Stephanie Hanel - Künstlerinnen in New York

Von Bronzegöttinnen, fabelhaften Wesen und einer etwas anderen Dinner Party

Der Untertitel weist auf die Vielfalt der in diesem Buch versammelten Werke von weltbekannten Künstlerinnen, oder solchen, die in Amerika berühmt, in Europa bisher unbekannt sind, hin. Groß ist die Bandbreite der in siebzehn Kapiteln porträtierten Kunstschaffen-den, die nebst ihrer Kreativität eines gemeinsam haben: New York. Sei es, dass sie hier lebten und arbeiteten oder ausgestellt wurden, die Metropole der                                                   Kunst ist das verbindende Element. 

 

Stephanie Hanel lebte zwei Jahre in New York und war vom Kunstreichtum der Stadt vollständig fasziniert. Die Werke in Museen, Galerien oder im öffentlichen Raum, die großen und unübersehbaren, denen die leisen, stillen und kleinen  gegenüberstehen, die hier endlich sichtbar gemachte Kunst von Frauen, ließ "in mir den Wunsch wachsen, ... dieses Buch zu schreiben."

 

In ihren Porträts, allesamt kurz und bündig, vereint sie das Wesentliche der Arbeiten der dargestellten Künstlerin und die Eckdaten ihrer Biografien mit ihrem ganz persönlichen Erleben. Dieses Ineinandergreifen unterscheidet die Sammlung von Essays von einem Sachbuch und lässt die Leser:innen teilhaben an der Freude, die Kunst auslösen kann. Neugierig wird man sowieso, man möchte die Bilder, Skulpturen, Installationen sehen, die Orte, an denen sie zu betrachten sind, die Gesamtwirkung in sich aufnehmen.

 

Als Appetizer ist jedem Porträt eine Zeichnung der Autorin beigegeben, begleitet von einem kurzen, informativen Text, der einen Aspekt des Werkes und/oder seiner Rezeption darstellt und so auf die Künstlerin einstimmt.

Auch die Untertitel weisen den Weg, sie sind prägnant und pointiert: "Das Fearless Girl, der Bulle und die Börse", "Botschafterinnen aus der Zukunft", "Porträtistin der Seele", "Visionärer Bewusstseinsstrom" etc.

 

Die Bandbreite reicht von großen Namen wie Judy Chicago, Georgia O´Keefe oder Frida Kahlo über nicht ganz so berühmte wie Tarsila do Amaral bis zur Gruppe der Guerrilla Girls, deren Werk darin besteht, auf die Ungleichheiten in der Kunstwelt hinzuweisen. 

 

Dieses Kollektiv begann 1985 mit seinen Aktionen, mittler-weile ist es selbst "Teil der Museumskultur" geworden.

Es trug nicht wenig zur Sichtbarkeit weiblicher Kunst bei:

 

"Früher dachte ich, dass aufgrund der erschwerten Bedingungen für manche Epochen vielleicht wirklich keine Künstlerinnen zu finden wären, die ihre Profession so lange ausüben konnten, dass sie erfolgreich darin wurden. Viele Ausstellungen und Recherchen später ist klar, dass sie es trotzdem gegeben hat und auch mehr Kunstwerke als erhofft erhalten blieben. Aber sogar großer Ruhm und monetärer Erfolg hielt die Geschichtsschreibung nicht davon ab, sie schnell wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen. ...

Die Arbeit der Guerrilla Girls inspiriert, macht Mut und Laune ..." 

 

Diese Laune ist beim Lesen zu spüren, beispielsweise, wenn Stephanie Hanel über die "Planetare Kinetik" Alicja Kwades schreibt:

 

"Ich sah neun steinerne Kugeln in atemberaubenden Positionen, wie magisch positioniert zwischen stählernen Stangen. Zunächst fragte ich mich, ob diese Kugeln wirklich aus Marmor sein konnten, denn es gab keine offensichtliche Erklärung, wie sie mit ihrem enormen Gewicht in diesen Positionen gehalten wurden...."

 

Oder auch über die Pionierin Anna Atkins (1799-1871), die die Cyanotypie einsetzte und "die ersten mit Fotos illustrierten Bücher überhaupt herausgegeben hat." 

Mit dieser Cyanotypie, die auch "Sonnenfotografie oder Eisenblaudruck genannt" wird, stellte sie Pflanzen, Federn oder Blüten dar, sie verband Ästhetik mit Wissenschaft -

"Ich verdanke Atkins eine neue Leidenschaft - wann immer es windstill und sonnig ist, sehe ich mich nach Gräsern, Blüten und Kräutern um und versuche ihre Schönheit in Blau und Weiß zu bannen."

 

Dankenswerter Weise enthält das Buch am Ende "Quellen und Tipps zum Weiterlesen und -schauen" zu jeder Künstlerin. Hier finden sich Bücher, Kataloge und Artikel,  Filme, Dokus oder You Tube-Videos. Das Material ist aktuell, viele Publikationen sind in den letzten fünf Jahren erschienen und damit zugänglich.

 

"Wir sind heute nun in der glücklichen Lage, viele neue Kunstschätze sehen zu dürfen und von den interessanten Künstlerinnen und ihren Lebensgeschichten erfahren zu können. Unsere Herausforderung ist es, diese Künstlerinnen im Licht der Öffentlichkeit zu halten und so lange und so viel über ihre Werke zu erzählen, dass sie einen Grundkanon bilden: ein Fundament, auf dem alle zukünftigen Künstlerinnen so selbstverständlich aufbauen können wie ihre männlichen Kollegen."

 

Man kann Stephanie Hanels "Künstlerinnen in New York" als Anregung, sich mit weiblicher Kunst zu beschäftigen, lesen,  als Plädoyer dafür, dass auch dieser Teil der Kunst selbstver-ständlich werden sollte, oder schlicht als Stadtführer. 

In jedem Fall ist das Buch eine Bereicherung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stephanie Hanel: Künstlerinnen in New York -

Von Bronzegöttinnen, fabelhaften Wesen und einer etwas anderen Dinner Party

AvivA Verlag, 2023, 128 Seiten