Selene Mariani -

Aus dem Dachfenster die Wolken sehen

Die Ich-Erzählerin ist um die dreißig, arbeitet in einem Café, schreibt an einem Roman und stellt sich die Frage, wie ein gelungenes Leben aussehen könnte. Sie befindet sich in einer Art Wartezustand, einem Dazwischen, was der Titel des zweiten Romans der 1994 geborenen Autorin gut fasst.

Er impliziert auch die Überlegung: wie viel Raum kann/darf eine Frau für sich  beanspruchen?

 

Sie wohnt sehr bescheiden in einer kleinen Wohnung, anders als ihre Freundin Janu. Diese schreibt ebenfalls an einem Roman, hat jedoch ein Stipendium und Eltern, die ihr eine geräumige Eigentumswohnung gekauft haben.  

So gut die beiden etwa gleichaltrigen Frauen sich verstehen, es gibt eine unsichtbare Trennlinie, die an der Grenze zwischen den sogenannten `gesicherten Verhältnissen´ und einem gering bezahlten Brotjob verläuft.

 

In festen Bahnen verläuft auch das Leben Saras, der älteren Schwester der Erzählerin:

"Meine Schwester hat alles richtig gemacht. Das vernünftige Studium. Die Beziehung. Die Hochzeit mit Anfang zwanzig. Die Jobwahl. Das Kind."

Bis sie eines Tages vor ihrer Tür steht und fragt, ob sie ein paar Tage bleiben könne - daraus wird eine längere Zeit. Bald holt sie noch ihre Tochter Ella dazu, denn Saras Ehemann und Vater des Kindes kommt nicht mit all dem zurecht, was für Sara und jede andere Mutter Normalität ist: Job, Haushalt und Kind unter einen Hut zu bringen. 

 

Sara ist so gestresst wie es die Mutter der Schwestern war, nachdem ihr Mann verschwand. Zwar brachte ihr dies die Freiheit, alleine zu entscheiden, aber auch die ganze Verantwortung, auch in finanzieller Hinsicht.

Sie bringt kein Verständnis für ihre Tochter auf, die sich dem Schreiben zugewandt hat. Für sie ist es ein Traum, wie andere von einem Haus mit Pool träumen, und "Träume muss man sich leisten können."

 

Eine Ehe scheint jedenfalls nicht der Garant für ein gutes

und glückliches Leben zu sein. Um so erstaunlicher, dass Heiraten immer noch Hochkonjunktur hat. Ständig hört und liest die Erzählerin von frisch getrauten Studienkolleginnen, sie wird zu Hochzeiten eingeladen, sie trifft alte Freundinnen auf der Straße, die nun einen Kinderwagen schieben.

 

Und sie hört die Gespräche der Latte-Macchiato-Mütter im Café, die trotz all der Klagen über durchwachte Nächte niemals an der Richtigkeit ihres Entschlusses, Mutter zu werden, rütteln.

 

Verschiedene Lebensmodelle also, die Selene Mariani  in ihrem ohne Pathos, aber mit viel Empathie geschriebenen Roman darstellt, und zwar konsequent aus dem Blickwinkel  ihrer Heldin, der sich vornehmlich auf Frauen richtet.

 

Männer - der eigene Vater, Saras Mann, einige Dates, einige Gäste im Café, Gynäkologen - kommen als Randfiguren vor, die jedoch das Leben der Frauen maßgeblich bestimmen.

Und eins ums andere Mal macht die Autorin mit einem schlichten Satz klar, mit welcher Selbstverständlichkeit und Schamlosigkeit sie dies tun. 

So beispielsweise Saras Frauenarzt, der auf ihren Wunsch, sich sterilisieren zu lassen, mit der Frage: "Ihr Mann ist einverstanden?" reagiert. Oder ein Mann in ihrem Alter es völlig normal findet, dass er seine Wäsche von seiner Mutter waschen lässt. Oder Saras Mann, der bei Ellas Geburt sagte: "Wir wollen keine PDA". Das war nicht abgesprochen.

 

Selene Mariani macht unmissverständlich klar, dass die Umstände, d.h. patriarchale Verhältnisse und die noch längst nicht gelöste Aufgabe eines gleichberechtigten Zusammen-lebens von Mann und Frau, dazu die prekäre Einkommens-situation, die das Leben genauso beeinträchtigt oder regiert und eine Folge des Patriarchats ist, das Leben bis in die ganz persönliche Frage: Möchte ich ein Kind, ein Kind in dieser Welt? hinein reichen.

 

Die Überlegungen ihrer Heldin zu dieser Frage bilden einen eigenen Faden im Roman, einer der von einer zarten Sprache geprägt ist. Immer wieder richtet die Erzählerin ihre Worte direkt an ihr imaginäres Kind:

 

"Liebes Kind, das ich vielleicht nie haben werde, möchtest du überhaupt leben? Überleg es dir gut. Ich sage nur: soziale Ungleichheit, Patriarchat, Klimakrise, Krieg. Auf der anderen Seite: das Gefühl von Buchseiten an deinen Finger-kuppen, das Geräusch, wenn du Kaffeebohnen in die Maschine schüttest, die Umarmung einer Freundin nach einsamen Tagen."

 

Oder: "Ich möchte, dass du nur so viel arbeitest, wie du musst oder möchtest. Dass du, wenn du krank bist, deine Termine absagst und dir einen Tee kochst. Dass du abends nicht über-legst, ob du genug geschafft hast, sondern, ob es dir gut ging. Ist das eine Utopie?"

Ja, denn: "Liebes Kind, ich hoffe, deine Generation wird das Wort Patriarchat nur in Geschichtsbüchern finden."

 

Sie findet keine rationalen Gründe, die für ein Kind sprechen. Doch als Sara und Ella in ihre eigene Wohnung umziehen merkt sie:

"Der Raum fühlt sich leerer an als früher."

Schmerzhaft war schon Saras Wohnungssuche:

"Ich habe überlegt, dass wir vielleicht zusammen... -

Sie schüttelt wieder den Kopf: Wir waren lang genug bei dir. - Dass ich in ihrem Wir nicht eingeschlossen bin, tut weh."

 

Welches Leben ist möglich, wovon träumt man, was ersehnt man? Was liegt in den eigenen Händen?

Die Lösung scheint in der Gemeinschaft von Frauen zu liegen, in einem Wir, das nicht von vorhandenen Strukturen vorgegeben wird, sondern ein selbstgewähltes und selbst-gestaltetes ist. Eine mögliche Lösung lässt einen grund-legenden feministischen Text, Virginia Woolfs "Ein Zimmer für sich allein", anklingen:

 

"Wenn ich die Cafétür öffne, kommt Woolf, die schwarze Pudeldame, auf mich zu, legt ihr Kinn in meine Handfläche. Charlie und ich räumen die Kuchen in die Vitrine, Selma rückt die getrockneten Blumensträuße auf den Tischen zurecht. Bevor es Zeit ist, das Schild an der Tür auf Open zu drehen, setzen wir uns mit einem Kaffee an den Tisch in der Ecke mit den Bücherregalen. Charlie lernt für die Uni, Selma liest. Ich schreibe."

 

Es ist nicht das Café, in dem sie unter der Chefin Camilla arbeitete, es ist eines, mit dem sich drei Frauen einen eigenen Raum geschaffen haben.

 

 "Aus dem Dachfenster die Wolken sehen" verzichtet, wie schon der erste Roman Selene Marianis, Ellis, auf Senti-mentalität und Pathos, er erhält seine Dichte durch die Konzentration auf das Wesentliche. Die Autorin versteht sich auf Verknappungen und Auslassungen, auf Andeutungen und manchmal Schweigen. Sie vertraut den Leser:innen und lässt ihnen viel Raum für eigene Gedanken und Schlüsse.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Selene Mariani: Aus dem Dachfenster die Wolken sehen

Wallstein Verlag, 2026, 192 Seiten