerschrocken und frech, gleichzeitig traurig, wissend, erfahren und fast mystisch, sie hätte sich sowieso nur schwer in eine geschlossene Form zwingen lassen. Ihre Reise zu Fuß ist das Pendant zur Roadnovel "Tschick", erzählt wird ein Ausschnitt aus Isas Leben.

Herrndorf ist ein ganz großer Erneuerer der deutschen Literatur, nirgends sonst liest man diese Vereinigung von Jugendsprache, Poesie und tief empfundenem Wissen ohne Sentimentalitäten.

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Reginald Arkell: Pinnegars Garten

Mr. Pinnegar arbeitet sich vom Gehilfen zum Obergärtner hinauf. Die gesellschaftliche Leiter kann er nicht unbegrenzt erklimmen, aber mit Fleiß, Fachwissen und einer unbeugsamen, natürlichen Würde erwirbt er sich großes Ansehen. Er weiß, dass er der eigentliche Herr des Gartens ist, keineswegs die offizielle Herrschaft. Das Buch ist ein heiteres Lehrstück über die Kraft der Begeisterung, durch und durch englisch und gespickt mit feinem Humor. Und es versöhnt mit dem Ausklingen des Sommers.

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Sasa Stanisic:

Wie der Soldat das Grammofon repariert

Zuerst stirbt der geliebte Opa Slavko, dann bricht der Krieg in Jugoslawien aus: zwei Ereignisse, die das Leben des jungen Aleksandar aus der gewohnten Bahn werfen. Viele Jahre später macht sich der Schriftsteller gewordene Junge auf Spurensuche, inneren wie äußeren. Er versucht, die Erinnerungen mit der Realität abzugleichen, dabei gelingt ihm ein vielfältiges Buch, das weit über pure Aufarbeitung hinausgeht. Denn: er hat die Fabulierkunst des Großvaters geerbt und in seiner neuen Sprache Deutsch ist er ein Virtuose geworden, der verblüffende Bilder erfindet. Ein sprachverspielter Roman, basierend auf der Biographie Stanisics.

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Wolfgang Herrndorf:

Arbeit und Struktur

Anfang 2010 bekam W. Herrndorf die Diagnose Hirntumor, unheilbar.

Er wusste nicht, wie viel Zeit ihm noch verbleibt, er wusste, dass er diesen Zustand nur durch Arbeit erträglich machen kann. Er schrieb in dreieinhalb Jahren zwei Romane und parallel dazu dieses Blog, das nun in Buchform erschienen ist.

Es ist ein Text ohne Nebensächlichkeiten, ohne Selbstmitleid, ohne Lebensweisheiten und letzte Worte geworden. Überaus beeindruckend in seiner Klarheit.

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Anthony McCarten: funny girl

Azime ist eine Weltneuheit: jung,

weiblich, muslimisch, britisch und die erste Komikerin, die mit Burka die Bühne betritt. Damit kommen viele Menschen nicht klar, Azime rührt an menschliche und "westliche" Ängste ebenso wie an die von Traditionalisten. Aber: im Kleid eines Witzes lassen sich viele Wahrheiten einfacher aussprechen und witzig ist sie ohne Zweifel.

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Elsa Morante: Arturos Insel

Ein Klassiker aus den 1950er Jahren, der in den 20er und 30ern auf Procida, einer Insel vor Neapel, spielt. Arturo ist Halbwaise, täglich wartet er auf die Rückkehr des Vaters von seinen Reisen übers Meer. Und auch wenn er zurück kommt, bleibt Arturo weiterhin einsam. Eine junge Stiefmutter bringt sein Leben völlig durcheinander, Arturo lernt die Liebe kennen. Und wird erwachsen. Eine der schönsten Knabengeschichten der Weltliteratur!

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Toni Morrison: Menschenkind

Eine Mutter, die zum Alleräußersten schritt, um ihre Kinder vor der Sklaverei zu bewahren. Ein Mann, der viele Jahre später Erinnerungen aufrührt, die gut verschlossen geglaubt waren. Und die Frage: sind Erinnerungen ein Luxus, den sich nur der freie Mensch leisten kann?

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David Safier: 28 Tage lang

Mira ist erst sechzehn Jahre alt und muss mit Schmuggel das Überleben der Familie im Warschauer Ghetto sichern. Nachdem ihre Mutter und die Schwester getötet wurden, schließt sie sich dem Widerstand an und erlebt in diesen 28 Tagen mehr als andere Menschen in einem ganzen Leben. Leitmotiv des Romans ist die Frage: Was für ein Mensch willst du sein?

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