Wolfgang Borchert & Roberta Bergmann - Laternenträume - Gedichte

"In Hamburg ist die Nacht / nicht wie in anderen Städten / die sanfte blaue Frau, / in Hamburg ist sie grau / und hält bei / denen, die nicht / beten, im Regen Wacht. / In Hamburg wohnt die Nacht / in allen Hafenschänken / und trägt die Röcke leicht, / sie kuppelt, spukt und schleicht, / wenn es auf schmalen Bänken / sich liebt und lacht...."

 

In Hamburg sind sie angesiedelt, die Gedichte Wolfgang Borcherts (1921 - 1947), die Stadt erscheint als eine Frau.

Hier, in der am Hafen gelegenen Großstadt mit den Reisenden, Einsamen, Suchenden und Hoffenden, ist sie von besonderer Art. Hier ist sie nicht die Wächterin der Schlafenden, sondern der Schwärmenden und Heimatlosen.

Sie ist "Hure" und "Mutter", eine allumfassende "Göttin", die die Menschen "ausspuckt", alleine lässt, sie aber auch wieder "in den großen grauen Schoß" aufnimmt, wenn sie "leer und müde sind". 

 

Das Werk Wolfgang Borcherts, der 1941 an die Ostfront geschickt wurde, nach Kriegsende krank von dort zurückkehrte und nur zwei Jahre später verstarb, umfasst das berühmte Theaterstück "Draußen vor der Tür", sowie Kurzgeschichten, Briefe und Gedichte.

 

Roberta Bergmann hat die Auswahl der Texte für dieses Buch zusammengestellt und sie illustrierend weitererzählt.

Der Autor "begleitet mich seit meiner Jugend und lässt mich bis heute mit seinen menschlichen, melancholischen und lebenshungrigen Texten nicht mehr los", schreibt sie in ihrem Vorwort.

Dass sie sich lange mit den Gedichten und Aphorismen beschäftigt und ein tiefes Verständnis für sie hat, ist ihren Illustrationen anzusehen. 

Mit kräftigem Tuschestrich, ergänzt durch Aquarellfarbe, fängt sie den Geist der Texte Borcherts ein.

Vornehmlich in Schwarz und in Grautönen gehalten, setzt sie Farbakzente in leuchtendem Rot - welch andere Farbe könnten die verführerischen Münder der schönen Frauen, liebende Herzen, die Rosen oder der belebende Wein haben? 

"Das Meer grinst grün und glasiggrau": in einem Meer von genau dieser Farbe schwimmen die Fische. 

Von hellem Blau ist der Regen, das Gelb bleibt den Sternen und ihren irdischen Schwestern, den Laternen, vorbehalten.

 

Die Laterne zieht sich durch das gesamte Buch.

"Wenn ich tot bin, / möchte ich immerhin so eine Laterne sein, / und müsste vor deiner Türe sein / und den fahlen Abend überstrahlen..." - die Laterne taucht das Haus der Geliebten in ein warmes Licht. 

"Meine Seele ist wie eine Straßenlaterne. / Wenn es Nacht wird und die Sterne / aufgehn, beginnt sie / zu sein...".

Sie werden "von den Bezechten verzweifelt und berauscht umarmt..." - und sie unterhalten sich mit dem Mond.

 

So, wie die Gedichte Borcherts eine melancholische und

eine lebenshungrige Seite haben, verzeichnen Roberta Bergmanns Bilder Kraft oder Stärke und Zartheit.

Die Blicke der Figuren gehen oft in die Ferne, sie schauen auf das Meer des Lebens mit seinen Stürmen und Tiefen.

Auf manchen Bildern lächeln sie aber auch still vor sich hin, zufrieden mit dem, was sie haben, und sei es nur ein Glück für eine Stunde.

Insgesamt sind die Bilder lebendig und bewegt, bewegend und intensiv. 

 

Besonders eindrücklich sind die Gedichte und Bilder, die sich mit Tod und Angst beschäftigen. In dem wunderbaren Gedicht "Klatschmohn" werden die knallroten Blumen mit Granaten, Blut und Tod assoziiert, auch die Sterne sind rot.

Hier spricht der Dichter, der den Krieg erlebt hat, weder Himmel noch Erde bleiben verschont, rote Tropfen finden sich überall, über und unter dem Horizont. 

 

Doch Roberta Bergmann beschließt ihre Auswahl mit dem Gedicht "Der Sinn":

 

"Ist es nicht die Lust der Ruhe, / dass sie neue Tat verheißt? / Ist es nicht das Glück der Stunde, dass / du nicht die nächste weißt? / Ist es nicht der Blumen Gnade, / dass sie nichts vom Sterben wissen? / Sieh, in allem liegt ein Sinn, / den auch wir erfüllen müssen."

 

Das Bild, das dieses Gedicht umrahmt, ist ganz in schwarz-weiß gehalten, es ist kurios und mehrdeutig. Es ist ein schöner Schlusspunkt am Ende eines vielgestaltigen Buches, das die Gedichte Wolfgang Borcherts beleuchtet, in Szene setzt, ins rechte Licht rückt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wolfgang Borchert (Texte) und Roberta Bergmann (Illustrationen): Laternenträume - Gedichte

Kunstanstifter Verlag, 2024, 192 Seiten