Andrea Camilleri - Der zerbrochene Himmel

 

 

Der Roman beginnt gleich in der ersten Szene mit einem Gemisch aus Gezeter und Geschrei, das der noch nicht ganz sechsjährige Michilino Sterlini in der Nacht mit anhören muss.

Die Eltern streiten sich, denn die Mutter hat den Vater in flagranti mit dem Dienstmädchen erwischt.

Dieser Betrug soll nicht der letzte sein, der in diesem Buch dargestellt wird und auch nicht der letzte, der Michilinos Weltbild gehörig ins Wanken bringt.

 

Schauplatz ist wieder einmal das sizilianische Vigàta.

Wir befinden uns im Jahr 1935, Mussolini verkündigt gerade im Radio den Krieg gegen Abessinien.

Michilinos Vater wird kurz darauf zum faschistischen Kommandeur des Ortes ernannt und ist damit der erste Mann in der Stadt.

 

Michilino ist ein absolut unschuldiges Kind. Er hat im Leben zwei Ziele: er möchte ein Soldat Gottes werden (dieses Ziel erreicht er mit der heiligen Kommunion und einem gottgefälligen Leben) und er möchte ein Kämpfer des Duce werden. Dem zweiten Ziel kommt er schon recht nahe, als er an seinem sechsten Geburtstag ein "Sohn der Wölfin" wird, der Jugendorganisation der Faschisten.

Der Vater schenkt ihm zu diesem Anlass sogar ein echtes Gewehr, das er eigentlich erst mit zwölf Jahren als Balilla-Entdecker tragen darf. Für den Vater ist dies kein Grund, dem Jungen das Gewehr vorzuenthalten.

Der übt dann auch gleich das Schießen und trifft eine weiße Taube, die sich auf dem Dachboden versteckt hatte. Für Michilino ist es, als hätte er einen "Bissinier im weißen Mantel" zur Strecke gebracht, was ihm eine unglaubliche Befriedigung verschafft.

Und als Symbol gesehen werden darf.

 

Ganz enorm sind die Anstrengungen, die Michilino auf sich nimmt, um gottgefällig zu leben.

Er sieht in dem hölzernen Jesus, der in der Kirche am Kreuz leidet ein Wesen, das lebendig alle Taten und Untaten der Menschen unmittelbar spürt. Jede Lüge treibt die Nägel tiefer in sein Fleisch, hatte ihm die Mutter gesagt, Michilino versucht nun mit Inbrunst herauszufinden, was eine Lüge ist, und was gerade noch als Wahrheit durchgeht. 

 

Hierfür ist die Welt der Erwachsenen eine gute Schule. Kein Tag vergeht, an dem nicht geflucht und gelogen wird. Spricht er die Leute darauf an, bekommt er eine fadenscheinige Erklärung, die nur den Viertel- oder Halblügner in ein gutes Licht stellen will. Oder, die z.B. den Mord an einem Kommunisten nicht als Mord gelten lässt, weil Kommunisten keine Menschen seien, sondern Tiere. Und auf die Jagd geht ja wohl jeder.

 

Eine weitere Besonderheit Michilinos ist sein unglaublich großes "Vögelchen", das jedermann glauben lässt, er hätte etwas in der Hosentasche. "Heilige Mutter Gottes" ist der übliche Ausruf all derer, die es zu Gesicht bekommen, worüber sich Michilino immer nur wundern kann.

Dass er, wann immer er Mussolini im Radio reden hört, eine ungeheure, schmerzhafte Erektion bekommt (Michilino ist sechs), die er wie eine Fahne vor sich her trägt, ist nur ein weiterer Hinweis auf das absurde Mannestum, das der Faschismus feiert.

 

Er hat keine Ahnung von Sexualität, obwohl er im Schlafzimmer der Eltern schläft. Ihre nächtlichen Intimitäten hält er für "Kämpfe", bei welchen der eine den anderen für seine Sünden des Tages büßen lässt.

 

So kommt es Michilino auch gar nicht komisch vor, von dem Privatlehrer nackt unterrichtet zu werden und ihm von allen Seiten zu Diensten zu sein. Prof. Gorgerino ist ein Anhänger Spartas, den "Faschisten im alten Griechenland" und deshalb scheint ihm das ganz natürlich.

Hier schreitet dann allerdings der Vater eines Tages ein und verprügelt den Lehrer dermaßen, dass dieser sofort die Stadt verlässt.

 

Dieses Schicksal teilt Gorgerino mit dem Pater Burruano, der lange Zeit ein Verhältnis mit Michilinos Mutter hatte. Als der Vater dahinter kommt, ändert sich Michilinos Leben schlagartig.

 

Die Mutter verschwindet aus seinem Leben. Zuerst wird sie zu ihren Eltern gebracht, später heißt es, sie sei krank und lebe in einem Sanatorium, bis sie wieder gesund sei.

 

Michililo ist ganz und gar umgeben von Lug und Trug: die Eltern betrügen einander, Lehrer und Pfarrer stehen dem in nichts nach, und was die Politik angeht wird die faschistische Idee nirgends besser dargestellt als in einem Schaukampf, den sich die Kinder des Ortes liefern.

 

Auf dem Dorfplatz wurde eine Art Kastell aus Holzbalken und Brettern aufgebaut. Das soll die Abwehr der "von uns erstürmten Stadt Makallé sein".

Zehn Balillas spielen mit Pfeil und Bogen bewaffnet und bunt kostümiert (Baströckchen und so) die Abessinier, zwanzig Balillas spielen modern bewaffnet und uniformiert die faschistischen Helden.

Dazu gibt es eine Unzahl von Kindern, die die Geräuschkulisse darstellen mit genau eingeteilten Rollen: "bumm" die einen, "ratata" die anderen oder "pängpäng".

Es ist eine demaskierend lächerliche Veranstaltung, bei der die Kinder unbarmherzig Mann gegen Mann aufeinander einschlagen. Es gibt echte Verletzte, die Vorgesetzen machen sich lächerlich und doch fühlt sich am Ende jeder wie ein Held.

 

Michilino wird bei diesem Spektakel vom Sohn des Kommunisten Maraventano beleidigt. Um seine Ehre wieder herzustellen und auch, um dem leidenden Jesus ein wenig Linderung seiner Schmerzen zu verschaffen, tötet Michilino den Jungen Alfio mit seinem Gewehr. Er glaubt in seinem religiösen Wahn, für den er nicht selbst verantwortlich zu machen ist, Gutes zu tun mit dieser Tat.

 

In seiner Rolle als Unschuldiger, der selbst alles andere als unschuldig ist, führt Michilino die Verlogenheiten von Politik, Kirche, (Sexual)Moral und Erwachsenenwelt in einer Art und Weise vor, die so grausam wie unterhaltsam ist.

Er ist ein kleiner, fieser, verblendeter Mörder, der sich stets im Recht glaubt.

Doch man würde ihn nicht verurteilen, ihn nicht.

 

 

 

 

 



Andrea Camilleri: Der zerbrochene Himmel

Aus dem Italienischen von Moshe Kahn

Piper Verlag, 2007