Waseem Hussain (Text) & Sascha Reichstein (Fotos) -
Habitus
Dieses nach allen Regeln der Druck-und Bindekunst hergestellte Buch umfasst zwei Werke: "Khemji - Eine indische Tragödie" von Waseem Hussain und "On Forms" von Sascha Reichstein. In der Regel vertiefen und verdeutlichen Illustrationen den Text, hier umschlingen sich zwei eigen-ständige Teile zu einem ausdrucks- starken Ganzen.
Die Fotografin Sascha Reichstein begab sich ins Naturhisto-rische Museum Wien und lichtete die verschiedensten Gesteinsarten ab. Teile dieser Bilder sind gestochen scharf, andere verschwimmen, manche sind mit einer graphischen Form versehen, eine Fläche mit Zacken und Spitzen, die sich über Fotos legt, oder eine weiße Seite ziert. Die Aufnahmen spannen sich über jeweils eine Doppelseite - so können sie sich und ihren Zauber entfalten. Es treten Strukturen ans Licht, man sieht Schichtungen, Verwitterungen, Verwerfun-gen. Zuweilen wirken die kristallinen Bilder wie Aufnahmen des Weltalls, andere erinnern an Holz oder Rinde. Farbige Spitzen leuchten mit glänzendem Weiß um die Wette - die Welt der Gesteine ist eine vielfältige und bewegliche.
Aus reiner Bewegung besteht die Erzählung Waseem Hussains, deren Mittelpunkt Khemji bildet.
"Man sagt mir, ich sei ein Inder. Mein Name sei Khemji, sagt man mir."
Diesen ersten Sätzen lässt sich seine grundlegende Unsicher-heit entnehmen. Ist er wirklich ein Inder, oder sagt man ihm das nur? Ist sein Name tatsächlich Khemji, oder ist das nur eine Behauptung?
Einen gesicherten Namen zu haben würde dem jungen Mann auch eine Herkunft schenken. Einen Ort nennen, an dem seine Wurzeln zu finden sein müssten.
Zunächst bestellt er ein Buch mit dem Titel "Indien von innen" direkt bei der indischen Firma, die es publizierte.
Als es ankommt, "erschrickt (er) vor Freude", denn er wird in dem begleitenden Schreiben per "Sehr geehrter Herr Khemji" angesprochen. Wie gut es sich anfühlt, diesen Namen zu lesen. Er fängt an, "als Khemji zu träumen". Sein Traum führt ihn über eine Brücke, in deren Mitte er jedoch stehen bleibt.
In einem anderen Traum erhält er "die Fotografie eines toten Elefanten."
Elefanten gehören zu den Tieren, die an den Ort ihrer Geburt zurückkehren, wenn sie spüren, dass sie bald sterben werden. Was bedeutet dieser Traum für ihn, für Khemji?
Waseem Hussain wurde in Pakistan geboren, kam mit einem Jahr in die Schweiz. Heute versteht er sich als Brückenbauer zwischen diesen beiden Ländern, bzw. zwischen Indien und der Schweiz, als Autor, Songwriter, Dozent und Kursleiter.
In seinem neuesten Werk "Habitus" begibt er sich auf eine lange, kurvenreiche Reise zwischen Traum und Realität, zwischen Hoffnung, Enttäuschung, Freude und Schmerz, von der Schweiz nach Indien.
Nach der Lektüre des Buches "Indien von innen" macht er sich auf die Reise ins reale Indien, zugleich reist er in ein inneres Indien. Es lässt sich nicht ausmachen, welche Erlebnisse in jenem farbenfrohen Land stattfinden, welche in seiner Vorstellung und wo sich die verschiedenen Ebenen vermischen.
Hussains Schreiben kann wie die Kunst der Fotografie als `visual art´ bezeichnet werden. Man sieht ihn in S. ankom-men, über den Markt schlendern, die Bekanntschaft mit einem Früchteverkäufer machen, der ihn auch in sein "Daheim" mitnimmt, zu seiner Familie. Seine Frau ist beein-druckt, dass der Mann, den sie umstandslos Khemji nennt, Gewichtssteine gekauft hat, wie sie normalerweise für die Waagen der Händler benutzt werden. Möchte Khemji sich selbst Gewicht verleihen? Sich und die Welt um ihn herum ausbalancieren?
Er wird aufgenommen, man macht ihm aber auch klar, wann es Zeit ist zu gehen. Zu ausufernd war der Traum, den er seinen Gastgebern erzählte: "Sie träumen ganze Ozeane."
Ein solcher Ozean ist sein Aufenthalt in Indien, der ihn auch in ein Krankenhaus führt, er hatte ein Furunkel am Bauch, man attestiert ihm nebst einem verdrehten Bauch-Chakra eine "unheilbare Mythomanie".
Er begegnet Kindern ohne, dann plötzlich mit sich rasch verändernden Gesichtern, er kommt in eine Stadt, in der eine sehr seltsame Tierparade stattfindet, er landet im Gefängnis, wird der "Anmaßung" bezichtigt und angeklagt. Weil er sich anmaßte, von hier zu sein, weil er sich anmaßte, Khemji zu heißen.
Der Suchende als Lügner? Der Dichter als einer, der sich anmaßt, sich eine Herkunft, einen Namen, ein Leben zu erfinden? Und dafür bestraft werden muss?
Im Sinne der derzeitigen politischen Strömung in Indien,
die den "Traum von Rasseneinheit" träumt, ja. Das ist die Tragödie Khemjis. Am Ende des letzten Traums wird er gezwungen, seine "indische Identität" zu verleugnen.
Die Erzählung liefert keine Antworten. Sie ist eine Aufforde-rung, die in verschiedene Kostüme verkleideten Teile eines Bildes zusammenzufügen. Dabei legt sie den Leser:innen unendlich viele Möglichkeiten der Verbindung oder Schichtung in die Hände. Sie ist ein mehrdimensionales Gebilde, so facettenreich wie ein in der Sonne funkelnder Kristall. Insofern ist die Verknüpfung von Khemjis Suche nach Identität, Halt und Gewissheit mit der scheinbaren Ewigkeit und Reglosigkeit von Gestein eine sehr sinnreiche: beide sind ein ewiges Spiel von Festigkeit und Fluidität.
In ihrem Essay "Phantasmen der Herkunft", der sich an die Erzählung und den Bildteil anschließt, beschäftigt sich die Kulturwissenschaftlerin Silvia Henke mit den "Zwei Reise-erzählungen". Dieser Essay wirft Schlaglichter auf das Werk, gibt Hinweise, ordnet ein, rundet es ab. Und bringt es auf den Punkt:
"Nur als literarische und künstlerische Forschung, die immer eine Fiktion errichtet, lässt sich die Gleichzeitigkeit von künstlicher Ordnung und lebendigem Chaos zumindest ansatzweise begreifen. Das verbindet diese beiden Reise-erzählungen und lässt doch jede für sich allein schillern, einmal als skurrile Tragödie, einmal als stille Utopie."
Waseem Hussain & Sascha Reichstein: Habitus
Mit einem Essay von Silvia Henke
editionR, 2025, 141 Seiten
Gute Literatur
Meine Empfehlung