Delphine Minoui - Badjens
"Ich bin ein Kind von Schiras. Ich bin die tot geborene Tochter eines Landes, das mich zum Gespenst gemacht hat. Ich verlange zu leben. Selbst wenn ich sterben muss, damit man mich sieht. Ich bekenne mich zu meinem Geschlecht, ob "bad" oder "good", das ist mir scheißegal! Ich fürchte mich nicht mehr vor meinem Schatten. Und auch nicht vor meinem Vater. Und auch nicht vor der Erinnerung an meinen perversen Cousin."
Zahra, so ihr offizieller, von ihrem Vater ausgewählter Name, ist sechzehn, als im Iran nach dem Tod Mahsa Aminis heftige Unruhen ausbrechen. Auch Badjens, wie ihre Mutter sie nennt, ist dabei. Dieser Name bedeutet "falsches Geschlecht", "nicht akzeptabel", "aufmüpfig". Eigenschaften, über die das Mädchen von Anfang an verfügt, die aber jahrelang unter-drückt waren, was zählte, waren Anpassung, Verstellung, Schweigen.
Am 24. Oktober 2022 steigt Badjens auf einen Müllcon-tainer. Sie holt ihr Feuerzeug heraus und zündet ihr Kopftuch an. In der kurzen Zeit dieser Aktion spult sie ihr Leben "im Schnelldurchlauf" zurück.
Der Roman für Leser:innen ab 14 Jahren zeichnet das Leben Badjens nach. Zugleich ist er das eindrückliche Porträt einer ganzen Generation. Einer Generation, die, trotz lebenslanger Indoktrination durch das Regime, nicht mehr bereit ist, auf ihr Leben zu verzichten.
Der Blick zurück reicht bis vor ihre Geburt. Als klar ist, dass das Ungeborene ein Mädchen ist, legt man ihrer Mutter eine Abtreibung nahe. Man, das sind der Vater und der Großvater des Mädchens. Abtreibungen sind zwar im Islam verboten, "aber im Iran ist alles Verhandlungssache, sogar die Religion." Es wird schließlich aus Kostengründen auf die Abtreibung verzichtet, nicht aus menschlichen.
Von Anfang an ist also klar, dass Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Dies erfährt Badjens Tag für Tag am eigenen Leib. Während ihr jüngerer Bruder wie ein "Sonnenkönig" lebt, erhält Badjens nur von ihrer Mutter liebevolle Aufmerk-samkeit. Ihr Vater ist zur Stelle, wenn es um Verbote geht, sie hat das Gefühl, sich für alles rechtfertigen zu müssen:
"Und eigentlich bin ich ja wirklich schuldig. Eine Frau zu sein. Haare zu haben. Zu lachen. Zu sprechen. Zu denken.
Zu singen. Zu tanzen. Leben zu wollen."
Mit neun Jahren bekommen alle Mädchen einen Tschador.
Diesen nennt Badjens "Akteur des Drills", "Sarkophag", "Zwangsaccessoire": er ist und bleibt ein Zeichen weiblicher Unterdrückung.
Eine Klassenfahrt in ein Kriegsmuseum soll den Patriotis-mus stärken, ebenso der Besuch eines Kriegsveteranen in
der Schule. Von allen Seiten werden die Mädchen in die Zange genommen, um ihnen beizubringen, wie sich eine ehrwürdige Frau zu benehmen hat.
Doch im Unterschied zur Generation ihrer Mutter - Badjens´ Mutter unterstützt sie wo es nur geht, sie findet diskrete Wege, Verbote zu umgehen, hat diese stille Art des Wider-stands über Jahrzehnte hinweg perfektioniert - haben die jungen Frauen Zugang zur Welt. Auch wenn das Internet sanktioniert ist, gibt es Möglichkeiten, Netflix zu schauen, Taylor Swift zu hören, Kontakte in alle Welt zu knüpfen.
So gehen auch die Demonstrationen rasend schnell viral,
es entsteht ein Strudel, dem sich kaum ein junger Mensch entziehen kann.
Delphine Minoui, ihre Mutter ist Französin, ihr Vater Iraner, berichtet seit 25 Jahren aus dem Iran. "Badjens" beruht auf Beiträgen in den sozialen Netzwerken und auf Interviews.
In der Figur ihrer Heldin konzentrieren und spiegeln sich die Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen junger Iranerinnen der Generation Z, die die Ängste ihrer Mütter hinter sich gelassen haben:
"An diesem Abend habe ich zum ersten Mal vor niemandem mehr Angst - nicht einmal vor mir selbst."
In all die äußeren Einflüsse und Ereignisse fließen die Gedanken und Gefühle Badjens ein, sie sind es, die den Roman unter die Haut gehen lassen.
"Ich habe gelernt, mich aufzuspalten, um zu existieren. Ich bin "ich". Ich bin "du". Zahra und Badjens zugleich. ... Man addiert sich, um das Weggenommene auszugleichen."
Nur mit ihrer "doppelten Identität" kann sie bestehen.
Doch wer ist sie eigentlich, angesichts all der Anpassungen, all des Versteckspiels?
"Manchmal kriege ich Angst vor mir selbst: Wenn ich ständig Masken trage, wird sich dann die echte "Ich" nicht irgend-wann in Luft auflösen?"
Ein weiterer bitterer Gedanke:
"Ich bin vierzehn Jahre alt und ich gebe auf. Als hätte ich schon alles erlebt. Als könnte das Leben mich nichts mehr lehren. Es hat mir bereits alles genommen."
Dass sie anfängt, andere zu tätowieren, ist ein großer Schritt hin zu sich selbst. Es ist "ein Mittel, "sich" auf seiner Haut zu offenbaren, sie in eine Landschaft aus vergrabenen Geschichten zu verwandeln, in der die Angst entlang der Falten der Vergangenheit verfliegt."
Indem sie die Geschichte anderer in Bilder auf deren Haut verwandelt, findet Badjens zu ihrem eigenen Ich. Sie verliert die Angst, ist nicht länger bereit zu schweigen, fordert ihr Recht auf ein eigenes Leben ein.
Die Aktion, mit der der Roman beginnt, ist das Ende einer langen Ent-Wicklung, im konkreten Sinne des Wortes.
Zahra-Badjens wickelt ihre Persönlichkeit aus all den Restriktionen, aus der Zwangsjacke aus, in der sie sechzehn Jahre lang steckte.
Ihre neue Angstfreiheit führt direkt in die Rebellion, die Worte "Frau, Leben, Freiheit!" werden gelebtes Leben.
Doch der Preis ist hoch.
Delphine Minoui: Badjens
Aus dem Französischen von Astrid Bührle-Gallet
Orlanda Verlag, 2025, 144 Seiten
(Originalausgabe 2024)
Gute Literatur
Meine Empfehlung