Inhaltlich interessante Bücher, meist (zeit)geschichtlicher Thematik

 

 

Lucía Puenzo: Die man nicht sieht

Ismael, Enana und Ajo bilden ein perfekt eingespieltes Diebestrio. Weil sie so gut sind, werden sie von ihrem Patron Guida nach Uruguay geschickt, um dort die Villen einiger Superreicher auszuräumen. Schnell ist ihnen klar, dass der Auftrag, den sie bekommen haben, nicht durchführbar ist. Etwas länger dauert es, bis sie merken, dass sie nur Rädchen in einem ganz anderen Spiel sind - und nichts als Kanonenfutter. Lucía Puenzo hat ein tempo- und bildreich erzähltes Sozialdrama geschrieben, das mit vielen überraschenden Wendungen aufwartet und den Leser mit einer harten Welt konfrontiert.

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James Baldwin: Beale Street Blues

"Der wird noch versuchen, mich dranzukriegen" - so Fonny, nach dem Zusammenstoß mit einem weißen Officer. Er sollte recht behalten: der Zweiundzwanzigjährige wird wegen einer Vergewaltigung, die er nicht begangen hat, verhaftet. Von jenem Mann, der die weiße Justiz in Person ist - ein rassistischer Officer, der sich in seiner Ehre verletzt gefühlt hatte. Und der am längeren Hebel sitzt, salopp gesagt. Vor allem Fonnys Freundin Tish, 19, versucht zusammen mit ihrer Familie alles Erdenkliche, um Fonny aus dem Gefängnis zu holen, denn Tish ist schwanger. Diese junge Frau erzählt in sich verschränkenden Handlungssträngen aus Vergangenheit und Gegenwart die Geschichte einiger Individuen, genauso aber die des Landes und der Afroamerikaner. Vielschichtig und präzise, im Ton direkt, jung, weltlich, entsteht so ein Bild von Leid und Hoffnung, Ungerechtigkeit und Liebe.

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Andor Endre Gelléri: Stromern

In 31 Erzählungen, die in den 1920er und 30er Jahren in Budapest spielen, breitet Gelléri die Schicksale vor allem der armen Bevölkerung aus.

Deren Leben ist von der Weltwirt-schaftskrise geprägt, sie kämpfen um ihr Überleben - und ihre Würde.

In zugleich konkreten und abstrakten, klaren und verspielten, phantasie-vollen und plastischen Bildern erzählt der Dichter vom Streben nach Glück, der Lebenskraft und auch von Situationen, in denen es einen Zauberer bräuchte. Gelléri, mit nur 39 Jahren an Typhus gestorben (im Mai 1945, nach der Befreiung Mauthausens) hat den Menschen mit seiner einzigartigen Literatur, die noch heute aktuell ist

und nichts von ihrem Zauber eingebüßt hat, ein Denkmal gesetzt. Spricht man über Armut, muss zugleich über Menschenrechte gesprochen werden.

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Archil Kikodze: Der Südelefant

Der Ich-Erzähler überlässt seinem Freund Tazo für einen Tag seine Wohnung, dieser trifft sich dort mit einer Frau. Beide sind gute Vierzig,

sie kennen sich seit Jahrzehnten, die Freundschaft ist alt genug, um eine solche Bitte zuzulassen, auch wenn sie sich seit Jahren nicht gesehen haben. Der Ich-Erzähler streift diesen einen Tag durch die Stadt Tiflis und erinnert sich an sein Leben, seine Filme, seine Lieben, seine Reisen und Begegnungen. Dieser eine Tag bringt eine solche Fülle

an Gedanken und auch Ereignissen, sie gleichen einer Reise durch ein Leben, eine Stadt, ein Land. Der Leser wird reich beschenkt mit einer Geschichte, die aus vielen vielen Geschichten besteht, und ihm das ferne Georgien sehr

nahe bringt.

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Dawit Kldiaschwili:

Samanischwilis Stiefmutter

Der alte Samanischwili will nach dem Tod seiner Frau wieder heiraten.

Dies stürzt seinen Sohn Platon in Schwierigkeiten, denn ein Bruder würde bedeuten, dass er sein karges Erbe auch noch teilen müsste. Er hat die gute Idee, für den Vater eine zweifach verwitwete ältere Frau zu finden, die garantiert keine Kinder mehr bekommen wird. Die Suche nach ihr gestaltet Kldiaschwili (1862-1931), der 1930 den Titel "Volksdichter Georgiens" erhielt, zu einer Gesellschafts-studie, die auf lebendige und tragikomische Art den verarmten georgischen Adel, die sogenannten "Herbstfürsten", beschreibt, und dabei aufzeigt, welche Blüten Armut im Verein mit Dünkel treibt. Die von ihm porträtierten Typen sind noch immer  jung und frisch (der Roman erschien 1896), das Buch gehört immer noch zu den beliebtesten in Georgien - noch immer erkennen sich die Leser in den beschriebenen Figuren wieder.

Die vorliegende Deutsche Erstübersetzung gibt Gelegenheit, diese Welt zu erkunden, die kurzweilige Lektüre gleicht einem Theaterstück, das vor dem geistigen Auge entsteht,

so plastisch sind die Menschen porträtiert.

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Aka Morchiladze: Der Filmvorführer

Den Filmvorführer Islam Sultanow und den fast vierzig Jahre jüngeren Beso verbindet eine enge Freundschaft.

Islam ist Freund, Vater und Mentor in einer Person, er greift immer wieder in das Leben Besos ein, rettet ihm durch seine Weitsicht sogar einmal das Leben. Der im georgischen Tiflis und einer Kleinstadt in Westgeorgien spielende Roman beleuchtet die 1970er und 80er-Jahre, jene Zeit,

als das Sowjetreich zerfiel und eine neue Struktur sich erst herausbilden musste. Der Roman ist die Übersetzung von Besos Memoiren - so der Autor in einem kurzen Vorsatz. Dieser Kniff ermöglicht es ihm, mit den Augen eines naiven Menschen, der jedoch einen unbestechlichen Blick auf seine Welt und seine Zeit wirft, große Geschichte im Leben eines Einzelnen durchzuspielen. Beso wird zum Chronisten einer Geschichte, die bis in die 20er-Jahre zurückreicht und die womöglich seine Zukunft bestimmen wird.

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Josepha Mendels: Du wusstest es doch

Um der Besetzung durch die Nazis zu entgehen, flieht der Dichter Frans Winter 1943 aus den Niederlanden nach London. Er lässt seine Frau und zwei kleine Kinder zurück - und nimmt sich vor, jegliche Erinnerung in einen geheimen Winkel seines Herzens zu schließen. In London trifft er Henrietje Bas, ebenfalls Holländerin und Jüdin.

Die beiden leben eine exzentrische Liebe, von Anfang an um deren Ende wissend, denn sobald der Krieg vorbei ist,

wird Frans zurückkehren in sein altes Leben.

Josepha Mendels gelingt es, einen Roman, der in finsteren Zeiten spielt, vollkommen frei von Bitterkeit und Pathos zu schreiben. Die Geschichte ist komisch und tragisch, frisch, unkonventionell und ehrlich und setzt allen unabhängigen Frauen ein Denkmal. Und sie ist in einem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Ton verfasst.

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James Baldwin: Von dieser Welt

Gott-Vater, Familie, Macht, Angst, Not, religiöse Tradition und Erweckung, Auflehnung, Hass, sexuelle Orientierung, schwarze Historie Amerikas, New York in den 1930ern - dies alles erzählt anhand der Geschichte des vierzehnjährigen John Grimes. Er ist der Mittelpunkt dieses autobiographisch gefärbten Romans,

in ihm kulminiert eine lange Geschichte der Schwarzen in den USA. In drei Teilen fächert Baldwin den Kampf des Protagonisten mit oder gegen seinen Vater und Gott auf, erzählt exemplarisch und überzeitlich vom Ringen um ein selbstbestimmtes Leben.

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Felix Jackson: Berlin, April 1933

Nach viermonatiger Abwesenheit kehrt der Jurist Dr. Hans Bauer im April 1933 nach Berlin zurück. Und muss entsetzt feststellen, wie sehr sich die Stadt verändert hat. Nach kürzester Zeit regieren Hass und Gewalt, durch die Bevölkerung geht eine Schneise. Jude oder Arier, darauf reduziert sich das Leben. Er stellt bei Durchsicht der Familienpapiere fest, dass er selbst einen jüdischen Vorfahren hat - damit kann er nach den neuen Gesetzen nicht mehr als Anwalt tätig sein.

Durch einen unheilvollen Pakt mit dem Verantwortlichen für den "Schutz des deutschen Blutes" kann er weiterarbeiten, doch der Preis dafür ist sehr hoch - und schützt Bauer letzten Endes nicht vor Verrat. Eine Vielzahl an Nebenpersonen zeigen eine große Breite an Schicksalen auf.

Diese ergeben zusammen mit Bauers Tagebucheinträgen, seinen Reflexionen und der Stimme des Erzählers ein sehr dichtes Bild der damaligen Atmosphäre. Aus der Rückschau geschrieben, teilweise autobiographisch und klug komponiert, gelingt Felix Jackson, geborener Joachimson,

ein eindrucksvolles Zeit- und Menschenporträt.

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Nan Shepherd: Der lebende Berg

Dieses fast in Vergessenheit geratene Buch ist eine der bedeutendsten Naturschilderungen des 20. Jahrhunderts. Nan Shepherd durchstreift das Berg-massiv der Cairngorms im Nordosten Schottlands bei jeder Jahreszeit, bei Tag und bei Nacht. Tausende Kilometer legt sie zurück und entdeckt bei jedem Schritt Neues. In der Natur um sich herum oder in sich selbst.

Stets sucht sie nach der Verbindung zwischen dem Außen und ihrem Inneren, die Bergwelt mit ihren spektakulären oder völlig unscheinbaren Erscheinungen eröffnet ihr Blicke in die eigene Seele. Präzise Beschreibungen, philosophische Überlegungen, ein Verweben des Kleinsten mit dem großen Ganzen in einer poetischen Sprache ohne jeden Hang zur Überheblichkeit zeichnet Shepherds Werk aus.

Es ist ein schmales Büchlein, das den Eindruck eines Riesenwerkes zurücklässt.

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H.G. Wells (Text) & Nicole Riegert (Illustration): Die Insel des Dr. Moreau

Der Schiffbrüchige Edward Prendick strandet im Südpazifik auf einer Insel, auf der ein biologisches Experiment stattfindet. Der aus London stammende Dr. Moreau versucht dort, Tiere zu Menschen "umzugestalten."

Prendick wird Zeuge von schmerz-haften Operationen, er erlebt die Geschöpfe, die ihm eher Karikaturen des Menschen zu sein scheinen als Menschen mit Verstand, Gefühl und Schönheit, inmitten einer undurchdringlichen und phantastischen Natur. Dr. Moreau regiert sein "Tiervolk" mit Gesetzen und mit Religion, er lässt sich verehren wie ein Gott. Doch sein Experiment gerät außer Kontrolle und er wird Opfer seiner Hybris. Wells Roman, 1896 erschienen, gehört in die Reihe des englischen Schauerromans, mit allen Finessen der Kunst kreiert er eine Geschichte, die gekonnt mit der Angstlust des Lesers spielt. Diese wird verstärkt von den ausdrucksstarken Holzschnitten Nicole Riegerts, die diese Ausgabe trefflich illustriert hat. Sie geben der Geschichte eine weitere Dimension, eine eindrucksvolle Tiefe. Ein bedenkens- und betrachtenswertes Buch.

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Michael Lichtwarck-Aschoff:

Als die Giraffe noch Liebhaber hatte

Vier Entdeckungen

Saint-Hilaire, Lavoisier, Pasteur, Bernard: große Namen aus zwei Jahrhunderten Wissenschaft - als diese noch in den Kinderschuhen steckt. Wie viel Zufall, Risiko, persönliche Opferbereitschaft und nicht zuletzt wie viel Hilfe von Menschen, die heute in keiner Geschichte der Medizin, Biologie oder Chemie vorkommen, nötig war, um zu den bahnbrechenden Erkenntnissen zu kommen, erzählt Lichtwarck-Aschoff in literarisch glänzend geschriebenen Geschichten. Dabei verwebt er Tatsachen,

die nicht gänzlich unbekannt sind, so geschickt und bewahrt so konsequent den Blick von außen, dass ganz neue Zusammenhänge offenbar werden - und die oft kuriosen Umstände exakter Wissenschaft.

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Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

Das Universalgenie Humboldt prägte unsere heutige Vorstellung von der Natur wie kein Zweiter. Er konnte beweisen, dass die Natur ein großes Geflecht ist, in dem alles mit allem zusammen hängt. Sehr früh erkannte er auch, dass dieses System ein verletzliches ist: jeder Eingriff des Menschen hat Folgen. Ausgedehnte Forschungsreisen, Kontakte zu Wissenschaftlern auf der ganzen Welt, nicht endende Wissbegier, Mut, Phantasie und Einfühlungs-vermögen waren seine Methoden der Weltaneignung. 

Andrea Wulf untersucht die Quellen, aus denen Humboldt sich speist. Sie zeichnet seine Entwicklung als Wissen-schaftler und als Mensch auf, sie stellt seine Erkenntnisse vor, und berichtet von den Einflüssen, die er auf nach-folgende Wissenschaftler(generationen) und auf die Weltsicht jedes Einzelnen hat. Sie zeichnet das Bild eines einzigartigen und faszinierenden Mannes, der nicht hoch genug geschätzt werden kann. Mit ihrem Buch, das so viele Facetten in sich vereinigt, gelingt ihr ein ganz großer Wurf, zumal sie sich nicht in all den Einzelheiten verliert, sondern stets das große Ganze im Auge hat und sehr anschaulich und gut erzählen kann.

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Agota Kristof: Das große Heft

Um ihre Kinder vor dem Krieg zu schützen, bringt eine Mutter ihre Zwillinge, ca. neunjährige Jungen, zur Großmutter aufs Land. Diese ist nicht etwa gütig, die Jungen müssen sich dort ihr Essen und ihre Unterkunft selbst verdienen und verrichten bald sämtliche Arbeiten auf dem Hof.

Doch das ist längst nicht alles: sie lernen lügen, stehlen, betteln, hungern und töten - alles, was man zum Überleben in Kriegszeiten braucht. Und vielleicht nicht nur in diesen Zeiten. Die Kinder haben einen unbändigen Lebenswillen, sie sind mutig und scheinen über einen unberührbaren Kern zu verfügen, der sie das alles aushalten lässt. Agota Kristof erzählt in kurzen Abschnitten klar und schnörkellos, vor allem ungeschönt, von diesen jungen Leben und ihrem Ringen um Zukunft.

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Niroz Malek:

Der Spaziergänger von Aleppo

In 57 Miniaturen denkt Niroz Malek über das Leben in seiner Heimatstadt Aleppo nach. Er ist nicht geflohen,

mit dem Zurücklassen seiner Bücher, Schallplatten und anderer Kunst-gegenstände hätte er seine Seele zurückgelassen. So bleibt er und schreibt auf, was er sieht, hört, träumt. Damit zeichnet er sein persönliches Bild einer zerstörten Welt. Als eine Art Chronist der Überlebenden oder des Überlebens ermöglicht er mit seinem poetischen Werk einen ganz anderen Einblick in diese Welt, als ein Bericht in der Presse dies je könnte.

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Iwan Bunin: Verfluchte Tage, 

Ein Revolutionstagebuch

Bunin (1870-1953) beschreibt in

seinem literarischen Tagebuch die Zeit zwischen Januar 1918 und Juni 1920.

Er erlebt die blutige Revolution in Moskau und in Odessa mit, er ist angewidert von der ausufernden Gewalt und er ist entsetzt über die Kulturkatastrophe, die die Revolution bedeutet. Sie ist für ihn eine Vernichtung jeglicher geistigen Freiheit, da sie freies Schaffen und Schöpfen unmöglich macht. In anekdotischen Miniaturen beleuchtet Bunin die chaotischen Entwicklungen und vollzieht damit literarisch nach, was in der Realität vor sich geht. Körperlich, geistig und seelisch erschöpft, kann er Russland 1920 verlassen,

er lebt fortan in Frankreich. 1933 bekommt er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis, was ihn nicht davor bewahrt, in Vergessenheit zu geraten. "Verfluchte Tage" legt Zeugnis davon ab, dass Literatur Zeitzeugnis sein, und zugleich die Zeiten überdauern kann. In seiner Genauigkeit und Fülle ist es ein einzigartiges Dokument, sein Stil,

seine Tiefe und seine sprachliche Vielfalt machen es zu großer Literatur.

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Arthur Miller (Text) & Franziska Neubert (Illustrationen): Fokus

Das Leben Lawrence Newmans,

eines Mannes von knapp fünfzig Jahren, verändert sich schlagartig als dieser eine Brille bekommt. Plötzlich sieht er aus wie ein Jude, d.h. plötzlich gehört er nicht mehr dazu. Er verliert seine Arbeit, sein Ansehen, ist Anfeindungen ausgesetzt, schließlich gewalttätigen Übergriffen. Im Lauf der Zeit verschafft ihm die Brille jedoch einen genaueren Blick auf die Realität, als er ihn jemals hatte. Dieser setzt einen Entwicklungsprozess in Gang, der ihn erkennen lässt, dass es nicht wichtig sein sollte, zu "welcher Rasse ein Mensch gehörte." Der 1945 erschienene und im letzten Kriegsjahr in New York spielende Roman bricht mit einem Tabu: er thematisiert den Antisemitismus in Amerika und er ist heute noch immer oder wieder von erschreckender Aktualität. Daneben ist er ein glänzendes literarisches Werk, das mit einer dichten Struktur sehr tief in die Seele eines Individuums und die einer Gesellschaft hineinführt.

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Nicol Ljubic: Ein Mensch brennt

In der Person des neuen Untermieters Hartmut Gründler bricht die Politik in das Leben der Familie Kelsterberg ein.

Der Roman spielt in Tübingen, Mitte der 1970er Jahre. Hanno Kelsterberg ist acht als Gründler einzieht, der Hannos Mutter mit seinem Kampf für eine bessere Welt fasziniert. Sie engagiert sich neben ihm für die Abschaffung der Atomenergie, entfremdet sich darüber der Familie, nicht nur Hanno fühlt sich in die zweite Reihe geschoben.

Nach Gründlers Selbstverbrennung in Hamburg im November 1977 zerbricht die Familie vollends, Marta widmet ihr Leben nun voll und ganz dem Andenken Gründlers und setzt seinen Kampf fort. Der Roman ist aus der naiven Perspektive des Kindes erzählt, der auf tragische Ereignisse blickt und versucht, sie zu verstehen. Dabei würde er viel lieber einfach Fußball spielen und sich seinem Sammelalbum widmen. In den Blick des Kindes mischt sich die Rückschau des Mittvierzigers Hanno, der eins ganz klar herausstellt: Gründler war ein Getriebener, der über dem Kampf für die Menschheit den einzelnen Menschen aus den Augen verlor. Die Frage, wohin Idealismus führen kann, zieht sich somit durch den ganzen Roman, den der Autor als einen "Familienroman" bezeichnet. Einer Familie, in die der Fundamentalismus eingebrochen ist.

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Karl Friedrich Borée: Frühling 45 -

Chronik einer Berliner Familie

Borée porträtiert durch die Augen seines Protagonisten und Ich-Erzählers Stein

die Zeit von Februar-August 1945.

Die Familie Stein konnte Charlottenburg verlassen, weil sie in Föhren, am Stadtrand gelegen, ein Haus zugewiesen bekam.

Dort erleben Stein, seine Frau und seine Tochter das Kriegsende und die Übergangszeit mit all ihren Schrecken und Hoffnungen. Hunger und Gewalt, aber auch unverhoffte Menschlichkeit prägen die Zeit. Lügen und Gerüchte wechseln sich ab mit wunderbaren Neuigkeiten, wichtig ist, dass das "Tor der Hoffnung" wieder offen steht. 

Borée liefert eine große Fülle an Informationen, er hat eine unmissverständliche Haltung, er ist ein grandioser Beobachter und porträtiert in seinem auf Tagebuch-aufzeichnungen beruhenden Roman verschiedene Menschen und ihr jeweiliger Umgang mit der Katastrophe sowie die Verwerfungen, die eine Zeitenwende mit sich bringt.

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Uwe Rada: 1988

Im Mai 1988 lernen sich der Westberliner Jan und die polnische Doktorandin Wiola in Kreuzberg kennen.  Es entwickelt sich eine komplizierte Beziehung, über der die Frage: ist es Freundschaft oder ist es Liebe? schwebt. So vielschichtig das Verhältnis der beiden, sind die Vorgänge in Mitteleuropa.

Jan, der mit Wiola nach Polen reist, begreift, dass Berlin und die dortige Revoluzzer-Szene eine Spielwiese ist, im Vergleich zum bitteren Ernst der politischen Lage in Polen. Aus dem Rückblick, mit einem Abstand von fast dreißig Jahren, erzählt Jan die Geschichte seiner Liebe zu Wiola, die so eng mit den Geschehnissen

der Zeit kurz vor der Zeitenwende verwoben ist, dass man die eine nicht ohne die andere erzählen kann. So entsteht eine episodisch-elliptische "Wiolastory", die dem Leser viel über Polen, Westberlin und die BRD, Revolutions- und andere Romantiker, sowie die Suche nach Boden unter den Füßen erzählt.

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Gerdt Fehrle:

Wie Großvater den Krieg verlor

Ein "Knabe" ist der Adressat vieler kleiner Geschichten, die den Roman zusammensetzen. Der Knabe hat sie von den beiden Großvätern gehört,

die beide Otto heißen und durch das angehängte Geburtsjahr unterschieden werden. Otto Nullacht und Otto Elf nehmen das Kind mit auf Spaziergänge und berichten von der Zeit vor dem Krieg, diesem selbst, seinem Ende und der schwierigen Nachkriegszeit. Ergänzt werden die Geschichten durch

einen Erzähler, der aus den Puzzleteilen ein Bild formt. 

Dieses zeigt auf fesselnde und authentische Art, wie erschütternd die Erlebnisse in der Vergangenheit waren,

wie tief sie in den Köpfen verankert sind und noch an die Enkelgeneration weitergegeben werden. Fehrle gelingt ein vielstimmiger Roman, der den Charme des mündlichen bewahrt hat und gleichzeitig die Gestaltungsmöglichkeiten der Literatur nutzt. So ist der Roman Familiengeschichte

und Ab-Bild einer Zeit, die zugleich weit zurückliegt und doch sehr nah da ist.

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Shenaz Patel: Die Stille von Chagos

Zwischen 1967 und 1973 wurden ca. 2000 Menschen von den Inseln des Chagos-Archipels deportiert. Die USA haben die unter britischer Herrschaft stehenden Inseln im Indischen Ozean für 50 Jahre gepachtet, um auf Diego Garcia eine Militärbasis zu errichten. Von hier aus  operieren die B-52-Bomber im Mittleren Osten.

Shenaz Patel hat das "alte" Leben auf der Insel, die Deportation und den Versuch eines Lebens im Exil an drei Menschen aufgezeichnet. Bis heute hat die chagossianische Bevölkerung nicht Fuß fassen können auf Mauritius, noch immer sind sie Fremde. Ohne Chancen. Sie leben mit und

für ihre Erinnerungen, doch den jungen Leuten ist selbst

dies verwehrt. Schlicht und eindringlich, ohne folkloristische Neugier zu bedienen, ohne einen anklagenden Ton, beschreibt die auf Mauritius lebende Schriftstellerin

das Schicksal eines Volkes, das stellvertretend für viele Menschen steht, die Opfer der großen Politik wurden.

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Johannes V. Jensen: Himmerlandsvolk

In zwölf Erzählungen schildert der Literaturnobelpreisträger von 1944 das dörfliche Leben der vorindustriellen Zeit. Selbst in Himmerland, Dänemark, geboren, porträtiert Jensen Menschen, die vor allem eines teilen: ein sehr hartes Leben.

In diesem gedeihen eher Hass und Neid als Hilfsbereitschaft, Armut und Kargheit bringen als Kehrseite der Medaille Unmäßigkeit hervor, die Leben zerstören kann. Die klar und ohne Abschweifungen geschriebenen Geschichten wirken wie die Porträts Edvard Munchs oder Paula Modersohn-Beckers: man schaut den Menschen gerade ins Gesicht, ihr Leben ist ihrem Körper eingeschrieben.

Die Farben sind klar, die Dargestellten ungeschönt und wahrhaftig. 

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John Clare: Reise aus Essex

Clare gehört in England zu den großen Naturdichtern der Romantik.

In Deutschland ist er weitgehend unbekannt, nun liegt endlich ein Band mit autobiographischen Schriften vor, die es ermöglichen, den Dichter zu entdecken. Detailliert und mit dem Anspruch der Wahrhaftigkeit beschreibt Clare in diesen Fragmenten seine Entwicklung von Kindesbeinen an bis zum Mannesalter und sich einstellendem Erfolg als Dichter. Herzstück des Buches ist der Bericht über einen viertägigen Gewaltmarsch nach der Flucht aus einer psychiatrischen Anstalt, in die er mit achtundvierzig Jahren eingewiesen worden war. An Körper und Seele völlig zerschunden kommt er zu Hause an, sein Text beschreibt eindrücklich seine Verzweiflung. Er kommt nicht wieder auf die Beine und verbringt die letzten dreiundzwanzig Jahre seines Lebens in der Psychiatrie. Doch die Gedichte und Essays, die er zuvor schrieb, sind einzigartig und machen ihn zu einem großartigen Chronisten des englischen Landlebens.

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Graham Greene & Annika Siems:

Der dritte Mann

Wien, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, die Stadt ist unter den Alliierten aufgeteilt. Dorthin kommt Rollo Martins auf Einladung seines Freundes Harry Limes. Doch Martins kommt gerade rechtzeitig zur Beerdigung Harrys, er wurde überfahren. Martins kommen Zweifel, er vermutet einen Mord. Er spürt dem Vorfall nach und muss erfahren, dass Harry der Kopf einer Schieberbande war, die mit Penicillin sehr viel Geld verdiente. Es entwickelt sich eine spannende Kriminalgeschichte, die im Kern die Frage nach Gut und Böse stellt. Der gleichnamige Film von Carol Reed ist ein Klassiker, die Lektüre des Buches ist trotzdem sehr lohnenswert, da hier die erzählerische Tiefe besser erfasst werden kann. Außerdem bereichert Annika Siems die vorliegende Ausgabe mit ihren Tuschezeichnungen in Sepia und Schwarz, deren Licht- und Schattenspiele den Geist der Zeit und der Stadt wunderbar in Szene setzen.

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Mark Mulholland:

Eine wahnsinnige und wundervolle Welt

Irland in den 1980er und 90er Jahren, der Konflikt mit den Briten währt Jahrzehnte. Jeder (junge) Mensch muss sich die Frage stellen, wie er sich zur IRA verhalten soll. Johnny, der Held des Buches, geb. 1972, wird von seinem Geschichtslehrer zum Scharfschützen ausgebildet, seinen ersten Mord begeht er mit sechzehn Jahren. Kein Mensch ahnt, welches Doppelleben er führt, er selbst ist davon überzeugt, das Richtige zu tun. Bis er als Neunzehnjähriger Cora kennen lernt, das Mädchen, mit dem er sein Leben verbringen möchte. Er muss ihr versprechen, "nichts Böses zu tun" -

dies setzt einen Prozess in Gang, in dem starke Zweifel am Sinn des bewaffneten Kampfes in ihm aufkommen. 

Zum einen Teil ist das Buch ein Entwicklungsroman,

der Leser begleitet Johnny auf seinem Weg ins Leben. 

Zum anderen ist es ein politisches Buch, das ganz konkret aufzeichnet, wie ein vererbter Konflikt das Leben eines Menschen bestimmt. Wie ein junger Mann, der sich als Befreier sieht, zum Terroristen wird. Und wie schwer es ist, aus einem Krieg wieder herauszukommen.

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Antanas Skema: Das weisse Leintuch

Skema schrieb diesen Roman zwischen 1952 und 1954, der Held Antanas Garsva

ist sein Alter Ego. Der während des Zweiten Weltkrieges aus Litauen über Deutschland in die USA emigrierte Dichter arbeitet als Liftboy und versucht in immer neuen Ansätzen das zu fassen, was in diesem

20. Jahrhundert geschehen ist. Mit Litauen und der europäischen Kultur, mit seinem eigenen Leben.

Es entsteht ein dichtes Geflecht aus Erinnerungen, Episoden, Überlegungen und Wahrnehmungen, das up and down des Aufzugs begleitet das Hin und Her der Gedanken Garsvas.

Der Leser hat die Aufgabe, viele Puzzleteile zusammen zu setzen - er wird dafür mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt.

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Takis Würger: Der Club

Hans wird von seiner Tante aus einem Internat in Bayern an die Universität in Cambridge geholt. Er soll dort studieren,

vor allem aber ein Verbrechen aufklären, von dem sie ihm nicht sagt, worum es sich handelt. Hans lässt sich auf dieses Experiment um Lüge und Wahrheit ein.

Er findet Aufnahme in das Boxteam der Uni und in den legendären Pitt Club, der mit dem Verbrechen in Zusammenhang steht. Dieses Debüt ist Entwicklungs- und Gesellschaftsroman, der Held muss lernen, welch mächtige Triebfeder Rache ist. Er ist nicht der "Hans im Glück", aber er ist sehr reflektiert und hat gute Chancen, dass das Glück im Leben sich noch einstellen wird.

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Gerdt Fehrle: Unter uns das stille Land

Ben kommt 1933 als Zwölfjähriger wie vom Himmel gefallen in die englische Kleinstadt Wells. Linda erhält von der Lehrerin den Auftrag, sich um ihn zu kümmern. Anfangs macht sie das nur widerwillig, später wird Ben zum Teil der Familie.

Der Kriegsausbruch 1939 verändert das Leben aller, Ben und Linda gehen beide zur Air Force. Er ist ein kaltblütiger und sehr erfolgreicher Pilot, der den ganzen Krieg über fliegt, Linda überlebt wie durch ein Wunder den Angriff auf Coventry. Nachdem sich ihre Wege getrennt hatten, treffen sie 1944 in Wells wieder zusammen. Ben wagt erst jetzt, Linda sein Geheimnis zu offenbaren, das er die ganzen Jahre über gehütet hat. Sie glaubt ihm nicht und verlangt einen Beweis, den er nicht erbringen kann.

Der Roman ist ausgeklügelt konstruiert, in den Erzählfluss gestreute Hinweise (Ben ist nicht der Einzige, der ein Geheimnis hat) bauen eine große Spannung auf. Es gibt nicht die eine Hauptperson aus deren Perspektive alles erzählt wird, die historische Zeit ist nicht nur Hintergrund, sondern dramatisches Element, das das Geschehen vorantreibt.

Die facettenreiche und gut erzählte Geschichte bleibt spannend bis zur letzten Seite.

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Francesca Melandri: Eva schläft

Eva, uneheliche Tochter Gerdas, bekommt völlig unerwartet einen Anruf von Vito.

Das ist jener Mann, der als junger Carabiniere aus Kalabrien seinen Militärdienst in Südtirol ableistete und sich dabei in Gerda verliebte. Kurz vor der geplanten Hochzeit verschwand er aus Tirol, aus Gerdas und Evas Leben. Nun liegt er im Sterben und möchte Eva noch einmal sehen. Diese tritt die Reise mit dem Zug an - von Bozen nach Reggio Calabria, das sind fast 1400 Kilometer. Sie hat viel Zeit, um über die Vergangenheit nachzudenken. Dabei wechseln sich Passagen aus ihrem eigenen Leben ab mit einer umfassenden Darstellung der Geschichte des Landes, die eine harte und wechselhafte war. Die einzige Konstante: der Kampf um Unabhängigkeit. Dieser wurde mit Worten und Bomben ausgetragen, Angst und Gewalt trafen jeden, der dort lebte - bis hin zu Foltertoten im Bozener Gefängnis. Der Roman basiert auf historischen Fakten, in die so geschickt die Geschichte Gerdas und Evas eingewebt ist, dass der Leser zugleich einen Roman und ein Geschichtsbuch liest.

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Pola Oloixarac: Kryptozän

Cassio, geboren Anfang der 1980er Jahre, ist ein Computer-Wunderkind. Zusammen mit dem Internet wächst er auf und lehrt schon als Vierzehn-jähriger das Pentagon das Fürchten. Er wird einer der ganz Großen in der Hacker-Szene - mit Menschen kann er überhaupt nicht umgehen. Nach einer Phase des Frustes und Stillstandes bekommt er das Angebot, bei einem Projekt mitzuarbeiten, das sich mit der Erfassung von Gendaten befasst. Im Klartext geht es um die Verbindung von digitaler und biologischer Welt. Cassio macht diesen letzten Schritt und nimmt damit an einem Experiment teil, das mit der Erforschung und Kartierung des Dschungels im 19. Jahrhundert begann und dessen Zauberwort "Transhumanismus" war.

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Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Dieser Roman spielt in den 1950er Jahren

in Neapel. Die unzertrennlichen und sehr ungleichen Freundinnen Elena und Lila kämpfen um ihren Platz im Leben.

Die hochintelligente Lila hat das Pech, nach der Grundschule in der Schusterwerkstatt ihres Vaters mitarbeiten zu müssen, während Elena Mittelschule und Gymnasium besuchen darf. Trotz all ihrer Bildung fühlt sich Elena nicht gleichwertig: Lila ist ihr im Leben immer mindestens einen Schritt voraus. Doch auch Lila steht auf wackligen Füßen und gibt einen

Teil ihrer eigenen Sehnsüchte an Elena ab. Es entsteht eine spannungsreiche Beziehung mit wechselseitigem Bewundern, Fremdsein, Vertrauen und Unverständnis.

Dies alles eingebettet in ein reiches Geflecht aus Beziehungen zu Verwandten, Nachbarn, Mitschülern, Verehrern und Freunden - und in die Stadt Neapel, die eine weitere Protagonistin des Romans ist. Die Geschichte ist sehr plastisch, sehr lebendig, hochinteressant, wunderbar menschlich und erzählt Geschichte aus weiblicher Sicht.

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Andrea Stefanoni: Die erinnerte Insel

Consuelo und Rogelio müssen Spanien verlassen, weil Rogelio auf Seiten der Republikaner gekämpft hat.

In Argentinien bauen sie sich ein neues Leben auf, was ihnen mit harter Arbeit gelingt. Sie besitzen bald ein Haus auf ihrer eigenen kleinen Insel, ihre beiden Kinder können in Sicherheit aufwachsen. Consuelo macht nur einmal einen gravierenden Fehler,

die Vertrautheit mit ihrer Tochter Elvira leidet sehr darunter. Doch Jahre später kommt Elvira mit ihren Kindern immer wieder zu Besuch. Diese genießen das abenteuerliche Leben auf der Insel, die Enkelin Sofia fühlt sich tief mit Consuelo verbunden. Sie wird später die Familiengeschichte erforschen und aufschreiben, dabei gelingt ihr neben dem Porträt der Familie auch ein fundierter Blick auf eine Epoche Europas und das Thema Auswanderung bzw Neuanfang.   

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Shumona Sinha: Kalkutta

Trisha kehrt anlässlich der Einäscherung ihres Vaters in ihre Heimatstadt Kalkutta zurück. Vor vielen Jahren verließ sie diese, um in Paris zu leben. Mit der Rückkehr in das Elternhaus und der Berührung vieler Gegenstände kommen die Erinnerungen zurück. Sie erzählt von den Eltern und der Großmutter, geht bis zur Urgroßmutter zurück, deren Leben wie ein Stück mystische Urgeschichte erscheint. Sie berichtet aber auch ausführlich von der politischen Entwicklung Indiens bzw Westbengalens seit den 1970er Jahren.  

Sehr eindrucksvoll verflicht die Autorin die feinen Fäden menschlicher Beziehungen mit den kollektiven Geschehnissen eines Landes. Sie reflektiert die "Macht der Worte", denen der "Brunnen aus Schweigen" gegenübersteht. Mit ihrer Geschichte öffnet sie eine Tür in ein fremdes Land - und versucht dem Schweigen (der Mutter) zu entkommen.

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James L. Mitchell: Szenen aus Schottland

Eine Auswahl von sieben Erzählungen und Essays aus dem 1934 erschienenen Werk "Scottish Scene" gibt einen profunden Einblick in die Erzählkunst des schottischen Schriftstellers, der in seiner Heimat sehr berühmt, hierzulande weitgehend unbekannt ist. Selbst aus einer Bauernfamilie stammend, kennt Mitchell das harte Leben

auf dem Land, dessen karge Erde nur widerwillig Früchte hervorbringt. Der Menschenschlag ist ähnlich hart und im ewigen Kreislauf von säen und ernten gefangen - und das unter noch immer feudalen Zuständen. Als Utopie taugen die Städte nur bedingt, sind die Slums von Glasgow oder die Armenviertel von Aberdeen Beweise dafür, dass es noch viel Ungerechtigkeit gibt. Der überzeugte Kosmopolit Mitchell beschreibt ganz eindrücklich und eindringlich das Leben der Menschen, und er weist ganz klar darauf hin, wie er sich eine Lösung der Probleme vorstellen kann. Seine Texte sind kritisch und voller Liebe zu den Menschen und der Landschaft, ohne Romantik, dafür mit viel Empathie und warmherziger Ironie.

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Bastian Asdonk: Mitten im Land

Ein Ich-Erzähler gibt seinen Bürojob und sein ganzes bisheriges Leben auf.

Er lässt sich auf dem Land nieder, die Früchte seines Gartens sollen ihn ernähren. Das Vorhaben fängt gut an,

er ist glücklich mit der körperlichen und sinnvollen Arbeit. Doch dass die Dorfbewohner den Fremden nicht wollen, wird ihm schnell sehr drastisch klar gemacht. Die Lösung könnte die Aufnahme in eine Hofgemeinschaft sein, in der sich der Erzähler wohl und sicher fühlt. Doch die entpuppt sich als die andere Seite derselben Medaille und der Leser begreift fassungslos,

wie unmöglich es sein kann, nach eigenen Vorstellungen in Frieden zu leben. Sich der Modernisierung zu verweigern, dann in extrem dunkle Zeiten und Denkmuster zurückführen.

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Paul McVeigh: Guter Junge

Mickey hat gerade die Elementary School hinter sich und träumt von einer besseren Zeit auf der St. Malachy´s - die neue Schule ist seine einzige Hoffnung, den Grausamkeiten seiner Klassenkameraden zu entkommen. Doch der Traum platzt, seine Eltern haben kein Geld für diese Schule.  Neun Wochen Sommerferien verbleiben ihm, um sich mit diesem Gedanken anzufreunden, neun Wochen,

die er in seinem Stadtteil Ardoyne, Belfast, verbringt.

Der katholische Teil ist genau so arm wie die protestan-tischen Teile, in der Stadt regiert die Gewalt der Briten, der IRA und der Randalierer von beiden Seiten.  Kein guter Ort für ein verträumtes, naiv-ehrliches und phantasievolles Kind, das nicht in die Kategorie "ein richtiger Junge" fällt.

Er möchte auch lieber ein guter Junge sein, um seine Mutter glücklich zu machen, die sehr unter dem saufenden Vater leidet. Mickey träumt unverdrossen von einem Leben in Amerika, er schmiedet Pläne, wie er gleichzeitig den Vater loswerden und dorthin gelangen könnte - und all das neben der ersten Liebe,  dem Verlust seines geliebten Hundes und der alltäglichen Gewalt um ihn herum.

Ein sehr warmherziges Buch, das einen Kämpfer in den Mittelpunkt stellt: er kämpft für sein Leben, seine Zukunft, seine Träume.

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Nona Fernandez:

Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Rucias und Indios Vater verschwand, als die beiden kleine Kinder waren. Die Mutter verließ am nächsten Tag Santiago de Chile und ging mit ihnen nach Europa. Viele Jahre später kommt die Mutter bei einem Autounfall ums Leben, Indio und Rucia überleben schwer verletzt. Wenig später erhält Rucia einen Anruf von Indio, der nach Chile zurückgekehrt ist, sie solle zu ihm kommen. Sie überquert den Atlantik, findet ihren Bruder aber nicht. Sie gerät ganz tief in ein Geflecht aus Erinnerungen, Träumen und Alpträumen, sie lernt Fausto, den Historiker der offiziellen Geschichte des Landes, kennen, begreift lange nicht, wer er ist. Sehr beeindruckend und hochinteressant schichtet Fernandez, eine der wichtigsten Autorinnen Südamerikas, ihren Roman, der viele Fragen stellt, wenige Antworten gibt. Die Protagonisten führen vor, wie schwierig es ist, festen Boden unter die Füße zu bekommen. Als radikal Entwurzelte bleibt ihnen nur die Liebe zueinander, doch auch die ist verboten.

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J.M. Coetzee: Leben und Zeit des Michael K.

Michael K. gerät wie Kafkas Josef K. in die Mühlen von Mächten, die er nicht greifen kann. Im vom Bürgerkrieg verwüsteten Südafrika der 1980er Jahre irrt der  unbedarfte Mann umher auf der Suche nach einem Ort, an dem er in Ruhe leben und einen Garten bebauen kann. Dies bleibt ihm verwehrt. Immer wieder muss er fliehen, wird interniert, flieht wieder und gerät noch weiter an den Rand der menschlichen Zivilisation. Sofern es diese zu dieser Zeit an diesem Ort überhaupt gibt. Michael bleibt ein Fremder, ein Mann, der die existentielle Einsamkeit des Menschen verkörpert. Sprachlich und in seiner Universalität ein sehr eindringlicher und kraftvoller Roman des Nobelpreisträgers.                                                                                                Zur Besprechung

 

 

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!

Eine Dolmetscherin der französischen Asylbehörde schlägt in der Metro einem unbekannten Mann eine Weinflasche auf den Kopf. Er hatte sie beleidigt und angegriffen, vor allem aber ist er einer aus jener Masse von Menschen, deren Geschichten sie sich Tag für Tag anhören muss und von denen sie weiß, dass sie erfunden sind. Aus dem einzigen Grund, die Entscheider der Behörde zu überzeugen. Der einem Gedicht von Baudelaire entlehnte Titel ist nicht etwa die Aufforderung, alle Armen totzuschlagen, sondern sich zu überlegen, in welche Mühle das geltende Recht alle stürzt, die mit ihm zu tun haben.

Sinha war selbst Dolmetscherin, sie verlor nach Erscheinen dieses Buches ihren Arbeitsplatz bei der Behörde.

Sie hat aber keine Anklageschrift verfasst, sondern einen sprachmächtigen, bilderreichen Roman, sehr durchdacht und hochpolitisch - und sehr menschlich in der Frage:

Wie weit kann ich gehen?

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Michael Wildenhain:

Das Lächeln der Alligatoren

Anfang der siebziger Jahre macht der fünfzehnjährige Mattias Urlaub mit seiner Mutter auf Sylt. Dort lebt der behinderte Bruder in einem Heim.

Als Matthias Marta kennen lernt, eine Pflegerin des Bruders, verliebt er sich in sie. Jahre später trifft er sie in einem Seminar an der Uni wieder. Die alte Verliebtheit ist noch da, kurze Zeit werden sie so etwas wie ein Paar. Dass Marta einer revolutionären Zelle angehört, merkt Matthias spät, ob sie ihn vielleicht nur benutzt hat, fragt er sich ein Leben lang. Dieser komplexe, sehr interessant strukturierte Roman zeichnet über dreißig Jahre hinweg ein Leben auf, das zwischen größtmöglichen Polen schwankt. Der Junge aus

der Villa und die Terroristin, der Professor mit dem geistig behinderten Bruder, der Naziarzt: ihre Leben sind unauflösbar miteinander verwoben.

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adriana altaras: titos brille

"Die Geschichte meiner strapaziösen Familie" - so der Untertitel - erzählt die Geschichte der Familie Altaras, die in den 1960ern aus Jugoslawien fliehen musste und in Gießen strandete. Nach dem Tod der Eltern hat die Tochter Adriana eine Mammutaufgabe zu bewältigen: sie muss die Wohnung, die seit 40 Jahren nicht mehr ausgemistet wurde, räumen. Aus Bergen von Papier stürzen Erinnerungen und Informationen auf sie ein, die aus einem schon ziemlich chaotischen Leben ein Karussell machen.

Das lässt sich nur mit ganz viel Witz und Chuzpe meistern. Außerdem hat sie einen westfälischen Ehemann, der ihre "jüdischen Neurosen" mit stoischer Ruhe erträgt...

Adriana Altaras bringt persönliche Erlebnisse und Gefühle, Einsichten und Zweifel wunderbar mit den Ereignissen der Zeitgeschichte unter einen großen Hut. Mal ganz nüchtern, dann wieder sehr bewegt und durchgehend mit sehr viel Humor und sehr guter Beobachtungsgabe. 

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Penelope Fitzgerald: Die Buchhandlung

Florence Green eröffnet Ende der 50er Jahre eine Buchhandlung in einer Kleinstadt an der englischen Südküste. Damit durchkreuzt sie die Pläne der moralischen Schirmherrin der Stadt,

die in Old House ein Kulturzentrum einrichten wollte. Mrs. Green schlägt sich wacker, doch gegen den Einfluss von Mrs. Gamart kann sie sich schließlich nicht durchsetzen. Die Stärke des Romans, der die englische Klassengesellschaft vor Augen führt, liegt in seinem wunderbar ironischen Stil. Er ist so britisch wie ein Weihnachtspudding und noch köstlicher.

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Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

Preising, ein Schweizer Unternehmer, urlaubt in einem tunesischen Luxus-Resort, als das englische Finanzwesen zusammenbricht. Da in diesem Hotel auch eine Gruppe von siebzig Engländern weilt, die eingeflogen wurde, um standesgemäß die Hochzeit eines Paares zu feiern, das

"in der City tätig ist", erlebt Preising dort den Kollaps der westlichen Zivilisation.

Ist ein Mensch ohne Kreditkarte immer noch ein Mensch?

So platt fragt Lüscher nicht, er spielt die Geschichte mit scharfsinniger Ironie, die sich mitunter ins Groteske steigert durch. Er hütet sich vor Schwarz-Weiß-Denken, und arbeitet sehr viele Farbtupfer in seine konzentrierte Geschichte ein. Damit vereinigt er gekonnt Tiefgang mit Unterhaltungswert.

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Nadine Gordimer:

Ein Mann von der Straße

Abdu, ein illegal in Johannesburg lebender Araber und Julie, eine Tochter aus bestem Haus, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Als er ausgewiesen wird, tut sie das Undenkbare: sie begleitet Abdu in sein Heimatland. Dort ist er wieder Ibrahim, eingebunden in eine Großfamilie und er will nur eines: so schnell wie möglich wieder weg.

Sein großer Traum ist Amerika. Julie hingegen lebt sich unerwartet gut ein, sie scheint in dem muslimischen, rückständigen Land einen Platz gefunden zu haben.  

Der Roman ist eine sehr subtil erzählte Liebesgeschichte, eingebettet in kulturelle und politische Zusammenhänge,

die ihm eine sehr große Dimension geben und die Fragen nach Herkunft, Prägung, Wahlfreiheit und Möglichkeiten gegenseitigen Verständnisses stellen.

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Joao Ricardo Pedro:

Wohin der Wind uns weht

Der Enkel Duarte blickt zurück auf seine Eltern und Großeltern. In deren Leben spiegelt sich die Geschichte Portugals im

20. Jahrhundert. Einen weiten Blick über das kleine Land hinaus bieten die Briefe Policarpos: ein Freund des Großvaters, der die Welt bereiste, schickt jedes Jahr einen langen Brief, vierzig davon haben sich angesammelt. Sie sind Kern vieler Gedanken, Geschichten und Rätsel, die Duarte zu lösen versucht. Auf viele Fragen findet er keine Antwort, und der Leser muss sehr aufmerksam sein, um die Puzzleteile zusammensetzen zu können. Eines aber wird schnell klar: Duarte sucht nach Herkunft und Heimat.

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Johannes Anyuru:

Ein Sturm wehte vom Paradiese her

Der junge Autor Anyuru erzählt in diesem Roman das Leben seines Vaters. Dieser kam 1967 von Uganda nach Griechenland, um dort zum Kampfpiloten ausgebildet zu werden.

Als Idi Amin 1971 die Macht in Uganda an sich reißt, verändert dies das Leben Ps

(so wird der Vater genannt) vollständig. Er kann nicht mehr nach Uganda zurück, aber er will fliegen. In Europa geht das nicht, er nimmt eine Stelle in Sambia an, dort soll er Sprühflugzeuge fliegen. Das glaubt ihm niemand: er wird in Tansania als Spion verhaftet, sitzt im Gefängnis, in Lagern. Er kann fliehen, aber ein neues Leben beginnen kann er nicht. Dafür ist zu viel passiert. Eindrucksvoll und sehr reif zeichnet Anyuru die Lebensgeschichte des Vaters nach, der in die Mühlen der Weltgeschichte geriet.

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Jenny Erpenbeck:

Gehen, Ging, Gegangen

Der emeritierte Professor Richard nimmt Kontakt auf zu den Flüchtlingen, die von 2012-14 auf dem Berliner Oranienplatz leben und dort gegen das deutsche Asylrecht protestieren. Er lernt die Männer und die Justiz kennen, verfolgt ihre von Beginn an zum Scheitern verurteilten Versuche, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Erpenbeck hält sich an die Chronologie der Ereignisse und gestaltet aus diesen einen Roman, der in seiner literarischen Wirklichkeit die Realität schmerzlich reflektiert. Ihr Verdienst ist, dass sie aus den anonymen Flüchtlingen Menschen schält, die trotz traumatischer Erlebnisse willens sind, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Wenn man sie denn ließe.

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Ralf Rothmann: Milch und Kohle

Aus der Perspektive des fünfzehnjährigen Simon wird ein Familienleben der Endsechziger beschrieben. Die jungen Eltern verließen den Bauernhof in Schleswig, um in die Stadt zu ziehen, die so viel mehr bietet als Mist und Gülle.

Im Ruhrpott versuchen sie das deutsche Wirtschaftswunder zu leben: eine hübsche Wohnung, Tanzvergnügen im Café Maus, Vergessen des Kriegstraumas. Unter der Oberfläche jedoch gärt es mächtig, der Teppich ist nicht groß genug, um all das darunter zu fegen, was unsichtbar bleiben soll. Rothmann evoziert die Stimmung und das Lebensgefühl der Endsechziger vortrefflich, die Charaktere sind in ihrer Vielschichtigkeit klar gezeichnet und es wird deutlich, wie hoch der Preis für ein "besseres" Leben war.

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Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Als Siebzehnjährige werden Walter und Fiete, zwei Melkerlehrlinge aus Norddeutschland, im Februar 1945 zwangsrekrutiert, zur Waffen-SS.

Wochen später treffen sie sich in Ungarn wieder, Fiete liegt im Lazarett. Kurz darauf versucht er zu desertieren, wird gefasst und soll erschossen werden. Walter verwendet sich beim Kommandanten für seinen Freund, erfolglos. Er wird einer derjenigen sein, die den Karabiner auf Fiete anlegen. 

In diesem Roman, der vollständig ohne Kriegsromantik auskommt, vereinigen sich eine realistische Beschreibung der Geschehnisse und Zustände mit einer in poetischer Sprache sich manifestierenden Sympathie des Autors für seine tragischen Helden.

Dieser Roman könnte ein Klassiker der Antikriegsliteratur werden - Klang, Form und Inhalt bilden eine Einheit,

das Gespräch Walters mit Kommandant Domberg veranschaulicht sehr konzentriert Kälte, Perversion und Zynismus der Mächtigen.  

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Peter Richter: 89/90

Richter ist fünfzehn, als die DDR im Jahr 1989 beginnt, sich endgültig aufzulösen.

Er gehört zum letzten Jahrgang, der noch das normale Programm (FDJ, Wehrerziehung etc) durchläuft. Er erlebt in Dresden den Niedergang des gewohnten Lebens, das Machtvakuum, in das die Rechten drängen, er erlebt den Krieg rivalisierender Vorstellungen, den Mauerfall und die Wiedervereinigung. Er mischt kräftig mit, beobachtet genau und schreibt nach 25 Jahren seine Erinnerungen an diese Zeit nieder. Damit verändert er den Blick auf die sogenannte "Friedliche Revolution": sie war nicht überall so friedlich, wie das heute dargestellt wird.

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 Kamila Shamsie:

Die Straße der Geschichtenerzähler

Die junge Archäologin Vivian Spencer genießt bei Ausgrabungen in der Türkei und später bei Peschawar Freiheiten, die sie in England nicht hat - sich diese Freiheiten dort aber nur als Engländerin nehmen kann. Der Erste Weltkrieg verändert die Situation, sie muss die Türkei 1914 verlassen. Später reist sie zu Ausgrabungen nach Peschawar, sie will einen legendären Silberreif aus dem Jahr 500 v.C. finden. Dort gibt sie ihre Leidenschaft für die alten Zeiten an den jungen Najeeb weiter und kommt den blutigen Kämpfen der indischen Befreiungsbewegung sehr nah. In ihrem Roman verknüpft Shamsie persönliche und politische Entwicklungen, sie fängt den Zauber des Orients ein, führt die Geschichte auf einen ruhigen Punkt in diesem Strudel an Ereignissen zu - der Leser kann tief in eine fremde und ferne Welt eintauchen und den Kampf um Freiheit auf allen Ebenen miterleben. Er reicht vom Recht auf Lesen-lernen bis zu dem Recht auf die eigene Geschichte und Regierung des Landes. 

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T.C. Boyle: Hart auf Hart

Adam, der jegliche Autorität ablehnt und davon träumt, als Waldläufer zu leben wie sein großes Vorbild John Colter, sieht sich selbst als Freiheitskämpfer. Er baut sich einen Bunker im Wald, um gewappnet zu sein, wenn es hart auf hart kommt. Seine Sehnsucht nach Freiheit paart sich mit Verfolgungswahn und wird zerstörerisch, sein Festhalten an einem alten amerikanischen Mythos offenbart, wie uralt, veraltet und mörderisch manche Vorstellungen Amerikas heute noch sind.

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Martin Suter: Montecristo

Der Videojournalist Brand sitzt zufällig in einem ICE, aus dem ein Mann stürzt. Er hält kurze Zeit später zwei Hunderter mit identischer Seriennummer in der Hand. Er wird auf der Straße zusammen-geschlagen und völlig unerwartet wird sein Filmprojekt "Montecristo" nun doch finanziert. Sollte es einen Zusammenhang zwischen diesen Zufällen geben - worin bestünde dieser? Brand gerät in Lebensgefahr, als er sich bei seinen Recherchen in die Welt des ganz großen Geldes begibt und Mosaiksteinchen zusammensetzt, die Unglaubliches ans Licht bringen (könnten). 

Ein hochaktuelles Gedankenspiel um die Macht und Machenschaften der Banken ( mit Wissen oder Hilfe der Politik), das durch Swiss-Leaks noch wahrscheinlicher wird.

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Michael Köhlmeier:

Zwei Herren am Strand

Chaplin und Churchill, zwei Herren,

die verschiedener nicht sein könnten,

eint eine tiefe Freundschaft.

Ein gemeinsamer Feind verbindet sie:

der schwarze Hund, so nennen sie die Depression, die beide regelmäßig heimsucht. Und: beide kämpfen gegen Hitler, der eine mit Kunst, der andere mit Waffen.

Eine fiktive Doppelbiographie von tiefer poetischer Wahrheit, die vom tiefsten Schmerz bis zur höchsten Komik die ganze Welt offenbart.

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Andrea Camilleri: Die Revolution des Mondes

Einen Monat lang wird Sizilien im Jahr 1677 von einer Frau regiert. Sie leistet in dieser kurzen Zeit scheinbar Unmögliches: Bekämpfung der Korruption, drastische Steuersenkungen, Umverteilung des Vermögens. Der Roman, der auf historischen Tatsachen beruht, erscheint wie eine in der Vergangenheit angesiedelte Utopie: für kurze Zeit gewinnt das Gute die Oberhand. Der Roman ist spannend wie ein Krimi, anschaulich wie ein Bühnenstück und dabei auch noch lehrreich, hintersinnig und unterhaltsam.

Ein echter Camilleri.

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Karl August Tavaststjerna: Harte Zeiten

Finnland im Hungerwinter 1867/68: Hungernde ziehen durchs Land auf der Suche nach Arbeit und Nahrung. Viele finden eine Stelle beim Eisenbahnbau, jedoch unter katastrophalen Bedingungen. Alte und neue Zeit prallen aufeinander, mancher möchte sich durch Betrug ein besseres Leben sichern. Der Dichter erschafft mit diesem Roman, der zu den bedeutendsten des 19. Jahrhunderts gehört, lebendige Menschen, deren Schicksale die Lebensbedingungen der Zeit realistisch darstellen.

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Owen Matthews: Winterkinder

"Drei Generationen Liebe und Krieg" lautet der Untertitel: die Geschichte der Familie Matthews´ beginnt 1930 in Moskau und reicht bis heute. Owens Mutter erlebte nach der Verhaftung ihres Vaters eine schwierige Kindheit in Waisenhäusern. Der kalte Krieg trennte sie 1964 von ihrem Geliebten, dem es erst nach Jahren gelang, sie von Moskau zu sich nach England zu holen. In dieser britisch-russischen Familie spiegeln sich Jahrzehnte europäischer Geschichte, berührend erzählt vom Sohn bzw Enkel.

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Robert Seethaler: Der Trafikant

Franz, Lehrling eines Rauchwaren- und Zeitungsladens  in Wien, macht die Bekanntschaft des weltberühmten

Dr. Sigmund Freud. Und er lernt die Macht eines Diktators kennen, der ganze Nationen um den Verstand bringt.

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Taiye Selasi:

Diese Dinge geschehen nicht einfach so 

Kwaku, Fola und ihre 4 Kinder leben über mehrere Kontinente verstreut, die Familie ist zerfallen. Zur Beerdigung Kwakus treffen sie sich nach langer Zeit wieder. Sie stellen sich ihren Erinnerungen und entdecken, was "Familie" bedeutet. Eine ganz neue Art von Familienroman, eine Autorin, die viel bei Toni Morrison gelernt hat, ein grandioses Debüt.

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Volker Weidermann: Ostende 1936

In diesem "Sommer der Freundschaft" trifft sich eine Gruppe von Exilanten um die beiden Schriftsteller Joseph Roth und Stefan Zweig, die eine enge Freundschaft verbindet. Von dem belgischen Seebad aus verfolgen sie die Entwicklungen in Deutschland und versuchen weiterhin zu schreiben, zu leben und nicht in Verzweiflung zu versinken. Eine Zeit lang können sie dem Heimat- und Sprachverlust die Stirn bieten, doch das verlangt (fast) übermenschliche Kräfte.

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