Chiara Valerio - Kein Herz, nirgends

Kann es sein, dass man eines Morgens aufwacht, und plötzlich feststellt, kein Herz mehr zu haben? Und am nächsten Tag die Lunge weg ist, am dritten die Leber - wie kann ein Mensch Stück für Stück verschwinden und dennoch völlig normal weiter-leben? Normal - ist es normal, als lebender Toter oder toter Lebender durchs den Tag zu schreiten, und wie                                                     zuvor zu sprechen, zu essen, zu lieben?

 

Genau dies ist Andrea Dileva passiert. Er ist um die vierzig, Universitätsprofessor für Mythologie, seit sechs Jahren mit Laura und seit fünf Jahren mit Carla zusammen. Er versteht sich bestens mit seiner Schwester Cristina, einer Natur-wissenschaftlerin und mit Angelica, seiner Ärztin, einer Jugendfreundin. Umgeben von so vielen Frauen, zu jeder einzelnen pflegt der attraktive Andrea eine andere Art von Beziehung, muss er damit zurecht kommen, dass er langsam verschwindet. Vielleicht.

 

Die bizarr anmutende Ausgangssituation des Romans ist wie ein Mikroskop, unter das Chiara Valerio ihren Protagonisten legt. Im Verlauf der Geschichte untersucht sie die Besonder-heiten, die seine Beziehungen zu den einzelnen Frauen haben.

 

Auf Laura bezogen heißt es, er benahm sich so, dass sie sich "in seiner Gegenwart stets genauso wohl fühlte, wie wenn sie allein war". Eine zunächst fremd anmutende Aussage, denkt man doch, in einer Partnerschaft sollte sich jeder wohler fühlen als alleine. Doch es bedeutet, dass Andrea seine Partnerin nicht verändern, erziehen, gängeln möchte.

Er ist ein moderner Mann, auch wenn er sich mit griechi-scher Mythologie und toten Sprachen beschäftigt, auch wenn die Zukunft ihn nicht interessiert.

 

Ein großes, das größte Lob überhaupt, ist es, wenn Carla, die Frau, die er täglich trifft, in die er nicht verliebt ist, es aber liebt, mit ihr zusammen zu sein, mit der er keine klassische Affäre hat, sagt: "Mit dir zusammen zu sein, ist wie mit niemandem zusammen zu sein."

 

Angelica, die Ärztin, erinnert sich daran, dass Andrea immer schon perfekt darin war, zu verschwinden. Ein Versteckspiel mit ihm war stets eine große Herausforderung. Im Lauf der Zeit perfektioniert er dieses Können:

"Als Traumtänzer fühlte er sich frei. Ich bin nicht da. Diese Rolle hatte er sich gewünscht und tatsächlich eingenommen. Vielleicht würde er ja jetzt tatsächlich verschwinden: der krönende Abschluss eines Lebens, in dem er genau das geübt, praktiziert, studiert hatte. Für Andrea Dileva war der welt-weit erste Lehrstuhl in Verschwinden geschaffen worden. Pass auf, was du dir wünschst."

 

Mit Sympathie und Ironie blickt Chiara Valerio, geb. 1978, auf ihren Helden, der natürlich versucht, ein Vorbild für das, was ihm passiert, in der Mythologie zu finden. Er findet keins.

Ist es eine Erscheinung der Moderne, Organe zu verlieren, in Tranchen zu verschwinden?

 

In der Regel verschwinden Männer, wenn ihnen ein Neuge-borenes auf die Nerven geht, wenn die Frau Respekt einfordert, wenn ein Abenteuer ruft. Wie Odysseus, der in den Krieg gegen Troja zog und jahrelang unterwegs war. Dessen Leben viele Male in Gefahr war, einmal konnte er sich durch einen Trick retten: er nannte sich "Niemand", um den einäugigen Riesen zu täuschen. Das verwirrte diesen, der Held konnte entkommen.

 

Ist Andrea ein moderner Odysseus, einer, der sein Leben mit Tricks retten muss? Ist er mit seiner glatten, zuvorkommen-den Art ein "Niemand"? Kommt er sich langsam, aber sicher abhanden? 

 

Ist sein partielles Verschwinden eine Reaktion auf die (zu) vielen Frauen, die ihn lieben?

 

"Was ist das nur für ein Organ, frage ich euch, das zwar unser Ich gewährleistet, nicht aber unsere Beziehung zu den anderen? Was ist das nur für ein Organ, frage ich euch, das so unwillkürlich ist wie die Liebe?"

 

Cristina entwickelt eine ganz eigene Theorie, mit der sie das Organverschwinden ihres Bruders zu erklären versucht:

"Wir haben eine Mutation durchgemacht: Etwas hat sich auf körperlicher Ebene manifestiert, das emotional immer schon da war, wir existieren in Beziehungen, innen wie außen. Das menschliche Leben besteht aus Beziehungen zwischen den Organen und den Lebenden, man kann sich nicht um die Gesundheit, ja das Leben eines Menschen kümmern, ohne auch seine emotionalen, seine Liebes-, ja Arbeitsbeziehungen zu betrachten.  ... Da hab ich mir gedacht, dass Andrea deshalb nicht gestorben ist, weil er von Menschen umgeben ist, die seine Organfunktionen übernehmen ..."

Durch Übertragung mittels "elektrischer Impulse ... über die Luft ... durch Insekten und Bakterien, die in der Luft treiben", das muss sie noch spezifizieren.

 

Laura macht sich Gedanken, ob sie ihn vielleicht zu sehr geliebt hat, so wie Kinder Stofftiere heftig lieben und sie damit zerstören. Hatte sie ihn "vielleicht in ein Schaf Margherita für Erwachsene verwandelt?"

 

Der Roman, der keine Liebesgeschichte, aber eine Geschichte über die Liebe ist, fragt auf unendlich viele Arten, was dieses Gefühl nun eigentlich ist. Was es bewirkt, wie es Beziehun-gen und damit letztlich Gesellschaft erst ermöglicht. 

Mit den Überlegungen, Erinnerungen, Unsicherheiten und Ängsten aller Personen spielt Chiara Valerio leichtfüßig und augenzwinkernd, ernst und tiefschürfend, heiter-ironisch und zugleich direkt in die Wunde blickend, ein Szenario durch, das auf jede nur denkbare Weise das Menschsein reflektiert. 

 

Es ist ein großer Spaß, diesen Roman zu lesen, auch, weil Chiara Valerio eine wunderbar vielschichtige Sprache pflegt, die Christiane Burkhardt ebenso wunderbar ins Deutsche übertragen hat. Ein weiteres Beispiel:

 

"Die dunkle Gestalt, die normalerweise am Fußende des Bettes hockte oder im Wohnzimmer lag, vor ihr herum-flatternde Tauben angriff oder anfauchte, starr wie ein Wasserspeier, der Kater mit den gelben, konzentrischen Eulenaugen, der so schwarz war, dass er seinen eigenen Schatten in sich trug, war bisher, trotz des Tumults, noch nicht aufgetaucht. Geschmeidig, lautlos, fast wie auf Filzpantoffeln, aber nicht so verweichlicht wie ein Salontiger, eher kriechend wie manche Rosmarinarten, kam er jetzt, durch das Klappern der Schlüssel im Schloss neugierig geworden, von seinem Podest. Wir sehen uns heute Abend, informierte Laura zuerst den Kater, dann ihn, wobei sie Andrea allerdings verunsicherter ansah als sonst, oder lag Hoffnung in ihrem Blick?"

 

Warum der Kater ein Loch ausgerechnet auf Herzhöhe in Andreas T-shirt gefressen hat, ist ein weiteres Rätsel in diesem an Rätseln reichen, hinreißenden Roman.

 

 

 

 

 

 

 

Chiara Valerio: Kein Herz, nirgends

Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

Nonsolo Verlag, 2024, 184 Seiten

(Originalausgabe 2019)