Gabriel Garcia Marquez

Die Liebe in den Zeiten der Cholera

 

 

Dieses Buch ist das schönste des Kolumbianers Garcia Marquez,

dessen Stil als "Magischer Realismus" bezeichnet wird.

Der Roman ist eine Liebes- und Ehegeschichte. Genauso ist er ein Sittengemälde und Gesellschaftsbild der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Lateinamerika und er ist eine phantasievolle Darstellung von drei Menschen, die der Leser über Jahrzehnte hinweg begleitet.

 

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des alten Saint-Amour. Zu ihm wird der 81jährige Arzt Dr. Juvenal Urbino gerufen. Er ist trotz seines Alters immer noch der angesehendste Arzt der Stadt, was auch an seinem umfangreichen gesellschaftlichen Engagement liegt.

Später am Tag hat Dr. Urbino auch noch die Aufgabe, seinen frechen, sprechenden Papagei einzufagen, der auf einen Baum geflogen ist. Vielleicht hat ihn der Tod seines Freundes und Schachpartners aus dem Tritt gebracht, vielleicht ist es das Alter: Urbino stürzt von der Leiter und stirbt an Ort und Stelle.

 

Seine Witwe Fermina Daza ist schockiert.

Und über die am selben Abend gesprochenen Worte ihres ehemaligen Verlobten Florentino Ariza - dies liegt mehr als 50 Jahre zurück - ist sie empört.

"Fermina", sagte er zu ihr: "Auf diese Gelegenheit habe ich über ein halbes Jahrhundert gewartet, um Ihnen erneut ewige Treue und stete Liebe zu schwören."

 

Nun kennen wir die drei wichtigsten Personen des Buches, deren Lebensgeschichten in Rückblicken erzählt werden. Erst im letzten Kapitel kehren wir wieder in die Gegenwart zurück.

 

Fermina Daza ist die einzige Tochter. Sie lebt mit dem Vater und einer Tante in einem schönen Haus in der Stadt.

Die Familie kam nach dem Tod der Mutter vom Land, sie scheint begütert zu sein, womit das Geld verdient wird, ist nicht klar.

Fermina ist 13, geht in eine gute Schule, ist ein behütetes Mädchen und wird eines Tages von dem Telegraphisten Ariza "entdeckt". Er musste ein Telegramm abliefern, Fermina saß im Garten, er sah sie und verliebte sich sofort und unsterblich.

 

Er schreibt Briefe, die er ihr heimlich zusteckt, er spielt in der Nacht Geige, er beobachtet sie aus sicherer Entfernung. Auch Fermina verliebt sich.

Diese zarte Liebesgeschichte nimmt drei Jahre später ein jähes Ende, als eine Schwester in der Schule Fermina beim Schreiben eines Liebesbriefes ertappt, der Vater von der ungeheuren Verbindung erfährt und Fermina von der Schule nimmt.

 

Vater und Tochter machen eine Reise des Vergessens.

Sie fahren in das Dorf ihrer Kindheit, dort erfreut sich Fermina eines vielfältigen Familienlebens. Vor allem mit ihrer Kusine Hildebranda verbringt sie viel Zeit.

Aber Florentino gerät keineswegs in Vergessenheit.

Als Telegraphist hat er gute Verbindungen ins ganze Land. Er kann ihr viele Briefe schicken und bekommt auch ständig Botschaften von ihr, die beiden halten an ihrer Liebe fest.

 

Bis zum Zeitpunkt von Ferminas Rückkehr.

 

"Anders als damals jedoch fühlte sie nicht die Erschütterung der Liebe, sondern stand vor einem Abgrund der Ernüchterung. In einem Augenblick enthüllte sich ihr das ganze Ausmaß ihres Selbstbetrugs, und voll Entsetzen fragte sie sich, wie ein so bösartiges Hirngespinst über so lange Zeit in ihr hatte wachsen können. Sie konnte gerade noch denken: "Lieber Gott, dieser arme Mann!"

Florentino Ariza lächelte, versuchte etwas zu sagen, versuchte ihr zu folgen, doch sie strich ihn mit einer Handbewegung aus ihrem Leben.

"Nein, bitte", sagte sie zu ihm, "vergessen Sie es." 

 

Dies kann Ariza mitnichten. Er ist verzweifelt. Nur der Gedanke, sie zurück zu erobern hält ihn am Leben.

Er beschließt, dass er es erst zu etwas bringen muss und tritt in die Flussschifffahrtskompanie seines Onkels ein. In den folgenden 30 Jahren arbeitet er sich an die Spitze dieses Unternehmens.

Er hat viele erotische Abenteuer, dutzende Frauen erliegen seinen Verführungskünsten. Aber er handhabt dies so diskret, dass gemunkelt wird, er sei homosexuell.

Und niemals, in 50 Jahren nicht, gelingt es einer anderen Frau, sein Herz zu erobern. Dieses gehört Fermina.

 

Diese heiratet bald nach der Trennung von Ariza besagten Dr. Urbino.

Der anfänglichen Verliebtheit der Hochzeitsreise folgt die Ernüchterung des Alltags, des Familienlebens. 

Doch Fermina findet sich zurecht in ihrer Rolle als Schwiegertochter, Gattin, Mutter, Dame der Gesellschaft. Sie ist nicht unglücklich, aber immer wieder ist zu lesen, wie wenig Raum eine Frau damals hatte, ein auch nur ansatzweise selbstbestimmtes Leben zu führen.

 

So klingt ihr Fazit, die Ehe betreffend, auch sehr nüchtern:

"Das Problem des gesellschaftlichen Lebens ist, mit der Angst fertig zu werden, und das Problem des ehelichen Lebens ist, mit dem Überdruss fertig zu werden."

 

Und die Witwenschaft ist auch nicht nur tragisch für sie. Sicher, sie fühlt sich einsam, entdeckt aber auch den Vorteil eines mit niemandem zu teilenden Bettes. Sie vertreibt sich die Zeit mit ihren Freundinnen, Sohn und Tocher kommen sie besuchen.

Und: sie erhält wieder Briefe von Ariza.

Der hatte sich ja arg in die Nesseln gesetzt mit seiner übereilten Liebeserklärung am Todestag Dr. Urbinos.

Nun findet er einen ganz neuen Ton. Er schreibt ihr Betrachtungen über das Leben, die Verhältnisse der Menschen zueinander, über die Entwicklungen der Welt und hilft ihr damit ganz wesentlich über den Schmerz des Verlustes ihres Ehemannes weg.

 

Schließlich darf Ariza sie sogar besuchen.

An diese Nachmittage gewöhnt sich Fermina so sehr, dass er ihr wirklich fehlt, als er krankheitsbedingt ein paar Wochen nicht kommen kann.

 

Ihre Kinder bemerken die zarten Bande, die sich (wieder) knüpfen. Die Tochter Ofelia ist entsetzt, sie meint, die Mutter wäre längst zu alt für die Liebe.

Aber Fermina erträgt nun keine Bevormundung mehr. Sie entzieht sich den Bemerkungen Ofelias, indem sie eine Reise auf einem Schiff von Arizas Kompanie macht - in seiner Begleitung.

 

Viele Tage verbringen sie auf dem Schiff, Florentino Ariza ist am Ziel seiner Wünsche angekommen, Fermina hat sich ihm hingegeben und seine Liebe endlich akzeptiert.

 

Um wirklich ungestört zu sein, hisst der Kapitän nach Erreichen des Zielortes die Choleraflagge. Nun darf niemand mehr an Bord, sie können ungestört zurückfahren. Sie dürfen aber auch nicht mehr in den Ausgangshafen einlaufen. Ariza gibt dem Kapitän den Befehl, wieder zurück zu fahren. Der ist entsetzt:

 

"Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin-und-Zurück durchhalten können?"

Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahren, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet: "Das ganze Leben", sagte er."

 

Mit diesem wunderschönen Satz endet der Roman. Gewonnen hat die Liebe, die nicht dahin welkte, die nicht zum Überdruss führte. Und die Erkenntnis, 

"dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt."

 

Dies ist nicht das, was man mit dem Wort "Realismus" verbindet. Der Roman ist aber auch nicht irreal.

Das ist eben jene Magie, die in die Realität hineinreicht, sie umgarnt und grandiose Begebenheiten und Geschichten hervorbringt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gabriel Garcia Marquez

Die Liebe in den Zeiten der Cholera

Aus dem Spanischen übersetzt von Dagmar Ploetz

Fischer Taschenbuch, 2004, 508 Seiten

 (Originalausgabe 1985)