Julia Wolf - Du, hier - Stories

Die Protagonistinnen der elf Stories sind zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig. Ein Alter, in dem Beziehungen und der eigene Lebensentwurf in Frage gestellt werden. Ein Alter, in dem die Frauen sich fragen, was von den Träumen blieb, ob sie überhaupt noch gelten, und wohin der weitere Weg führen soll. So unterschiedlich die Frauen sind, unterkriegen lässt      sich keine von ihnen.

 

In der titelgebenden Geschichte trifft Stella auf dem Park-platz eines Baumarktes völlig überraschend Toni. Ewig haben sie sich nicht gesehen:

 

"Du, hier? Wie ungläubig sie sie gemustert hat, vor dem Baumarkt. ... Du, hier, das war mehr gewesen als die Über-raschung, der Freundin aus Kinderzeiten Jahrzehnte später auf irgendeinem Parkplatz Hunderte Kilometer von dem Ort, an dem man aufgewachsen ist, gegenüberzustehen. Irgend-etwas Grundsätzlicheres hatte darin mitgeschwungen, ein Urteil."

 

Ein Urteil, das trifft und zutrifft. Nicht wegen des unspekta-kulären Ortes, sondern weil Toni spürt, dass Stella nicht glücklich ist mit und in ihrem Leben.

 

Wie hier nimmt Julia Wolf auch in den anderen Erzählungen ein einzelnes Ereignis, um davon ausgehend das Leben ihrer Heldinnen aufzufächern. Mit Rückblicken oder dem Augen-merk auf der Gegenwart, immer gibt es diesen Punkt, an dem sich etwas herauskristallisiert. 

 

Ein Missgeschick auf einer Party, das Verpuffen der Idee für einen Film, eine schweigsame Enkelin, die plötzlich unbe-queme Fragen stellt.

In der Story "Dickicht" fühlt die Protagonistin eine Angst, die sie geerbt hat: "Diese Frauen waren Beute. ...  Die Großmutter hat nie darüber gesprochen. Die Mutter nur Andeutungen gemacht. Und trotzdem hört sie den Schrei. Als Echo in ihrem Körper." 

Sabrina, die aus einfachen Verhältnissen kommt, sich hoch-gearbeitet hat, dabei lernen musste, ihre Derbheit zu unterdrücken, verspürt in einem Moment, der ihr Leben verändert, den Wunsch, nach Hause zurückzukehren. Auch sprachlich. Zugleich spürt sie die Panik, ihr "erfolgreiches Leben" wegzuwerfen.

Kopfläuse-Alarm im Kindergarten sind für Ruth der Anlass, grundsätzlich über ihre Rolle als Mutter, über die Anforde-rungen an heutige Mütter, und ihre persönliche Sehnsucht nach einem weiblichen Vorbild, nach einer engen Freund-schaft mit einer Frau, nachzudenken.

Micha muss damit zurecht kommen, dass der Mann, den sie liebt, der sie liebt, keinen Sex haben möchte.

 

Julia Wolf variiert die Erzählperspektive. In einigen Ge-schichten blickt ein Erzähler von außen auf das Geschehen, in anderen erklingt ein Ich, oder sie spricht ihre Heldin per Du an.

Immer wieder gibt es Sätze, die nicht zu Ende geführt werden: "Was für ein Affenzirkus. Loretta wird Robert etwas erzählen. Später. Was ihm eigentlich einfällt. Ihr das Kind aufzuhalsen. Wo das Kind doch ganz offensichtlich. Es will ja nicht hier sein."

Oder die Sätze werden in Momenten, in denen das Gedan-kenkarussell unerbittlich kreist, die Bedrängnis sehr groß ist, kurz, unvollständig: "Kinder ohne Väter. Denen geht´s prima. Hab schon gemerkt. Wie er die Arme vor der Brust. Dabei würde ich ihn nie. Soll man nicht sagen, nie. Aber ohne Niko würde ich das gar nicht. Schaffen. Ohne Niko wäre ich schon längst. Was eigentlich."

 

Dieser Stil reflektiert eindringlich die Unsicherheiten der Heldinnen, aber auch ihre Stärke. Sie wägen ab, stellen sich ihrer Situation, auch wenn es einen Anlass braucht, der von außen kommt. 

Den Erzählungen ist gemein, dass es in allen diesen Moment gibt, in dem es klick macht, in dem sich eine Tür öffnet.

Das passiert nicht schmerzfrei. 

 

Julia Wolf entwirft lebendige, nahbare Frauenfiguren. Ausgehend von einer Momentaufnahme zeichnet sie Lebens-Bilder mit tiefen Einblicken in die Seelen, Geschichten und Umstände ihrer Heldinnen. So entstehen sehr individuelle Personen, in denen sich trotzdem und gerade deshalb  deutlich die heutige Zeit spiegelt.

 

Bei allen wüsste ich gerne, wie es weitergeht.....

 

 

 

 

 

 

 

Julia Wolf: Du, hier - Stories

dtv Hardcover, 2026, 256 Seiten