Kerstin Ehmer (Text) & Astrid und Robert Nippoldt

(Illustrationen) - Heldinnen der Meere

Sechzehn Frauen und ihr Leben für die Ozeane

Kerstin Ehmer erzählt in ihrem neuen Buch von Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die jedoch eines eint: die Liebe zum Meer, ihren Einsatz für den Erhalt dieses auch heute noch in Teilen unbekannten, nach wie vor faszinierenden und unbedingt                                                                    schutzwürdigen Lebensraums.

 

Sie hat ihr Buch in vier Kapitel unterteilt, Zonen, über die sie sich dem Meer nähert.

Über Strand und Küstengewässer wagt sie sich hinaus auf hohe See und taucht schließlich ab, bis hinunter auf den Grund.

Im Auftakt eines jeden Kapitels widmet sie sich einer Göttin,

darauf folgen drei Frauen aus verschiedenen Zeiten und Professionen.

 

Die Bandbreite ist ungemein groß. So begegnet man "Am Strand" der göttlichen Aphrodite, um dann auf die amerika-nische Malerin Pat de Groot zu treffen. Ihr Werkt zeichnet sich durch wunderbare Bilder des Meeres aus, auf das sie von ihrem selbst entworfenen Haus aus blickte. Doch nicht nur das:

 

"Ohne ihre täglichen Spaziergänge weit hinaus ins Watt, ohne die Kajaktouren, den Blick aus den Fenstern ihres Hauses und das Deck, ohne all das Licht und die Weite des Kaps war sie weder als Mensch noch als Künstlerin vorstell-bar; ein instinktgeleiteter, sperriger Charakter, egoman und freigiebig zugleich, der weit draußen im Ozean, am letzten, spärlich kontrollierten Zipfel der Zivilisation, sein natürliches Habitat suchte und fand."

 

Diese tief im Innersten verankerte Verbundenheit mit dem Ozean zeichnet nicht nur de Groot, sondern auch die anderen Frauen dieses Buches aus.

Zu der Faszination, die vermutlich jede:r kennt, gesellen sich in diesen Biografien Zufälle oder Schicksalsschläge, es entwickeln sich Lebensweisen und Lebenswege, die so nur am oder im Wasser gelebt werden können, der Ozean wird für sie alle zum "natürlichen Habitat".

 

Das Meer war bis vor rund dreihundert Jahren eher Bedrohung als Sehnsuchtsort. Seefahrten erfolgten oft nicht aus freiem Willen, endeten oft tödlich.

Erst ab "Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten die Maler Strand und Küste" (nicht das Meer selbst) als Bereiche, an denen Frauen zu finden waren.

Und erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wanderten Frauen in die männlich dominierte See-Literatur ein, freilich nicht als solche, die den verwegenen Seemännern und Kapitänen das Wasser reichten. 

 

Aber: "Genauso wenig, wie das Fehlen von Frauen in der Abenteuerliteratur der Realität entsprach, spiegelte ihre Darstellung in der Malerei die ganze Bandbreite der Lebens-wirklichkeiten Frauen ihrer Zeit. Dieses Buch hat nach Ausnahmen in dieser männlich konnotierten Meereswelt gesucht" - und gefunden!

 

Auf die Malerin de Groot folgt Elisabeth Mann Borgese, deren Beitrag zum Schutz der Meere nicht hoch genug geschätzt und gewürdigt werden kann. 

Oder die weniger bekannte Zoe Lucas, der es zu verdanken ist, dass die Insel Sand 2013 zum Nationalpark Kanadas wurde. Sie hat ihr Leben der Erforschung von Robben, Pferden und anderen Tieren gewidmet und mit ihren profunden Kenntnissen über die Ausbreitung von Müll in den Ozeanen die Forschung einen großen Schritt nach vorn gebracht. 

 

Eine ganz andere Verbindung zum Meer hatte Gertrude Ederle (1905-2003), die als erste Frau den Ärmelkanal durch-schwamm und zum Idol ganzer Generationen wurde.

Es klappte nicht beim ersten Versuch, doch Ederle verfügte neben Stärke und Mut auch über Beharrlichkeit.

 

Diese Eigenschaft ist wahrscheinlich die wichtigste für eine Frau, die abseits vorgegebener Pfade geht.

Sei es die immer wieder vom Leben und der Gesellschaft an den Nullpunkt geworfene Isländerin Thuridur Einarsdottir (1777-1863), die nicht nur diverse Bauernhöfe wieder zum Leben erweckte, sondern auch als "Vormann" von Fischer-booten für riesige Fänge sorgte. Und die außerordentlich verantwortungsvoll handelte und von tiefem Gerechtig-keitssinn geprägt war.

Oder Marie Tharp (1920-2006), die den mittelatlantischen und später den mittelozeanischen Rücken kartierte. Beides gegen den entschiedenen Widerstand anerkannter Wissen-schaftler, die ihre Forschung als "Mädchengeplapper" bezeichneten, und unter Verzicht auf Anerkennung ihres Könnens. Sie blieb als lebenslange Assistentin stets im Hintergrund, die wichtigen Publikationen erschienen nicht unter ihrem Namen. Das hat sie nicht entmutigt, wichtiger war für sie ihre Arbeit an sich:

"Den Grabenbruch und den mittelozeanischen Rücken etabliert zu haben, der sich 40 000 Meilen um die Erde zieht, war wichtig. Das gelingt nur ein Mal. Etwas Größeres gibt es nicht, zumindest nicht auf diesem Planeten." 

 

Neben den Frauen aus Wissenschaft, Sport, Kunst und Kultur sticht das Kapitel über Virginia Woolf  (1882-1941) heraus. Hier setzt sich Kerstin Ehmer vornehmlich mit der Bedeu-tung des Meeres im Werk der Schriftstellerin auseinander.

Ehmer sieht in der "Meeresmetaphorik" einen Zugang zum "komplexen und oft verschlüsselten Kosmos" Woolfs:

 

"Wenn das Meer in ihren Romanen brandet, lässt sie auf ihm ihre Gedanken über Sinn und Zweck allen Daseins zu Wasser und ganz im Besonderen auch die über den Tod. Auf Woolfs Wellen reiten Spiritualität und Metaphysik ... Anders verhält es sich in ihren Tagebüchern und Briefen. Hier offenbart sich ein deutlich spielerischeres Verhältnis zur See und ihren Bewohnern, hier jongliert Woolf mit maritimen Bildern, gekoppelt an einen vertrackten Humor, mit dem sie dennoch überaus präzise ihre Emotionen analysiert."

 

Die Beispiele zeigen die große Bandbreite der Porträts.

Kerstin Ehmer gelingt es, auf fünf bis fünfzehn Seiten die persönlichen Geschichten mit dem historischen Hintergrund und den gesellschaftlichen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit zu verzahnen. So individuell die Charaktere der Heldinnen sind, es finden sich doch einige "rote Fäden", darunter eine  außerordentliche Eigenständigkeit, und:

 

"Sie alle entschieden sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens für das Meer, und dieses schien sie von da an durchs Leben zu navigieren ... Wer sich einmal dem Meer übereignet hatte, den schien es gleichsam in Besitz zu nehmen.  ... Es zwang sie dazu, stark zu werden, beharrlich und mutig. ... Konventionen konnten diesem Erleben kaum Einhalt gebieten. ... Sind sie Vorbilder? Nicht unbedingt, aber jede von ihnen entwickelte eine originäre Beziehung zum Meer, und ihre Biografien mögen uns ... in ihren Bann schlagen."

 

In meinen Augen können die "Heldinnen der Meere" durch-aus Vorbilder sein: sie alle zeigen, dass ein eigener Weg möglich ist. Auch unter schwierigen Bedingungen.

 

Das Buch ist hochinteressant und auch schön gestaltet.

Die Illustratoren Astrid und Robert Nippoldt stimmen mit einem Porträt auf die Texte ein, sie zeigen die Frauen in Piratenuniform, im Ausguck eines Bootes, schwimmend, schreibend, neben üppigem Fang ... Ein sehr empfehlens-wertes Buch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kerstin Ehmer: Heldinnen der Meere - Sechzehn Frauen und ihr Leben für die Ozeane

Illustriert von Astrid und Robert Nippoldt

mare Verlag, 2026, 244 Seiten