Dincer Gücyeter - Fake Gucci-Joggginghose auf der

Lesebühne

Der Prolet als Literatursternchen - Grazer Vorlesung zur Kunst des Schreibens Band 7

"In den "Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens" geht eine prominente Persönlichkeit in zwei Abendvorträgen im Literaturhaus Graz der Frage nach: Was tue ich eigentlich, wenn ich schreibe?" (Zitat: Website der Uni Graz). Im Jahr 2025 war der Lyriker, Romanautor und Verleger des Elif Verlags diese Persönlichkeit. Die Texte entstanden im November 2024 zum Großteil in Usak-Ägäis, in jener Stadt, die seine Eltern in den 1970er Jahren verließen, um sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Hierhin zieht sich der Dichter zurück, um abseits des täglichen Wahnsinns mit Mails, Lesungen, der Organisation des Verlages und dem auch nach dem Preis der Leipziger Buchmesse 2023 nicht aufgegebenen Brotjob als Gabelstaplerfahrer zu entkommen.

 

Wie schafft man das alles? Rein zeitlich erfordert ein solches Leben vollen Einsatz, wo bleibt da Muße, auf die eigene innere Stimme zu hören und daraus Literatur zu formen?

 

Es geht nur mit Hingabe und Liebe, so kitschig das klingen mag. Dincer Gücyeter ist ein Mensch, der das Leben umarmt, der sagt, "Deshalb unterstreiche ich in jedem Interview, dass ich für alles in diesem Leben dankbar bin. Nicht weil ich einen Pollyanna-Schaden habe, nein, weil ohne das alles meine Sprache, meine sprachlichen Kompositionen nicht so wären, wie sie heute sind. Kein Wort, das mein Fleisch nicht berührt hat, kommt bei mir aufs Blatt. ... Auch die Erfahrun-gen, die Ängste von wildfremden Menschen, alles, was sich um uns bewegt, tropft wieder durch unser Sieb, wird bei literarischer Umsetzung unsere Gegenwart."

 

Das "wir" in diesem Zitat spricht schon Bände.

Er berichtet auch von sich in diesen Vorlesungen. Davon, wie es ist, Buchhandlungen abzuklappern, zu wenig Zeit mit seinen Kindern verbracht zu haben, der Vorzeigemigrant zu sein, der den Aufstieg in die Kulturklasse geschafft hat. 

Doch viel lieber erzählt er vom Verkäufer der Sesamkringel, dem frechen Ali oder den Tagelöhnern, er schnappt das Gespräch zweier junger Männer auf und findet im Rhyth-mus ihrer Worte ein Gedicht. Lieber als auf der Hauptstraße bewegt er sich in den Seitengassen, schaut aus möglichst vielen Perspektiven auf das Leben, saugt den Rap auf, um die heutige Stimme des Lebens zu hören. Er trennt nicht in Hoch- und Populärkultur, es geht um Berührung. Wer will nicht berührt werden, wenn er liest, ins Theater geht, Musik hört? Man lauscht den fremden Stimmen, sucht zugleich die eigene.

 

"Alles, was an diesen Texten schön, wertvoll, literarisch ist, gehört Menschen, die in all den Jahren unsichtbar geblieben sind. Ich habe nur dafür gesorgt, dass diese einzigartigen, wertvollen Stimmen im Buchformat unter Menschen kamen, blieb mehr der Überbringer als der Literat." 

Mit "diesen Texten" meint er den vielstimmigen Roman "Unser Deutschlandmärchen", den er nicht kühl komponiert hat, sein Wunsch war es, "die Stimmen dieses unsichtbaren Milieus (zu) vermitteln, ohne einzugreifen, ... so, wie sie in meinem Ohr, unter meiner Haut geblieben sind."

 

Im Ohr, unter der Haut, im Fleisch, im Körper: die Gedichte sind keine Kopfgeburten. Manche sind nicht perfekt ge-schliffen, das macht sie um so wahrhaftiger.

 

"Ich habe nie daran geglaubt, dass Literatur steril, korrekt, harmonisch sein kann. Ihre Kraft sah ich mehr in der Reibung, im Dreck, im Abgrund."

 

Und in der Entwicklung. Die deutschsprachige Literatur ist heute wesentlich "bunter und kosmopolitischer"  als noch

vor 50 Jahren. Schriftsteller mit zwei oder anderen Mutter-sprachen, Frauen, nun, nach 35 Jahren die "Kinder der ehemaligen DDR-Bürger*innen", die die Erfahrungen ihrer Eltern reflektieren. Je vielfältiger die Quellen, aus denen sich die Literatur speist, desto "kraftvoller ist die Wirkung".

 

Der Autor ist für Gücyeter, wie auch für viele andere junge Schriftsteller, kein Bewohner des Elfenbeinturms, in dem nur wenige andere geduldet und als gleichwertig betrachtet werden. "Ein Gedicht sollte von seinem Dichter ehrlich getragen werden", er hat eine Verantwortung gegenüber der Literatur - und nicht gegenüber seinem Ego. Deshalb immer wieder der Hinweis darauf, ein Überbringer, ein Sieb zu sein, eine Art kollektive Stimme, die sich zu der seinen formt.

 

Das Büchlein versammelt in 13 Kapiteln Träume, Gespräche, Briefe, Reden, Gedanken zu Dichtung und Literatur, zum Literaturbetrieb. Sie alle sind so ehrlich wie weiträumig, vergessen nicht die Weggefährten, die Familie. Er kann über sich lachen, integriert Schwierigkeiten in dieses "alles", für das er dankbar ist. 

 

Nirgendwo ist das Wort "Talent" zu lesen, dafür ist Dincer Gücyeter zu bescheiden. Aber ich darf es sagen, denn bei aller Bescheidenheit des Dichters kann das nicht ungesagt  bleiben. Und ja, auch die Fake-Klamotten sollten noch erwähnt werden: besser das Unechte am Leib, als im Gedicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Dincer Gücyeter: Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne - Der Prolet als Literatursternchen

Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens Band 7

Literaturverlag Droschl, 2026, 112 Seiten, mit vielen Fotos aus dem Privatbesitz des Autors