Carlo Collodi - Pinocchio
Nacherzählt von Imme Drost, illustriert von Carl Cneut
Wer kennt sie nicht, die freche, aufmüpfige, naive Holzpuppe, die seit 1881 Leser:innen jeden Alters begeistert? Für diese Ausgabe wurde die Geschichte von Imme Drost nacherzählt und von Carl Cneut wunderbar illustriert. Er trifft den Charakter des Klassikers ganz genau und erfrischt den kleinen großen Helden, ohne den Geist des Originals aufzugeben.
Zunächst ist dieser Held ein unfertiges Strichmännchen. Aber kaum, dass er auf zwei Beinen stehen kann, streckt er auch schon die Zunge raus. Und kaum, dass er seinen Namen kennt, geht es auch schon los mit dem Chaos: "Zack! Bumm! Knack! Peng! Klirr!" ertönt es, das dazugehörige Bild ist vorwiegend in Rot gehalten: hier besteht Gefahr! Pinocchio wirft alles um, sein Vater Gepetto kann nur hilflos zusehen. Und doch liebt er sein Geschöpf sofort.
Er weiß, der Junge braucht eine ordentliche Bildung, er muss in die Schule gehen. Für Schulgeld und das Abc-Buch ver-kauft er seinen Mantel, "Das Ding war mir zu warm", sagt er.
Pinocchio macht sich auf den Weg in die Schule, der gute Wille ist da. Aber ach, er kommt an einem "knallbunten Zelt" vorbei, das ihn magisch anzieht. Er verkauft sein Buch für eine Eintrittskarte und betritt das Marionettentheater, in dem er vom "größten Feuerfresser auf der Welt" gefangen und nicht mehr losgelassen wird. Von nun an ist er Teil der Truppe und muss "tanzen, springen, winken. Und morgen wieder. Und morgen. Und morgen...".
Das Marionetentheater ist nicht die einzige Station, an der Pinocchio hängen bleibt. Immer wieder kann er sich befrei-en, nur um kurz darauf wieder in größte Schwierigkeiten zu geraten.
Er begegnet den fiesen Gaunern Fuchs und Kater, er wird aufgehängt, er bekommt es mit einem bissigen Hund zu tun, er flieht mehrfach, ertrinkt beinahe, er wird von einem Riesenhai verschluckt und vieles mehr. Der Hai erweist sich jedoch als Segen, denn in dessen Bauch findet er seinen Vater wieder. Die beiden können zusammen entkommen, landen im Haus der Blauen Fee und Pinocchio lernt ab nun, Verantwortung zu übernehmen.
"Kannst du einen richtigen Jungen aus mir machen?" hatte er die Fee gefragt, ihre Antwort lautete "Nein. Das musst du dir verdienen, ... Gib dir nur viel Mühe, dann gelingt es dir von selbst."
Die Flegeljahre sind vorbei. Er muss arbeiten, damit er Milch für den geschwächten Gepetto bekommt. Später erlernt er sogar das Tischlerhandwerk, er spart für die Reise nach Hause und kommt schließlich ans Ziel seiner Wünsche und Träume.
"`Du bist nicht mehr aus Holz, Pinocchio. Du bist jetzt ein Junge´, sagte die Blaue Fee. ... `Papa Dscheppetto! rief er. Fühl meine Hände! Fühl mein Gesicht! Ich bin nicht mehr aus Holz. Ich bin ein Junge wie alle anderen.´"
Das gibt einen Freudentanz. "Und in dem Schaukelstuhl hing ganz schief eine Marionette aus Kiefernholz..."
Die Verwandlung ist gelungen, wie ein Schetterling ist er aus der Puppe geschlüpft.
Die rasante und abwechslungsreiche Geschichte wird parallel in Bildern erzählt. Das Zelt des Marionettentheaters erscheint wie ein riesiges Gesicht mit einem Maul, das die Eintretenden verschluckt. Wie eine Kneifzange sind Nase und Kinn des Direktors geformt, er lässt keinen entkommen. Aber doch lässt er sich von einer Geschichte erweichen, wie all die anderen Zuhörer, die mit erstaunt-gerührten Gesichtern lauschen.
Die Begegnungen mit Fuchs und Kater finden zumeist im dunklen Wald statt, er erscheint in dunklen Blautönen, tief und unheimlich ist er, hier können die Gauner (fast) ungestört agieren. Denn sie werden beobachtet von der Sprechenden Grille, die Pinocchio rettet und in Sicherheit bringt. Von Ärzten umringt, von der Blauen Fee umsorgt, kann der Tod abgewendet werden - und dann ist plötzlich heller Tag. Und zum ersten Mal wächst Pinocchios Nase!
Aber die Fee lässt sie auch wieder schrumpfen, Pinocchio zieht weiter. Er "entfernte sich immer weiter von zu Hause. Denn überall erlebte er wieder Abenteuer. ... Er bekam, um nur etwas zu nennen, Eselsohren. Weil er etwas sehr Dummes angestellt hatte. So dumm, so dumm, so eselhaft dumm, dass einem die Worte fehlen. Also schweigen wir lieber darüber."
Diese Ankündigung wird wahr gemacht. Auf den folgenden Seiten finden sich keine Worte, die Geschehnisse werden in Bildern weitererzählt. Man sieht seine Freunde, einen Hund mit weit aufgerissenem Maul und scharfen Zähnen, einen Hahn, den Harlekin, viele Eselsohren. Die Szenerie wird von Rot-Orange dominiert, geht in Blauschwarz über, sobald der Held wieder in den Wald kommt.
Ergänzt werden die üppigen Bilder, die nicht zuletzt durch ihre ausdrucksstarken Gesichter aller Dargestellten beein-drucken, durch kleine Federskizzen, die den Text begleiten. In ganz reduzierter Form vertiefen sie die Gefühle, die sich beim Lesen einstellen - sie sind aber auch einfach lustig und geben der Geschichte Leichtigkeit.
Die zeitgemäße Nacherzählung, lebendig übersetzt von Rolf Erdorf, im Verein mit den kunstvollen Illustrationen Carl Cneuts, erwecken den so sehr gebeutelten Helden wunderbar zum Leben. Die pädagogische Absicht, die Carlo Collodi ohne Zweifel verfolgte, tritt nicht in den Vordergrund, diese Ausgabe zeigt viel mehr die abenteuerliche Entwicklung von der Puppe zum Jungen.
Carlo Collodi: Pinocchio
Nacherzählt von Imme Dros, übersetzt von Rolf Erdorf, illustriert von Carl Cneut
Bohem Press, 2025, 64 Seiten, vollfarbig, mit rotem Leinen und schwarzer Fadenheftung
Gute Literatur
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