Megan Nolan - Kleine Schwächen
"Wäre die kleine Mia an einer Krank-heit verstorben oder von einem rasenden Auto erfasst worden, hätten wir eine Erklärung für diesen Verlust. ... Doch wie es scheint, ist Mia den Trieben eines Monsters zum Opfer gefallen - in einem sinnlosen Akt der Gewalt. Wie wir inzwischen alle wissen, wurde Mia ... erdrosselt und wie ein Sack Müll in einer Seitengasse neben den Müllcontainern zurückgelassen."
Dieser reißerische Artikel stammt aus der Feder des Journa-listen Tom Hargreaves, er erschien im Mai 1990 in der Daily Herald, einem Boulevardmagazin.
Der Kontext: Die dreijährige Mia spielte am Nachmittag mit Kindern aus der Nachbarschaft. Abends wird sie vermisst, viele Leute suchen nach ihr. Bald wird sie tot aufgefunden. Und auch die Schuldfrage scheint schnell geklärt. Es kann nur Lucy Green, zehn Jahre alt, uneheliche Tochter irischer Einwanderer, früher schon auffällig geworden, gewesen sein. Die ganze Familie Green steht unter Generalverdacht, denn es handelt sich, so Hargreaves, um eine "skrupellose Sippe irischer Sozialschmarotzer, die der großen britischen Nation auf der Tasche lagen und sich mit abscheulichen Verbrechen revanchierten."
Der Reporter befragt zunächst Nachbarn, dann konzentriert er sich auf Lucys Familie. Diese besteht aus ihrer Mutter Carmel, siebenundzwanzig, Carmels fünf Jahre älterem Bruder Richie, arbeitslos und schwerer Alkoholiker, sowie John, Lucys Großvater, auch er arbeits - und weitgehend verantwortungslos. Rose, Carmels Mutter, die sich auch um Lucy kümmerte, da Carmel überhaupt keine Verbindung zu ihrer Tochter aufbauen konnte, starb vor zwei Jahren, seitdem fehlt der ganzen Familie völlig die Orientierung.
Lucy kommt sofort in Polizeigewahrsam. Angeblich um die drei anderen vor der Nachbarschaft zu schützen, bringt Hargreave sie in einem Hotel unter, die Zeitung bezahlt alles, vor allem auch eine unbegrenzte Anzahlt an Drinks. Mit Hilfe des Alkohols will er so viel wie möglich herausfinden, um die Story seines Lebens zu schreiben.
Megan Nolan, geb. 1990 in Waterford, erzählt die Geschichte der einzelnen Personen rückblickend und aus ihrer je eigenen Perspektive. Diese Erinnerungen, die aus Lebens-ereignissen und den damit verbundenen Gefühlen bestehen, fügen sich zu komplexen Charakterbildern aller zusammen.
Das herausragende Gefühl, der Kipppunkt jedes Lebens, nach dem immer alles nur noch schlimmer wird, ist die Erfahrung einer existenziellen Einsamkeit.
Sei es John, dessen erste, über alles geliebte Frau, ihn verließ, als Richie noch kein Jahr alt war. Seine innere Verlassenheit gab er an seinen Sohn weiter, obwohl er sich vorgenommen hatte, ein guter Vater zu sein. Richie sucht in seinen Alkohol-exzessen nicht nur Vergessen, er sucht auch einfach nach Gesellschaft, die findet er bei seinen Trinkkumpels.
Und Carmel? Sie erinnert sich spät an die Liebe und Sicher-heit, die Rose ihr gab, doch in ihrer Teenagerzeit und vor allem während ihrer Schwangerschaft, kapselte sie sich so in sich selbst ein, dass sie keine Fürsorge mehr wahrnehmen konnte. Sie verdrängte die Tatsache, schwanger zu sein, so lange, bis sie sichtbar wurde und es für eine Abtreibung zu spät war.
Für eine solche waren Carmel und Rose extra nach London gekommen, sie entschieden sich dann, Richie und John nachzuholen und zu bleiben. Im extrem konservativen Irland hätten sie nicht weiterleben können, außerdem hofften sie auf einen Neufang für die ganze Familie. Dieser gelang nicht.
Diese Geschichte über Einwanderung, soziale Isolation und Vorverurteilung, über psychische Verwundungen, mannig-faltige Probleme und Ängste auf der einen, und einer verant-wortungslosen Presse auf der anderen Seite, berührt zutiefst. Nicht indem billig auf die Tränendrüse gedrückt und arme Opfer inszeniert werden, sondern indem die Mechanismen dargelegt werden, die Menschen an den Rand des Abgrunds treiben. Spannend wird der Roman durch den Wechsel der Perspektiven, nicht durch die Story Kind-ermordet-Kind.
Lucy bleibt über weite Strecken im Hintergrund, doch wenn sie ins Licht rückt, ist sie nie das Monster, zu dem sie von Nachbarn und Reportern gemacht wird.
Eine Szene: Lucy hat im Eifer des Spiels einen Jungen mit einem Stein geschlagen. Als ihr klar wird, was sie getan hat, zieht sie sich auf die Schultoilette zurück und schlägt "mit stiller, stoischer Gewalt den Kopf" gegen das Waschbecken. Ihre Lehrerin kommt zufällig dazu:
"Was sie an diesem Nachmittag gesehen hatte, ... schien einer so grausamen, unergründlichen Einsamkeit zu entspringen, dass es jeder Beschreibung trotzte ..."
Am Ende ist es Carmel, die ernsthaft versucht, die Situation zu ändern. Sie fängt an zu sprechen, verlässt ihren inneren Kerker, schafft es, sich an ihre gute Kindheit zu erinnern,
eine Verbindung zu ihrer Tochter aufzubauen und ihr einen Weg in die Welt aufzuzeigen. Dieser Prozess ist ein vorsich-tiger, langsamer, mit Rückschlägen versehener. Und deshalb glaubhaft.
Der berührende, eindringliche und bestens komponierte Roman ist zugleich Charakter- und Gesellschaftsstudie. Kapitel um Kapitel werden die Figuren lebendiger, die Strukturen einer Klassengesellschaft deutlicher.
Man hüte sich davor zu glauben, diese hätte sich seit den 1990er Jahren grundlegend geändert.
Megan Nolan: Kleine Schwächen
Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
Kjona Verlag, 2026, 256 Seiten
(Originalausgabe 2023)
Gute Literatur
Meine Empfehlung