David Bosc - Ein glückliches Exil

Courbet in der Schweiz

Der 1819 geborene, im ostfranzösischen Jura aufgewachsene Courbet hätte Jurist werden sollen. Das Zeichnen und Malen interessierte ihn jedoch viel viel mehr - in Paris besuchte er nicht die Kurse in Recht, sondern den Louvre. Dort lernte er vor allem durch das Kopieren der alten Meister, er traf sich mit anderen Künstlern und so entstand die Kunstrichtung des Realismus, Courbet wurde einer seiner promi-                                                         nentesten Vertreter.

 

1848 gelang ihm der Durchbruch, die Kritiker waren begeistert von seinen ausgestellten Werken, ein Jahr später erwarb der Staat das Gemälde "Nach dem Essen in Ornan".

Im Lauf der folgenden Jahre wurde Courbet international bekannt, er konnte ausstellen und verkaufte gut.

 

Aber er verkaufte nicht seine Ideen und Ideale.

So lehnte er das Kreuz der Ehrenlegion ab, das er 1870 erhalten sollte, denn der Staat sollte keinerlei Einfluss auf

die Kunst ausüben. 

Im selben Jahr wurde er Mitglied der Pariser Kommune.

Dieser revolutionäre Stadtrat existierte von März bis Ende Mai 1871 und wollte sozialistische Ideen gegen die Vorstellungen der Zentralregierung durchsetzten. 

 

Spektakulär war die Entfernung der Vendome-Säule, die für die Macht des Kaisers Napoleon stand, durch die Kommu-narden. Courbet wurde für die Zerstörung verantwortlich gemacht und für sechs Monate inhaftiert.

Die Entschädigung, die er bezahlen sollte, war astronomisch, er hätte sie niemals leisten können.

 

So verließ Courbet Frankreich zusammen mit seinem Schüler Ordinaire, am 24. August 1873 überschritt er die Grenze zur Schweiz.

Im Polizeirapport ist zu lesen: "Courbet hat Ornans verlassen, er versucht, sich an der seinem Dorf am nächsten liegenden Grenze niederzulassen und bringt sich in Sicherheit vor dem künftigen Prozess zur Vendome-Säule."

 

An dieser Stelle setzt der Roman ein und man sollte unbedingt die Bilder Courbets anschauen, bevor man dem Maler in die Schweiz folgt.

Denn David Bosc erzählt die Geschichte des Mannes, der im Exil endlich frei war und all dem frönen konnte, was er liebte, anhand der Bilder. 

 

Die Flucht ist auch - oder vor allem - ein körperlicher Akt.

Das erste Stück bewältigen die beiden Männer zu Fuß, dann durchqueren sie in der Nacht schwimmend einen Fluss, das "goldene Licht" des folgenden Tages "mildert die Müdigkeit, macht Lust auf den nächsten Schritt..." Kurz vor der Grenze werden sie erwartet von einer treuen Freundin, die eine Kutsche organisiert hat und die Flüchtlinge begleitet.

Dieses in-der-Welt-sein, das Wahrnehmen und Erleben, drückt Courbet in seinen Bildern aus, es ist die Grundlage für seine Malerei, seinen Realismus.

 

Nach einigen Wochen in Les Verriètres geht Courbet nach Genf, dort leben fünfhundert vertriebene Mitglieder der Kommune. Doch hier fühlt er sich nicht wohl, er zieht weiter, lässt sich in La Tour-de-Peilz nieder, kauft dort ein Haus, Bon-Port genannt. Es gleicht einem Bienenstock mit seinem ständigen Kommen und Gehen, nachdem es von Courbets Schwester neu eingerichtet worden war.

 

Vier Gehilfen präparieren die Leinwände, Courbet stürzt sich in die Arbeit. Nachmittags. Vormittags schläft er. Am Abend geht er in ein Café oder eine einfache Kneipe. Er liebt es, sich unters Volk zu mischen, zu prahlen, zu zechen, zu singen, sich zu amüsieren. Er schließt sich Vereinen an, nimmt am Dorfleben teil.

Er liebt es, im Fluss zu baden, die Kälte des Wassers zu spüren, er muss sich bewegen, draußen.

 

"Courbet fühlte sich zu den unfassbaren Wäldern hingezogen. Sein Auge hielt es nicht auf den niedlichen Gärten aus. ... Er musste sich die Natur einverleiben - sie trinken, verschlingen -, sich in sie einfügen - baden, in die Gestrüppe, das Blattwerk, die Höhlen eindringen -, und er brannte, er musste mit gleich welchem Mittel etwas davon wiedergeben.  Sein Auge hielt es nicht auf den niedlichen Gärten aus, doch da waren die Blumen. Und Courbets Paradies lag vielleicht im Herzen des Waldes, im Mahlstrom der Wildheit, einem großen Körper aus Blumen."

 

In diesem hochgestimmten Ton folgt David Bosc dem Maler durch sein Leben und seine Malerei, sieht in den Bildern den Zustand des Malers, als er sie erschuf.

So beispielsweise das Bild "Die Welle" von 1869:

"Da hatte er versteinerte Wellen gemalt. 1869 hatte er jene Welle in Form einer geschlossenen Faust auf einem zementierten Meer gemalt, die nichts als eine cholerische Schlägerei mit der Zeit war. Courbet liess die Welle zu Stein erstarren, er hat aus ihr eine Klippe gemacht, weil die echten Wellen, an gewissen Tagen, ... weil die echten Wellen unaufhörlich die zarte Schönheit dessen heranspülen, was kommt und vergeht, und man nicht immer fähig ist, es zu ertragen."

 

Bosc beschreibt die Art und Weise, wie Courbet Tierbilder malt, wie er Landschaften oder Porträts malt. Er beschreibt die Maßlosigkeit, das Akzeptieren, "den Boden unter den Füssen zu verlieren, ... sich in das Grosse Ganze" zu stürzen" und dabei bei aller Fülle auch der Leere zu begegnen.

 

Courbet trinkt Unmengen an Wein, auch Cognac und Absinth. Er leidet an einer Leberzirrhose und an Wasser-sucht. Verbringt mehrere Wochen in einer Klinik, es geht ihm nicht besser. Sein Leib schwillt an, er isst kaum noch.

 

Am 24. Mai 1877 unterschreibt er das Protokoll, das die Höhe der Zahlungen für die Vendome-Säule festlegt.

"Von diesem Tag an hat er nie mehr gemalt."

Er stirbt am 31. Dezember, zu Hause, inmitten von Freunden, auch sein Vater ist da.

 

Bosc zieht eine Art Resümee:

"Immer dieses Hin und Her zwischen dem Leben, das er leidenschaftlich liebte, und seiner Wut auf den Organismus mit den diffusen Augen, den schwachen, kalten, zahllosen Händen. Immer dieser Kreis rund um den Baum, rund um die Quelle, um damit die Schmerzen zu betäuben, ohne sich selbst zu hassen oder seinen Nächsten Qualen und Racheakte anzudrohen.  ...  Ihm graute vor der abstrakten Liebe der Philanthropen, jenem betrübten Herzen, das überfließt ... Courbet hat seine Freiheit ausgeübt.  ... Seine Politik? Freiheit für alle, das heisst, die Pflicht, sich selbst zu regieren. ... Courbets Realismus ist eine Antwort auf die soziale Fabel, ... die Zivilisation ... Courbets Realismus zerfetzt die Kulissen, hinter denen die schmutzige Arbeit erledigt wird, er zerreisst die bemalten Leinwände ..."

 

"Die ansteckende Freude des Menschen, der sich selbst regiert" - diese Freude überstrahlt die Jahre am Genfersee,

so David Bosc.

Sein Blick auf den Maler ist enthusiastisch, er rückt ihm zu Leibe, er geht an die Quellen, die die Malerei speisten, er denkt das Leben Courbets von der Malerei her.

Es ist ein Roman, es ist keine Biografie, die den Anspruch der Korrektheit in jedem Teilaspekt erhebt - Courbet ist der Protagonist seines eigenen Lebens, gesehen durch die Augen eines Schriftstellers, der rund einhundertfünfzig Jahre nach dem Maler geboren wurde und sich von der Lebensge-schichte und den Bildern des Realisten faszinieren ließ.

Es ist ein eigenwilliges Buch entstanden, das einen neuen Zugang zu den Werken des Malers eröffnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

David Bosc: Ein glückliches Exil. Courbet in der Schweiz

Übersetzt von Gabriela Zehnder

verlag die brotsuppe, 2014, 120 Seiten

(Originalausgabe 2013)