Isabela Figueiredo - Roter Staub

Mosambik am Ende der Kolonialzeit

"Kommt mir nur mit diesem Märchen, der portugiesische Kolonialismus sei sanft gewesen ... Kommt mir nur mit diesem Ammenmärchen!"

Die Ich-Erzählerin, die aus der Per-spektive des Kindes berichtet, räumt gründlich auf mit diesem Märchen.

Unverstellt, direkt und mit viel mehr Verständnis, als die Erwachsenen sich das vorstellen, erlebt sie den täglichen Rassismus in dem Land, das fast genau 500 Jahre lang Kolonie war.

 

Die Autorin des Buches kam 1963 in Laurenco Marques, dem heutigen Maputo, als Tochter portugiesischer Einwanderer zur Welt. Die ersten zwölf Lebensjahre verbrachte sie dort,

dann zwangen die Nelkenrevolution und die Unabhängigkeit Mosamiks - es war ein sehr blutiger Kampf - sie, das Land zu verlassen. Sie konnte unter dramatischen Umständen ausreisen, wurde zur Großmutter geschickt, ihre Eltern kehrten erst zehn Jahre später nach Portugal zurück.

 

Isabela Figueiredo veröffentlichte das "Heft mit Erinnerun-gen an die Kolonialzeit" 2009, nach dem Tod ihres Vaters.

Es wurde ein Bestseller und ein Skandal - nie zuvor hatte jemand die Wahrheit so ungeschönt ausgesprochen.

 

Ihr Vater, den sie in ihren Erinnerungen in eine "Figur" verwandelt, hatte ihr den Auftrag, in Portugal von der "Wahrheit" zu berichten, mitgegeben. Diesen hat die Tochter erfüllt, jedoch nicht in seinem Sinne.

Sie erzählte ihre Wahrheit.

 

"Ein Weißer und ein Neger zählten nicht nur zu verschie-denen Rassen. Die Entfernung zwischen Weißen und Negern glich der, die zwischen verschiedenen Spezies besteht.

Sie waren Neger, Tiere. Wir waren Weiße, also Menschen, rationale Wesen. Sie arbeiteten für die Gegenwart, für den Zuckerrohrschnaps von `heute´; wir, um uns eines Tages die beste Urne leisten zu können, für die beste Zeremonie am Tag unseres Begräbnisses."

 

Die tägliche Realität besteht für die Erzählerin darin, zuzusehen, wie weiße Männer ins Schilf gehen, um sich dort eine schwarze Frau zu nehmen. Auch ihr Vater nutzt seine Stellung gründlich aus. Sie lernt, dass es unter ihrer Würde ist, Mangos am Straßenrand zu verkaufen. Sie ohrfeigt eine Mitschülerin, eine Mulattin. Nichts geschieht. Hätte sie die Ohrfeige kassiert, wäre die Mulattin verschwunden. Sie läuft ausstaffiert wie eine Prinzessin durch die staubigen Straßen, den Kampf, sauber zu bleiben, gibt sie bald auf. 

 

"Das weiße Kleid ... ist die schreiendste Metapher meines Lebens als kleine Kolonialistin: eine Weiße in Weiß, den Rock umklammernd, der nicht schmutzig werden darf, die weißen Schuhe betrachtend, die nicht staubig werden sollen."

 

Sie hat ein angespanntes Verhältnis zu ihrer Mutter, die einen reinen weißen Körper hat, den sie nicht berühren darf. Auf dem Vater hingegen darf sie herumturnen, er ist es, der ihr die Lust am Leben zeigt, den sie anhimmelt - und den sie eines Tages mit ihrer Version der Wahrheit verraten wird.

 

Denn das Kind begreift eines: 

"Sie waren meinesgleichen. Ich sah es. Sie hatten Mutter, Vater, Cousins ... Die Augen waren ebenso wach wie die meinen. Sie lächelten mir zu. Sie sprachen mit mir, wenn ihre patroes nicht in der Nähe waren."

 

Und schon früh lernt sie lesen, entdeckt in den Büchern eine Welt, die größer und weiter ist als die, in der sie lebt.

Das Lesen macht sie zur "Feindin" des Vaters.

 

 

Isabela Figueiredo erzählt nicht streng chronologisch.

Sie springt immer wieder vor und zurück, "befördert ... Bruchstücke von Stimmen, die aus einer anderen Epoche widerhallen, in unsere eigene Zeit", wie die Autorin in der Vorbemerkung schreibt. Sie erzählt aus ihrem Leben und fügt allgemeine Betrachtungen ein. 

Ihre Erinnerungen erzählen die Geschichte von Kolonialis-mus und Rassismus, sie versucht, eine komplexe Vater-Tochter-Beziehung zu entwirren und sie berichtet von ihrer Suche nach Identität, von ihrem sehr frühen Erwachsen-werden, ihrer schwierigen Situation als retornado in Portugal - zurückkehren wurde als persönliches Versagen betrachtet.

 

Ihr Vater hörte nie auf, ein "Siedler" zu sein, bis an sein Lebensende weigerte er sich, anzuerkennen, dass Neger Menschen sind. Doch schon seine zehnjährige Tochter hatte auf den Baustellen, die er als Elektriker leitete, gespürt, wie Hass und Angst sich auftürmten:

"Wer an einem beliebigen Morgen ohne Filter, ohne Schutz oder Angriffslust, in die Augen der Schwarzen sah, während sie die nackten Wände der Gebäude der Weißen durch-bohrten, der vergißt diese Stille nicht, diese von Haß und schmutzigem Elend, von Ausgeliefertsein und Unterwer-fung, von Überleben und Unrat brodelnde Kälte.

Es gab keine unschuldigen Blicke."

 

Von dieser Gewalt berichtet sie, nicht von den guten Weißen, die die Schwarzen anständig behandelten.

 

Die Autorin verknüpft die Fragen: Wer bin ich? mit der Überlegung: Was ist dies für ein Land? Ihre eigene Loslösung vom Vater, ihre eigene Wahrheit, erzählt sie im Kontext der Befreiung Mosamiks von den Portugiesen.

Im Schreiben entwickelt sie eine eigene Stimme, souverän erschafft sie lebendige Figuren, die sie Vater, Mutter und Großmutter nachbildet.

Indem sie als Kind in den anderen Kindern sich selbst entdeckt, entscheidet sie sich dafür, aus dem kolonialen Denken auszubrechen.

Hiervon erzählt sie in ihren Erinnerungen, die sie ihrem Vater, dem geliebten Feind, gewidmet hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Isabela Figueiredo: Roter Staub. Mosambik am Ende der Kolonialzeit

Übersetzt von Markus Sahr und mit einem Nachwort von

Sophie Sumburane

Weidle Verlag, 2019, 176 Seiten

(Originalausgabe 2015)