Die neuesten Empfehlungen

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Mai 2019

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Francesca Melandri: Über Meereshöhe

Luisa und Paolo begegnen sich zufällig auf der Fähre, die sie zur Gefängnis-Insel bringt, auf der Luisas Mann, ein Mörder, und Paolos Sohn, ein Terrorist, im Hochsicherheitstrakt sitzen.

Ein Sturm verhindert die Rückfahrt,

sie müssen die Nacht auf der Insel verbringen - sie fangen an zu reden, sich zu erklären, die Erinnerungen in Worte zu kleiden, Verbindungen herzustellen. Im Schutz der Nacht entsteht eine große Nähe und Aufrichtigkeit, sich selbst und dem anderen gegenüber. Melandris fesselnde Geschichte handelt an zwei Tagen und zwei Nächten, sie erzählt jedoch mehr als ein ganzes Leben.

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Marilina Giaquinta: Malanotte

Stimmen in der Nacht

Die Dichterin Marilina Giaquinta gibt den Einsamen, den Gestrandeten, jenen, die an der Schwelle zwischen Leben und Tod existieren, eine Stimme. Ihre Mikro-Erzählungen sind ruhig, fast innig, fühlen sich mit viel Empathie in die Menschen ein und reflektieren deren Gefühle und Gedanken mit großem poetischen Können. Sie kreiert eine eigene Sprache, die mehr transportiert als den Inhalt und damit nicht Mitleid, sondern Sympathie schafft - eine außergewöhnliche Gabe.

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Ekaterine Togonidze:

Einsame Schwestern

Lina und Diana teilen sich einen Körper, ansonsten sind die siamesischen Zwillinge sehr unterschiedlich. Eines haben sie gemeinsam: die Liebe zu ihrem Tagebuch. Eine jede hat ihr eigenes Heft, dem sie Gedanken, Träume, Wünsche und Ängste anvertraut. Aus diesen beiden Stimmen setzt Ekaterine Togonidze ihren beeindruckenden Debütroman zusammen, zu dem sich als weitere Perspektive der Vater der Mädchen gesellt. Er erfährt von ihrer Existenz aus einem Beileidsschreiben des Krankenhauses. Es dauert lange, bis er glaubt, dass wirklich er der Vater dieses "Monsters" ist und erst, als er die Tagebücher ausgehändigt bekommt, erfährt er, wo und wie Lina und Diana lebten und was sie in den Tod trieb. Die Kernaussage des Romans ist:

die eigentliche Katastrophe im Leben von Lina und Diana ist nicht ihre körperliche Statur, nicht die Tatsache, dass sie siamesische Zwillinge sind, die Katastrophe sind die "Menschen draußen". Diese Aussage lässt sich keineswegs auf Georgien, wo dieser Roman spielt, beschränken.

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Luo Lingyuan: 

Die chinesische Orchidee

Su Lifei stammt aus einer durch die Kulturrevolution verarmten Familie. Sie möchte die Schande, zu den "Schwarzen" gehört zu haben, endgültig abwaschen. Die Ehre der Familie wieder herstellen bedeutet ab den 1990er Jahren: reich werden. Lifei gelingt ein märchenhafter Aufstieg von der kleinen Angestellten zur Immobilien-maklerin. Dass dabei viel Bestechungsgeld bezahlt wird, auch in Form von Sex - Lifei ist eine sogenannte "Ernai",

eine Konkubine - versteht sich von selbst. Da zwar der Kapitalismus eingeführt wurde, aber die Partei immer noch herrscht, müssen dort, bei den Wichtigen und Mächtigen, die Hebel angesetzt werden, sonst bleibt jede Geschäftsidee auf der Strecke. Lifeis Denken und Handeln lässt einen tiefen Blick in das System der Korruption, aber auch in die Seele eines Menschen zu. Stilistisch erinnert er an das berühmte asiatische Lächeln - vor allem Lifei wirkt manchmal sehr naiv, aber das ist nur die Oberfläche, unter ihrer glatten Haut sieht es anders aus.

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