Konstantine Gamsachurdia - Das Lächeln des Dionysos

Der Roman beginnt mit dem Gang eines jungen Mannes durch den Jardin du Luxembourg. Dort begegnet er einem völlig entstellten Menschen, einem Kriegsinvaliden, Opfer des Ersten Weltkriegs. Dieser Mann taucht am Ende in einer Fieberfantasie wieder auf, er steht sinnbildlich für das geschundene, verschwundene Vor-kriegseuropa, das es nicht mehr gibt.

 

Der junge Spaziergänger ist Konstantine Sawarsamidze, ein Georgier, den es nach Paris verschlagen hat. Zuvor lebte er in Berlin, studierte dort, nun ist er Schriftsteller. Jedoch:

"Ich bin gelangweilt und lustlos auf dieser Welt, darum schreibe ich auch. Ich habe keine bessere Beschäftigung."

 

Diese Langeweile gleicht dem französischen ennui, einer existenziellen Leere, gepaart mit Melancholie und Über-druss. 

Bei dem Entwurzelten gesellen sich noch tiefe Einsamkeit und das Gefühl, fremd zu sein, dazu. 

Ein taumelnder Mann in seinen Zwanzigern also, der nicht nur sich selbst intensiv beobachtet und jede seiner Regungen registriert und analysiert, ein Mann auch, der ein scharfes Auge auf seine Umgebung wirft.

Seine persöliche Verfasstheit, seine Krise, ist nicht zuletzt Ausdruck der Krise, in der sich die Welt befindet.

 

Der Roman in dreizehn Gesängen wurde zwischen 1915 und 1925 verfasst, der Autor ist eine feste Größe in der Georgischen Literatur, umso erstaunlicher ist es, dass er nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde. 

Konstantine Gamsachurdia wurde 1893 in Georgien geboren, dort verstarb er im Jahr 1975. Zum Studium ging er u.a. nach Berlin, dort arbeitete er auch im Komitee zur Befreiung Georgiens. Er lebte in Italien und Paris, nach seiner Rückkehr in seine Heimat im Jahr 1924 wurde er mehrfach von der sowjetischen Geheimpolizei inhaftiert. Ab den 1930er Jahren verfasste er historische Romane - so frei, wie bei der Niederschrift seines Debütromans war er später nicht mehr.

 

Sein Held Konstantine teilt mit dem Erzähler "Alter, Beruf, Herkunft, ... Ansichten". Doch der in Teilen ins Phantastische spielende Roman ist weit mehr als eine Autobiografie. Er ist ein Panoptikum der Welt während und nach dem Krieg, er verzeichnet die Umbrüche, das allgemeine Lebensgefühl.

 

Der erste Teil des Romans spielt in Paris. Wenn er nicht durch die Stadt spaziert, verbringt Konstantine viel Zeit in Salons, wo er Bekanntschaft mit Menschen verschiedenster Herkunft macht. Man unterhält sich über Politik und Kunst, man streitet zivilisiert, gibt sich dem Genuss und der Ästhetik hin. Dort lernt Konstantine, der die Gespräche über Kunst auch für Reflexionen über die Unterschiede zwischen der Kunst des Westens und der des Ostens nutzt, im Salon Mirza-Khans, eines Persers, auch dessen Ehefrau Jeanette Chanum, eine Georgierin, kennen. 

Und er sieht zum ersten Mal das Bild Die Wiederkunft des Dionysos:

 

"Ein subtropischer Strand mit Bananen, hohen Palmen ...

Die Welt ist jung und prachtvoll wie am ersten Tag der Schöpfung. Aus den smaragdenen Wellen tritt ein zarter, bartloser Jüngling hervor, ... der kleine, längliche Kopf zeugt von edelster Abstammung. ... Seine Augen erinnern mich an die Augen von Jeanette. ... Vor meinen Augen entfaltete sich das Mysterium der Wiederkunft des Schönen und der unbe-fleckten Empfängnis. ..."

 

Jeanette hat einen Sohn, Parviz. Diesen wird sie wie ihren Mann zurücklassen, um mit Konstantine nach Italien zu fliehen. In Mailand feiern sie ihre "mystische Hochzeit", reisen über Venedig nach Rom und ziehen sich schließlich nach Albano, ein Dorf nahe Roms, zurück. Sie finden Unter-kunft in der Villa einer Amerikanerin, die dort mit ihrer Gesellschafterin Bianca lebt. Konstantine taucht in dieser ländlichen Welt in die Tiefen des Glaubens und die Untiefen des Aberglaubens ein. Die Diskussionen um Kunst und Politik werden weitgehend abgelöst von religiösen Themen.

 

Aber auch die Fahnen der Faschisten wehen und führen schließlich zu Konstantins Verhaftung. Man hielt ihn für einen Spion. Nach seiner Freilassung fährt das Paar nach Berlin, dem dritten Ort, an dem der Roman spielt.

 

Berlin während der Revolution 1919: hier gerät Konstantine in den Strudel der Politik. Und er trifft Weggefährten aus Studientagen wieder. Deren Lebenswege reflektieren ihrer-seits die Entwicklungen der Zeit, den Militarismus oder die völlige Abkehr von der Welt.

 

Die Begegnung mit einem Brahmanen, der Konstantine als seinen Schüler aufnimmt, ist ein Schritt in Richtung Osten. Dieses Zwischenspiel bereitet auf seine Rückkehr nach Georgien vor. 

 

"Lass mich nicht deiner Liebe entbehren, gesegnete Erde Georgiens, vergib mir meine Untreue und mein Fernsein, nimm mich zurück und liebe mich so wie früher, als ich barfuß auf deiner Brust herumlief und dachte, deine Grenzen wären unüberschreitbar, es gebe jenseits von diesen keine Wege, keine Erde und keine fernere Grenze ..."

 

Er kann pathetisch sein, wie er an anderen Stellen extrem verzweifelt ist. Es gibt kühl-analytische Passagen, genau beschreibende, den unbarmherzigen Blick des Fremden auf eine Situation richtende, er gibt distanzierte und sehr warm-herzige Begegnungen mit Menschen wieder, er erliegt dem Zauber der Kunst und mehr noch dem der Natur, vor allem der georgischen. 

 

Doch so glücklich Konstantine zunächst ist, die Welt seiner Kindheit wiederzufinden, er ist nicht mehr heimisch hier.

Zu lange war er in der Fremde:

"Ich fühlte mich einsam wie noch nie neben meinem geliebten Erzieher und meinen geliebten Ziehbrüdern."

 

Dass Jeanette nachkommt, erfüllt ihn nicht mit Freude, auch die ehemals Liebenden haben sich voneinander entfernt.

Doch sie hat Parviz, ihren Sohn, mitgebracht. Dieser ver-schmilzt mit dem Jüngling auf jenem Gemälde, das er im Haus Jeanettes sah, der Junge an der Schwelle zum Mann versetzt Konstantin in allerhöchste Aufruhr. 

 

Die existenzielle Einsamkeit, das ständige Hinterfragen von allem, die fehlende Konstanz und aufreibende Suche nach einem Platz auf der Welt, die sich nicht verbessernde Gesamtsituation im Westen wie im Osten, zerren an Konstantins Nerven. 

Träume spielen im gesamten Roman eine wichtige Rolle, häufig tauchen Symbole wie Schlangen darin auf, auch die Farbe Gelb kündigt nichts Gutes an. 

Insgesamt entfernt sich Konstantin immer weiter in seine eigene, von Dämonen heimgesuchte Welt. 

 

Der letzte Abschnitt trägt die Überschrift "Konstantine Sawarsamidzes Reise in die Hölle". Er ist wahrhaftig ein Höllenritt in das Land des Wahnsinns. 

Finden sich in allen dreizehn Gesängen Querverweise auf andere Stellen im Buch, lässt Gamsachurdia hier das große Orchester aufspielen, das Motive, Symbole, Stimmungen, Farben und Gedanken des gesamten Stückes aufnimmt und in moderner Musik zum Klingen bringt.

 

In Gamsachurdias Roman vermählen sich Expressionismus und Symbolismus. Er ist, so der Übersetzer Zviad Gamsachurdia in seinem Vorwort, "eines der wichtigsten Zeugnisse georgischer Kontaktaufnahme mit zentral- und westeuropäischer Kultur, mit Deutschland, Frankreich und Italien ... Für die georgische Literatur bedeutet dieses Werk ihre erstmalige Internationalisierung und eine Öffnung zum europäischen Literaturgeschehen."

 

Der Roman ist das Porträt eines strauchelnden Individuums und das einer aus den Fugen geratenen Welt. Er ist eine tragische Liebesgeschichte, er beschäftigt sich mit Kunst, Religion, Politik, Philosophie, Ost und West, Tradition und Moderne, er ist Außen- und Innenschau auf allerhöchstem Niveau. Er reflektiert die Zeit seiner Entstehung in Inhalt und Stil, der Autor erfindet so tiefgründige Worte wie "Zwieschlaf", um die Zerrissenheit, die ins Innerste reicht,

zu illustrieren. Er thematisiert das Gewicht zweier Identitä-ten oder das eines Fluchs, er kann sich aber auch lustig machen über das Pflichtgefühl der Deutschen, die selbst dann, wenn eine Bahn beschossen wird, noch die Fahr-scheine kontrollieren. So geschehen in Berlin: 

"Wir vergessen unsere Pflicht nicht, auch nicht in den Augen-blicken des Todes."

 

Eine Sehnsucht nach dem Tod breitet sich in Konstantine Sawarsamidze am Ende des Romans aus: 

"Nur einen einzigen Wunsch habe ich: dass mein Körper zer-schmilzt wie ein Funke, der auf Eis fällt."

Er verflucht "jenen Abend, an dem mich Khalil Bey im Kabinett von Mirza-Khan vor diese dämonische Schönheit geführt und dadurch meiner ohnehin schon aufgewühlten Seele endgültig jede Ruhe geraubt hat. Jetzt sehe ich es ... das war die Fährnis..."

Es folgt eine erneute Beschreibung der Wiederkunft des Dionysos, die teilweise im Wortlaut der ersten Schilderung folgt. Parviz, Jeanettes Sohn, ist der lächelnde, wieder aufer-standene Gott. Ihm gelten Konstantines Gedanken am Ende eines langen Weges.

 

"Der von den Toten auferstandene Dionysos kehrt zurück an Land, neugeboren aus den Elementen, Ekstase zeichnet sich ab im Öffnen seiner Lippen, der Gott der Heiterkeit und des Rausches lächelt zur herbstlich betrübten Natur von Abastumani und verspricht ihr ewigen Frühling und ewiges Leben..."

 

In der Kunst lauert die Gefahr, in ihr lebt auch die Hoffnung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Konstantine Gamsachurdia: Das Lächeln des Dionysos

Aus dem Georgischen von Zviad Gamsachurdia

Parrhesia Verlag, 2023, 408 Seiten

(Originalausgabe 1925)