Bernd Marcel Gonner - Manchmal scheint es Segel zu spannen - Die Re-Naturierung des Menschen
Der Untertitel ruft nicht nur, er schreit nach einer Frage: Was soll Re-Naturierung des Menschen bedeuten? Wie soll ein solches Unterfangen aussehen? Was ist der Mensch, was ist Natur, was ist der Mensch in der Natur? Als kleines "Vorweg" zu seinem Essay gibt Bernd Marcel Gonner, preisgekrönter Autor im Feld des Nature Writing, folgenden Gedanken mit auf den Weg: "Dieser Essay zieht keine Schlüsse. Er legt, höchstens, Spuren. Fährten - zu Ende - lesen lässt er jeden bloß selbst." Warum nicht `lässt er jeden selbst´? Weshalb dieses "bloß selbst"? Müssen sich die Lesenden ent-blößen? Alte Gedanken bzw. Denkmuster abwerfen? Muss der Mensch, um renaturrierungsfähig zu sein erstmal zum unbeschriebenen neugeborenen Blatt werden?
"Erst wenn die innere Natur wieder hergestellt ist, so die Grundannahme, kann, auf an- und grundständige Weise, auch die äußere Natur wieder ins Lot kommen."
So der Grundgedanke, der den Lesenden mit auf den Weg gegeben wird.
Wenn Natur das Unberührte ist, was ist dann die "innere Natur"? Kein Mensch bleibt auch nur eine Sekunde unbe-rührt von etwas, das von außen kommt, er steht unter Dauereinfluss oder Feuer, der Mensch ist ein osmotisches Wesen.
In welchen Zeitrahmen muss man sich diese Wiederher-stellung vorstellen? Reicht dafür ein Leben? War es nicht schon zur Zeit der ägyptischen Hochkultur, zur Zeit des Pyramidenbaus, aus dem Lot, auch wenn diese bis heute fest und scheinbar unverrückbar stehen?
Was bedeutet anständig in diesem Zusammenhang? Ist das nicht ein Begriff aus der Ethik? Ja doch, Natur und Geist, auch die Wissenschaften davon, gehören zusammen, stammen aus einer Quelle. Davon weiß nicht nur der alte Goethe zu singen, eines der letzten Universalgenies.
Stilistisch habe ich es gewagt, mich ein klein wenig auf die Spur des Essays zu begeben, das Fragen über Fragen aufwirft, vom Weg auf den Abweg und Umweg führt, mitten hinein und rundherum um ein Thema das so riesig wie unfassbar ist, also Versuch bleiben muss.
In seinem sehr frei assoziierenden Text schlägt Gonner einen weiten Bogen in die Geschichte. Nicht nur die Ägypter, auch die Bibel, diverse grundlegende, spirituelle Texte aus aller Welt, Dichter der Klassik und Romantik, Soziologen und Politologen inspirieren den Autor. Er taucht ein in die Etymologie der Worte, (er)findet Wortstämme, bemüht auch die Grammatik und webt so ein dichtes Gewebe an Gedanken, auf deren Spuren die Lesenden wandeln, stolpern, springen, kriechen ... um festzustellen, dass im Großen und Ganzen all die Ideen unter einen Hut passen.
Vieles ist in Klammern gesetzt, man kann bei der ersten Lektüre diese erstmal einfach weglassen, um sich einzu-schwingen. Im zweiten Durchgang liest man sie mit und plötzlich tauchen weitere Aspekte des Grundgedankens auf. Auf diese Weise vervielfältigt sich dieser Text selbst, weil er gleichzeitig in verschiedene Richtungen saltiert (von `einen Salto machen´, so würde Gonner es vielleicht ausdrücken).
Es wird Zeit für eine kleine Leseprobe:
"Es scheint uns eine Lust (immerhin ein unauslöschlicher Drang - wie ein Durst, seitdem wir nicht mehr an der gemeinsamen, geteilten Tafel sitzen), zu stören. Und in der Folge zu zer-stören. Wir kommen noch dazu. (Dahin? Sogar dahinter? Und darüber hinweg dann?)
Zu den - mutmaßlichen - Beweggründen sowieso.
Aber vor der Maschine, vor den Maschinen, die das bewerk-stelligen, mit denen wir dies alles, diesen Schlamassel (ach, der Schlamm, die Murenabgänge, die Erdrutsche ... ) ins Werk setzen, kommen die Rituale."
Ein wenig Grammatik noch:
"Verben mit dem Präfix zer- bringen zum Ausdruck, daß eine Form sich auflöst", so steht es in Weinrichs Textgrammatik der Deutschen Sprache von 1993.
Gefolgt von einem Gedanken nach Matthäus 16: "Wer das Leben behalten will, wird es verlieren."
Herrlich frei sind die Assoziationen Gonners. So wie Schlamassel überhaupt nichts mit Schlamm zu tun hat, die Verbindung aber auf einer Tonspur und somit nahe liegt, ist die Lust am Zerstören nicht unbedingt auf einer Linie mit dem biblischen Gedankenzusammenschluss von behalten und verlieren.
"Manchmal scheint es Segel zu spannen" bezieht sich auf das Gelände, das Feld. Ganz konkret, denn Bernd Marcel Gonner ist auch Landschaftspfleger auf einem Hof in Franken und denkt von den Wurzeln her, also von der Erde.
Aber er begibt sich eben auch in die Luft, oder aufs Wasser, von dem manchmal zu wenig, manchmal viel zu viel da ist. Stichwort Dürrekatastrophen, die Wanderbewegungen auslösen, Stichwort Überschwemmungen. Auch auf diese geht er ein in seinem Versuch der Re-Naturierung, die ein weites, weites Feld ist, ein Feldversuch mit offenem Ausgang. Sicher ist, der Leser, die Leserin sollten bereit sein, ins Offene zu schwimmen, zu segeln, sich zu lesen, wenn sie sich in diesen Text hinein begeben. Er ist wie tauchen und fliegen gleichzeitig.
Und nicht nur in diesem Text. Denn, dreht man das Buch um, findet sich auf der Rückseite ein weiteres Cover. "Blüthenstaubs Gegenwart - Ein Essay in Fragmenten".
Man fängt also von hinten an, erneut zu lesen, die beiden Texte treffen sich in der Mitte.
Auf den Spuren des frühromantischen Dichters Novalis (1772-1801) und dessen Blüthenstaub-Fragmenten, denkt er "das Lebensgewebe in alle möglichen Richtungen ... mit seinen geschichtlichen, stofflichen (handfesten!) und meta-stofflichen (geistigen?) Transmissionen."
Um Übertragung geht es also, daraus ergibt sich Entwick-lung, im Einzelnen, über Generationen hinweg.
Eine große Aufgabe für die Menschen:
"Weil wir ausgebrochen/ausgeschieden sind aus der Ordnung des Lebendigen, können auch nur wir das Paradies re-generieren. - Aus dieser Stoßrichtung Novalis´ Appell. ....
Wie lange muss sich das Paradies noch von uns Menschen erholen, um wieder irdisch werden zu können?"
Wäre eine Rückkehr ins Paradies die Re-Naturierung des Menschen?
Bernd Marcel Gonner: Manchmal scheint es Segel zu spannen - Die Re-Naturierung des Menschen
Killroy Media, 2025, 100 Seiten
Gute Literatur
Meine Empfehlung