Colette - Mitsou

Dieses schmale, bezaubernde Büchlein erschien im Jahr 1919. Zu diesem Zeitpunkt war Colette (1873-1954) sechsundvierzig Jahre alt und längst eine viel gelesene Autorin. Der literarische Durchbruch war ihr 1910 mit dem autobiographisch gefärbten Roman "Die Vagabundin" gelungen, der von einer geschiedenen Ehefrau (geschieden war Colette seit 1903, und zwar von dem Mann, der ihre Bücher unter seinem Pseudonym veröffentlicht und sich die Autorenrechte gesichert hatte) und Varietékünstlerin handelt. Als eine solche war sie selbst nach ihrer Scheidung mehrere Jahre lang aufgetreten - sie kennt also diese Welt sehr gut.

 

Auch ihre Figur Mitsou, "kaum vierundzwanzig Jahre alt", tritt in einer Music Hall auf.

In ihrer Garderobe, als sie sich auf einen Auftritt vorbereitet, setzt der Roman, der "im Mai des Kriegsjahres 1917" spielt, ein. Unvermittelt kommt ihre Freundin und Kollegin Petite Chose hereingestürmt. Mitsou solle zwei Herren bei ihr im Wandschrank verstecken, damit der Kontrolleur sie nicht bei ihr findet. Schon stehen die beiden da, einer schöner als der andere. Zwei Leutnants sind es, einer trägt eine khakifarbene Uniform, eine himmelblaue der andere. 

 

Mitsou lässt sich von den Leutnants nicht beirren, ungeniert schminkt sie sich, kleidet sich an, lässt sich den Reißver-schluss ihres Kleides schließen - vom blauen Leutnant.

 

Kurze Zeit später erhält sie von diesem einige kleine Geschenke, begleitet von einem Brief, der der Auftakt zu einem längeren Briefwechsel zwischen den beiden ist.

 

Mitsou hat zwar einen fünfzigjährigen Freund, doch ihr

Herz ist frei. Sie hat sich in den blauen Leutnant verliebt.

Und wie es scheint, der blaue Leutnant in sie. Dieser Name wird beibehalten, bzw mit diesem unterzeichnet Robert seine Briefe.

 

Neben die Dialoge am Theater und den Bericht des Erzählers aus Mitsous Leben und der Beschreibung ihrer Wohnung oder ihrer Treffen mit Petite Chose, tritt damit als weitere literarische Form der Briefroman.

Kunstvoll verbindet Colette diese Formen mit ihren unterschiedlichen Eigenheiten miteinander und gibt so einen facettenreichen Einblick in die Tage und Nächte Mitsous,

vor allem aber in ihr Denken und Fühlen.

 

Mitsous Wohnung spiegelt ihre einfache Herkunft wider.

"Mitsous Einrichtung ist höchst merkwürdig, obwohl ihre Absichten bestimmt die besten waren. Sobald ihre Einkünfte es ihr gestatteten, hat sie ehrfürchtig und emsig zusammen- getragen, was sie in den armen Tagen ihrer Kindheit neidvoll bewundert hatte..."

So auch beispielsweise den "Toilettentisch ... eines jener handwerklichen Meisterstücke, das die Reize eines Zahnarztstuhles  mit dem Charme eine Patentschlosses und der Schönheit eines amerikanischen Büroschreibtisches in sich vereint."

 

Sie ist nicht gebildet im bürgerlichen Sinne, sie hat keinen erlesenen Geschmack, weder was Möbel, noch was das Essen betrifft.

 

Nach einer gewissen Zeit hat der schöne blaue Leutnant Urlaub. Er kommt sie besuchen. Und ist erschüttert ob ihrer Einrichtung. Sie gehen in ein Restaurant: auch hier fällt Mitsou durch unkonventionelles Verhalten auf.

Sie mischt die Speisen, wie es ihr gefällt, hört nicht auf den Ober, auch nicht auf ihren Begleiter - sie nimmt, was ihr schmeckt und genießt es.

 

Bevor es zu diesem Treffen kommt, werden viele Briefe geschrieben. Diese sind neckend, ironisch, ernst, ehrlich, nicht direkt, sie gleichen einem Versteckspiel, geben ein wenig preis und nehmen es zurück. Sie sprechen persönliches aus, kommen im Bogen zum allgemeinen.

Auch der Krieg ist in ihnen präsent.

Das besondere und bezaubernde an ihnen die Art ist, in der sie geschrieben sind.

 

Sowohl der Leutnant als auch Mitsou bleiben beim "Sie",

das ändert sich erst, als sie die Nacht nach dem Abend im Restaurant in Mitsous Bett verbringen. Nur dort passt das vertraute "Du", sofort danach kommen sie zum "Sie" zurück - denn etwas hat sich durch die Begegnung gravierend verschoben.

 

Während Mitsou ganz direkt sagt "ich war noch nie richtig verliebt, jetzt bin ich es...", "mimt" Robert "eine nachlässige Ungezwungenheit, die ungefähr so gut zu ihm passt wie ein Kleid mit Schleppe."

 

Dieser Vergleich ist nicht nur witzig, er deutet auch das Gewicht an, das Robert plötzlich hinter sich herschleppt.

Denn seine Verliebtheit galt der Mitsou der Briefe, seiner Erinnerung an die ungezwungene Frau in der Garderobe, nicht der Gesprächspartnerin im Restaurant ("das Gespräch flaute immer mehr ab..."), "er begehrt sie" nicht, "er möchte eigentlich gar nichts - oder nur eines: fortgehen, fortgehen, fortgehen..."

 

Trotzdem, sie sind gefangen in ihren Rollen, denn es muss kommen, was kommen muss.

 

Innere Monologe beleuchten die Vielschichtigkeit des Erlebten und der darauffolgenden Gedanken, die innere Zerrissenheit. Es folgt ein schneller Abschied.

Und bald darauf ein langer Brief des Leutnants.

 

Er schreibt von ihrer "gefährlichen Einfachheit" und ihrer "unwiderstehlichen Aufrichtigkeit" und bittet darum, es ihm mitzuteilen, wenn sie sich in einen anderen Mann verlieben sollte. ?????

 

Misou versteht sofort, was er ihr sagen möchte.

Einige Tage lässt sie sich Zeit mit der Antwort und schreibt dann einen Brief, der so charmant, klug und würdevoll ist - ohne dabei die Leichtigkeit einzubüßen - , dass der Leser nur den Hut vor diesem sogenannten einfachen Mädchen ziehen kann. Was ihr an Bildung fehlt, macht sie an Herzens-bildung, Mut, Stärke und Weitsicht mehr als wett. 

 

Simone de Beauvoir sprach von einer "überlegten Ursprüng-lichkeit" Colettes, das trifft es ganz wunderbar.

Colette vereint so viele verschiedene Ebenen in ihren Texten, die sich so unglaublich leicht und amüsant lesen und zugleich spricht sie von tiefsten Gefühlen und Einsichten.

 

Wie in ihrem wesentlich später erschienenen Roman

"Die Katze" erzählt Colette von einer gebrochenen Liebe,

hier, in "Mitsou", weniger psychologisch ausgefeilt, weniger tragisch, aber für den Leser genau so beglückend.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Colette: Mitsou

Übersetzt von Alexandra Auer

Fischer Taschenbuch, 2000, 96 Seiten

(Originalausgabe 1919,

Deutsche Erstausgabe Paul Zsolnay Verlag, 1986)