Ré Soupault - Nur das Geistige zählt

Vom Bauhaus in die Welt. Erinnerungen

Ré Soupault kommt 1901 als Meta Erna Niemeyer in Bublitz/Pommern zur Welt, 1996 stirbt sie in Versailles. Das bedeutet: sie erlebt ein ganzes Jahrhundert mit zwei Weltkriegen, auf drei Kontinenten, mit mehreren Berufen. In den 1970er Jahren verfasst sie ihre Erinnerungen als Briefe an ihre Nichte, diese bilden die Grundlage für das vorliegende Buch,  das bis 1949 reicht.

 

Was für ein Leben! ruft man unwillkürlich nach der Lektüre dieser Erinnerungen aus. Das Personenregister liest sich wie eine Auflistung der wichtigen Künstler des 20. Jahrhunderts.

Die Städte, in denen sie lebt, sind die damals aufregendsten der Welt. Doch sie ist keine Weltenbummlerin, die die Abenteuerlust in die Fremde zieht, es sind eher die Umstände, die sie an diese Orte bringen.

Aber: wo auch immer sie lebt, ihr Blick ist scharf und aufmerksam, ihre Beobachtungen präzise, ihr Interesse an Menschen groß, ihre Menschlichkeit unbestechlich.

 

"Es gibt zwei Wege im Leben: der eine führt nach außen: Karriere, Geltung, Besitz ... der andere nach innen: Arbeit, aber ohne Rücksicht auf äußeren Erfolg, schöpferische Arbeit, die ihren Lohn in sich selbst findet. Der Gedanke richtet sich auf die geistigen Errungenschaften des Menschen, dem Forschen nach dem Sinn des Lebens. ...

Eine solche Lebenshaltung bestimmt zugleich den Umgang mit anderen Menschen: niemandem die eigene Erkenntnis aufdrängen, die Persönlichkeit des anderen anerkennen,

ihm mit Toleranz und Sympathie begegnen."

 

Mit diesen Worten beginnt das Buch. Fast am Ende, als sie sich Gedanken über die Freiheit macht, schreibt sie:

"Diese politische Freiheit beruht auf der Achtung vor dem andern Menschen. ... Die Freiheit steht und fällt mit der Achtung vor dem anderen Menschen. ... Die Achtung vor dem anderen Menschen: darin liegt überhaupt der Schlüssel, der Schlüssel zu dem ganzen Problem der Freiheit."

 

All diese Aussagen zusammengenommen machen deutlich, was für Ré Soupault wichtig ist.

Und das macht ihre Erinnerungen so faszinierend.

Sie blickt zurück auf ihr Leben, aber sie sieht sich  nicht als die Sonne, um die die Welt sich dreht.

 

Ré besucht die Schule in Kolberg, ihre Zeichenlehrerin macht sie mit dem "Manifest von Gropius" bekannt. Es ist ihre erste Begegnung mit dem Bauhaus, sofort ist sie fasziniert:

"Da wollte ich mitmachen." Sie bekommt eine Zusage und beginnt mit zwanzig Jahren ihr Studium in Weimar.

Zu ihrem  wichtigsten Lehrer wird Johannes Itten. Bei ihm "lernten wir nicht malen, sondern lernten neu sehen, neu denken und zugleich lernten wir uns selber kennen."

Als Itten das Bauhaus verlässt, geht Ré nach Berlin, um als Assistentin des schwedischen Künstlers Eggeling einen Experimentalfilm zu machen.

 

Um Geld zu verdienen, arbeitet Ré für eine Modezeitschrift. Sie macht Zeichnungen und schreibt unter diversen Pseudonymen. Nach einer kurzen Ehe mit dem Dadaisten  Hans Richter verlässt sie Berlin und geht nach Paris.

Dort arbeitet sie weiter für ihren Berliner Verlag und entwickelt sich zur Modedesignerin. Schließlich hat sie ihre eigene Marke, "Ré-Sport", "Kleider für die arbeitende Frau".

Berühmt werden ihr Hosenrock und das "Transformations-kleid", ein wandlungsfähiges Kleid, das mit Accessoires vom Büro- zum Abendkleid umfunktioniert werden kann.

Ihre Entwürfe sind eine Revolution in der Mode.

 

Finanziell endet das Unternehmen in einer Katastrophe,

weil ihr Geschäftspartner ums Leben kommt und Ré nicht abgesichert ist. Doch sie schafft es, das Geschäft so lange weiterzuführen, bis die Schulden bezahlt sind.

 

1933 lernt sie bei einem Empfang den Schriftsteller und Journalisten Philippe Soupault kennen.

Schon vor ihrer Heirat 1937 unternehmen sie zahlreiche Reisen zusammen, Philippe ermuntert Ré zu fotografieren,

um seine Reportagen zu bebildern.

 

Zur Malerin, Filmemacherin, Designerin und Unter-nehmerin gesellt sich damit die Fotografin. Zu diesen wird die Schriftstellerin kommen, später die Übersetzerin.

 

Am Beginn des Zweiten Weltkrieges leben Ré und Philippe in Tunis. In letzter Minute können sie 1942 die Stadt verlassen, bevor sie von den Nazis eingenommen wird.

Philipps berufliche Zukunft liegt in Amerika. Ré begleitet ihn auf seinen Reisen durch ganz! Amerika, sie ist seine unent-behrliche Mitarbeiterin.

 

1945 kommt es zur Trennung, Ré bleibt in New York.

Sie ist nun vollkommen auf sich allein gestellt. Sie hat weder ein festes Einkommen noch eine Wohnung. Sie lebt in günstigen Hotels, kann schließlich das Atelier von Max Ernst übernehmen, verdient ihren Lebensunterhalt mit Zeichnen und Schreiben und beobachtet sehr genau, was in Amerika und in Europa vor sich geht.

 

Sie erlebt, dass Amerika "einer gebürtigen Deutschen keine Chancen bot." Außerdem widert sie der Siegestaumel der Amerikaner an, jede Menschlichkeit ist verloren gegangen.

Sie entschließt sich dazu, nach Paris zurückzukehren, im Juni 1946 kommt sie dort an.

Unter größten Schwierigkeiten lebt sie in der hungernden Stadt - als gebürtige Deutsche ist es noch sehr viel schwieriger als für die Franzosen.

Durch Zufall lernt sie auf einer Fahrt zu Freunden in die Schweiz den Geschäftsführer der "Büchergilde" kennen.

Dies bringt ihr den Auftrag, das Werk Romain Rollands zu übersetzten. Eine Mammutaufgabe, die nicht gut bezahlt wird und Rés Kräfte völlig aufzehrt.

 

Sie lebt jetzt in Basel, nachdem sich die vage Hoffnung, vielleicht in Berlin wieder Fuß zu fassen, zerschlagen hat.

Nach einem Sommer am Lago Maggiore 1949 (Ré hütet ein großes baufälliges Haus) entschließt sie sich, wieder nach New York zu gehen. So fremd Amerika ihr ist, so verändert ist Europa.

 

 

Ich habe die Daten, Orte und Berufe bzw Tätigkeiten so genau angegeben, um deutlich zu machen, aus wie vielen Quellen die Lebenserinnerungen sich speisen.

Das prägende Studium am Bauhaus in Weimar, Berlin,

die Jahre in Paris, der Zweite Weltkrieg in Nordafrika und Amerika, die Rückkehr nach Paris. Bedrohung, Armut, Hunger, ohne Bleibe. Die Begegnung mit der arabischen Welt, mit dem sie abstoßenden Turbokapitalismus in Amerika, die Erfahrung als Deutsche nach dem Krieg in Frankreich zu leben, der mehrmalige völlige Neubeginn beruflich wie privat - und bei all dem sind nirgendwo bittere Worte zu lesen. Ré Soupault schreibt von ihrer Müdigkeit und Erschöpfung, vergisst aber nicht zu betonen, dass die Menschen um sie herum ebenso um ihr Leben kämpfen müssen. Dankbar nimmt sie Hilfe an und ist jederzeit bereit zu helfen.  

 

"Meine Bekannten sagen, ich sei einsam. Das stimmt nicht, ich bin vielmehr allein, ich meine all-ein, eins mit dem All. Denn die Menschen machen mich nicht froh. Ich sehe in ihren Herzen zu viel Egoismus, Gefühllosigkeit, Eitelkeit,

zu viel Oberflächlichkeit und Habgier."

 

Das hält sie nicht davon ab, Achtung vor dem anderen als Bedingung für die Freiheit einzufordern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ré Soupault: Nur das Geistige zählt

Vom Bauhaus in die Welt. Erinnerungen

Herausgegen von Manfred Metzner

Wunderhorn Verlag, 2018, 240 Seiten