Josepha Mendels - Rolien & Ralien

"Und oh und oh und oh und oh, wieder eine Freundschaft mit einer Enttäuschung, und oh und oh und oh und oh, dieser Schöpferdrang zum Schreiben, und oh und oh und oh und oh, ich bin eine Fremde im eigenen Haus, und oh und oh und oh und oh, Ralien, wo führst du mich hin?"

Diese "ohs" sind die "Fundamente" Roliens.

 

Sie ist ein ungewöhnliches Mädchen. Die jüngste von drei Töchtern kann wenig mit ihren älteren Schwestern Agnes und Mieke anfangen. Sie sind ganz ganz anders, triezen die kleine Schwester auch sehr gerne.

Rolien spielt viel lieber mit ihren Puppen, bis diese Spiele im Verlauf ihrer Grundschulzeit zu langweilig werden.

Angefeuert durch ihre Lehrerin Clara Balto beginnt Rolien zu schreiben. Die Geschichte der Familie Staphorst soll ihr erstes Werk werden, Rolien träumt schon von den positiven Rezensionen, die bald erscheinen werden.

 

Nicht erst jetzt, schon als Rolien noch mit ihren Puppen spielte, ist Ralien diejenige, die ihr die richtigen Worte einflüstert. Dieses zweite Ich, diese ihr innewohnende Stimme, ist Roliens "Büchersprache", so erklärt sie es ihrer Mutter.

"Wenn ich Doras Haare kämme, sagt jemand in mir: `Jetzt nahm sie den Kamm und kämmte das lange schwarze Ziegenhaar ihrer Lieblingspuppe. Draußen war schönes Wetter, deshalb setzte sie ihr ein hellblaues Mützchen auf.´ Ich bin es so leid, ... ich fange schon an, in Sätzen zu träumen." 

Ralien wird ihr manchmal lästig werden, Rolien wird versuchen, sie loszuwerden, wird ihr unterliegen, wird sie schließlich akzeptieren.

 

Der ganze Roman ist in einer Art Zweiklang aufgebaut.

Die so verschiedenen Eltern, die beiden Schwestern, die Freundin Titi (die Rolien eines Tages verrät und verlässt) und die Lehrerin Clara Balto (auch sie wird Rolien nicht erhalten bleiben, auch wenn das Mädchen sie sehr liebt), zwei Liebhaber, die Rolien verschiedene Seiten der Liebe kennenlernen lassen, schließlich der Kontrast Stadt-Land.

 

Aufgewachsen in den Niederlanden flieht Rolien mit neunzehn Jahren nach Paris. Dort will sie frei werden -

"Ich werde ein anderer, ich werde ich selbst. ... ich werde ein Mensch", so ihre Hoffnung bei der Abreise. Sie landet zunächst in einer Villengegend, wo sie als Gouvernante arbeitet, das ist nicht die große Freiheit. Dann schlägt sie sich mit allen möglichen Jobs durch, begegnet Jean und Charles, der ausufernden Welt der Bücher in der Nationalbibliothek, den Surrealisten, die ihr sehr vertraut erscheinen, sie begegnet dem ganzen Leben, auch der Einsamkeit.

 

Nach einer Enttäuschung in der Liebe flieht Rolien ein weiteres Mal, diesmal in die Natur. Auf einer Wiese, in einem märchenhaften Wald meint sie, sich wiederzufinden, das Leben besser zu verstehen.

Da wird sie plötzlich weggerufen...

 

 

Sehr feinfühlig sind die intensiven, aber auch die kurzen und flüchtigen Begegnungen beschrieben. Ebenso die Phantasien und Träume Roliens, ihre Hoffnungen, Enttäuschungen, ihr Umgang mit Menschen und Tieren - Josepha Mendels beobachtet und skizziert auf das Allergenaueste in einem Ton, der zugleich präzise, sehr warmherzig und augen-zwinkernd ist. 

 

Ralien, die eine Stimme, eine Freundin oder eine Feindin ist, verkörpert die Künstlerseele des Mädchens, der jungen Frau.

Wie wunderbar, dass Rolien auf sie hört, sie schließlich akzeptiert und weiß: "Jetzt bin ich nie mehr allein."

 

 

Der Debütroman Josepha Mendels aus dem Jahr 1947 spiegelt einen Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte wieder. 1902 in den Niederlanden  geboren, in einer jüdisch-orthodoxen Familie aufgewachsen, ging sie zunächst nach Paris, später nach London.

1945 kehrte sie nach Paris zurück, arbeitete als Schrift-stellerin, wurde mit sechsundvierzig alleinerziehende Mutter, gab ihr Debüt als Schauspielerin mit über siebzig, erhielt viele Preise und war eine wichtige Figur der feministischen Bewegung der Niederlande. Dorthin kehrte sie erst wenige Jahre vor ihrem Tod 1995 zurück.

 

Das Leben in mehr als einer Welt beschreibt sie auch in der bezaubernden Liebesgeschichte "Du wusstest es doch", die nur ein Jahr nach "Rolien & Ralien" erschien.

 

In beiden Romanen gelingt es Josepha Mendels in die Tiefen ihrer Figuren zu tauchen, ganz genau zu beschreiben, was sich in ihren Seelen abspielt - ohne jemals die Leichtigkeit ihrer Feder, ihres Geistes aufzugeben. 

Das ist eine ganz große Kunst!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Josepha Mendels: Rolien & Ralien

Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas

Mit einem Nachwort von Roos van Rijswijk

Wagenbach Verlag, 2020, 192 Seiten

(Originalausgabe 1947)