Johannes Anyuru - Ein Sturm wehte vom Paradiese her

Johannes Anyuru, Jahrgang 1979, hat in diesem Roman das Leben seines Vaters nachgezeichnet. Der Vater,  P genannt, geriet in die Mühlen der Politik, sein Leben nahm einen völlig anderen Verlauf, als er es sich erträumt hatte.

Zum größten Teil spielt der Roman in Afrika, er endet mit dem Tod Ps in Schweden, seine beiden Söhne sitzen an                                              seinem Sterbebett.

 

Im Jahr 1967 verlässt P sein Heimatland Uganda. Er gehört zu einer kleinen Gruppe junger Männer, die in Griechenland eine Ausbildung zum Kampfpilot erhalten sollen.

"Man wollte, dass sie sich dort mit amerikanischen und französischen Kampfflugzeugen vertraut machten, und vor allem Offiziere wurden, gedrillt in einem militärischen Lebensstil, Gentlemen, Anführer. ... Sie sollten drei Jahre an der Luftstreitkraftakademie studieren, und danach das Fundament und die Speerspitze der neu formierten Luftwaffe bilden."

Uganda hatte erst kürzlich seine Unabhängigkeit von Großbritannien erhalten, und man baute eine eigene Luftwaffe auf.

 

Ps Traum zu fliegen war so alt wie er selbst. Nach dem Tod des Vaters lebte er eine Zeit lang mit den Geschwistern bei der Mutter, doch die Familie war zerrissen. Irgendwann -

er war noch ein Kind - nahm der älteste Bruder ihn mit in ein anderes Dorf. Dort lebten sie zusammen, Ps Leben bestand vor allem aus täglichen, äußerst brutalen Schlägen.

Mit vierzehn floh er, fand Unterschlupf in einem katholischen Internat und erhielt dort eine Schulausbildung. Vor den Misshandlungen des Bruders konnte er sich nur schützen, indem er sich selbst als Vogel imaginierte, der all dem Elend davonflog.

Als er seine Ausbildung zum Kampfpiloten begann, war ihm gar nicht klar, dass das nicht nur fliegen bedeutete, sondern auch töten.

 

Dies wird ihm schlagartig bewusst, als am 25. Januar 1971

Idi Amin die Macht in  Uganda ergreift. P ist fast fertig mit seiner Ausbildung, er weigert sich nun, nach seinem Examen nach Uganda zurückzukehren. Er will nicht auf seine Brüder schießen müssen.

Zunächst wird er isoliert, darf nicht mehr fliegen. Er fürchtet seine Auslieferung an Uganda.

Dann wendet sich das politische Blatt in Griechenland.

Die Ugander dürfen im Land bleiben, jedoch nur noch als Zivilpersonen, sie bekommen Arbeit in Hotels.

 

So wird aus dem Piloten ein Hotelmanager. Darunter leidet

P vor allem, weil er hochrangige Ugander unterhalten und herumführen muss. Jedes Mal fragt er sich, ob dieser Mann vielleicht jemanden aus seiner Familie getötet hat.

Denn auch wenn die Nachrichten aus Uganda nur spärlich in Griechenland eintreffen ist klar, dass dort Menschen verschwinden und hingerichtet werden.

 

P hat eine Cousine in Rom. Sie ist mit einen Architekten verheiratet, lebt in einer schönen Villa, es fehlt an nichts.

Zu ihr reist P, wohnt kurze Zeit bei ihr, er bekommt das Angebot, im Architekturbüro mitzuarbeiten. 

P lehnt ab. Er will wieder fliegen. Und nimmt eine Stelle an, die ihn zurück nach Afrika führt: in der Nähe von Lusaka, Sambia, soll er Sprühflugzeuge fliegen, d.h. mit einer kleinen Propellermaschine über Felder fliegen und Unkraut-vernichtungsmittel etc verteilen.

 

Das erscheint absurd. Ein ausgebildeter Pilot, der in Europa ein schönes Leben hätte haben können - wenn auch nicht als Pilot, sondern als Mitarbeiter des Architekten - geht freiwillig zurück in eine politisch unübersichtliche und instabile Situation.

 

Er reist über Daressalam, Tansania, einem Staat, der noch nicht im Krieg, aber im Streit mit Uganda steht. Dort wird er noch auf dem Flugplatz verhaftet und in den Keller einer Polizeiwache gebracht. Und in einen Käfig gesperrt.

Keiner glaubt ihm seine Geschichte, es wird vermutet, dass

P ein Spion ist, er wird "befragt".

Nach Tagen in diesem Keller wird er in ein Lager nach Tabora verlegt, nach Wochen dort in ein anderes Lager, das noch tiefer im Dschungel liegt.

Ps ganzes Denken kreist um die Flucht.

Nach mehr als einem Jahr gelingt sie ihm, er läuft weg, nimmt den Zug, kommt schließlich in Nairobi, Kenia, an und lebt dort als Obdachloser auf der Straße. Als Tagelöhner auf einer Obstplantage verdient er etwas Geld.

Mit den Fotos aus seiner Zeit in Griechenland versuchte er seine Vergangenheit zu vernichten , ohne Aussicht auf eine Zukunft.

 

Er hatte vorgehabt, sich als Flüchtling bei der UNO registrieren zu lassen, doch nun wagt er es nicht mehr, dorthin zu gehen. Er weiß nicht, wie die politischen Verhältnisse im Detail sind, und wer mit wem zusammen arbeitet. Die italienische und die amerikanische Botschaft haben ihm jedenfalls nicht geholfen.

Er ist und bleibt auf sich alleine gestellt.

 

Nach Schweden kommt er mit seiner Frau, die er in Kenia kennenlernt, eine Schwedin, die dort arbeitet. Als die beiden für kurze Zeit verhaftet werden, gehen sie nach Europa, obwohl die Mutter des Erzählers gerne in Afrika geblieben wäre. Sie bekommen zwei Söhne, lassen sich scheiden.

P ist ein gebrochener Mann, krank und im tiefsten Inneren zu stark verwundet, um nochmal mit dem Leben anfangen zu können.

 

Dies alles, die ganze Lebensgeschichte, wird nicht chronologisch erzählt. Szenen der Befragung - damit fängt der Roman an - wechseln sich ab mit Erinnerungen an die Kindheit. Das immer nur kurz angerissene Leben in Schweden, das kein wirkliches Gewicht im Leben Ps gehabt zu haben scheint, kehrt immer schnell zurück zum Leben in Tansania oder Griechenland.

Die Machtverhältnisse in Uganda (Amin regiert bis 1979 und wird auch bis 1975 von Deutschland mit Millionen DM Entwicklungshilfe unterstützt, der Westen treibt Handel, die Sowjetunion liefert Waffen), die Kriege gegen Tansania und die dortige sozialistische Nyerere-Regierung, die Politiker Obote, Okello und Museveni, allesamt undurchsichtige Machtmenschen, die Idi Amin folgen, ziehen sich durch Ps Leben. Sie sind stärker als er. 

 

Der Titel des Romans bezieht sich auf den "Engel der Geschichte" Walter Benjamins: dieser blickt auf die Vergangenheit zurück, möchte sie heilen, es bläst jedoch aus dem Paradies, d.h. der Vergangenheit, die noch nicht verwüstet ist, ein Sturm, der den Engel mit Macht in die Zukunft weht. Diese Zukunft liegt also noch weiter weg vom Paradies als die Gegenwart. Sie wird Fortschritt genannt und der Engel kann nicht sehen, was ihn erwartet, denn er fliegt mit dem Rücken zur Zukunft.

 

Dem jungen Schriftsteller Anyuru ist mit diesem Roman ein erstaunlich reifes Werk gelungen. Er betet den Vater nicht an, im Gegenteil, er hält eine gewisse Distanz zu ihm, spricht auch über seine Schwierigkeiten mit diesem Mann.

Erzählt er von sich selbst, seiner eigenen Gegenwart in Schweden, verändert sich seine Sprache. Er vollzieht damit sein Leben in einer anderen kulturellen Umwelt nach, das nicht allein an einem Gefühl der Entwurzelung liegt, sondern auch am Alter. Er steckt in anderen Schwierigkeiten.

 

Inhaltlich interessant ist, dass hier ein Mann im Mittelpunkt steht, der Afrika freiwillig verlassen hat, freiwillig zurückkehrte und dann dort zum Flüchtling wurde.

Weil die Verhältnisse seit Jahrzehnten (oder grob umrissen seit dem 19. Jahrhundert, als die Kolonialisierung Afrikas begann) so sind, dass die Menschen ihr Leben nicht selbst bestimmen können.

Thematisiert wird auch die Stammeszugehörigkeit, die in vielen Fällen kein Problem war, bis die Kolonialherren die diversen Stämme für ihre Interessen nutzten. Und die dann wichtig blieben, als afrikanische Herrscher an die Macht kamen.

 

Auch wenn es letzten Endes unverständlich bleibt, warum P nach Sambia gehen wollte - kann der Wunsch, einfach nur zu fliegen, so stark sein? - hat Anyuru ein komplexes Bild geschaffen, in dem sich eine Lebensgeschichte und die (Welt)Geschichte ineinanderfügen. 

 

 

 

 

 

 

 

Johannes Anyuru: Ein Sturm wehte vom Paradiese her

Übersetzt von Paul Berf

Luchterhand, 2015, 288 Seiten

btb Taschenbücher 2017, 288 Seiten

(Schwedische Originalausgabe 2012)