Elvira Dones - Lukas Santana muss sterben
Der Titel benennt klar, worum es in diesem Roman geht. Im ersten Kapitel wird deutlich, dass Lukas nicht an einer unheilbaren Krankheit leidet, er ist zum Tod verurteilt. Die letzten zehn Jahre seines jungen Lebens hat er im Todestrakt verbracht, verurteilt für einen Mord, den er nicht beging. Doch in Texas steht man immer mit einem Bein im Gefängnis, wenn man jung, männlich, Mitglied einer Bande und Latino ist.
Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war Lukas neunzehn. Kurz zuvor hatte er Beatriz, ein Jahr jünger als er, kennengelernt, schon nach drei Wochen war sie zu ihm gezogen, sie galt nun offiziell als seine Frau. Eigentlich hatte sie andere Pläne gehabt: die Arbeit als Kellnerin und Mädchen für alles in Mickeys Pub aufgeben, nach Austin ziehen und ein neues Leben beginnen. Sie war gut in der Schule, wollte raus aus dem Rio Grande Valley ganz im Süden von Texas. Doch die Liebe kam dazwischen, Beatriz blieb.
Lukas war Mitglied der Chicanos Rabiosos. Kein Anführer, eher ein kleines Licht, ein Handlanger, aber der beste Freund Blakes, Kopf der Gang. Dieser hatte ihn nicht nur vor dem ewigen Mobbing in der Schule gerettet, er kannte das best-gehütete Geheimnis Lukas´. Etwas war diesem im Alter von elf zugestoßen, etwas Unaussprechliches, bei dem sein Vater die Hände im Spiel hatte, etwas, das ihm lebenslange Panik-attacken bescherte. Bis zu Schluss werden weder Beatriz, noch seine Mutter Miriam, noch Tante Inez oder seine kleine Schwester Maya erfahren, was den Jungen innerlich knickte.
Am Tag der Hinrichtung fährt die ganze Familie nach Livingston zum Gefängnis. Die ganzen Jahre über hatte Lukas regelmäßig Besuch bekommen, wenn er es denn erlaubte. Es hatte Phasen gegeben, da schämte er sich zu sehr, da hielt er die Tränen nicht aus, da war er zu kaputt um irgendetwas zu tun. Doch Beatriz hielt ihm die Treue, neun Jahre nach der Verhaftung heirateten die beiden per Fern-hochzeit, nach zig Trennungen und Versöhnungen.
Das Gefängnis hat Lukas vollends gebrochen. Der einzige Lichtblick war Jeffrey, sein Zellennachbar, ein Mann, der
seit fünfundzwanzig Jahren im Todestrakt saß und auf seine Hinrichtung wartete, für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Er ist nun Ende vierzig, ein alter Mann, doch er hat sich ein Herz bewahrt.
Was hat Lukas angeblich verbrochen? Laut TV-Bericht, der nie in Frage gestellt wurde, handelte "es sich um eine Ausein-andersetzung zwischen den beiden größten Gangs des Rio Grande Valley, die um die Kontrolle des Drogen- und Waffenhandels in der Gegend rivalisierten. In einem der von Kugeln durchsiebten Fahrzeuge seien zwei leblose Körper gefunden worden, zwei Mitglieder der Furia Tex-Mex, vermutlich erschossen von den Chicanos Rabosos. ....
Auf dem Fernseher erschienen bildschirmfüllend die Fotos von Blake Morales, Jesús Torres, Óscar Mendoza und Lukas Manuel Santana."
Am Morgen nach diesem Verbrechen wird Lukas abgeholt und direkt in die "Singstube" gebracht. "Singstube, die so heißt, weil früher oder später alle darin zu singen beginnen, die Unschuldigen eher als die Schuldigen". Das Verhör dauert Stunden, er bekommt weder Nahrung noch seine Beruhi-gungsmedikamente, noch darf er schlafen.
"Wer sauber ist, kooperiert", sagt der Inspector. Man legt Lukas Papiere vor, er soll unterschreiben - an diesem Punkt geht er in die erste Falle. Er verzichtet mit seiner Unterschrift auf seine gesetzlich verankerten Rechte, die sogen. Miranda-Rechte. Damit ist Lukas schutzlos. Am Ende unterschreibt er aus purer Verzweiflung und weil er nicht mehr kann, ein vielseitiges Dokument, er liest es nicht einmal. Es ist sein Geständnis.
Der Prozess dauert nicht lang, nach wenigen Stunden ist klar: Todesstrafe für Mord. Lukas wird sofort abtranspor-tiert.
Elvira Dones richtet ihren Blick auf diejenigen, die damit zurecht kommen müssen, dass Lukas ein zum Tode verurteil-ter Mörder ist. Auf seine Mutter Miriam, die die Schuld bei sich sucht und sich emotional völlig zurückzieht. Von ihrem zweiten Ehemann, Lukas Stiefvater, mit dem sie eine sehr gute Ehe führte. Von ihrer jüngeren Tochter Maya, die am Tag der Hinrichtung ihren sechzehnten Geburtstag nicht feiert. Von Maya selbst, die mehrmals die Schule wechselt, weil sie Opfer von Anfeindungen wird. Erst als niemand mehr weiß, wer sie ist, kann sie in Ruhe zur Schule gehen. Doch dieses Leben in der Verborgenheit/Lüge hält sie nicht aus. Als sie einen Aufsatz zum Thema Todesstrafe schreiben soll, sagt sie die Wahrheit, endlich, sie konnte nicht mehr anders.
Tantes Ynez ist eine Stütze für alle, sie hat es hinausgeschafft, hat studiert, lebt jetzt bei San Fransisco. Dass sie in sehr prekären Verhältnissen und mit dem Gefühl, ein Feigling zu sein, lebt, weiß niemand.
Und natürlich Beatriz, der es komplett den Boden unter den Füßen wegzieht.
Was hier nur grob angerissen wurde, ist im Roman fein aus-gearbeitet. All die Figuren, neben den genannten einige weitere, werden porträtiert. Nicht nur in ihrem Bezug zu Lukas, sie werden im Kontext ihrer Herkunftsfamilie gezeigt, ihrer Entwicklung und all den Bremsen und Fallstricken, die für Latinos im Süden der USA bereitliegen.
Breiten Raum nimmt Lukas ein. All die Phasen, die er im Gefängnis durchlebt, werden beschrieben.
"Im Lauf von zehn Jahren galt er zunächst als schwer aggressiv, dann war er depressiv, dann selbstmordgefährdet, paranoid, katatonisch, dann hyperaktiv und dann wieder katatonisch."
Er verbrachte Monate im "Loch", er wurde auf eine Art medi-zinisch behandelt, die sicher nicht im Rahmen der allge-meinen Menschenrechte lag. Er wurde von seinem besten Freund, seinem Bruder im Geiste, Blake, verraten. Dieser sagte aus, Lukas hätte geschossen, obwohl Lukas nicht einmal bei dem Überfall dabei war. Blake hat seine eigene Haut gerettet.
Mit jedem Tag im Gefängnis stirbt ein Stück von ihm.
Eine Verbindung zu Europa und Europäischem Recht stellt Elvira Dones her, indem sie den Schweizer Thierry einführt. Dieser sucht im Rahmen seiner Doktorarbeit den Kontakt zu einigen Kandidaten im Todestrakt, dafür ist er für ein paar Monate nach Texas gezogen. Nach einigen Anläufen ist Lukas bereit, mit Thierry zu sprechen, bzw. ihm Briefe zu schreiben. Hier treffen nicht nur Europa und Amerika auf-einander, sondern zwei Welten. Thierry kommt aus bestem Haus, ihm standen alle Türen dieser Welt offen. Und doch entwickeln die beiden eine Freundschaft, mit Thierry wird Lukas sein letztes Telefonat führen, ein Jahr nach seinem Tod erreicht den Schweizer ein Brief von Lukas.
Das war so geplant, Ynez schickte ihn ab.
"Heute ist Dienstag, zweiter Oktober. Es sind noch sechzehn Tage bis ich sterbe. ... Es ist hart gerade, mein Freund. Richtig hart. Das muss ich dir wohl nicht sagen, aber das Komische ist, heute bin ich beinahe gut gelaunt. Ich habe ein solches Bedürfnis zu schreien, dass ich mich euphorisch fühle. Schwer zu erklären, ich weiß nicht, wie ich es besser sagen soll. Ich drehe hier durch. Ich habe Angst. Nachts schlafe ich nicht. Ich habe so krassen Schiss, so eine verdammte Scheiß-angst. Und wenn das Gift, das sie mir geben, nicht wirkt? Und wenn ich nicht gleich einschlafe und Mama und Beatriz zusehen müssen, wie ich leide? Sowas ist angeblich schon vorgekommen. Ich habe Angst, und es tut gut, es dir zu sagen. Ich habe das Gefühl es ist leichter, sowas einem entfernteren Menschen zu gestehen als einer, die man liebt."
Für sein Vergehen - Lukas hat die Waffen transportiert, mit denen die Morde verübt wurden - hätte er in der Schweiz ein paar Jahre Haft bekommen.
Neben der deutlichen Personenzeichnung benennt Elvira Dones ganz klar die Umstände und Bedingungen, die Strukturen, die zur Verurteilung führten. Lukas war von Anfang an schuldig gesprochen, noch vor der Verhandlung.
Verhöre, ein erzwungenes Geständnis, die Farce der Ver-handlung, die verweigerten Rechte, absolut desinteressierte Pflichtverteidiger, die unwürdigen Haftbedingungen, die politisch gewollt sind und von abgestumpften oder brutalen Wärtern willig mit Leben erfüllt werden, die absolute Aussichtslosigkeit auf einen fairen Prozess und eine faire Behandlung - all diese Aspekte sind Teil der Erzählung.
Ein wichtiger Gedanke, der sich durch den ganzen Roman zieht, ist das Abhandenkommen der Selbstbestimmung.
In der Todeszelle wird dies überdeutlich:
"Er stand vierundzwanzig Stunden am Tag unter Beobach-tung. Eine Videokamera registrierte jede Bewegung des zum Tode Verurteilten, der darauf wartet zu krepieren. Sie müssen ihn umbringen, deshalb die lückenlose Überwa-chung. Den ganzen letzten Sommer seines Lebens waren alle Augen auf ihn gerichtet - aus Angst, dass er die Dreistigkeit besitzen könnte, sich umzubringen, bevor sie dazu kommen."
Die Form des endgültigen Abschieds von Bestriz und seiner Mutter bestimmt er:
"Heute ist mein Tag und ich bestimme. Ab hier ist Schluss ...
Lukas steht auf, wirft seinen Liebsten jenen neutralen Blick zu, wie er ihn zigmal in seiner Zelle geübt hatte. Er macht rasch kehrt. Geht hinaus."
Elvira Dones erzählt nicht chronologisch. Sie springt vor
und zurück, zeigt das Ringen ihrer Figuren um Klarheit und Handlungsmacht, und zeichnet dabei das Bild immer präziser. Und schält dabei auch die Rolle der Frauen immer klarer heraus. Sie sind es, die die Lasten tragen und trotzdem nie aufhören, ihren Lieben beizustehen.
Hier noch einige Gedanken von Beatriz:
"Ihre Mutter hatte nie ein Leben gehabt, genauso wenig wie ihre Mutter vor ihr oder die Mütter aller anderen Latina-Frauen, in einer unendlichen Kette, die bis in die Nacht der Zeiten reichte. Alles Frauen, die dieselbe beschissene Existenz lebten, in die Kirche gingen und nach ihren Söhnen starben. Armut, Gott und Kinder, das war alles, was sie kannten, und alles wog gleich schwer, mit leichten Vorteilen für Gott, denn der war verlässlich, verschwand nie, war immer da. Im Gegensatz zu den Söhnen, die meist früh verstarben."
Elvira Dones: Lukas Santana muss sterben
Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli
ink-press, tadoma 11, 2026, 442 Seiten
(Originalausgabe 2023)
Tadoma ist eine Kommunikationsmöglichkeit für taubblinde Menschen durch Berührung von Gesicht und Hals, eine Berührungssprache also. Die Tadoma-Reihe folgt diesem Gedanken mit Büchern, die im Innersten berühren
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