Johanna Hansen - Schamrot

Eine niederrheinische Kindheit

Gründe, sich zu schämen, gab es mehr als genug. Der Großvater war "un-ehrenhaft entlassen" worden, darauf folgte der Abstieg der Familie des Vaters. Dieser schämt sich dafür, dass er sich kurz vor Ende des Krieges selbst verletzte, um seinem Soldatendasein zu entkommen. Er war also ein Feigling. Die Ich-Erzählerin schämt sich für ihre Krankheit, das Asthma, das ihr Leben stark einschränkt. Das Kind "muss etwas sehr Schlimmes getan haben, dass Gott es mit Krankheit bestraft. ... Das Kind versinkt in Grübelei, Trauer und weiteren Schuldgefühlen." Es muss sich schämen dafür, dass es immer noch am Daumen lutscht. Das Verhält-nis zu ihrem Körper ist angesichts katholischer Moral ein gelinde gesagt Unstimmiges: "Schon bei dem Gedanken an körperliche Berührung zuckte ich zusammen. Bei Sex fürchtete ich ein himmlisches Strafgericht."

 

Johanna Hansen, geboren 1955 am Niederrhein, blickt sehr detailliert, sehr ehrlich, ohne Pathos oder Groll auf ihre Kindheit und Jugendzeit zurück. 

 

In den Köpfen der Menschen ist der Krieg noch längst nicht überwunden. Nicht nur der Vater, auch der nach außen so fröhliche Onkel weint nachts. Redewendungen wie "Arbeiten bis zur Vergasung" gehören zum Alltag. Man darf nicht laut sein, denn die Nazis haben immer geschrien. Über die Jahre zwischen 1933 und 45 wird geschwiegen. Ein Schweigen, das so laut ist, dass es schmerzt. So laut, dass es der Erzählerin den Atem nimmt. Sie hat noch nicht gelernt, das Schweigen und auch das Sprechen zu vermeiden, indem man pausenlos singt, wie die Mutter. Volkslieder, Kinderlieder, Schlager, die Mutter ist eine wandelnde Melodie. Dabei leidet sie extrem darunter, weder den Führerschein machen zu dürfen, noch arbeiten zu gehen. Sie hat kein Geld, keinen selbständigen Aktionsradius, wenig Selbstvertrauen. Fühlt sich, und kommt auch der Tochter, eines von vier Kindern, vor wie ein Arbeitstier. Die Männer haben wenigstens am Sonntag frei.

 

Doch das ist die Rolle der Frauen, nur ganz wenigen geht es anders. Zum Beispiel einer jungen Lehrerin, die für einige Zeit ein Zimmer bei den Eltern gemietet hat. Sie verdient ihr eigenes Geld, die Mutter hält ihr Zimmer in Ordnung, die junge Frau isst mit der Familie. Sie ist von aller Hausarbeit befreit und ein leuchtendes Beispiel für die Erzählerin. Niemals möchte sie zum Gehorsam einem Mann gegenüber verpflichtet sein. Dabei ist doch Gehorsam die oberste Maxime jeder Pädagogik. Ein Erziehungsbuch aus dem Jahr 1934 regiert noch immer, verbietet einen liebevollen und zugewandten Umgang mit Kindern. Das würde sie ver-weichlichen. (Johanna Haarer, "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind").

 

Mit zwei Jahren kommt das Mädchen in einen katholischen Kindergarten. Die Nonnen, die diese Institution leiten, haben absolut nichts Liebenswürdiges an sich, die Kinder werden aufbewahrt, bestraft, zugerichtet. In der Schule geht es nicht anders zu. Erst am Gymnasium erobert sich das Mädchen einen gewissen Freiraum, indem es, wenn alles zuviel wird, den Notfallraum aufsucht, um sich dort auszuruhen. Dieses eine Gute bewirkt ihre körperliche Schwäche aufgrund der Lungenkrankheit immerhin. 

 

Dass sie hypersensibel ist bemerkt niemand. Man sieht in ihr die Träumerin, die zuviel Fantasie hat. Dies ist tatsächlich eine Kritik und kein Lob. Dieses Zuviel bewirkt, dass sie sich nicht an die Regeln hält, nicht beim Aufsatz schreiben, nicht beim Beichten. Eine Katastrophe für die Mutter, als ihre Tochter mit zwölf Jahren beschließt, nicht mehr zur Beichte zu gehen. Sie ist tief enttäuscht von Gott, denn all ihre Bitten führten zu nichts. Und auch den Tod kann nicht einmal Gott verhindern, er nimmt ihr die geliebte Großmutter. 

 

Anlässlich eines Vorlesewettbewerbs, bei dem sie dann doch nicht teilnehmen darf, erlebt die Erzählerin eine "Initial-zündung":

"Die Sehnsucht, etwas vortragen zu wollen, noch dazu etwas, das ich selbst geschrieben hatte, wurde mir an diesem Tag, bei dieser Gelegenheit schlagartig bewusst und begleitete mich seitdem, ohne dass ich darüber mit anderen sprach.

Der Wettbewerb war eine Initialzündung."

 

Ein weiterer Schlüsselmoment ist der Besuch eines Bild-hauerateliers:

"Dass hier ein Mann den ganzen Tag spielen darf, beschäftigt das Kind lange. ... Es will Künstler werden wie der Bildhauer und sein ganzes Leben lang spielen."

 

Einige Jahre bekommt sie Ballett- und Klavierunterricht (nur zu schaffen durch eine Cortisonbehandlung), irgendwann fängt sie an zu malen. Wunderschöne Aquarelle zieren diese Autobiografie, Selbstporträts, die die Entwicklung vom kleinen Mädchen zur jungen Frau nachzeichnen.

Zusammen mit anderen Künstlern entwickelt sie musika-lische, poetische und bildnerische Projekte, sie ist Heraus-geberin der WORTSCHAU.

 

Dieser lange nicht vorstellbare Weg wurde beflügelt durch die Entwicklungen in den 1960er und 70er Jahre, durch Freundschaften und nicht zuletzt durch den unbedingten Willen, auszubrechen aus der schweigsamen, alle Wünsche und Gefühle unterdrückenden, von kriegskranken Männern,  und der katholischen Kirche bestimmten Welt, in der Frauen als minderwertig galten und allenthalben Gewalt herrschte.

 

In die Beschreibung der Situation und der persönlichen wie gesellschaftlich/politschen Entwicklung sind reflektierende, frei assoziierende Gedanken in poetischer Form eingefügt. Ein Beispiel:

 

"eine Kindheit lang falle ich durch erwachsene Reden aus Silber und Schweigen aus Gold und rate vergeblich die ausgelassenen Wörter und was sie verbergen und halte den Mund und versuche, den Mund zu halten und ihn zu umarmen. Wie geht das, den Mund zu umarmen, wenn immer an etwas vorbei gedacht werden muss und der gnaze Vorrat an Wörtern aufgebraucht ist? 

....

Nachts baumelt mein Schlaf an einer dünnen Schnur ....

 

Dieses Herumirren im Schweigen und nicht wissen, warum, diese Akrobatik unter den Flügeln des Schutzengels, der nicht mehr für mich die Sterne umblättert, diese Luftknapp-heit, die sich nicht einschüchtern lässt, die alle Nester wegräumt aus den Hecken."

 

Manchmal bestehen sie auch aus Liedfetzen, Sprichwörtern, Redewendungen. Man kennt sie, hat sie verinnerlicht, sie lagern wie Blei in Gehirnwindungen. Sie lassen sich nur durch die Kunst herausspülen. 

 

Johanna Hansens Buch ist nicht nur durch sein großes Format und die Illustrationen sehr beeindruckend.

Nach den langen Jahren der "Luftknappheit", des Schweigens, der Knebelung jeder Fantasie, nach dem langsamen Heraus-lösen aus den Konflikten, Knoten, Verletzungen der voraus-gegangenen Generationen, hat sie den Weg gefunden, der aus der Enge herausführt: Sprache, Ausdruck in jeder Form.

Als Leser:in Zeuge dieses Prozesses zu werden stimmt nach-denklich und froh. Man mag Danke sagen für Johanna Hansens Mut und Können.

 

 

 

 

 

 

 

 

Johanna Hansen: Schamrot - Eine niederrheinische Kindheit

edition offenes feld, 2025, 212 Seiten mit Illustrationen