Sigirid Katharina Eismann - Mein innerer Schwarzwald

Ein Weihnachtsessen, bei dem es eine Torte "nach dem k.u.k.-Rezept aus dem Banater Dorf" gibt, ist der Anlass für die Autorin und Ich-Erzählerin, sich tief in ihre Familiengeschichte hinein zu begeben. Schon am Dreikönigstag 2021 fährt sie nach Görwihl im süd-lichen Schwarzwald, im dortigen Heimatmuseum ist die Geschichte der Salpeterer dokumentiert. Diese wurden im 18. Jahrhundert auf Geheiß Maria Theresias ins Banat, heute zu Rumänien gehörend, deportiert. Weil sie für ihre Freiheit kämpften.

 

Der Name dieser Volksguppe resultiert aus ihrer Tätigkeit: Die Salpeterer kratzten "in den Ställen die Ausblühungen, den Urin von den Mauern" ab. Die darin enthaltene Salpeter-säure wurde ausgekocht, sie war der entscheidende Bestand-teil des Schießpulvers.

Sie gehörten zu einer Gruppe von Bauern, deren Vorfahren im Mittelalter große Teile des Waldes gerodet und so den Weg für die Landwirtschaft geebnet hatten. Dafür bekamen sie "Freiheitsrechte auf Ewigkeit" verliehen. Diese beinhalteten auch die direkte Unterstellung unter die Habsburger Krone, sowie das Recht auf eine basisdemokratische Selbstverwal-tung.

Dieses Land wollte das Kloster St. Blasien unter seine Kontrolle bringen, aus den freien Bauern wären Leibeigene geworden. Es entwickelte sich heftiger Widerstand, gegen den die Kaiserin brutal vorging.

 

Soweit die historischen Tatsachen. Katharina Eismann (geb. 1964 in Temeswar), füllt sie mit gelebtem Leben.

Sie beginnt 1725, in dem sich der Salpeterer-Hans auf den Weg nach Wien macht. Er will der Kaiserin persönlich ein Schreiben übergeben, um sie an die zugesicherten Rechte der Freibauern im Schwarzwald zu erinnern. Er übergibt diesen Brief, der lediglich zur Aufforderung führt, Wien sofort zu verlassen. Weil er sich in der Folgezeit nicht an das Versammlungsverbot hielt, wurde Hans  verhaftet, er "starb nach einem Jahr im Freiburger Arrest. Er wurde zum Märtyrer, Salpetern zum Synonym für Widerstand und Rebellion."

 

Dann erfolgt ein Sprung ins Jahr 1754, zu Hannes und Malvinaa Jehle und ihren beiden Kindern Johanna und Pederle. Hannes ist ein ebenso unbeugsamer Mann wie es der Salpeterer-Hans war. Auch er wird verhaftet, bereits in der Nacht darauf stehen die Soldaten auf dem Hof, Malvinaa und die Kinder werden abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Noch sind sie in Waldshut, als das Urteil gefällt wird: "Verbannung auf Lebenszeit ins Ungarnland!"

Sie werden nach Wien gebracht, angekettet auf einem Schiff, dort landen sie im Karzer. Sie sind nicht die einzigen:

"Einhundertzehn Seelen, aufrechte, mutige Leut, aus der Heimat entführt, aus den eigenen vier Wänden."

 

Es folgt die "Illocierung" der Verbannten, unter ihnen auch junge Frauen aus Wien, die gegen das Keuschheitsgebot verstoßen haben. So die vergewaltigte Gelsine, um die sich Malvinaa rührend kümmert.

Sie werden nach Temeswar im Banat gebracht, in ein Land, das erst noch urbar gemacht werden muss. 

Die Schwarzwälder sind dort "eine Minderheit in der Minderheit", das Leben wird bestimmt von Hunger, Not und Krankheiten. Hannes ist gebrochen, Malvinaa, die lange versucht, den Mut nicht sinken zu lassen und sich abrackert, stirbt mit Anfang vierzig. Sie ist erschöpft "von der Banater Erd", von der Verbannung, der Brutalität der Behörden, der Ausgrenzung, der Ungerechtigkeit. 

Ihre Briefe in die Heimat an die heilkundige Greis sind am Ende des Buches abgedruckt, sie sind ein erschütterndes Zeugnis des Schreckens.

 

Katharina Eismann schenkt den Menschen in und mit ihrem Roman ein neues Leben. In ihnen wird die große Geschichte erlebbar. Und sie beschränkt sich nicht auf die Darstellung der Historie, sie schlägt einen Bogen in die Gegenwart.

Mit ihrer Ausstellung "Nach dem Fest das Fest" ist sie zu Gast in Temeswar, Kulturhauptstadt 2023. Sie fängt den Geist der Stadt in poetischen Beschreibungen ein, begegnet ihrer Namensverwandten, der Romni Katharina - Gelegenheit für einen Ausflug in die Welt der Ausgegrenzten von heute.

Sie erinnert sich an ihre Kindheit, daran, wie sie 1979 das Ausreisegesuch ihrer Familie dem Diktator Ceausescu übergab. 

Einen Teil der langen Geschichte der Salpeterer lässt sie Omitzi erzählen, eine Schneiderin aus Temeswar, die ihrer Enkelin Marie, Ur-Urenkelin Gelsines, mit auf den Weg gibt: "So war das, mein Kind. Das ist der Stoff aus dem wir sind. Ihre Geschichte steht in keinem Buch. Sie ist in uns. Sie verwandelt uns. Schreib das alles auf, erzähl das Unrecht weiter."

 

Dieses Unrecht hat Katharina Eismann nun erzählt. Dabei hat sie Teile der direkten Rede der Schwarzwälder in ihrem Dialekt verfasst, bzw. der Journalist Hubert Matt-Willmatt, auch er Nachfahre der Salpeterer, hat sie behutsam in die Mundart, in der auch Malvinaas Briefe verfasst sind,  übertragen. 

 

Hier ein Auszug aus dem Briefen, die zwischen November 1755 und Oktober 1756 geschrieben wurden:

 

"Auseinandergerissen von unsere Lüt, ... damit wir des Banat nit ufwiegle - denn von uns Salpeterer geht Denk- und Brandgefahr aus. ... Mir sin Unfreye hier in Freidorf, doch sie werde uns Hotzenköpfe nit chleikriege. ... Liewi Greiss, die Höll is nimmi weit von Freydorf. Mir hocke knietief im Sumpf un im Schlamassel. ... Wir kommen wieder. Es kann noch dauern, wer weiß, vielleicht noch ein paar Jahres-zeiten...." 

 

Viele Jahreszeiten dauerte es, bis der Weg zurück wieder möglich war. Was bleibt, ist die Frage:

"Was steckt vom Freigeist in euch? Findet es heraus!"

Und der Gedanke:

"Freiheit ist keine Pflückwiese, sie ist ein zartes Pflänzchen, will gehegt und gepflegt werden. Denken hilft."

 

Katharina Eismanns Roman hat absolut nichts mit Heimat-romantik zu tun. Es ist ein Roman über Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Gekleidet in eine lange Geschichte der Unfreiheit und Willkürherrschaft, die weder mit dem Niedergang der Monarchie, noch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs endete.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sigirid Katharina Eismann: Mein innerer Schwarzwald

Mit einem Vorwort von Hubert Matt-Willmatt, Nachwort der Autorin und Glossar

danube books, 2025, 164 Seiten