Alexandre Labruffe - Cold Case
Dieser poetische, verspielte, humorvolle Roman ist eine Entdeckungsreise in verschiedene Teile der Welt, in eine koreanische Familiengeschichte, in die Dynamiken einer Liebesbeziehung und nicht zuletzt in die Seelen der beiden Protagonisten Minkyung, geboren 1985, und die des Ich-Erzählers, den Minkyung "Bruf" nennt. Überraschungen sind garantiert.
Der Roman beginnt wie ein Krimi:
"Urplötzlich war die Tür zum Müllraum aufgegangen. ... Taschenlampen hatten die Unordnung der Nacht erhellt, ... bis sie sich auf einer zusammengekrümmten Silhouette trafen, die in einer Ecke, hinter Lattenkisten ... durch Kunstlicht und Staubkristalle schimmerte: dein gefrorener Onkel."
Zugetragen hat sich diese Szene 1971 in Toronto. Jahrzehnte später, im Jahr 2017, erzählt Minkyung ihrem Lebenspartner von diesem Onkel und tritt damit eine Lawine los. Was weiß sie über ihn? Wann ging er nach Kanada? War sein Tod ein Unfall, Selbstmord oder gar Mord? Warum erzählt sie erst jetzt davon? Was weiß ihre Mutter über den Vorfall?
Was weiß ihr Vater, der zusammen mit dem erfrorenen und einem weiteren Onkel zu diesem Zeitpunkt in Kanada war? Welchen Schatten warf dieser Tod auf die ganze Familie?
In drei Kapiteln graben Minkyung und der Erzähler die Geschichte der Familie aus. Was ein sehr schwieriges Unter-fangen ist, da niemand darüber sprechen möchte:
"Im Laufe der Zeit ist dieser gefrorene Onkel zur unantast-baren Legende geworden, zur Brache, zum Ausschuss, Abfall oder Rückstand, auf dem sich nichts wiederaufbauen lässt, aber auch der Quell, wie ihr mir gesteht, aller Verirrungen eurer Familie. Denn der Mythos, er lebt. Dein Onkel: ein blinder Fleck bezichtigt als Metronom eurer Störungen, als Infrastruktur eurer Unschärfe."
Ein weiteres Geständnis Minkyungs überrascht den Erzähler: ihr Vater ist nicht im Kloster, er ist seit Jahren in der Psychiatrie. Dort wird er mit Medikamenten ruhig-gestellt, ein Besuch macht dem Erzähler deutlich, dass der Vater dort "verrottet". Minkyung ist sich sicher, dass der Tod des Bruders ihrem Vater den Verstand raubte.
Während am Anfang der Erzähler die treibende Kraft bei der Recherche ist - so nutzt er eine 55tägige Quarantäne in China zur Zeit der Corona-Pandemie, um tief in die 1970er Jahre Kanadas einzutauchen, er durchforstet Zeitungen, Archive, und findet tatsächlich einige Spuren - kommt der Punkt, an dem Minkyung übernimmt. Sie macht die gemeinsame Wohnung in Paris zum "Hauptquartier" der Ermittlungen, telefoniert, fügt Puzzleteile aneinander, reist nach Korea, irgendwann gleitet sie ins Esoterische.
Hier wird klar, wie stark der Einfluss des alten Glaubens noch immer ist, in diesem hochmodernen, technikaffinen und hyperkapitalistischen Land: wie schon ihr Großvater und ihre Mutter sucht nun auch Minkyung Rat und Hilfe bei einer Schamanin.
Wie lebendig der alte Glaube im hochmodernen Korea noch ist, wie stark all die Lebensgeschichten von der Politik beein-flusst wurden, wie sehr die Gegenwart von der Vergangenheit regiert wird, vor allem aber, wie gewichtig das Schweigen ist, wie viel lauter es über Generationen hinweg tönt als das Sprechen, sind die Themen des Romans.
So ernst die Themen, so poetisch, humorvoll und charmant ist die Erzählweise.
So fügen sich Prosagedichte in den Roman, sie sind Reflexio-nen auf das Geschehene, Erzählte, fassen Gedanken zusammen. Ein Beispiel:
"Ich denke:
Verjagt ihr das Gespenst, kehrt es im Galopp zurück,
mit Haut und Knochen, und verhaut euch.
Du sinnierst: Phantome sind unauslöschlich."
Seine Internetrecherche bezeichnet der Erzähler als "Trübseefischerei", Minkyungs esoterische Anwandlungen sieht er so:
"Ich spotte über deine meuchelmörderische Begierde nach Askese. Verhöhne deine neue Schrulle der Chakren.
Du wiederum träumst davon, mein Karma zu kärchern."
Und dann ist da noch der eigenwillige Duktus Minkyungs, der in Frankreich lebenden Koreanerin:
"Du machst mich zermürbt mit deinen Fragen!" Oder:
"Da wollten wir meinen Vater im Tempel besuchen. Ich habe mich so gefreut. Ich verlügne es nicht."
"Ich bin von Natur aus piegelig. Ich hebe gern Abfehler auf. - Abfälle. - Ja, Abfälle. - Muss ich mir Sorgen machen? Du bist süchtig nach Müll? Nach Müllsammeln? - Nein, ich bin vollunsüchtig. ..."
Diese Eigenheiten sind nicht nur charmant, sie sind Teil der Beziehung:
"Ich liebe deinen falschen Satzbau, deine wacklige Gram-matik und verrenkten Sätze, gallige Marionetten deiner Launen, Terra Nova der Sprache. Deine Worte wie Bubble Gum, das im Ohr knistert und prickelt. Ich lächle: `Ich bezweifle dich, aber dein Satzbau ist sexy.´"
Über sechs Jahre hinweg zieht sich die Suche nach dem Phantom, zu dem der Onkel geworden ist, die Suche nach dem Schicksal des Vaters (das Wichtigste, so Minkyung, ist für sie nicht, zu erfahren, was passiert ist, sondern die Ver-söhnung mit ihm), der Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen. In dieser langen Zeit erlebt die Beziehung der beiden manche Überraschung, sie erlebt jedoch keine Phase der Sprachlosig-keit, des Rückzugs ins Schweigen.
Das macht den Roman zu einem Dialog zweier Kulturen und zu einem Gespräch zwischen Liebenden.
Frank Sievers hat ganz wunderbar alle Besonderheiten des vielfältigen Stils übertragen, und damit seine tiefgründige Leichtigkeit erhalten.
Alexandre Labruffe: Cold Case
Aus dem Französischen von Frank Sievers
Verlag Klaus Wagenbach, 2026, 192 Seiten
(Originalausgabe 2024)
Gute Literatur
Meine Empfehlung