Gabrielle Alioth - Die letzte Insel
Wie bilden und bewahren sich Erinnerungen? Ist das Leben eine Abfolge von Geschichten? Ist jedes einzelne Leben ein `Original´ oder ist es ein Echo auf Vorausgegangenes? Sind wir alle Kopien, also letzten Endes Klone? Ist das Paradies dort, wo die Zeit endet? Existiert sie überhaupt oder ist sie ein Konstrukt, erdacht, um das Leben (besser) zu verstehen?
Um diese und weitere Fragen kreist der Roman von Gabrielle Alioth, der sich aus zwei Erzählsträngen zusammensetzt.
Zum einen aus der Geschichte Holms, der auf eine kleine Insel in der Nordsee reist, um diese zu "inventarisieren".
Diese Inventur macht er nicht zum ersten Mal, es ist seine Arbeit, Flora und Fauna zu dokumentieren, bzw. das zu erfassen, was noch übrig ist. Denn dieser Part des Romans spielt in der Zukunft. Venedig, viele Küstenstriche und Inseln weltweit sind bereits untergegangen.
Ein Ministerium plant, auf der Insel weitere giftige Abfälle zu deponieren, eventuell soll die bestehende Deponie aber auch aufgelöst werden. Man geht davon aus, dass sie unbe-wohnt ist.
Zur großen Überraschung Holms lebt jedoch eine Gruppe Mönche mit ihrem Abt dort. Sie retten ihn, nachdem ein Sturm ihn an Land gespült und seine gesamte Ausrüstung vernichtet hat. Er bekommt ein Dach über dem Kopf und täglich eine Schale Suppe. Den direkten Kontakt meiden die Männer, später wird ihm klar weshalb: sie fürchten, durch eingeschleppte Krankheiten vernichtet zu werden, wie dies in der Geschichte der Menschheit schon mehrfach vorkam.
Die Geschichte Holms besteht aus dem, was er in der Gegen-wart auf der Insel erlebt, und aus seinen Erinnerungen als unbequemer und mit veralteten Methoden arbeitender Forscher, als Geliebter der Frau seines Freundes Wilson, ebenfalls Wissenschaftler, und aus seinen Schwierigkeiten mit all den Überwachungsmechanismen und Steuerungen, die in der schönen neuen Welt an der Tagesordnung sind. Seine Gedanken reichen zurück zu seiner Kindheit, seinen Eltern, dem Hochzeitsfoto seiner Eltern, auf dem sie mit einem kleinen Kind zu sehen sind, von dem er weiß, "das Kind auf dem Arm seines Vaters war nicht er."
Wer ist es dann?
Dieses Kind wird zu einem Verbindungsstück zum anderen Teil des Romans, in dem eine namenlose, in Schottland lebende, Ich-Erzählerin von einer Überschwemmung berich-tet, die ihr Leben verändert hat. Sie spülte ihr Haus, den sorgfältig angelegten Garten, den Gärtner und ihren Mann Alexander weg. Nur sie konnte gerettet werden, lebt jetzt in einem höher gelegenen Haus. Sie geht mit ihrem Hund am Strand spazieren, schreibt an einer Geschichte und denkt über ihr Leben nach. Immer wieder telefoniert sie mit Daniel, ihrem ehemaligen Geliebten in der Schweiz, den sie regel-mäßig traf, vorgeblich besuchte sie Freunde und Verwandte dort.
Ihre Geschichte spielt in der Gegenwart, also zwei Generati-onen vor der des Forschers Holm.
Der atmosphärisch sehr dichte Roman spielt mit den verschiedenen Arten, mit der Welt umzugehen. Sie wird ausgebeutet und als Mülldeponie benutzt, für die Mönche ist sie heilig, der Wissenschaftler katalogisiert sie, der Mann der Erzählerin gestaltete sie vollkommen um, indem er einen Bachlauf veränderte, ein Arboretum erschuf, in dem Bäume aus aller Welt gedeihen konnte. Für die Erzählerin ist die Natur ein stetes Faszinosum. Sie weiß um die permanenten Veränderungen, trotzdem findet sie Halt in ihr.
Und sie stellt die Frage, welche Rolle sie spielt:
"Die Weiden wuchsen schon immer hier, aber nun schienen sie Teil deines Planes zu sein, und irgendwann, Alexander, begriff ich, dass ich das auch war. Deine Bäume fügten sich erst zu einem Arboretum zusammen, wenn ich zwischen ihnen hindurchging, so wie die Sätze, die ich schreibe, erst eine Geschichte sein werden, wenn jemand sie liest."
Erweckt erst ein DU, ein anderer, die Dinge zum Leben?
Wo bleibt die eigene Vergangenheit, wenn der, der sie kannte, nicht mehr ist?
"Manchmal denke ich, das mit dir ein Teil von mir in dem Tal ertrunken ist. Manchmal denke ich, dass ich selbst gestorben bin."
Daran, dass sie lebendig ist, erinnert sie der Strand, der Hund, die Geschichte, an der sie schreibt.
Und Holm?
"Mit seiner Ankunft hat er das Gleichgewicht der Insel zerstört. Er ist die neue Spezies, die zum Aussterben der einheimischen führt."
Wie ein Gleichgewicht zwischen Ich und Du, zwischen Ich und Natur, zwischen Gegenwart und Vergangenheit finden?
Diese Fragen werden, wie die eingangs genannten, nicht theoretisch, sondern in beiden Strängen des Romans durch-gespielt. Sie mäandern durch die Köpfe und Leben der beiden Protagonisten, nicht alle finden eine Antwort - die liegt in den Augen der einzelnen Lesenden, die erst die Sätze zu einer Geschichte fügen.
Den Leser:innen obliegt es, die Hinweise, die auf eine Verbindung der Erzählerin mit Holm hinweisen, zusammen zu fügen.
Erst auf den letzten Seiten ergeben sich plötzlich neue Einsichten, sehr geschickt führt Gabrielle Alioth, die sich auf poetische Bilder ebenso versteht wie auf wissenschaftliche Beschreibungen, hier ihre ausgelegten Fäden zusammen und spricht ihre Aufgabe als Schriftstellerin an.
Sie wird ihre Geschichte "zu Alexanders Büchern in die Reisetruhe legen ... Als Erinnerung an eine Zukunft oder als Beweis für eine Gegenwart."
Was bleibt aber, stiften die Dichter..... Ihre Werke sind die letzten Zeugen, die letzten Inseln.
Gabrielle Alioth: Die letzte Insel
Lenos Verlag, 2025, 229 Seiten
Gute Literatur
Meine Empfehlung