Charlotte Mew - Alle belebten Dinge halten den Atem an
Gedichte
Nachdem im vorigen Jahr der Erzähl-band "Einige Arten zu lieben" erschien, liegen nun auch die Gedichte der zu Unrecht vergessenen Dichterin erst-mals auf Deutsch vor. Sie jubilieren, sie trauern, sie besingen die Liebe und den Tod, sie erfreuen sich einer Rose oder eines Vogels, sie widmen sich den Fragen des Lebens und des gelingenden oder verlorenen Daseins.
Charlotte Mew, 1869-1928, kommt aus einer ehemals wohl-situierten Familie. Doch sie musste den Tod von drei Brüdern verkraften, später die Einweisung zweier Geschwister in psychiatrische Anstalten, den wirtschaftlichen Abstieg nach dem Tod des Vaters und schließlich den Tod ihrer Schwester, der einzigen vertrauten Person, die ihr verblieben war.
Man weiß nichts über eine Liebesbeziehung der stets streng gekleideten Dame, die ihre Armut zu verbergen wusste, um so mehr erstaunt die Sinnlichkeit ihrer Erzählungen und Gedichte.
In den Gedichten leuchten nicht nur die verschiedensten Farbtöne, es zwitschern diverse Vogelarten, der Wind weht leise oder er fegt hindurch - die Natur ist eines ihrer großen Themen. Doch auch Hände werden gereicht, Küsse verteilt, Liebesnächte gefeiert - Charlotte Mew verfügt über eine blühende Phantasie. Diese gießt sie in rhythmische Gedichte mit freien und eigenwilligen Reimen, die ganze Geschichten erzählen. Mew versteht es, Dramatik aufzubauen, unerwar-tete Wendungen zu vollziehen, ihre eigene Logik zu pflegen. Im steten Bemühen, das Familiengeheimnis (die Krankheit der Geschwister) zu erhalten, bieten ihr ihre Gedichte doch eine Möglichkeit darüber zu sprechen, bzw über die Gefühle, die diese Situation auslösen.
Ihr Schreiben gibt ihr die Möglichkeit, in andere Rollen zu schlüpfen. So löste zum Beispiel die Frage, ob hier ein Mann oder eine Frau schreibt, im Zusammenhang mit ihren Erzählungen große Diskussionen aus. Dass diese Frage oft nicht beantwortet werden kann, spricht meines Erachtens für die Freiheit und Vielgestaltigkeit der Dichterin.
In ihren Gedichten spricht ein "Ich" oder ein "Wir", oder eine unpersönliche Erzählstimme - ist es wichtig, welches Geschlecht sie hat?
In ihrem in England bis heute berühmtesten Gedicht "Die Braut des Bauern" erzählt ein Bauer von den Schwierig-keiten, die er mit seiner jungen Frau hat. Sie verweigert sich ihm, läuft weg, wird wieder eingefangen, doch sie gibt ihre Haltung nicht auf. Der Bauer ringt um Fassung und mit seinem Begehren, doch er empfindet auch Mitleid mit der Frau, die er liebt:
Sie schläft in der Mansarde oben,
Allein, armes Mädchen. Nur eine Treppe
Ist zwischen uns. Oh! Gott! der Flaum,
der weiche junge Flaum, das Braun,
Ihr Braun - ihre Augen, ihr Haar, ihr Haar!
In dieses Gedicht könnte der Entschluss Charlottes und ihrer Schwester Anne eingeflossen sein, aus Angst vor einer Erb-krankheit keine Kinder zu bekommen. Warum die Braut die Ehe nicht vollziehen möchte, bleib ihr Geheimnis.
In dem langen erzählenden Gedicht "Das Fest" glückt hin-gegen die Vereinigung der Liebenden, und auch der Humor der Dichterin blitzt auf:
Die guten Nächte sind nicht zum Schlafen, die guten Tage nicht zum Träumen da,
Und am Schluss saßen wir zitternd im großen Zirkuszelt und schmorten wie die Sünde!
Viel häufiger sind jedoch Liebe und Tod Geschwister, sie gehören zu einander wie die Bäume und die Vögel, der Wind und die Wellen.
Die stürmischen Gefühle und Empfindungen, die Sehnsüchte und das eigene Erleben oder Nicht-Erleben, werden gebän-digt, indem sie in eine künstlerische Form gegossen werden. So liegt der Trost in der Schönheit des Ausdrucks:
MAI 1915
Vergessen wir nicht, der Frühling wird zurückkehren
In verkohle, schwarze Wälder, wo verwundete Bäume
Auf himmlischen Regen warten, in alter weiser Geduld,
Sicher des Himmels: sicher des Meeres und seiner heilenden Brise,
Sicher der Sonne. Und selbst zu diesen kehrt,
Wenn Gott es gefällt, sicher er Frühling zurück,
Wie eine göttliche Überraschung
Für jene, die heute bei ihren großen Toten sitzen, Hand in Hand, Auge in Auge,
Eins in Liebe, eins im Gram: blind für alles Versprengte und den launischen Himmel.
Charlotte Mews Lyrik fließt, ihr fehlt jegliche Kante, was
die Form betrifft. Ihre Gedanken hingegen sprengen die Harmonie:
EINE FRAGE
Wenn Christus gekreuzigt wurde - Ach! Gott, sind wir
Nicht gegeißelt, gequält, verspottet und aufgerufen zu zahlen
Für die Sünden aller Zeiten in unserem kurzen Leben -
Hat der Mensch keine Dornenkrone, kein Golgatha,
Obwohl Christus Höllenqualen litt?
Wir kannten kein Eden, und die giftige Frucht
Pflückten wir nicht, doch wir entsprangen der
Bitteren Wurzel, versehrte Zweige des Frevels.
Haben wir, die das verfluchte Erbe teilen.
Nichts bewirkt? Befleckt bis ans Ende der Zeit
Leiden die letzten zarten Seelen noch für die ersten
Blinden Opfer eines nie vergehenden Verbrechens.
Frag den Gekreuzigten, Der erhöht dort hängt,
Ob der Mensch - oh! Gott, der Mensch nicht auch gesühnt hat.
Hier spricht eine Frau, die weder ihr Haupt beugt, noch unreflektiert hinnimmt. Doch sie klagt nicht an, sie fragt, verlässt auch hier den melodischen Pfad der Poesie, der gestalteten Sprache, nicht.
Das Leben hat es nicht gut gemeint mit Charlotte Mew, sie hatte mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, doch in ihrer Poesie erschuf sie (sich) eine Welt, die über die Gegenwart des individuellen Seins hinausweist. Nicht als Flucht gedacht, sondern als Bewusstsein.
Die letzten Zeilen ihres Gedichts "Unmöglichkeit" lauten:
Doch, Liebster, du, der du meine Seele bist, eines Tages
Wird die starre Hand winken. Gott kann sterben,
Weil Er nur lebt, um dein Gott zu sein;
So kann der Himmel vor der Erde vergehen -
Alle belebten Dinge halten den Atem an: ich nicht -
Oder wenn ich es tue, muss die Welt mit mir sterben!
Charlotte Mew hat die Fähigkeit, ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen in eine weltzugewandte, bildreiche, sinn-liche und melodiöse Sprache zu verwandeln. Ihre Gedichte sind völlig zeitlos, sind auch nach mehr als einhundert Jahren nicht angestaubt.
Es ist Zeit, sie wieder zu entdecken!
Charlotte Mew: Alle belebten Dinge halten den Atem an
Gedichte, Zweisprachige Ausgabe
Aus dem Englischen von Wiebke Meier
Mit einem Nachwort von Norbert Hummelt
C.H. Beck textura, 2026, 176 Seiten
Gute Literatur
Meine Empfehlung