Ingeborg Gleichauf - Ingeborg Bachmann -
Die Widerspenstige; Ein Essay
Ingeborg Bachmanns Geburtstag jährt sich heuer zum einhundertsten Mal. Die vielseitige Schriftstellerin, die Gedichte, Romane, Essays und Radiobeiträge verfasste, wurde am
25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren, sie verstarb am 17. Oktober 1973 in Rom. Diverse Publikationen erschei-nen anlässlich dieses Jahrestages, aus diesen sticht Ingeborg Gleichaufs Essay wohltuend heraus.
Ihre vorsichtige Annäherung bleibt eine tastende, eine, die keinen Anspruch auf `letzte Erkenntnisse´ stellt.
Eine Annäherung, die sich stets bewusst ist, dass es nicht möglich ist, Ingeborg Bachmanns Texte bis ins letzte Detail hin zu erfassen, dafür sind die Schriften zu widerspenstig.
Unter diesen Aspekt fasst Gleichauf ihren Blickwinkel der zweiten, dritten, zehnten Lektüre, denn je tiefer man in das Werk Bachmanns blickt, desto unfassbarer wird es. Desto mehr Schichten blitzen auf, desto mehr Bezüge ergeben sich zwischen den verschiedenen Textarten.
Ingeborg Gleichauf nennt ihr Porträt nicht Leben und Werk, sie wählt "Leben und Schreiben". Das Schreiben beinhaltet den Prozess, die Dynamik, Werk trägt in sich den Gedanken des Abgeschlossenen, Fertigen.
So wendet sie sich auch nicht den einzelnen Textarten zu, sondern wählt Bezugspunkte, die sich aus dem nicht zu trennenden Leben und Schreiben speisen.
"Provokationen, Maskeraden und der Roman `Malina´", "Männer: Kollegen, Geliebte, Freunde", "Alles Übertreibung?" "Die Kunst, ach die Kunst", "Topografisches" lauten einige der Kapitelüberschriften, unter die Gleichauf ihre Überlegungen fasst.
Sie begibt sich tief hinein in die Welt der Dichterin, findet Verbindungen von Romanpassagen zu einem Brief, findet einen Widerspruch zu einer Äußerung in einem Interview in einer Poetikvorlesung:
"Das Widerwort zum ursprünglichen Wort kann in einem anderen Text fallen. Sätze und ihr Gegenteil betreffen längst nicht immer einen einzelnen Text. Bachmanns gesamtes Werk ist im allerbesten Sinn widersprüchlich, weil gar nie eindeutig, in keiner Facette. Jede Figur hat irgendwo eine Gegenfigur. Manchmal entsteht der Eindruck, sie wider-spräche sich selbst sogar mit Lust am Geheimnis. Niemand soll denken, sie oder er habe verstanden. Das Gegenteil vom Gemeinten wartet schon im Zimmer nebenan. Es geht um Heimat, aber dann doch vielmehr um Ferne."
Ingeborg Bachmanns Kindheit endete ihren eigenen Worten zufolge mit dem Einmarsch der Nazis in Klagenfurt. Nach der Matura verließ sie diese Stadt, zog nach Wien. Später lebte sie in Rom und Zürich, bereiste viele Länder und Städte - eine Ruhelose, eine Heimatlose, in deren Schreiben es im Kern aber doch "um Heimat geht, um einen sehr weit gefassten Begriff von Heimat".
Gleichauf blickt auf die viel mehr als eine Heimat Suchende, sie umkreist die Liebende, die Freundin, die Brief- und Gesprächspartnerin, die Sprach-Archäologin und Text-Komponistin, die Wortschöpferin, die Frau, der nachgesagt wird, eine Diva zu sein, auf die Übersetzerin und manische Leserin.
Und sie umgeht auch die immer wieder gestellte Frage: War Ingeborg Bachmann eine Feministin? nicht:
"Ingeborg Bachmann spielt mit Entwürfen von Weiblichkeit. Scheinbare Identitäten werden durchgestrichen, die Grenzen bleiben durchlässig. Weiblichkeit in Bachmanns Werk ist eine Imagination. Der Blick auf Weiblichkeit variiert, je nach Perspektive, je nach der Vielfältigkeit der Sehmöglichkeiten. Immer geht es auch im Erkenntnis, um Wahrheit und Lüge."
Leicht macht es Ingeborg Bachmann ihren Leser:innen nicht. Aber: "Größtmögliche Irritation verhilft verdeckt unbeque-men Wahrheiten ans Licht. Das ist große - widerspenstige - Kunst."
"Die Widerspenstige" ist kein weiteres Etikett, das der viel zu früh verstorbenen Dichterin angeheftet wird. Diese Lesart fasst das Schreiben Bachmanns als Möglichkeitsraum, in dem nichts eindeutig und abschließend ist/sein muss:
"Ingeborg Bachmann auf Widerspenstigkeit hin zu lesen, heißt, niemals zu einem Ende zu kommen mit ihrem Werk. Sich nicht zu schützen vor neuen Einfällen, Spuren, Unweg-samkeiten."
Ingeborg Gleichaufs fundierter, Räume öffnender Essay macht große Lust, die Bücher Ingeborg Bachmanns (wieder)
in die Hand zu nehmen. Sie haben nichts an Aktualität verloren.
Ingeborg Gleichauf: Ingeborg Bachmann -
Die Widerspenstige; Ein Essay
AvivA Verlag, 2026, 144 Seiten
Gute Literatur
Meine Empfehlung