Sabine Gruber - Stillbach oder Die Sehnsucht

 

 

Stillbach ist ein (fiktives) Dorf in Südtirol. Es ist ein Ort, den viele Menschen verlassen mussten, weil er ihnen keine Lebensgrundlage bot, der für sie aber immer Heimat, und damit Sehnsuchtsort bleibt, egal wie lange sie irgendwo anders leben.

Der Roman spielt jedoch nicht in Südtirol, sondern in Rom.

Jener Stadt, die für Emma, Clara und Ines, alles gebürtige Stillbacherinnen, bestimmend war.

 

Nach Rom reist ganz am Anfang des Buches Clara, die seit langem in Wien lebt. Sie fährt auf Bitten der Tante ihrer ehemals besten Freundin Ines, um deren Wohnung aufzulösen. Ines ist vor kurzem gestorben, ganz überraschend, noch keine fünfzig Jahre alt. Weder die Tante noch die Mutter haben die Kraft, sich um den Nachlass von Ines zu kümmern.

 

Clara hat Ines schon längere Zeit nicht gesehen, sie weiß nicht, woran Ines gerade gearbeitet hat (sie unterrichtete Deutsch, machte Übersetzungen, schrieb für Zeitungen und Magazine), oder ob sie einen Freund hatte - ein großer Teil der Freundschaft besteht aus Kindheits- und Jugenderinnerungen.

 

In Ines Wohnung findet Clara ein Romanmanuskript, dieses bildet den Roman innerhalb des Romans.

Ines schrieb eine teilweise autobiographische Geschichte: ihr erster Aufenthalt in Rom 1978, in einem Hotel als Zimmermädchen. Eine Stillbacherin, die seit den 1930er Jahren in Rom lebte, hatte sie für die Sommermonate eingestellt. Sie bevorzugte die Mädchen aus ihrer Heimat, galten sie ihr doch als zuverlässig und sauber. 

Emma Manente, die Hotelbesitzerin, ist zu diesem Zeitpunkt zweiundsechzig Jahre alt, seit einigen Jahren Witwe, sie hat wenig Kontakt zum einzigen Sohn.

 

Ines schildert in ihrer Geschichte die Zustände in Italien und Rom 1978, wie sie sie erlebt. Außerdem erzählt sie aus dem Leben Emmas und wirft damit einen Blick zurück in die Zeit des Faschismus, des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dies alles eingebettet in die Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt.

 

Auf diese Weise schafft Gruber drei Zeitebenen, die noch enger miteinander verwoben werden, indem sie Paul in die Geschichte einführt. Er ist ein Bekannter von Ines, hilft Clara mit dem Ausräumen der Wohnung - und er kommt in Ines´ Roman vor. Er ist Historiker und macht Stadtführungen durch das faschistische Rom, 1978 war er Student und wohnte ebenfalls im Hotel Emma Manentes.

 

Emma ist dem Pass nach Italienerin, ihre Muttersprache ist Deutsch, ihr Herz, ihre Träume und Sehnsüchte gehören dem kleinen Dorf in Südtirol. Als Südtirolerin in Rom in den 30er Jahren ist sie ein Nichts: weder Italienerin noch Deutsche. Ein billiges Dienstmädchen. Ihr Verlobter aus dem Heimatdorf kommt 1944 bei einem Anschlag in Rom ums Leben, kurz darauf wird sie vom Sohn des Hotelbesitzers schwanger. Sie kann sich glücklich schätzen, dass er sie heiratet. Mit einem italienischen Ehemann ist sie allerdings für den größten Teil ihrer Familie gestorben, das ist ein schlimmeres Vergehen als ein uneheliches Kind.

 

Die Figurenkonstellation gibt der Autorin genügend Raum, um neben dem persönlichen Schicksal Emmas über das faschistische Italien zu schreiben.

Die Endsiebziger (beschrieben in Ines´ Roman) mit ihren Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Kommunisten, der Entführung Aldo Moros und den "brigate rosse" zeigen, wie zerrissen das Nachkriegsitalien war und wie es mit dem Faschismus umging - und dass es kaum eine Aufarbeitung gab.

So wenig, dass viele historische Fakten fünfzig Jahre nach Kriegsende beschönigend umgedeutet werden konnten und der Neofaschismus wieder salonfähig wurde.

 

Historisch sehr detailgenau - Paul ist ein wandelndes Lexikon und geizt in Unterhaltungen nicht mit seinem Wissen - verortet Gruber ihre Frauenfiguren jeweils "dazwischen": zwischen Ländern, Sprachen, politischem Geschehen. Nicht immer haben sie die Freiheit der Wahl.

 

Welchen Weg Clara einschlagen wird, bleibt offen: sie erlebt in Rom und mit Paul, dass ein anderes Leben möglich scheint, als das der Arztgattin in Wien. Lange genug hat sie ihre eingenen Vorlieben hinter die Bedürfnisse der Familie zurückgestellt...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sabine Gruber: Stillbach oder Die Sehnsucht

Beck Verlag, 2011, 379 Seiten                                

dtv, 2014, 379 Seiten