Die neuesten Empfehlungen

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November 2020

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Eva Menasse:

Gedankenspiele über den Kompromiss

In dieser neuen Reihe des Literaturverlags Droschl "Gedankenspiele über" schreiben namhafte Autoren prägnante Essays zu großen Wörtern. Die vielseitige Eva Menasse hat sich Gedanken über den "Kompromiss" gemacht, entstanden ist ein vorzügliches Werk, das den Begriff von vielen Seiten betrachtet und in einen einfach klingenden Leitsatz mündet: "Es muss möglich sein, über alles zu sprechen...".  Menasse bringt das Thema auf den Punkt, vor allem aber lädt sie ihre LeserInnen ein, das eigene Denken zu reflektieren - ein spielerischer Anstoß zum Nach- und Weiterdenken. Trefflich gelungen!

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Hüseyin Yurtdas: Der Verkrochene

Ein Ich-Erzähler legt sich selbst unter die Lupe und seziert sich, als wäre er ein Insekt. Er verlässt nicht oft seine heruntergekommene Wohnung, die er sich mit einer Katze teilt, er hat nur einen, sehr merkwürdigen, Freund.

Er spricht über seine Familie, die Quell allen Übels zu sein scheint, er geht philosophischen oder sozialen Fragestellungen nach.

Er spricht über seine Wut, seinen Hass, nennt sich Angsthase und Feigling. Und Lügner. Er nennt sich "ein Abbild unserer Zeit." Das Buch ist nicht bequem, es fordert, zieht einen aber auch in den Text hinein, der kein klassischer Roman ist, es gibt keinen plot, keine Entwicklung. Er ist ein Abbild.

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Jürgen Bauer: Portrait

Drei Personen - die Mutter, der Geliebte, die Ehefrau - erzählen das Leben Georgs. Ein jeder schildert ihn aus seiner Sicht und erzählt dabei sein eigenes Leben, seine eigenen Sehnsüchte, Ängste und Scheitern mit. Drei Tonlagen konstruieren die Geschichte, die von Liebe und Schuld, Anerkennung und Abschied nehmen erzählt und auch die Frage stellt: Wie viel erzählen wir von uns selbst, wenn wir von anderen sprechen?

Ein vielschichtiger, souverän erzählter Roman, der die LeserInnen zu einem Blick in den Spiegel auffordert,

sehr gelungen.

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Margaret Goldsmith:

Patience geht vorüber

Patience legt im Frühjahr 1918 das Abitur ab, heiratet einen Soldaten, erlebt eine leidenschaftliche Beziehung zu Grete, wird Journalistin. Die in Berlin lebende Tochter einer englischen Mutter und eines preußischen Vaters empfindet sich zeitlebens als Outsiderin, ihr Leben in zwei Sprachen, Kulturen und Mentalitäten ist nicht immer einfach. Gibt ihr aber Einblicke in viele Bereiche, führt sie von Berlin nach London und macht sie zu einer präzisen Beobachterin in Deutschland und in England. Als moderne Frau steht es für sie außer Frage, dass sie jemals ihren Beruf, ihre finanzielle Unabhängigkeit aufgibt, sie arbeitet sich durch alle Schwierigkeiten hindurch, seien sie politischer oder privater Art. Mit Mitte zwanzig entschließt sie sich, Ärztin zu werden, dieser zweite Beruf schenkt ihr eine Begegnung, die schicksalhaft genannt  werden muss. Das Porträt Patiences ist auch ein eindrucksvolles Bild der zwanziger Jahre, sehr lebendig erzählt und große Sympathien für die Heldin weckend.

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Josepha Mendels: Rolien & Ralien

Rolien ist ein ungewöhnliches, sehr phantasiebegabtes Mädchen, das sich, nachdem das Spiel mit Puppen zu langweilig geworden ist, dem Schreiben zuwendet. Sehr jung schon verkündet sie: "Ich werde Schriftstellerin".

Auch "ein Mensch" will sie werden, eigenständig und frei. Dazu verlässt sie die Niederlande, geht nach Paris, begegnet dort dem Leben in allen Facetten, auch der Einsamkeit. Immer dabei ist Ralien, ihre "Bücherstimme", ihr zweites Ich, ihre Freundin und Feindin, ihre Künstlerseele. Ein wunderbar federleichtes Buch mit viel Tiefe, Sensibilität, Genauigkeit und einem Augenzwinkern, geschrieben in einem sehr warmherzigen Ton. Ganz große Empfehlung!

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