Kasper Behm - Der Freund
Kann man sich von seiner Vergangen-heit befreien, indem man besondere Ereignisse, die lange Schatten werfen, wiederholt? Kann man so frei werden, dass man sich wie ein Vogel in die Luft schwingen kann? Kann eine Freund-schaft so eng sein, dass zwei zu einer Person verschmelzen? Rettet man die ganze Welt, wenn man nur eine Seele rettet?
In seinem märchenhaften Roman, der auf zwei Zeitebenen angesiedelt ist, spielt Kasper Behm diese Fragen durch.
Er beginnt am 15. Dezember 1985 mit einer dramatischen Szene:
"Als das Eis unter seinen Füßen brach und er spürte, wie er unaufhaltsam zwischen den losen Platten hindurch in den See glitt, war Peterchen zehn Jahre alt. ... Sein dünner Körper drohte augenblicklich zu zerspringen. .... Unter ihm das Nichts, das ihn zu verschlingen drohte, über ihm die Unend-lichkeit ... und direkt vor ihm das Monster. ... Gefiedert wie ein Menschenvogel stand es da und schien sich in Zeitlupe auf und ab zu bewegen ... Die Gestalt hob die Arme ... da konnte er das Gewehr in ihren Händen erkennen."
Kurz danach fallen zwei Schüsse, doch die hört Peterchen kaum mehr.
Dreißig Jahre später, am 1. November 2015 taucht Peterchen plötzlich wieder auf, wo er drei Jahrzehnte lang war, erfährt man nicht. Er begegnet Gottfried, seinem engen Freund, wieder, auch er war damals mit am See, konnte Peterchen jedoch nicht beschützen. Doch er konnte den Täter benennen, der sie verfolgt und auf das zu dünne Eis gejagt hatte. Waldemar war es, ein Eigenbrötler, der in einer Hütte am Waldrand lebte, in einer christlichen Feriensiedlung, die von Gottfrieds Vater, dem Pfarrer, betreut wurde, als Haus-meister arbeitete. Der auf die Jagd ging, also Waffen besaß, der, in Gottfrieds Augen, schon immer eine Bedrohung war und sich Peterchen viel zu sehr genähert hatte.
Gottfrieds Aussage führte zur Verurteilung Waldemars.
Nicht lange vor Peterchens Auftauchen war er aus dem Gefängnis frei gekommen, nur wenige Tage zuvor war er auf dem Gelände des ehemaligen Waisenhauses, in dem Peter-chen lebte, erschossen worden. Ein Flüchtlingswohnheim war es nun, der Täter ein Junge, der direkt nach der Tat plötzlich verschwunden war. Wie damals Peterchen, unauf-findbar.
Nun erscheint ein Kommissar, der seine Nase überall hinein-steckt und eine Verbindungslinie zu dem Verbrechen damals zieht. Gottfried ist zumindest irritiert, manchmal wütend. Und er fragt Peterchen, warum er nun plötzlich auftaucht, nachdem er wie von Erdboden verschluckt war.
Dieser weiß es nicht. Er weiß, dass er keine Erinnerungen an jenen Abend hat. Er weiß, dass er erst frei sein und fliegen kann - sein größter Wunsch damals, als er aus dem Waisen-haus fortlief - wenn er rekonstruieren kann, was damals passiert ist.
Einen Hinweis findet er: ein Buch mit Sagen und Legenden der Schwäbischen Alb. Auf dem Umschlag ist ein Vogelmann zu sehen, furchterregend sieht er aus. Er erkennt sogar die Bäume, die dort abgebildet sind (der Roman spielt in der Gegend um Balingen, am Rand der Alb gelegen) und im Verlauf des Romans versteht er, dass in seinem Leben die Legende `nachgespielt´ wurde.
In den Tagen zwischen seinem Auftauchen am 1. November, dem katholischen Feiertag Allerheiligen, und dem 9. Novem-ber, an dem alle losen Fäden zusammengeführt werden, dem Tag, an dem der Roman endet, spielt sich auf diversenen Ebenen die Suche nach dem eigenen Leben ab.
Für Peterchen, der im Waisenhaus Einsamkeit und Drang-salierung kennenlernte, für Gottfried, der von seinem Vater unbarmherzig geschlagen und bestraft wird.
Die beiden tun sich zusammen, wollen gemeinsam der unerträglichen Enge entfliehen. Peterchen findet einen Vertrauten in Waldemar, es entsteht eine Beziehung, die Gottfried nicht gut heißt. Eifersucht spielt mit hinein, sowie eine übernommene Angst vor "dem Russen".
Von der feinen Verbindung Peterchens zu Pater Herz weiß Gottfried nichts. Der Pater leitet das Waisenhaus, ihn umflattern böse Geschichten, deren Zeugen ausgestopfte Vögel in seiner Kammer sind. Peterchen erfährt, was es mit diesen Vögeln auf sich hat, vielleicht befeuern sie seinen Wunsch, fliegen zu können?
Immer wieder liegen tote Vögel im Wald, übel zugerichtet, böser, als ein Tier es täte. Das kann nur das Monster, das Peterchen auch erblickt, als er im See zu versinken droht, gewesen sein. Wie kann dieses Monster gebändigt werden?
Ist dieses Monster das Gespenst Vergangenheit?
In einer feinen Verwebung von Gedanken und Gefühlen, vor allem starke, kaum auszuhaltende Angst, im langsamen Aus-malen des Bildes mit all seinen Darstellern - Gottfried und Peterchen, Gottfrieds Vater und Pater Herz, Waldemar und der Flüchtlingsjunge, sowie Schwester Martha, der einzigen Frau - in der Übereinanderblendung von Realität und Legende, erschafft Kasper Behm ein einzigartiges Tableau, das einen starken Sog erzeugt.
Man kann den Roman als eine Geschichte über Freundschaft lesen, oder als den Versuch, herauszufinden, wie Erinnerun-gen gebildet, abgelagert, umgeschichtet, umgedeutet, verworfen oder als wahr und richtig erkannt, oder dazu erklärt werden.
Denn eines ist seltsam und irritiert Peterchen zutiefst: er hat keine eigenen Erinnerungen, keine eigenen Bilder, nichts taucht auf in den Tagen, die er am alten Ort verbringt.
"Es ist absurd, zu denken, dass man nicht existiert. Er denkt an all die Erinnerungen, die er nicht hat, an die Zeit, von der er sich sicher war, sie wäre verschlingend hinter ihm her. Er denkt an seine große Verunsicherung, weil er nichts mehr weiß. Er ist so überzeugt davon gewesen, Peterchen zu sein, dass er eine Erklärung suchen musste, warum er dann nicht Peterchens Erinnerungen hat."
In seinem zweiten Roman blickt der 1983 geborene Schrift-steller und Komponist Kasper Behm tief in die menschliche Seele. Er blickt direkt in ihre Untiefen, und das mit größter Empathie für seine Helden. Ein sehr lesenswertes Buch!
Kasper Behm: Der Freund
schruf & stipetic, 2024, 316 Seiten
Gute Literatur
Meine Empfehlung