Siri Ranva Hjelm Jacobsen - Insel

Eine Insel ist per Definition ein fest mit dem Untergrund verankertes Stück Land, die Größe spielt keine Rolle.

In Siri Jacobsens wunderbar ruhigem,  kraftvollen und bildreichen Roman taucht immer wieder die "schwim-mende Insel" auf. Es gibt sie nicht nur im Nordatlantik, nicht nur auf den Färöer Inseln, wo der Roamn spielt: "Seit jeher träumen Menschen auf der ganzen Welt von schwimmenden Inseln, haben sie entdeckt, sie erbaut - ein Spektrum geologischer Migration über die Geschichte hinweg, mytho-logische Inseln, literarische, technologische. Eine ganze Armada. Jetzt sah ich sie mit Aiolia an der Spitze vor mir." 

 

Die Ich-Erzählerin ist eine junge Dänin, deren Vorfahren von den Färöer Insel stammen. Ihre Großeltern Fritz und Marita, für sie Abbe und Omma, wanderten kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges ein, ihre Mutter wurde in Dänemark geboren. Von diesen ihr nahestehenden Menschen erzählt sie, aber auch von den Geschwistern des Abbe, von Häusern, von den Umständen der Einwanderung und Eingewöhnung. Und sie erzählt von der lebenslangen Sehnsucht nach "zu Hause". So heißen die Inseln noch bei ihrer Mutter, die 1945 in Dänemark zur Welt kam, aufwuchs und immer dort lebte. Und wo ist das Zuhause der Erzählerin?

 

Migration und Zugehörigkeit sind die Themen des Romans, die Suche nach den Wurzeln:

"Es gibt so viele Definitionen von Heimat. Ein Zustand,

die Menschen, denen man begegnet, so in dem Stil. Schwachsinn, dachte ich, so was sagen nur kulturfremde Backpacker mit dem Mund voll Erde, voll Fleisch, während sie sich durch die Welt schmatzen.

Heimat ist ein Toponym, dachte ich. Ein Ortsname."

 

Demnach müsste ihre Heimat Kopenhagen sein, doch da lebt nur ein Teil von ihr. Als sie mit ihren Eltern auf der gemein-samen Reise, die Ausgangspunkt für ihre Überlegungen und ihren Roman ist, an einem kleinen Friedhof vorbeifahren, denkt sie, dass sich hier die "Gräber mit meiner DNA in der Erde" befinden. Ist ihre Heimat durch die Verbundenheit mit ihren Vorfahren immer noch auf den Färöer Inseln?

 

Die Großmutter, der innerhalb des Romans ein eigener Erzählstrang gewidmet ist, wollte nie zurück auf die Insel. Man lernt sie kennen, als sie sich auf die Überfahrt vorbereitet. Sie fährt zu ihrem Verlobten Fritz, der ein Jahr vor ihr diesen Weg antrat. Sie wird bei ihrem Namen genannt, Marita, wie immer, wenn ihre eigene, persönliche Geschichte in den Roman eingewebt wird. Sie erlebt eine schmerzhafte Überfahrt, versenkt ein "Bündel" im Meer und versucht ab dem Moment, in dem sie dänischen Boden betritt, eine Neue zu werden. In diesem Geist erzieht sie auch ihre Tochter. Selbst ihre Art zu stricken, passt sie dem neuen Land an, mit ihrem Kind spricht sie niemals Färöisch, sie spricht immer Dänisch mit ihr.

Sie ist die einzige Person im Roman, die sich das Heimweh anscheinend verboten hat. 

 

Wird von Marita im Zusammenhang der Familie erzählt,

ist sie die "Omma". Im Gegensatz zu ihr möchte der "Abbe" unbedingt wieder "nach Hause", in ihm wohnt ein unstill-bares Heimweh: 

 

"Die Inseln, nach denen er Heimweh hatte, lagen an einem Ort jenseits der Geografie. Ich wusste das. Und auch Omma hatte es wahrscheinlich gewusst, hatte gewusst, dass sein Heimatland schwamm."

 

"Keine Insel ist eine Insel", sagte Omma immer wieder - bedeutet dies, nichts ist fest, nichts ist verlässlich, nichts hat Bestand? Vor allem nicht eine so diffuse Idee wie Heimat?

 

Siri R. H. Jacobsen beleuchtet die Suche nach dieser Idee erzählerisch von vielen Seiten. Nicht theoretisch, sondern eingeschrieben in die verschiedenen Personen, ihre Lebens-geschichten, ihr Handeln, ihre Ansichten.

Diese persönlichen Annäherungen reichert sie mit alten, immer noch lebendigen Legenden an, die zur DNA der Insulaner gehören. Konzentriert in dieser Szene, die beim siebzigsten Geburtstag Abbes spielt:

 

"Das sang Abbe über den Gedenkstein am Lagen, den er nie mit eigenen Augen gesehen hatte, jetzt aber schaute - singend, stampfend, hingebungsvoll.

Denselben Blick, erhoben und weit geöffnet, hatte er, wenn er vom Aufstand von Klaksvik erzählte, davon, wie sich das gesamte Inselvolk gegen die Tyrannen zur Wehr gesetzt hatte. Oder wenn er das Kapitel vorlas, in dem Odysseus nach seiner Rückkehr Penelopes Freier loswird. Wann immer er in der tanzenden Kette an mir vorbeistampfte, sah ich seine Ellbogen energisch auf- und abschwingen. Jetzt war er weder Abbe noch Dorfschullehrer noch Sozialdemokrat, jetzt war er das. Zu Hause." 

 

In diesen Momenten befindet er sich auf der schwimmenden Insel, die Ort, Fantasie und Zustand zugleich ist.

Wie Heimat. 

 

Der Roman ist Annäherung an ein vielschichtiges Thema.

Es hat so viele Schichten wie Menschen, die migrieren, doch  Siri Jacobsen schält eine Art Essenz heraus: 

"Migration erstreckt sich über drei Generationen."

Die erste spürt die "Unerbittlichkeit", sich aus der Not zu befreien. Die zweite verfügt über einen enormen "Arbeits-drang", "diese Generation zahlt noch immer die Überfahrt ab."

"Die dritte Generation kann sich die Brotlosigkeit leisten, muss sich verwirklichen, ihrer Berufung nachgehen und glauben, das sei Selbstverwirklichung. Die Wurzeln tasten flimmernd umher, suchen. Sie haben die toten Partikel einer anderen Erde an sich haften. ...  Generation ich-klein, ich-allein. Generation weder-noch. Die dritte Generation ist unsichtbar, theoretisch, sofern die Haut zur Tapete passt - und weiß es oder sie weiß es nicht, aber sie trägt die Überfahrt als Verlust in sich." Für sie ist "Assimilation ein methodischer Erinnerungsverlust" - der Roman kann die Diskussion um Einwanderung, Integration, Traditionen, enorm erweitern.

 

Und er beglückt mit seiner Poesie:

"Das mit Ragnar, wie soll man das erklären? Der Himmel funkelte, es war jene Nacht im Juni. Im Nachbarort südlich hatte es Tanz gegeben. Das Grün der Berge schwebte über den Steinen. Sie stolperten zusammen nach Hause, fielen hin und blieben liegen. Er nahm sein Alter für sie ab, seinen Ernst. Hinterher lag er wie ein nackter Einsiedlerkrebs im Moos.

Sie legte die Finger auf seinen runden Bauch. Der leuchtete blass durch die schwarze Körperbehaarung, hüpfte erschrocken, und sie kicherten. Ragnars Bart roch dunkel ... 

Das war das eine Mal, und dann war da ein zweites Mal ..."

 

Siri Jacobsen, geboren 1980 in Dänemark, begibt sich mit ihrer Ich-Erzählerin tief in das Herkunftsland ihrer Vor-fahren. Sie gehört zur dritten Generation, trägt noch den Verlust in sich. Aber indem sie sich mit der Geschichte der Inseln und der Familie auseinandersetzt, schreibt sie sich in diese Geschichte(n) ein, verknüpft sich mit der DNA, die auf der Insel ruht. Sie erschafft ein Porträt der Landschaft, der Bewohner, der Winde und Fjorde. Wie Ruth Smith (1913-1958), eine der berühmtesten Künstlerinnen der Färöer Inseln, deren Museum sie zusammen mit ihrer Tante Asa besucht. Und die sie vor sich sieht, in einer Vision verbinden sich beider Leben miteinander. 

 

Die junge Frau hat erzählend Wurzeln geschlagen auf der Insel. Und es scheint, als habe sie die schwimmende Insel in eine fest mit dem Untergrund verankerte verwandelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Siri Ranva Hjelm Jacobsen: Insel

Aus dem Dänischen von Franziska Hüther

März Verlag, 2025, 181 Seiten

(Originalausgabe 2016)