Aka Morchiladze - Der Filmvorführer

Niemand weiß, woher der Filmvor-führer kommt. Er ist "der einzige Ausländer in der Stadt". Diese ist eine Kleinststadt in Westgeorgien, eher ein Dorf als eine Stadt, sechs Autostunden von Tiflis entfernt.

Den "Tataren" nennt man Islam Sultanow dort, er ist Moslem in einer christlichen Gesellschaft,

bzw dem, was vom Christentum nach Jahrzehnten des Kommunismus noch übrig ist.

 

Die Geschichte spielt in den 1970er und 80er Jahren und sie wird erzählt von Beso, einem jungen Georgier, der sich mit dem fast vierzig Jahre älteren Islam anfreundete.

Beso hat als Jugendlicher seinen Vater durch einen Unfall verloren, um diese Zeit lernt er Islam kennen.

Er lebt zusammen mit den beiden jüngeren Geschwistern bei seiner Mutter.

 

Die Aufnahmeprüfung für die Universität hat er nicht bestanden, stattdessen erhält die Einberufung zum Militär.

So kommt er nach Russland, in die kalte Stadt Petrosawodsk.

 

"Ich arbeitete als Fahrer und chauffierte den Oberst herum. Es war für alle unsere Jungs eine traumhafte Zeit, an die man sich immer gern zuückerinnert. Ich weiß auch, warum - wegen der Mädchen. Ich verliebte mich sogar in Russland. Aber das ist eine andere Geschichte."

 

Fahren wird er auch in Afghanistan, wohin er über Nacht ohne Vorwarnung zusammen mit seinen Jungs transportiert wird. Dort entgeht er nur knapp dem Tod.

Gerettet hat ihn ein auswendig gelernter Text, der auch auf Arabisch oder Persisch auf einem Zettel steht, den Islam Beso mitgegeben hatte. Für alle Fälle.

 

Islam hat  Beso eingeschärft, dass er, wann immer er in eine Notsituation kommen sollte, diese Worte aufsagen und den Brief vorzeigen soll. Der Text ist im Buch abgedruckt, ohne Übersetzung. Den Inhalt erfährt der Leser am Ende der Geschichte, als Islam abreist (es ist das Jahr 1989) und Beso einen weiteren Brief gibt, ungefähr gleichen Inhalts wie der erste Brief zehn Jahre zuvor.

 

Im Jahr 1957 kam Islam Sultanow in die Kleinstadt. 

Die zwanzig Jahre zuvor verbrachte er in der Verbannung

in Sibirien, wohin er nach seiner Verhaftung als knapp Siebzehnjähriger gebracht worden war. 

Warum? Als jüngster Sohn des Khan von Kirbal (Mittelasien) war er nach der Ermordung seines Vaters Mitte der 20er-Jahre aus der Heimat verbannt worden. Die Mutter und das fünfjährige Kind landeten Tiflis, dort erhielten sie den Namen Sultanow. Unliebige Personen also.

 

Nach der Entlassung aus der Haft, durfte er nicht mehr in einer großen Stadt leben, und wählte jenes Dorf Besos, um dort sein Dasein als Filmvorführer zu fristen.

 

Islam wird zum wichtigsten Freund und Mentor Besos.

Er greift ein, als es um die Verheiratung Besos geht, er mahnt ihn, eine Fremdsprache, am besten Englisch, zu lernen, als deutlich zu spüren ist, dass die Zeiten sich ändern. 

Er fordert ihn auf, ein Auto zu kaufen, um als Taxifahrer arbeiten zu können. Erstaunlicherweise gibt er ihm sogar das Geld dafür. Wo das herkommt, kann Beso nur erahnen, denn Islam verdient nicht mehr Geld, als man zum nackten Überleben braucht. Es muss mit dem Besuch dreier Männer zu tun haben, die sich vor Islam auf die Knie warfen.

 

Das kurze Zitat oben ("Ich arbeitete als Fahrer...") zeigt, welchen Gemüts Beso ist. Im Stil einer Postkarte fasst er seine Zeit bei der Armee zusammen.

Aus dieser naiven Perspektive ist der gesamte Roman erzählt. Dieser wird nämlich als Bericht des verschwundenen Fahrers einer internationalen Organisation bezeichnet.

Der Mann, den dieser Fahrer normalerweise chauffiert, fand ein Heft: "Beso hat seine Memoiren für mich zurückgelassen. Jetzt habe ich sie gelesen. ... Er hat sie auf englisch geschrieben. ... ich habe lediglich Besos Heft übersetzt."

 

Mit unvoreingenommenem, fast kindlichem Blick, berichtet Beso von der Welt, von seiner Welt. Der Leser erfährt, wie in Georgien eine Ehe angebahnt wird ("Verkupplung, Liebe und Entführung"), dass seine Diabetes-Erkrankung auf dem Heiratsmarkt ein Minuspunkt ist, ihn aber vor dem Krieg in Abchasien bewahrt. Man erfährt, wie ungeheuer groß der Unterschied zwischen Tiflis und dem Land ist, wie die Macht der sogenannten "Diebe im Gesetz", eine Art Mafia oder korrupten Elite, zunimmt. 

Beso erzählt, dass nie ein Besucher in das Museum kommt, in dem er eine Zeit lang als Aufseher arbeitet, wie er dort aber plötzlich mit dem ehemaligen, enteigneten Besitzer des Hauses zusammentrifft und eine Liste erstellen soll, was diesem gehört etc. 

Er berichtet, wie Ex-Afghanistan-Kämpfer von der noch existierenden kommunistischen Regierung für ihre politischen Zwecke missbraucht werden (dafür steckt er auf einer Demonstration unglaubliche Prügel ein), er berichtet davon, dass man zwar ausreichend Geld verdienen kann um nicht zu hungern, es aber keine Aussichten auf eine Zukunft gibt. Er spricht über die Mentalität der Georgier.

Er erzählt von seinem Bruder, der ein Gangster geworden ist und nun im Gefängnis sitzt, von der langen Zeit, die es brauchte, bis seine Frau Tamriko schwanger war - 

Beso erzählt die kleinen Begebenheiten, die privaten Ereignisse, das, was ihm so durch den Kopf geht, durchweg vermischt mit den politischen Umwälzungen, Veränderungen, großen historischen Geschehnissen.

 

Auf diese Weise wird er zum unbestechlichen Chronisten seiner Zeit. 

 

Am Ende weiß er, dass sein Freund Islam Husein, Khan von Kirbal, ausgezogen ist, sein Königreich zurück zu erobern.

Vielleicht hat Besos Verschwinden damit zu tun...

 

 

Hier noch eine kleine Leseprobe, um den Stil kennen zu lernen:

"So lebten wir. Das Leben wurde schwieriger und schwieriger. Ein Auto konnte ich zwar nicht kaufen, dafür aber zwei Schweine. Unsere Stadt hatte sich immer durch Landwirt-schaft ernährt. Der Staat hatte bereits eine eigene Regierung, und auch die Ablösung von Rußland wurde verkündet, aber Ruhe war trotzdem nicht in Sicht. Wie kann es auch schnell zu Ende gehen, wen man eine lange verschlosse Tür aufmacht? Es ging erst richtig los.

Die Stadt wurde irgendwie armselig.

Unser großer Kummer war, daß Tamriko nicht schwanger wurde. Wir vernahmen Gerüchte, wonach ihre Mutter gesagt haben sollte: Was hat sie denn anderes erwartet, als sie einen Kranken heiratete?

Bei uns ist es üblich, daß im Falle der Kinderlosigkeit nur die Frau zum Arzt geht. Man darf die georgischen Männer nicht mit einem solchen Vorwurf konfrontieren. ..."

 

 

Aka Morchiladze, geboren 1966 in Tiflis, ist einer der renommiertesten und meistgelesenen Autoren Georgiens.

Er arbeitet als Dozent und Journalist, vor allem aber veröffentlichte er zwanzig Romane und mehrere Erzählbände. Ein Autor also, von dem es noch viele Bücher zu entdecken gibt, bislang erschien neben dem "Filmvorführer" der Roman "Reise nach Karabach" im

Weidle Verlag auf Deutsch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aka Morchiladze: Der Filmvorführer

Übersetzt von Iunona Guruli

Weidle Verlag, 2018, 136 Seiten

(Originalausgabe 2009)