Peter H. E. Gogolin - Die unerzählbare Geschichte

... kein Roman

Peter H. E. Gogolin schildert in diesem Buch minutiös und detailliert die letzten Tage seiner Mutter, die er an ihrem Bett verbringt. Ausgehend von diesen zehn Tagen im November und Dezember 2015, jener Zeit, in der er ihr Sterben beobachtet und begleitet, blickt er zurück bis zu ihrer Kindheit und Jugend in einem Holsteinischen Dorf, der Hochzeit mit seinem Vater, dem Umzug ins Kohlerevier, der Geburt ihrer vier Kinder, ihrer Zeit als Ehefrau und die letzten Jahre als Witwe. "Zehn Tage und das ganze Leben" lautet die Überschrift, unter die er sein gewaltiges Vorhaben stellt. Wie kann man ein ganzes Leben erzählen?

 

Vor allem dann, wenn man keinen Roman schreiben, nichts erfinden und konstruieren, sondern eine wahre Geschichte mit ihren Brüchen, offenen Enden, unlogischen Abfolgen, wenn man die Wahrheit schreiben möchte. Den Entschluss, dieses Buch zu schreiben fasst er direkt nach ihrer Beisetzung, es ist seine persönliche Art, Abschied zu nehmen, zu trauern, sein ganz eigenes Kaddisch, das rituelle Totengebet.

 

Seine eigenen Erinnerungen reichen bei weitem nicht aus, um ein Leben einzufangen, das 1931 begann.

Die deutlichste ist die an die Mutter als Geschichtenerzäh-lerin, ein starker Kontrast zum immer schweigenden Vater. Der Vater schwieg auch, als die Mutter mehr als ein Mal während einer gemeinsamen Mahlzeit aufstand, auf die Treppe zum Dachboden zusteuerte und jeder wusste, dass es ihr nun wieder zuviel wurde. Alles. Jedem war klar, dass sie vielleicht diesmal ihr Vorhaben, sich aufzuhängen, wahr machen würde.

Es war Peters Aufgabe, ihr zu folgen, und sie davon abzuhalten. Da war er noch keine zehn Jahre alt. Auf dem Dachboden erzählte sie ihm dann drei Geschichten, deren Wahrheitsgehalt herauszufinden eine Lebensaufgabe für Peter war.

 

Diese Aufgabe löste der Schriftsteller, der, wie er sagt, von seiner Mutter "das Sprechen lernte", auf eine tief beeindruckende Art. Denn zu diesen Geschichten der Mutter, die in einer unwirklich anmutenden Atmosphäre erzählt wurden, kommen ihre Aussagen, die sie nur wenige Wochen vor ihrem Tod bei einem Krankenhausaufenthalt machte.

 

"Sie glaubte nicht, dass sie sich in einem Krankenhaus befand, verlangte, nach Hause gebracht zu werden. ... Vielmehr behauptete sie, dass sie sich in einem KZ, oder Straflager befände, sie war sicher, die Ärzte und Schwestern hätten sich verkleidet und gäben sich lediglich als Kranken-hauspersonal aus. Es waren für sie Aufseher, die sie quälten. ... Ich fand das bestürzend, denn sie war bei Kriegsende ein gerade mal 13-jähriges Mädchen. Dass sie jemals in einem Lager gewesen war oder auch nur eines aus der Ferne gesehen hatte, hatte sie uns niemals erzählt. So glaubten wir zumindest. Und für meine Geschwister stimmte das wohl auch."

 

Der Autor beginnt zu recherchieren und stellt fest, dass das "junge Mädchen ... mit einem KZ und einem Arbeitslager in Rufweite hatte aufwachsen müssen. In einem Arbeitslager, in dem es nach eigener Aussage selbst zu arbeiten gezwungen worden war. ... Und wir sehen dasselbe junge Mädchen, das misshandelt und vermutlich vergewaltigt wird, das darauf-hin vor der eigenen Mutter fliehen muss, um ihr Leben zu retten, und das wohl ein Kind hatte, das als Säugling zu Tode gebracht wurde. Das ist etwas ganz anderes als eine verwirrte Alte."

 

Die Geschichte der Mutter stellt Peter H. E. Gogolin in einen historischen Rahmen. Indem er ihre dramatische, individu-elle Geschichte erzählt, wirft er ein helles Licht auf die Zeit des Krieges und all die Jahre danach, in denen die Mutter,

wie so viele, viele andere, mit Medikamenten ruhig gestellt worden waren. Er zeichnet ein eindrückliches Bild der Nachkriegsgesellschaft. Davon gibt es viele. Aber es gibt nicht viele, die so grundehrlich sind, so ungeschönt, die ohne Metaphern und abfedernde Erzählkonstrukte auskommen. 

 

Innerhalb dieses Bildes reflektiert er sein eigenes Leben und Denken, seine Haltung und seine Rolle bzw Aufgabe als Schriftsteller. Er fügt Gedichte ein, Teile aus bereits erschie-nenen Erzählungen und Romanen. Dem Vater widmet er einige Kapitel, die sich an "Die unerzählbare Geschichte" anschließen. Auch der Vater ist nicht der, für den er ihn Jahrzehnte hielt, auch seine Geschichte ist eine von Traumata und Zerstörung.

Tief verstörend ist die Entdeckung seines Nachnamens,

der so gar nicht deutsch klingt, in den Verzeichnissen von Auschwitz. Hier trug sich eine weitere, unerzählbare Geschichte zu, der die Nachkommen sich stellen müssen.

 

In dieses Buch eingeflossen sind auch das Verhältnis der Geschwister untereinander, die Gründe für das frühe Verlassen der Familie, Gedanken über Heimat und Exil, über Zugehörigkeit oder ganz naheliegenden, den Pflegedienst. 

Das alles überfrachtet das Buch keineswegs, die vielen Themen machen es weitläufig und der Welt und Gegenwart zugewandt. Auch das Jetzt existiert. Aber:

 

"Die Vergangenheit ist nicht vergangen, und die Welt-geschichte findet nicht irgendwo fern in der Welt statt,

sie geht vielmehr durch das eigene Herz hindurch.

Manche Herzen zerbrechen daran."

 

 

 

 

 

 

 

Peter H. E. Gogolin: Die unerzählbare Geschichte 

... kein Roman

Kulturmaschinen Verlag, 2025, 420 Seiten