Alice Franklin - Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien
"Hey, nun weine doch nicht. Würde es dir helfen, wenn ich dir eine Geschichte erzähle? Ich habe da eine wirklich großartige auf Lager. Sie handelt von dir - von allem, was du siehst, und allem, was du tust. Klingt gut? Klettere hier hoch, kleines Alien. Setz dich neben mich. Ich werde dir vom Leben auf diesem Planeten erzählen. Ich werde dir erklären, wie es läuft."
Der Roman ist die Geschichte, die die Erzählerin einem Mädchen schenkt, das seine Schwierigkeiten im Leben hat. Und das von Anfang an. Schon ihre ersten Worte waren "eine Katastrophe": "Ich sterbe eine Spinne", sagte sie. Das ist keine kleine Abweichung von der grammatikalischen Norm, wie sie für Kinder typisch ist, dieser Satz zeigt bereits einen sehr eigenwilligen Umgang mit der Sprache. Und daraus resultie-rend mit allen anderen Dingen und Situationen des Lebens.
Was ist Sprache und welche Funktion hat sie? Dies ist eins der Themen dieses an vielen Stellen sehr komischen Romans, der konsequenter Weise das Mädchen per "du" anspricht.
Sie bleibt ohne Namen, aber nicht ohne Persönlichkeit!
Wie in Großbritannien üblich, wird sie mit vier Jahren einge-schult. Da sie das gefundene Opfer für allerlei Veräppelung ist, dauert dieser Besuch nicht sehr lange. Nachdem sie auf Anstiftung zweier Jungs Kinderbibeln zerschnitten hat, hat sie plötzlich sehr lange Ferien. Diese gehen über in "Heim-unterricht", "was viel Heim, jedoch wenig Unterricht bedeutet. Weder deine Mum noch dein Dad bringen dir eine Menge bei." Der Vater arbeitet als Versicherungsmathemati-ker, wo er für Risikoeinschätzung zuständig ist, die Mutter liest Ratgeber. Einen nach dem anderen. Oder sie schaut fern. Damit vertreibt sich auch das Mädchen viel Zeit. Sehr häufig schaut sie Sendungen, für die sie zu jung ist, aber das interessiert niemanden.
Interessant ist, dass sie hier zum ersten Mal ein Wort hört, das sofort, und im Lauf ihres Lebens immer mehr, Nachhall in ihr findet: Alien.
"Es löst in dir das Gefühl aus, dass du genau das bist, was du bist: ein fremdartiges Bewusstsein, gefangen im Körper eines überentwickelten Primaten; ein Klumpen Blut, Muskeln und Adern, gebunden an die Seele einer außerirdischen Lebens-form."
Von der nächsten Schule fliegt sie, obwohl sie im Grunde genau das getan hat, was man ihr gesagt hatte. Doch die Direktorin verdreht es so, dass das Mädchen am Ende als die Schuldige dasteht - aber, immerhin, an dieser Schule findet sie einen Freund, mit dem sie viele Jahre später weitere Abenteuer erleben wird, Bobby.
Doch zunächst beschert ihr ihre Schlaflosigkeit eine ganz große Entdeckung: in einer nächtlichen Doku hört sie zum ersten Mal vom sogenannten "Voynich-Manuskript".
Es stammt aus dem Mittelalter, liegt in einer amerikani-schen Bibliothek und wurde bisher noch nicht entschlüsselt.
In dieser Doku fällt der Satz "... ich glaube, es muss von einem anderen Planeten stammen ... ich glaube wirklich, es ist das Werk von Aliens."
"Bisher war dir nicht klar, dass Aliens existieren, zumindest nicht in Wirklichkeit. Bisher war dir nicht klar, dass sie ihre eigene Sprache haben. Das erscheint dir sehr einleuchtend. Es leuchtet ein, weil du manchmal das Gefühl hast, deine Sprache wäre gar nicht deine Sprache. Andere Leute sagen Dinge und du weiß nicht, was sie damit meinen. Andere Leute tun Dinge und du weißt ebenso wenig, was sie damit meinen. Da ist etwas entkoppelt, durch und durch falsch.
Das spürst du ganz stark, tief in deinem Inneren. ... Vielleicht bist du am Ende doch nicht alleine im Universum. Vielleicht bist du bloß alleine auf dem Planeten Erde."
Von nun an setzt sie alles daran, alles über dieses Manuskript zu erfahren. Sie geht jeden Samstag in die Bibliothek und eignet sich im Lauf der Jahre ein ganz spezielles Wissen an. Sie lernt viele Worte, die im Alltag nicht verwendet werden. Sie taucht in die Grammatik ein. Sie lernt die Unterschiede zwischen lebendigen und toten Sprachen kennen, zwischen gesprochenen und geschriebenen.
Aber eins ändert sich nie: sie versteht sehr häufig nicht, was die anderen sagen, was sie von ihr wollen. Weil sie sich nicht deutlich ausdrücken, weil Worte je nach Kontext verschie-dene Bedeutungen haben, verschiedene Ebenen. Weil ihr die lebendige, gesprochene Sprache so viele Rätsel aufgibt, wie das Voynich-Manuskript.
In ihrem Kopf ist manches anders gespeichert, verknüpft, sehr häufig fühlt sie sich hilflos. Hilflos sind auch die anderen, nur haben die kein Problem damit, sie sind die Mehrheit.
Dass ihre Mutter immer stärkere Psychosen entwickelt, trägt nicht zur Stabilisierung des Mädchens bei, auch nicht, dass ihr Dad ihre Mum aus einer geschlossenen Station entführt. Und die ganze Familie untertauchen muss.
Dieses Intermezzo währt nur kurz, der Vater hat das Risiko falsch eingeschätzt.
Kurz ist auch der Trip mit Bobby nach London, wohin die beiden heimlich fahren, um das Voynich-Manuskript zu sehen, das für ein paar Monate in der Universitätsbibliothek ist. Die Reise klappt noch ganz gut, aber dann tauchen jede Menge Schwierigkeiten auf. Aber es kommt auch zu einer Begegnung mit sehr erstaunlichen, fast märchenhaften Folgen.
Im Prolog sagt die Erzählerin, die neben ihrer Geschichte am Ende jedes Kapitels auch noch Tipps für "Weiterführende Lektüre" nach Art von Mums Ratgebern gibt, die immer sehr witzig sind, sie sei Linguistin, eine Sprachexpertin also.
Im Epilog verabschiedet sie sich von ihrer Heldin und den Leser:innen mit den Worten: "Als Aliens brauchen wir keine Überraschungen. Wir brauchen Spoiler. Wir brauchen Tipps und Tricks. Zu oft haben wir keine. Zu oft haben wir nieman-den. Zu oft haben wir nichts."
Ihre Geschichte, dieses geistreich-humorvolle Buch, zeigt, wie es ist, anders zu sein. Es zeigt, dass Brücken gebaut werden können, wenn der Wille zu gegenseitigem Verständ-nis da ist. Und es führt vor Augen, wie ein Weg, der ganz weit weg, so weit weg wie das Mittelalter, zu einem Weg zu sich selbst werden kann.
Ein sehr gelungenes Debüt!
Alice Franklin: Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien
Aus dem Englischen von Margarita Ruppel
dtv-Hardcover, 2025, 336 Seiten
(Originalausgabe 2025)
Gute Literatur
Meine Empfehlung