Steven Uhly - Death Valley

Der sechzigjährige Steven Uhly, Ich-Erzähler der unglaublichen Geschichte, reist nach Las Vegas. Von hier aus fährt er ins Death Valley, um seine dort von einem Pferd direkt in den Krater gefallene und dabei zu Tode gekom-mene Mutter zu beerdigen oder nach Deutschland zu holen. Je nach Kosten. Er befindet sich dabei in einem Wett-rennen mit dem dicken Hans, dem Sohn des Mannes seiner Mutter. Gerd hat den Ausflug ebenfalls nicht überlebt und muss irgendwie versorgt werden. Beide Söhne wollen die Sache schnellstmöglich erledigen, um dann in die Eifel zu eilen, in das gemeinsame Haus der Eltern, in dem sich wahre Schätze befinden. Antike Möbel, ein sagenhafter Goldschatz und Diamanten. Da es kein Testament gibt, gewinnt derjenige, der zuerst da ist. Eine rasante Hase-und-Igel-Geschichte also, eine mit vielen Überraschungen und Wendungen.

 

Zu lachen gibt es einiges, der Roman ist so komisch wie tragisch. Er hat Biss, ist skurril und durchzogen von Klischees, die eingesetzt werden, um dem Erzähler Gelegen-heit zu geben, sie und sich selbst sofort zu hinterfragen. 

 

Das Besondere an diesem Roman ist nebst der unglaublichen Story ein permanentes Selbstgespräch des Erzählers. Seine  Wahrnehmung ist stets auf Empfang gestellt, sein Gehirn arbeitet pausenlos auf Hochtouren. Kaum schießt ihm ein Gedanke durch den Kopf, wird er auch schon reflektiert und kommentiert. Gerne gibt er auch denjenigen an, der hier gerade spricht. Das klingt dann so:

 

"... ich fühle mich wie Arnold als Terminator. Früher oder später musst du von deinem hohen Ross absteigen, ermahnt mich mein innerer Sozialarbeiter."

"Genau jetzt besteht die größte Gefahr, dass aus dem halb-wegs gesellschaftsfähigen Steven der grantige Herr Uhly wird. ... Meine schnelle Eingreiftruppe aus hochgerüsteten Zensoren und Friedenspädagogen steht Gewehr bei Fuß, um mir notfalls reinzugrätschen."

"Mein innerer Nietzsche ermahnt mich, den Perspektivismus des Daseins nicht zu vergessen."

 

An gerade einmal vier Tagen spielt der Roman, die Ereignisse und Zufälle jagen einander. 

Das fängt schon im Flugzeug an. Steven trifft auf einen jungen Mann, in den folgenden 24 Stunden werden sie zu best buddies. Richie ist Miteigentümer eines Luxushotels in Las Vegas. Er stellt seinem neuen Freund eine Suite zur Verfügung, und leiht ihm am nächsten Tag seinen roten Lamborghini Pickup, um damit nach Independence zu fahren. Dazwischen liegen ein denkenswertes Dinner und eine Nacht, die ins Reich der Märchen gehört.

 

Wer ebenfalls in dieser Schlange stand, war Hans, der Rivale. 

In welchem schäbigen Hotel der Mechaniker aus dem Osten wohl untergekommen sein mag? Bestimmt fährt er in einem alten Chevrolet durchs Death Valley ...... 

Wie der Zufall es will, treffen sich die beiden irgendwo auf einer staubigen Landstraße. Hans´ Mietwagen streikt, unfrei-willig aber großzügig nimmt Steven den breit sächselnden Schwipp-Bruder auf und bringt ihn zu seinem Camping-platz, bevor er selbst in sein Hotel fährt.

 

Am nächsten Tag sind die Formalitäten zu regeln. Noch bevor Steve und Hans den zuständigen Beamten des Nationalparks treffen, erwartet sie eine Reporterin von CNN, die die beiden damit konfrontiert, dass der Tod ihrer Eltern kein Unfall, sondern Folge der Entlassungs-Politik Trumps sei. 

 

Es kommt zu einem Flug mit dem Hubschrauber, einer Verstreuung der Asche in den Krater, perfekt inszeniert und am Abend im TV gesendet. In Hans reift die Idee, aus diesem Tod viel Schmerzensgeld zu machen. Aber da ist er nicht gewieft genug, er versteht nicht die Mechanismen, die hier am Werk sind. Und dann wird auch noch der Bericht von Fox News so verdreht gesendet, dass er plötzlich als Trump-Feind dasteht, wo er doch dessen Politik so gut findet.

 

All diese Ereignisse sind gespickt mit amerikanischem Way of Life. Mit Überlegungen zu Geschichte, Besonderheiten, Absurditäten, angefangen bei den Ureinwohnern und dem wahnwitzigen Las Vegas, über triste Kleinstädte, multi-religiöse Tempel, der grandiosen Landschaft, Darth Vader als Stimme des Navis und tausend anderen Dingen, bis zu den opulenten Mahlzeiten. Uhly lässt wirklich nichts aus.

 

Er zeichnet ein Bild des gegenwärtigen Amerika, in das sich ein kritisch-linksintellektueller sechzigjähriger westdeut-scher Schriftsteller und ein eher im rechten Spektrum zu verortender, fünfzigjähriger Ossi, verlassener Sohn, Hand-werker und eingefleischter Star-Wars-Fan, verirren. 

Dies ist ein Spaß, der nicht ernst genug genommen werden kann. 

 

Neben diesem Zusammenprall der deutsch-deutschen und europäisch-amerikanischen Mentalitäten geht es um Trauer und deren Bewältigung. Um Verantwortung, Treue, den Umgang mit Geld, der Wahrheit und medial inszenierter `Wahrheit´. 

 

Vor allem die Frauen in diesem Roman sind zielstrebig, prag-matisch, sanft, erotisch, einflussreich. Ganz anders als die Männer, die eher vorwärtstaumeln. Sie sind bemerkens-werte und starke Persönlichkeiten von ganz unterschiedli-cher Art. Auch Mandy (wie könnte eine Frau aus der Ex-DDR anders heißen?), die während der Abwesenheit von Hans und Steve Tatsachen schafft und Steve bei seiner Ankunft in der Eifel eine große Überraschung bereitet. Doch nach dem letzten Kapitel kommt noch das allerletzte.....

Mutter, "die alte Bankräuberin", hat doch gut vorgesorgt!

 

Nicht zuletzt ist "Death Valley" auch eine Mutter-Sohn-Geschichte.

 

"Ich packe meinen Koffer. Soll ich noch frühstücken? Einen Moment lang denke ich daran, die Flucht zu ergreifen. Aber dann muss ich fast lachen. Wovor willst du jetzt noch davonlaufen? Es ist doch schon alles passiert. Was für ein Kindskopf du doch bist! Ich denke das, als wäre ich meine eigene Mutter, aber nicht die, die ich in den Ubehebe Krater gestreut habe. Nicht die harte, selbstbezogene, ewig ferne Mutter, die mich auf Abstand hielt, damit ihre Männer - mein Stiefvater und später Gerd - nicht eifersüchtig wurden. Sondern die Mutter, auf die ich meine ganze Kindheit hindurch gewartet habe. Jetzt ist sie plötzlich da und lächelt mich warm von innen her an. Evangelyne fällt mir ein: The mother comes in many shapes. Ich gehe zurück ins Bad, um mich im Spiegel zu betrachten. Da stehe ich, seit Tagen unrasiert. Allmählich beginne ich, wie ein islamistischer Terrorist auszusehen. Perfekt für dieses Land zu dieser Zeit. Wer würde denken, dass ich in Wirklichkeit eine allein-erziehende Mutter und ihr sechzigjähriger Sohn in Personal-union bin? Junge, Junge!"

 

Junge, Junge, das ist ein Roman! 

 

Inhaltlich, stilistisch, in jeder Hinsicht völlig anders als der Vorgänger "Die Summe des Ganzen", der sich mit Missbrauch in der Katholischen Kirche beschäftigt. 

Steven Uhly, geb. 1964, versteht es, die große Orgel zu spielen, er zieht alle Register, ein Multitalent.

 

 

 

 

 

 

 

Steve Uhly: Death Valley

Secession Verlag, 2025, 304 Seiten