Jana Volkmann - Auwald

Zwischen Wien und Bratislava spielt dieser Roman, in dessen Zentrum Judith steht. Eine junge Tischlerin, die Holzarten am Geruch erkennt, so viele Splitter unter der Haut hat, dass sie meint, sie selbst bestünde zu einem gewissen Teil aus Holz. Sie lebt mit ihrer Partnerin Lin zusammen - bis sie eines Tages aufbricht und mit dem Schiff die kurze Strecke von Wien nach Bratislava fährt.

Sie sollte dringend einmal frei nehmen, Urlaub machen, so wollte es Judiths Chef.

 

Judith liebt das Alleinsein. Sie macht einsame Spaziergänge, kann mit Partys nichts anfangen. Sie wirkt eher wie eine Beobachterin des Lebens, als eine, die es lebt und genießt.

Was sie genießt, ist ihre Arbeit.

"Akribie war eins der großartigsten Worte, die sie kannte" - sie kann sich vollständig in einen Gegenstand, den sie bearbeitet, hinein versenken, in ihm aufgehen.

 

Nun also ein Urlaub. Alleine. Der Zufall entscheidet, dass Judith nach Bratislava fährt.

 

"Es gibt keine kurzen Schiffsreisen. Selbst diese Fähren, die einen maximal für den Preis einer Busfahrkarte über den Müggelsee oder ans andere Rheinufer bringen, bereiten einen vor auf Unerreichbares, auf eine kleinstmögliche Ferne, die noch immer fern genug ist. Es gibt Schiffsreisen, die länger dauern als hundert Leben, zu viele gibt es davon, und kein Mensch kann behaupten, nichts davon zu wissen."

 

Die Fähre bringt Judith in ein anderes Leben.

Sie tritt die Rückfahrt nicht an, auch diese Entscheidung traf der Zufall. Doch sie verlässt Bratislava, in ihrem Rucksack ist alles, was sie braucht. Geld hat sie keines mehr, das braucht sie im Wald, am Fluss, in den Auen und Schwemmwiesen auch nicht. 

 

Während der erste Teil des Romans aus der Perspektive eines Erzählers Judiths Denken und Handeln von außen beschreibt, ist der zweite Teil aus der Sicht Judiths verfasst.

 

"Ich wache auf mit einem trockenen Mund, und mit einem trockenen Mund gehe ich schlafen. Das sollte einen nicht wundern. Wasser ist zwar da, aber niemals genug. Und es regnet immer im falschen Augenblick."

 

So beginnt die Erzählung über Judiths Weg zurück nach Wien. Sie geht an der Donau entlang. Sie verlässt die Zivili-sation, begibt sich in unwegsames Gelände, droht, in Löcher zu fallen oder im Schlamm zu versinken. Die Zeit verliert ihre Kontur, Geräusche und Gerüche sind ihre Gefährten.

 

Dann begegnet sie im Wald einem Hund. 

Dieses Kapitel beginnt wie ein Traum, vielleicht ein Wach-traum. Es endet damit, dass der Hund, den sie Herrn Bossmann nennt, sie zu einem kleinen Haus führt, sie gehen hinein, sie bleiben. Aus der Phantasie wird Realität.

 

Der Hund war Vorbote seines Besitzers, der nach einigen Tagen auftaucht, wieder verschwindet, zurückkehrt.

Seiner Besucherin ein Brot mitbringt, ihr Zigaretten gibt,

mit ihr schweigt. Sie sein lässt.

 

Judith kommt schließlich nach Wien zurück, das nicht mehr das Wien ist, das sie kennt. Es ist nicht klar, wie lange sie weg war, aber die Stadt scheint ihr Leben angehalten zu haben, als Judith wegging. "Am Burgtheater werden keine neuen Stücke beworben. Die Tafel, auf auf der immer stand, was am Abend gespielt wird, zeigt noch immer das Stück des Tages an, an dem ich von hier weggegangen bin."

 

Sie geht hinunter zur Donau, auch hier in der Stadt zieht es Judith ans Wasser. Sie ist alleine dort, musste auch eine Absperrung samt Stacheldraht überwinden, um an den Kanal zu kommen. "Kurz nach der Sache muss der Weg hier noch zugänglich gewesen sein." Die Sache?

 

Der ganze Roman spielt sich in Zwischen-Räumen ab, bzw. im Übergang zwischen zwei Welten.

 

"Momentum, dachte Judith jedes Mal, wenn sie am Morgen durch die Tür (zur Werkstatt) schwang. Ein Übergangsritual, um ja nicht zu nahtlos von der einen in die andere Welt zu wechseln."

Ihr gepackter Rucksack wartete dort schon längst auf seinen Einsatz, bevor von Urlaub die Rede war, "als hätte er geahnt, dass seine Zeit bald käme."

Sie denkt über "Wegsein" nach, über die Bedeutung und Herkunft des Wortes "verschollen".

Das Schiff bringt Judith nicht nur in eine andere Stadt, sondern in ein anderes Leben.

Der Auwald steht nicht auf festem Grund, sondern im Wasser. 

Die Realität schwimmt genauso davon, wie ein in die Donau geworfener Gegenstand. 

 

Dem Roman ist ein Prolog vorangestellt, in dem Judith sich in einer Höhle versteckt. Draußen ist ein Suchtrupp mit Hunden unterwegs. Sie kriecht tiefer in die Höhle hinein, entkommt durch einen schmalen Spalt, öffnet ein Gitter und steht auf einer Wiese. 

 

"... auf der Wiese wurde wieder ein Mensch aus ihr, welcher, wusste sie noch nicht. Nichts roch so gut wie diese Landschaft, die sich nicht darum scherte, dass sich ein paar hundert Meter weiter ein gewaltiger Riss in der Wirklichkeit offenbarte. Hier gab es niemanden, nur sie. Also gab es niemanden."

Ein Gedanke, der an Odysseus List denken lässt, mit der er auf den Zyklopeninseln sein Leben rettete.

 

Ein Niemand, ein unbeschriebenes Blatt und dann ein neuer Mensch werden, die Wirklichkeit hinterfragen, sich dem Fluss anvertrauen - Jana Volkmanns poetischer, fließender, schwebender und mutiger Roman vereint Akribie und Phantasie. Er ist wunderbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jana Volkmann: Auwald

Verbrecher Verlag, 2020, 184 Seiten