Mário de Sá-Carneiro - Geliebter Fernando Pessoa
"Ich bin auf fürchterliche Weise seelenunglücklich"
Erster Teil der Briefe 1912-1915, Werke 5.1
Der Name Fernando Pessoa (1888-1935) steht bis heute neben dem des großen Lyrikers Luis de Camoes (1525-1579) für die portugiesische Literatur. Sein "Buch der Unruhe", das erst 1982 erschien, umfasst Notizen und Reflexionen, die über Jahrzehnte hinweg entstanden. Die Prosatexte erzählen von Wahrneh-mungen, Alltäglichem, Gedanken zum Dasein. Sie glitzern und funkeln, eine gewisse Melancholie ist ihnen eingeschrieben.
Doch wer ist Mário de Sá-Carneiro?
Er wurde 1890 in Lissabon geboren. Die Familie war gut situiert, was ihm später ein Leben als Dichter ermöglichte, bzw. erleichterte. Als er zwei Jahre alt war, verlor er seine Mutter, ein Umstand, der seinen Hang zur Traurigkeit erklären kann. Im Jahr 1910 veröffentlichte er zusammen mit einem Schulfreund sein erstes Theaterstück: "Freundschaft". Ein wegweisender Titel, denn Freundschaft ist eine der tragenden Säulen seines Lebens, im Briefwechsel mit Fernando Pessoa, den er 1912 kennenlernte, wird sie gelebt und gefeiert.
Bis zu seinem selbstgewählten Tod 1916 schrieben sich die beiden Dichter hunderte Briefe, erhalten blieben die Mário de Sá-Carneiros. Die Briefe Pessoas sind verschollen, verschwunden in Paris, wo Sá-Carneiro sein letztes Jahr verbrachte. Doch da Sá-Carneiro stets auf das eingeht, was der Freund ihm schrieb, lässt sich der fehlende Teil der Sammlung zumindest teilweise nachvollziehen.
Nach Paris, die Hauptstadt der Kunst und Dichtung, der Erneuerung und Moderne zog es Sá-Carneiro immer wieder, die Verbindung zu Lissabon blieb jedoch erhalten.
Seine Dichtungen, Erzählungen, Stücke und ein Roman erschienen in kleinen Auflagen, manche postum, ins Deutsche übersetzt wurde der Dichter zum ersten Mal 1996, weitere Texte folgten ab 2016. Ein vor allem international weitgehend unbekannter Autor also, wenn er wahrge-nommen wurde, dann als Trabant des großen Pessoa.
Dass er einen erheblichen Einfluss auf diesen und seine Dichtung hatte, belegt der nun vorliegende Briefwechsel.
Der Übersetzer und Herausgeber Frank Henseleit schreibt in seinem Geleitwort:
"In der Tat, so komplex er in jeder Hinsicht ist, ob symbo-listisch, modernistisch, avantgardistisch, stellt er eine Herausforderung dar. Niemand schrieb wie er, kein anderer hatte einen so nachhaltigen Einfluss auf Pessoa, kein anderer erkannte Pessoa so frühzeitig und bewog ihn, drängte ihn mehr, als Dichter in Erscheinung zu treten."
Seine Werke sind "für das Verstehen seiner Epoche unerläss-lich".
Der Strom zwischen den Dichtern fließt in beide Richtungen:
"Mein lieber Freund, ich schwöre Ihnen, dass ich nicht übertreibe, dass ich keine Literatur spiele, dass ich meinen Stift nicht unbedacht laufen lasse: jede Zeile von Ihnen, die ich mehr lese, fühle ich mich in meinem Stolz anwachsen: meinen Stolz, weil ich unumstößlich derjenige bin, dessen Werk dem Ihren am nächsten steht - so nah wie die Erde zur Sonne - und um es nach all dem geschenkten Vertrauen mit wenigen Worten zu sagen: weil Fernando Pessoa gefällt, was ich schreibe. Es geht hier nicht um Liebeserklärungen: aber all das, all diese Pracht, gefolgt von der wunderbaren Seele, die Sie sind, lassen mich in solchen Ausmaßen Ihr Freund werden wie ich niemandes Freund sein kann ..."
In all die Diskussionen um das richtige Wort, den richtigen Klang eines Gedichtes, eine Wendung in einer Erzählung, die Überlegungen zum passenden Titel, in all die Vorbereitungen zur Literaturzeitschrift Orpheu, die nur in zwei Ausgaben erschien, aber für mächtig Wirbel sorgte, in all die Äußerungen über Kollegen, die Suche nach einer neuen Sprache, sprich, all das, was mit der literarischen Produktion der beiden Dichter zusammenhängt, mischt sich das Thema Freundschaft.
Es geht hier niemals darum, berühmter, einflussreicher, `besser´zu sein als der Konkurrent - dieser wird durchgängig als Mitstreiter gesehen, ganz im ursprünglichen Sinne des Wortes "concurrere", zusammen laufen.
Bei all den literarischen Diskussionen fällt auf, dass es um Befruchtung und gegenseitige Förderung geht. Die Kritik ist stets konstruktiv und höflich.
Aus diesen Gründen sind die Briefe auch heute noch über ihre Bedeutung für die Literatur hinaus interessant.
Doch zurück zur Literatur und der vorliegenden Ausgabe,
die keine Wünsche offen lässt. Die Anmerkungen sind so umfangreich, so in die Tiefe gehend und dem Werk der beiden Dichter in jeder Hinsicht nachspürend, dass kein weiteres Nachschlagewerk vonnöten ist.
Kein Name bleibt ohne Information, der gesamte Hinter-grund wird beleuchtet: die führenden Literaturzeitschriften und deren Köpfe, die Strömungen in Lissabon wie Paris, Anmerkungen über Begriffe wie mechanisches Schreiben oder der Hinweis auf Sujets der symbolistischen und modernistischen Dichtung des Fin-de-Siècle oder all die Informationen, die sich z.B. in Briefen an Dritte finden.
Dazu versammelt die Ausgabe zahlreiche Abbildungen.
Von Porträts der Dichter über Abdrucke ihrer Briefe oder Postkarten und Stadtansichten bis zu Titelbildern, selbstgezeichneten Horoskopen und Abonnentenlisten.
Außerdem enthält der Band die "Gedichte aus dem Brief-wechsel Erster Teil" auf Portugiesisch.
Als Ergänzung gibt es das Gedicht "Manucure" in einem gesonderten Leinenband, wie auch die Briefe in einer limitierten und nummerierten Ausgabe erschienen.
Hier ein kleiner Auszug aus diesem Gedicht, um eine Idee von Stil und Ton zu bekommen:
"Gierig infolge der neuen atmosphärischen schönheit
Schweift mein Blick, angetrieben von der Raserei, diese herrliche
Tagesfrische
Meiner Umgebung aufzusaugen. Und wie in einem Trugbild stürzt,
Dank des großen trügerischen Fluidums, alles unvermittelt ein,
Verwandelt sich ins Groteske, verformt sich eilig,
Unwägbar, schlank, leichtfertig...
- Sieh nur die Tische ... Wie das! Heia!
Sieh nur, wie sie Kapriolen schlagen in der luft,
Augenblickliche Serien aus Quadraten,
Dort - ganz hinten, was jetzt, als verirrte Rauten ...
Und unentwirrbare Fäden verströmen sich,
Und zu den Tischen gesellen sich die geschwätzigen Andeutungen
Rotsamtener Bankreihen,
Die seitlich das ganze Café durchziehen..."
Abschließen möchte ich mit einem weiteren Zitat aus der Einführung Frank Henseleits:
"Sá-Carneiro reiste als Direktor der Zeitschrift Orpheu nach Paris, und ihr Schicksal wird seines, beide hängen an seidenen Fäden und sind eindrückliche Zeugnisse eines viel zu jungen Lebens mit einer Dramaturgie des Ungeheuerli-chen und Äußersten. Sá-Carneiros letztes Lebensjahr in Paris, Juni 1915 bis April 1916, war für Pessoa jenes, in welchem der Aufbau seines drama em gente (Drama in Leuten) erstmals umfänglich sichtbar wurde und Sá-Carneiro Pessoa bedrängte, als Dichter in Erscheinung zu treten. Zugleich zeigt sich, wie grundverschieden beide ihr jeweiliges Schaffen vor sich sahen und wie zwingend ihre gegenseitige Rezeption dafür war."
Dem möchte ich etwas verdreht hinzufügen: Die Tatsache der gegenseitigen Befruchtung der Grundverschiedenen, die dieser Briefwechsel, einer der bedeutendsten der portu-giesischen Literatur, in dieser Breite und Tiefe aufgefächert vor Augen führt, zu erleben und den Geist davon weiterzutragen, ist die Aufgabe aller heute Lebenden.
Mário de Sá-Carneiro: Geliebter Fernando Pessoa
Erster Teil der Briefe 1912-1915, Werke 5.1
"Ich bin auf fürchterliche Weise seelenunglücklich"
Übersetzt und herausgegeben von Frank Henseleit
kupido Verlag, Iberisches Panorama, 2025, 380 Seiten
Das Supplement "Manucure" umfasst 24 Seiten
Band 2 der Briefe soll im Lauf des Jahres 2026 erscheinen
Gute Literatur
Meine Empfehlung