Bücher, die ein wenig abseits der Belletristik liegen

Joachim Mohr: Der Revolutionär, der Kapitalist und das Streben nach Glück

Anhand zweier Lebensläufe lässt der Autor die Geschichte des 19. Jahrhun-derts mit ihrer gescheiterten Revolution

in Deutschland und den wirtschaft-lichen Möglichkeiten, die Amerika damals bietet, aufleben.

Der erfolgreiche Unternehmer Jakob F. Schöllkopf erinnert sich am Ende seines Lebens an den Revolutionär F. Tritschler - beide stammen aus der Kleinstadt Kirchheim nahe Stuttgart, beide streben nach Freiheit und Fortschritt. Schöllkopf kann seine Träume verwirklichen, Tritschler zahlt einen sehr hohen Preis für seinen Kampf. Mit nur 49 Jahren stirbt er völlig verschuldet im amerikanischen Exil, in seiner Heimat regiert weiterhin der König. J. Mohr hinterlegt die Lebenserinnerungen mit historischen Fakten und ruft damit eine Zeit ins Gedächtnis, die heute ein wenig in Vergessenheit geraten ist und mit ihr der lange Weg zur Demokratie. Angesiedelt in einer Kleinstadt und nicht in Berlin oder Frankfurt, festgemacht an zwei Lebensläufen, gelingt ihm eine sehr persönliche Darstellung, zeigt, dass die Suche nach Freiheit mehr als eine Variante kennt.

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Michael Lichtwarck-Aschoff:

Als die Giraffe noch Liebhaber hatte

Vier Entdeckungen

Saint-Hilaire, Lavoisier, Pasteur, Bernard: große Namen aus zwei Jahrhunderten Wissenschaft - als diese noch in den Kinderschuhen steckt. Wie viel Zufall, Risiko, persönliche Opferbereitschaft und nicht zuletzt wie viel Hilfe von Menschen, die heute in keiner Geschichte der Medizin, Biologie oder Chemie vorkommen, nötig war, um zu den bahnbrechenden Erkenntnissen zu kommen, erzählt Lichtwarck-Aschoff in literarisch glänzend geschriebenen Geschichten. Dabei verwebt er Tatsachen,

die nicht gänzlich unbekannt sind, so geschickt und bewahrt so konsequent den Blick von außen, dass ganz neue Zusammenhänge offenbar werden - und die oft kuriosen Umstände exakter Wissenschaft.

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Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

Das Universalgenie Humboldt prägte unsere heutige Vorstellung von der Natur wie kein Zweiter. Er konnte beweisen, dass die Natur ein großes Geflecht ist, in dem alles mit allem zusammen hängt. Sehr früh erkannte er auch, dass dieses System ein verletzliches ist: jeder Eingriff des Menschen hat Folgen. Ausgedehnte Forschungsreisen, Kontakte zu Wissenschaftlern auf der ganzen Welt, nicht endende Wissbegier, Mut, Phantasie und Einfühlungs-vermögen waren seine Methoden der Weltaneignung. 

Andrea Wulf untersucht die Quellen, aus denen Humboldt sich speist. Sie zeichnet seine Entwicklung als Wissen-schaftler und als Mensch auf, sie stellt seine Erkenntnisse vor, und berichtet von den Einflüssen, die er auf nach-folgende Wissenschaftler(generationen) und auf die Weltsicht jedes Einzelnen hat. Sie zeichnet das Bild eines einzigartigen und faszinierenden Mannes, der nicht hoch genug geschätzt werden kann. Mit ihrem Buch, das so viele Facetten in sich vereinigt, gelingt ihr ein ganz großer Wurf, zumal sie sich nicht in all den Einzelheiten verliert, sondern stets das große Ganze im Auge hat und sehr anschaulich und gut erzählen kann.

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Eliot Weinberger: Vogelgeister

Weinberger reist durch den 

Welt-Raum: er folgt den Elementen, ganz konkret auf Fahrten über Flüsse oder dem Besuch von Inseln, er hört den Vögeln und den alten Schriften zu, er entdeckt Unbekanntes im Bekannten - wie ein Flugkünstler ist er zwischen Wolken und Höhlen unterwegs, immer den Gefahren der Natur ausgesetzt, immer auf der Suche nach Begegnungen. Eher Poesie als Essays sind die Texte, die Weinberger verfasst - erschafft - er nimmt die Realität ernst, fabel- und sagenhaft wirken jedoch seine Geschichten von Menschen, Gebräuchen, Träumen, Steinen oder Fröschen.

Sie üben einen starken Sog aus und sprechen alle Sinne an. Eine Schatzkammer.

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Elizabeth David:

Die französische Küche

Dieses Buch steht auf Platz ZWEI der fünfzig wichtigsten Kochbücher aller Zeiten. Erschienen ist es 1960 als eine Reaktion auf das schlechte Essen und

die Trostlosigkeit der Nachkriegszeit

in England. Und natürlich aus Leiden-schaft für die französische Küche, die auch aus einfachen Zutaten köstliche Gerichte kreiert. Davids Buch ist jedoch weitaus mehr als eine Sammlung von Hunderten Rezepten. Es ist eine Geschichte der (Ess)Kultur, regionaler Besonderheiten und es ist Literatur: sie erzählt so viele Geschichten von Menschen, Landschaften, Ereignissen

und Begebenheiten, in einer so anregenden Art, auf eine so unnachahmliche Weise, dass sie eine eigenständige Stimme der Literatur genannt werden kann. 

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Amy Novesky und Isabelle Arsenault: Lied für Louise

Leben und Entwicklung der Bildhauerin und Installations-künstlerin Louise Bourgeois werden in diesem wunderbaren Bildband, bei dem Text und Illustrationen aus einem Guss sind, in Szene gesetzt.

Vor allem ihrer Kindheit am Fluss und in der Textilwerkstatt ihrer Eltern wird viel Raum gegeben, waren diese doch der Boden, auf dem ihr ganzes Schaffen wuchs. Die Liebe zu ihrer Mutter, die Louise wie eine Zauberin erscheint, wird zur Antriebskraft der künstlerischen Auseinandersetzung. Einfühlsam und genau beschreiben und "bezeichnen" die Autorinnen die äußere und innere Entwicklung Louises.

Geeignet ist das Buch für Kinder ab acht, es empfiehlt sich, die jungen Leser bei der Lektüre zu begleiten, da Fragen auftauchen dürften und vielleicht auch der Wunsch entsteht, selbst zu Nadel, Faden, Stoff oder Draht zu greifen...

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Michel Pastoureau: Blau

Pastoureau zeichnet den Weg der Farbe

Blau durch die Jahrhunderte nach.

In Malerei, Literatur und Handwerk entwickelte sie sich zur beliebtesten Farbe überhaupt - und das, nachdem sie in der Antike und im Mittelalter nicht zu existieren schien. Das hochinteressante Buch ist also auch eine Kulturgeschichte der Wahrnehmung.

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Rüdiger Vossen:

Weihnachtsbräuche in aller Welt

Das vorliegende Buch ist eine zugleich breit gefächerte und tief gehende

kunst- und kulturhistorische Aufarbeitung des "Festes aller Feste." Von seinen Ursprüngen, die weit vor der christlichen Zeit liegen, über seine Ausbreitung in alle Welt und den damit verbundenen Modifikationen beleuchtet Vossen den 80-tägigen Zyklus, der vom 11.November bis zum 2.Februar dauert. Fest- und Wendetage, die Wurzeln des Festes, Herkunft und Variationen von Weihnachtsbaum- und Krippen sowie (konsum)kritische Anmerkungen stellt er in historische Zusammenhänge, so dass das Buch weit mehr über Weihnachten erzählt als "nur" die Weihnachtsbräuche.

Im Kern baut Vossen Brücken in alle Welt und zeigt die Verbindungslinien  - nicht nur zwischen Christen, sondern zwischen Kulturen und Religionen.

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