Bov Bjerg - Auerhaus

Jeder, der in den 60er Jahren geboren wurde, kennt das Lied "Our House" von Madness. Menschen, die kein Englisch sprechen, sagen schlicht "Auerhaus", besonders dann, wenn sie schwäbischen Zungenschlags sind. Wie Auerochse. Auerhaus ist das Haus von Frieders Opa, es steht leer und wird Anfang/Mitte der 80er zum Zuhause von sechs Jugendlichen, die hier das richtige Leben ausprobieren.

 

"Ich hab´s gemacht! Ich hab´s gemacht!"

So beginnt der Roman. Frieder hat am Heiligen Abend den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz gefällt. Und weil er dabei ein Stromkabel durchtrennt hat, liegt das ganze Dorf im Dunkeln, Stromausfall.

 

Erzählt wird die Geschichte von Höppner, der sich selbst ironisch Höppner Hühnerknecht nennt, weil er in einer Hühnerfarm jobbt.

Er stellt die Szene mit dem Weihnachtsbaum gleich an den Anfang, obwohl sie nicht der Anfang ist und auch nicht das Ende. "Aber das war das, was jeder von Frieder wissen sollte."

 

Frieder hatte versucht, sich mit Schlaftabletten und einer

2-Liter-Flasche Imyglikos das Leben zu nehmen.

Durch puren Zufall fand sein Vater ihn im Keller des Hauses, er suchte eine Axt und fand seinen Sohn.

Nun ist Frieder in der Psychiatrie, mit Medikamenten sediert. Höppner besucht seinen besten Freund und lernt dort auch Pauline kennen, sie tendiert dazu, Dinge anzuzünden.

 

Als Frieder entlassen wird, möchte er nicht nach Hause auf den Bauernhof zurück. Er kann aber in das leerstehende Haus des Opas einziehen. Weil er nicht alleine leben will, zieht Höppner mit ein. Auch Vera schließt sich an und, weil sie nicht alleine mit zwei Jungs zusammen wohnen darf, kommt auch noch Cäcilia mit. Alle gehen in die letzte Klasse des Gymnasiums am Stadtrand (wie der Name, so die Klientel, bemerkt Höppner einmal).

 

Die Drei teilen sich die Verantwortung, die sie für Frieder übernommen haben. Warum hat er versucht, sich umzubringen? Das wird nicht geklärt, aber er könnte es wieder versuchen. Als Gedanke ist diese Gefahr immer da.

 

Sie leben sich ein: Spüldienst, Kochen, Einkaufen. Weil das Geld knapp ist, entwickelt sich Frieder zu einem Meisterdieb im Supermarkt, Vera hat ihm dies beigebracht. Es fehlt ihnen an nichts. Sie radeln zusammen in die Schule, kämpfen die üblichen Kämpfe mit Lehrern, Klassenarbeiten, der Abiturvorbereitung .

Höppner bekommt eine Postkarte, die ihn zur Musterung einlädt. Er heftet sie in einen Ordner zur ersten Karte,

er hat nicht die Absicht hinzugehen. 

Höppner und Vera sind eigentlich ein Paar, aber Vera sagt,

die Liebe ist kein Kuchen, der weniger wird, wenn man ihn aufteilt, und so ist er nicht der Einzige in ihrem Leben.

Das macht ihm mal mehr, mal weniger zu schaffen, er versucht, nicht eifersüchtig zu sein.

 

Von irgendwo her taucht noch Harry auf. Er ist ein ausgiebig kiffender, schwuler Elektrikerlehrling, der am Wochenende am Stuttgarter Bahnhof anschaffen geht. Als er seinem Vater sagt, dass er schwul ist, bekommt er ordentlich Schläge - Grund genug, das Elternhaus zu verlassen. 

Und auch Pauline, das Mädchen aus der Psychiatrie zieht ein, als sie dort entlassen wird. Ungeschickterweise auch noch auf den Heuboden, den sie gerne mit Teelichtern schmückt.

Es passiert aber nichts diesbezüglich.

 

Es passiert jede Menge anderes. Höppner kommt zwei Stunden zu spät zum schriftlichen Deutschabitur, er hat auf dem Weg dorthin einen Mann im Straßengraben gefunden, er konnte ihn doch nicht dort liegen lassen.

Frieder zieht eine phantastische Show auf dem Kreiswehr-ersatzamt ab, wohin Höppner vom "Dorfsheriff " persönlich gebracht worden war, und lässt Höppners Akte verschwinden. Sie landet im Gefrierfach, Kalter Krieg und so.

Sie geben eine große Silvesterparty, bei der die gesamte Oberstufe, die komplette Psychiatrie und alle "Schwulen von München bis Paris"  eintrudeln und feiern.

 

Bjerg, geb. 1965, lässt seinen Roman in einem Dorf am Fuß der Schwäbischen Alb spielen. 

Es stimmt alles: Ambiente, Stimmung dieser Jahre, vor allem aber die Sprache. Einzelne Worte, Redewendungen, der ganze Sound des Romanes ist unverkennbar diese Zeit.

Darüber hinaus ist es eine zeitlose Geschichte junger Menschen, von denen jeder ganz anders ist, jeder auf seine Weise nach einem Sinn und Platz sucht, und die miteinander in Freundschaft verbunden sind. Nicht in einer Freundschaft, in der man miteinander feiert und Blödsinn macht, darüber hinaus aber nichts voneinander wissen will. Sie kämpfen alle zusammen für Frieders Leben, was sehr berührend ist, ohne rührselig zu sein.

 

Das Buch liest sich leicht, an vielen Stellen lustig, es ist aber an keiner Stelle ohne Tiefgang. Bjerg beschönigt nicht die Jahre, die man viel später oft als die schönsten im Leben bezeichnet, denn es ist nicht einfach einen Ausweg aus all dem Vorhandenen zu finden. Vor allem, wenn man den Anspruch hat, dass das Leben mehr ist als ein Ordner mit der Aufschrift Birth-School-Work-Death.

 

Kurz bevor die Schulzeit und damit auch die Zeit im Auerhaus zu Ende geht, machen sie nochmal richtig Blödsinn. Er endet in Sozialstunden im Altersheim und der Erkenntnis, dass es ein "zuviel" gibt.

 

Höppner schafft das Abi nicht, und um nicht zur Bundeswehr zu müssen, geht er nach Berlin. Dort besucht ihn Frieder sehr oft. Er entflieht der Langeweile einer Kleinstadt, in der er nun eine Lehre macht. In Berlin reden, reden und reden die beiden. Sie reden um Frieders Leben. Höppner teilt die Verantwortung nun nicht mehr mit vier anderen.

"Das Auerhaus war vorbei. Frieder war so allein wie vorher. Aber jetzt kannte er den Unterschied."

 

 

Hier noch eine kleine Leseprobe, um den Ton zu hören:

"Liebe war kein Kuchen, sagte Vera immer. Kein Kuchen, der immer weniger wurde, je mehr Leute davon was abbekamen. Ich fand das eigentlich gut, nicht eifersüchtig zu sein. Oder wenigstens nicht eifersüchtig sein zu wollen. Oder sollen.

Egal.

Nicht egal.

Ein Kuchen, der die Tür hinter sich abschloss. So ein Kuchen wurde nicht bloß weniger, so ein Kuchen war ja quasi gar nicht mehr da.

Ausgerechnet Harry. Ich hätte es verhindern können.

Ich hätte verhindern können, dass die Frau, die ich geil fand, sich mit einem einschloss, der mich geil fand, aber den ich nicht geil fand, wenn ich mich selbst mit dem eingeschlossen hätte, den ich nicht geil fand.

Scheiße, war das kompliziert."

 

Diese Szene ist wie das ganze Buch: was sich liest wie eine Komödie ist im Kern eine Tragödie.

Bei Bjerg ohne Schlaumeierei, ohne Pseudo-Jugendsprache, ohne Anbiederung.

 

 

 

 

 

 

 

Bov Bjerg: Auerhaus

Blumenbar Verlag, 2015, 235 Seiten

Taschenbuch im Aufbau Verlag, 2017, 240 Seiten