Archil Kikodze - Der Südelefant

"Auf dem Foto ist der Hof des Staatlichen Museums zu sehen und wir zwei, vor dem Hintergrund des prähistorischen Elefantenskeletts. ...

So an die zehn Jahre alt müssten wir sein. ... Archidiskodon Meridionalis. Der Südelefant."

Wir, das sind der Ich-Erzähler und sein bester Freund Tazo, das Museum liegt in Tiflis - die Freundschaft der beiden ist gefühlt so alt wie der Südelefant. Dieser lebte vor zwei Millionen Jahren in Eurasien und Nordamerika.

 

Das Zitat mag ein wenig irritieren, weil der Blick auf das Cover des Buches fällt, das eine Ansicht von Tiflis zeigt.

Beide, Coverfoto und das beschriebene Foto des Elefanten, stehen sinnbildlich für diesen Roman, der in der unmittel-baren Gegenwart spielt, aber weit in die Vergangenheit reicht.

 

Der Leser erlebt mit dem Erzähler einen einzigen Tag,

den dieser durch die Stadt streifend verbringt.

Der Roman ist ein einzigartiger Einblick in das Herz der Stadt, in die Geschichte des Landes und in das Leben des Protagonisten.

Der Streifzug ist auch ein Suchen nach Tazo, dem Freund aus vergangenen Tagen, und damit ein Suchen nach der eigenen Geschichte. Ein Versichern, am Leben zu sein.

 

Tazo und der Erzähler sind gute vierzig Jahre alt. Sie kennen sich seit ihrer Kindheit, studierten zusammen an der Filmakademie, arbeiten jetzt aber beide nicht mehr in diesem Bereich. Tazo hat mit Versicherungen zu tun, der Erzähler ist in der Werbebranche gelandet. 

Sie haben sich lange nicht gesehen, doch die Freundschaft ist so alt, dass es für Tazo möglich ist, nach Jahren anzurufen, und zu fragen, ob er für einen Tag die Wohnung des Erzählers haben kann. Er möchte sich mit einer Frau treffen.

 

Schon um neun Uhr kommt Tazo. Kurz und ohne viele Worte wird das Wichtige geklärt (Bettwäsche, Getränke etc), dann verlässt der Erzähler seine Wohnung.

Er läuft los, "zum Blauen Kloster, von da aus gehe ich in den Wera-Park, und dort werde ich erst mal gemütlich eine rauchen."

 

Im Park trifft er auf einen alten Bekannten, Leo.

Er hat sich über die Jahre "in einen der Geister vom Wera-Park verwandelt".

"Ein cooler Typ, hat man früher über Leo gesagt, es hat gestimmt. Diese Stadt erinnert sich an seine Helden.

Die Stadt, in der Leo lebt, erinnert jedoch stark an ein Gefängnis der härtesten Sorte. Hier darfst du niemals lockerlassen, auch außerhalb der Gitter darfst du dich niemals frei wähnen. Leichtfertigkeit wird dir hier nicht verziehen...."

Ein alter Säufer ist Leo geworden, viel Zeit hat er im Gefängnis verbracht.

 

Interessant ist, wie der Autor die Geschichte eines Menschen erzählt, nämlich so, dass zugleich eine Charakteristik der Stadt miterzählt wird.

Eine Begegnung im Park wird zur Initialzündung, um über Veränderungen im Umgang miteinander, auch von Seiten der Stadtverantwortlichen mit den Bürgern, zu sprechen.

Ohne dabei die persönliche Ebene zu verlassen.

 

In diesem Fall geht es um die Entfernung eines BMW, den Leo seiner verehrten Mediko auf die Straße gestellt hatte.  

Über die Jahre war dieser gealtert und verrostet und zum Lokalmythos geworden. Mit diesem Auto hatte Leo die Professorentochter erobern wollen, doch sie war zu stolz gewesen, ihn zu akzeptieren, obwohl sie ihn liebte.

Das Auto wurde kurz nach dem Militärputsch aufgestellt, und "wurde somit zum Anfang einer neuen Zeitrechnung" für Mediko - deren Vater in Folge des Putsches niemals mehr die Wohnung verließ und nur noch für seine Zimmer-pflanzen und sein Klavier lebte.

Jedenfalls hätte es "früher" niemand gewagt, Medikos Auto anzurühren...

 

Man kann ihm auf dem Stadtplan folgen, dem Ich-Erzähler. Er nennt die Straßennamen, beschreibt manchmal einzelne Gebäude, oder porträtiert ein bestimmtes Viertel, die Menschen und die Stimmung dort.

 

Er dürfte ein Alter-Ego des Autors sein. Sie sind in etwa gleich alt (Archil Kikodze wurde 1972 geboren), Kikodze ist Schriftsteller, Fotograf, Regisseur und Schauspieler.

Immer wieder gleicht er Erinnerungsbilder, Geschehnisse oder erlebte Episoden mit Filmszenen ab. 

Solchen, die bekannt sind und berühmten Filmen entstammen, oder auch den Filmen, die der Erzähler selbst gedreht hat. Bis er diese Tätigkeit aufgab.

 

Auf seiner Wanderung durch die Stadt erinnert er sich an seine große Liebe Nelly, die ihm nichts als Freude brachte. Heute ist sie mit einem Tierarzt verheiratet, der sie unbarm-herzig in jeder nur erdenklichen Lage fotografiert und die Fotos veröffentlicht. Ein täglicher Schmerz für den Erzähler, sich diese Bilder anzusehen.

 

Häufig nimmt er sein Handy zur Hand, im Park sitzend oder in einem Café, und schaut nach, ob seine in Amerika lebende Tochter Keto online ist und er mit ihr chatten kann.

Eigentlich weiß er aber gar nicht, was er ihr sagen soll...

 

Er erinnert sich an Studenten der Akademie, sinniert darüber nach, was aus ihnen geworden ist. 

Dabei erfährt man von innergeorgischen Konflikten, wie dem Ossetienkrieg oder von der Art, wie Minderheiten behandelt werden. Die Swanen zum Beispiel.

Eine Kommilitonin war besessen von der Geschichte dieses Volkes, sie wollte unbedingt einen Film über einen ganz bestimmten Aspekt von dessen Kultur drehen.

Sie lebt jetzt im Westen, postet Fotos von abgedrehten Partys... 

 

Er war viel unterwegs, als er noch Filme drehte. Vor allem an die Festivals erinnert er sich, sie brachten ihn in den Westen oder auch nach Tallinn und Vilnius. Dort ist ihm ein guter Freund geblieben, Vidas, der sich wie ein Kind über bunte Ballons freuen kann, die am Himmel vorüberziehen.

 

Eine filmgleiche Szene ereignet sich gegen Ende des Romans. Gio, Tazos fünfzehnjähriger Sohn, wird gemobbt. 

Der Erzähler ruft bei einem der fünf Täter an, verabredet sich mit ihm im Park. Ihm zur Seite steht Leo, der auch das Reden übernimmt. Im Kreis hocken sie da, es geht darum, dass Gio ein bestimmtes Bild von seinem Profil löschen soll.

Dies wird versprochen, das Problem scheint gelöst, da fällt plötzlich ein Schuss. Leos Fuß wurde getroffen, anscheinend unbeabsichtigt, alle rennen auseinander, Leo und der Erzähler in Richtung "nach Hause". Aber da ist ja immer noch Tazo. Die beiden Männer überfallen quasi Mediko, die im selben Haus wohnt wie der Erzähler, und so liegt der blutende Leo auf dem Sofa seiner einst Angebeteten und alle trinken etwas sehr Starkes, um dies alles aushalten zu können und am Leben zu bleiben.

 

In die allgemeine Verwirrung hinein klingelt das Telefon, Tazo ruft an, die Frau ist weg. In einem wieder nur sehr kurzen Treffen der Männer in der Wohnung des Erzählers pendeln seine Gedanken wieder sehr schnell zwischen allen möglichen Zeitebenen hin und her, sein Gedächtnis ist wie eine Filmrolle, auf der die verschiedensten Filmsequenzen durcheinander abgespeichert wurden.

 

Als eine Art Fazit am Ende eines sehr sehr langen Tages

sagt der Erzähler zu Tazo:

"Und während ich so viel rumlief, habe ich eine Sache begriffen, nein, nicht begriffen, eher gespürt ...

Wie soll ich es dir sagen? Vielleicht irre ich mich auch, aber ich glaube, dieser Ort ist gar nicht so schlecht, um hier zu leben, unsere Stadt, meine ich..."

Tazos Antwort: "Sie ist grausam."

"Mit dem gleichen Erfolg hätte er auf mich schießen können, viel schimmer wäre es nicht gewesen!"

 

Die Stadt ist zum Sinnbild für das Leben geworden.

Beide sind nun um einen Menschen ärmer.

Der Leser ist jedoch um eine vielfältige Geschichte, die aus vielen vielen Geschichte besteht, reicher.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Archil Kikodze: Der Südelefant

Übersetzt von Nino Haratischwili und Martin Büttner

Ullstein Verlag, 2018, 272 Seiten

(Originalausgabe 2016)