Laura Freudenthaler - Geistergeschichte

Anne, Pianistin, und Thomas, in der Filmbranche tätig, beide fünfzig Jahre alt, leben seit zwei Jahrzehnten in der gleichen Wohnung in Wien. Sie wissen, welche Diele knackt, welche Tür gerade geöffnet wird, wo der andere sich befindet. Immer häufiger ist Anne jedoch alleine in der Wohnung, denn Thomas hat sehr viele Termine, auch außerhalb der Stadt, dann ist er oft tagelang weg. Schläft er zu Hause, dann nicht mehr im gemeinsamen Schlafzimmer, das ist jetzt "Annes Zimmer",

er schläft in seinem Arbeitszimmer auf der Couch.

 

Dies ist nicht das einzige Anzeichen einer Entfremdung zweier Menschen, die ein halbes Leben an Erinnerungen teilen. Anne ist überzeugt, dass Thomas eine Affäre hat.

 

Es wäre nicht die erste. Schon einmal ist es "passiert".

Damals hat Anne aufgehört zu essen. "Anne begann erst wieder zu essen, als es die andere Frau nicht mehr gab, und Thomas begriff nicht, wie Anne wissen konnte, wann er log."

 

Aktuell hat Anne ein Freijahr. Sie unterrichtet Klavier an einer Musikschule. In diesem freien Jahr möchte sie ihr eigenes Spiel wieder pflegen, das darunter leidet, dass sie immer nur kurze Sequenzen mit ihren Schülern übt.

Und sie möchte ein Lehrbuch schreiben.

 

Doch kaum, dass Annes freies Jahr begonnen hat, bringt Thomas´ Affäre sie aus dem Takt.

Sie kann sich auf nichts mehr konzentrieren.

Sie kann nicht mehr zu Hause essen, da wird ihr sofort übel, also geht sie in ein Kaffeehaus zum Frühstück.

Sie legt ihr blaues Notizbuch neben sich, doch sie trägt nie etwas ein. Nach dem Kaffee nimmt sie ihre Spaziergänge auf, die sich zu Stadt-Wanderungen ausweiten.

Sie tauscht ihre schönen Schuhe gegen Schnürschuhe, die Handtasche gegen einen Rucksack und streift Tag für Tag umher. Immer weiter in die Außenbezirke kommt sie dabei, in immer unbekanntere Gegenden.

 

Dazu kommt, dass sie nicht mehr spielen kann. 

"Die Hände bewegen sich nicht. ... die Hände benehmen sich, als hätten sie noch nie allein gespielt. Die Hände tun, als wüssten sie nichts, obwohl doch früher die Hände spielten, während es geschehen konnte, dass Anne vergaß, was gespielt wurde."

 

Dies alles spiegelt den Zustand in ihrem Inneren. 

Denn seitdem Anne überzeugt ist, dass Thomas eine Geliebte hat, sieht sie immer wieder eine junge Frau, ein Mädchen, durch die Wohnung huschen, oder durch das Fenster schauen. Sie fängt regelrecht an, auf das Mädchen zu warten. 

 

Sie fängt auch damit an, in Thomas Taschen nach Belegen zu suchen. Restaurantrechnungen, Quittungen aus einem Café und dergleichen. 

Sie sortiert sie, malt sich aus, wie die beiden dort saßen, was sie miteinander zu bereden hatten, sie begibt sich immer weiter in die Welt ihres Mannes und des Mädchens (so wird sie sie immer nennen) hinein.

 

Auf ganz einzigartige Weise gelingt es Laura Freudenthaler, Realität und Fiktion übereinander zu blenden. 

Annes Wanderungen, ihre Treffen mit einer Freundin, die Gespräche mit ihrer Mutter, ihre Erinnerungen an Ereignisse, die ohne Zweifel tatsächlich stattgefunden haben, vermischen sich immer mehr mit dem, was Anne sich ausmalt.

 

Die Szenen, in welchen Thomas und das Mädchen zusammen sind, werden so beschrieben, wie der mehr und mehr sich ausfransende Alltag Annes. So gerät der Leser in genau denselben Sog wie Anne - es gibt keine gültige Wirklichkeit mehr, es ist nicht zu trennen, was wahr ist

und was Phantasie. Als Leser fängt man an, die Welt durch Annes Augen zu sehen und mit ihr in ihre eigene Realität einzutauchen.

 

Die Autorin legt ihre Fährten sehr geschickt aus.

Beispielsweise entwickelt auch das Mädchen, das am Anfang seiner Zeit mit Thomas so freudig gegessen hat, eine Unlust am Essen, die bedenklich ist. 

 

Andererseits "hat es mittlerweile einen ausgezeichneten Rotweingeschmack, Annes Rotweingeschmack, den Thomas im Lauf der Jahre übernommen hat. Das Mädchen teilt nun Annes vorleibe für schwere südfranzösische Weine."

 

Das Mädchen besucht den gleichen Osteopath, einen Freund von Thomas. Auch das Thema Kinderwunsch streift Laura Freudenthaler, oder Freundschaft.

 

Sind das Rückverweise auf Anne?

Sucht sie nach Gemeinsamkeiten zu dem Mädchen,

oder lagert sie einen Teil ihres Ich aus und sucht in den gemeinsamen Erinnerungen nach ihren eigenen?

 

Diese Fragen drängen sich auf, doch die Autorin ist klug genug, diese dem Leser zu überlassen und aus ihrem Roman kein psychologisches Dossier zu machen.

Ihr gelingt die Entführung des Lesers auf einen mehr als doppelten Boden, in einen Raum voller Spiegel und in die Schwebe von Wirklichkeit und Vorstellung.

Sie führt dabei den Traum so nah an der Realität, dass er vollkommen glaubhaft erscheint, auch wenn man weiß,

dass es nicht möglich ist...

 

Das ist wirklich eine Kunst!

 

Eine solche ist auch die feinfühlige Sprache.

Der Roman, dessen Protagonistin Anne Französin ist, lebt neben der Handlung von einer hohen Kunst der Sprache.  

Anne lebt in verschiedenen Sprachwelten: ihrer Mutter-sprache, dem erlernten Deutsch, das noch immer viele Überraschungen für sie bereithält und der Musik (bis hin zu den Geräuschen, die das Mädchen verursacht).

 

Laura Freudenthaler misst der Sprache einen großen Wert zu, es ist eine große Freude, darin einzutauchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laura Freudenthaler: Geistergeschichte

Literaturverlag Droschl, 2019, 168 Seiten