Belinda Cannone - Auf einem dünnen Seil - Erzählungen
Bei der Lektüre der zehn Erzählungen stellt sich ein Staunen darüber ein, wie berückend schön über Bedrückendes geschrieben werden kann. Über die Fragilität von Verhältnissen und Beziehungen, über die Zersplitterung und womöglich das Ende der Welt. Doch Belinda Cannone schreibt zugleich über den inneren Riesen, das Glück der Solidarität, Eigenverantwortung und Selbstermächtigung.
In "Céleste" erzählt sie von einer Zwanzigjährigen, die "robinsoniert". Sie hat ihre Mutter und das grenznahe Dorf verlassen, hat sich in den Wald zurückgezogen. Die Gerüch-teküche brodelt: es verschwinden Dinge, Gärten und Häuser werden verwüstet, Katzen fürchten sich plötzlich vor allem.
Das kann nur Céleste gewesen sein.
"Wenn sie nicht zufrieden ist, kann sie doch weggehen, warum nervt sie uns? Die Leute fangen an zu sagen, das alles sei die Schuld ihrer Mutter, Sie war immer düster, diese Frau, sie hat sich nie richtig integriert, ist sie in letzter Zeit bei dir gewesen? oder bei dir?"
Unter jungen Menschen wird Céleste zur Legende. Immer mehr folgen ihr in den Wald. Man sagt, sie "célestieren".
Warum tun sie ihren Eltern das an?
"Unsere Kinder (sind) sehr wütend, sie klagen uns an, das ist es, sie machen uns Vorwürfe, sie werfen uns alles vor, den Zustand der Welt, des Planeten, sie sagen Ihr habt alles kaputtgemacht ... Ihr habt zu sehr auf euren Profit geschaut ... sie haben noch hinzugefügt, dass wir nichts begreifen, dass wir an unseren Privilegien kleben ..."
Und eines Tages sieht man einen Zug von Kindern den Pass, der die Grenze zum Nachbarland bildet, hochgehen....
Klimawandel, Generationenkonflikte der `normalen Art´, dazu die Wut der jungen Menschen auf die Alten, die es haben so weit kommen lassen, deren Hilflosigkeit, weil sie keine Argumente haben, eine nur vorgeschützte, in Wahrheit aber eigennützige Art von Solidarität mit der vielleicht letzten Generation, die Fremdenfeindlichkeit, die plötzlich Célestes Mutter entgegenschlägt, das seltsame Zweckbünd-nis der Dorfbewohner - in dieser kurzen Erzählung werden die großen Themen angesprochen.
Von gelebter, lebensrettender, und mit dem eigenen Leben bezahlter Solidarität handelt eine im Zweiten Weltkrieg spielende Erzählung.
Auch die Jugendlichen, die ohne elterlichen Schutz auf der Straße leben, die Schauplätze sind hier Paris oder Marseille, die Zeit ist unsere Gegenwart, wissen, dass es ganz ohne Beistand nicht geht. Den von Geschwistern, von anderen Straßenkindern, manchmal hilft sogar ein Polizist.
Oder ein Mensch, der einfach nur das Gute in einem anderen sieht, auch wenn das unter einer rauen Oberfläche sorgfältig versteckt wird.
Ins Phantastische hinein spielen zwei Geschichten.
Die eine erzählt von der Vision eines Malers, die andere von einer jungen Frau, die behauptet, eine Gräfin zu sein und aus Transsylvanien zu kommen (wie Graf Dracula!) und die eine ganz enge Bindung an die Tier- und Pflanzenwelt hat.
Aber auch diese Erzählungen sind in der Realität verankert, nicht zuletzt durch den starken Einfluss des Klimas auf das Leben aller. Sie spielen in naher Zukunft, die Hitze zwingt Menschen dazu, ihre Heimat verlassen, sie halluzinieren (oder sehen mehr als andere), oder ihre Unterkunft ist von steigenden Wasserständen bedroht.
"Die Pinklerin", die letzte Erzählung des Buches, lässt zwei Weltanschauungen aufeinanderprallen:
"Du glaubst immer an einen Mittelpunkt, Youssef oder an den Herzensort. Ständig haben wir Jugoslawien im Mund geführt, hörst du, wie schön das Wort ist? Ich war musli-mischer Bosnier, mein Nachbar orthodoxer Serbe, meine Verlobte Kroatin, wir wussten es kaum, wir hatten es vergessen, für das, was sie dann gemacht haben, die unend-lichen Teilungen, jeder beschwört die alte Erinnerung an seine Andersartigkeit, jeder will zum Mittelpunkt werden,
es gibt keine Worte, um es zu verstehen, es gibt keine Worte, mein Mittelpunkt ist in tausend Teile zersprungen, die Brücke ist in die Neretva gestürzt, ich komme aus einem Land, das nicht mehr existiert, deshalb überquere ich gern Grenzen, ich glaube nicht daran, das ist ein Wandertheater, kein Mittelpunkt und keine Grenzen."
Belinda Cannones Stil ist außerordentlich fließend. Sie hält sich nicht an Regeln der Zeichensetzung oder Grammatik, das Übersetzerduo Claudia Steinitz und Tobias Scheffel haben diese Eigenart bei ihrer sehr gelungenen Übertragung beibehalten.
Neben diesem Fließen zeichnen sie sich durch ein nie nach-lassendes, allen Erzählungen innewohnendes Staunen aus. Die Autorin sagt über sich selbst:
"Mein ganzes Leben als Schriftstellerin hat zunächst darin bestanden ... mir Fragen über die Lust zu leben zu stellen
und über sie zu staunen. ... Nach diesem Staunen über die Lust muss man sich mit der Gewalt der Welt auseinander-setzen..."
Dieses Staunen, nach Aristoteles Ausgangspunkt jeder Philosophie, überträgt sich auf die Leser:innen.
Man staunt darüber, wie Verletzlichkeit zu dem dünnen Seil werden kann, das vor dem Absturz bewahrt.
Und darüber, wie poetisch Zerbrechlichkeit beschrieben werden kann.
Belinda Cannone: Auf einem dünnen Seil; Erzählungen
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Tobias Scheffel
Edition Converso in der Friedenauer Presse, 2025, 176 Seiten
(Originalausgabe 2024)
Gute Literatur
Meine Empfehlung