Sophia Klink - Kurilensee
Die junge Biologin Anna verbringt ihren sechsten Sommer am Kurilensee in Kamtschatka. Sie ist Teil eines Forscherteams, das die Lachse zählt, die im Juni in den See schwimmen. Mindestens zwei Millionen sollten es sein, um den Bestand längerfristig zu sichern. Doch bereits als eine Million erreicht ist, gibt die zuständige Behörde grünes Licht für die Fischerei, in den Zuflüssen dürfen nun die Lachse gefangen werden, die zum Laichen in den See strömen.
Das Zählen hat in diesem Sommer noch einen anderen Hintergrund. Es soll entschieden werden, ob der riesige See gedüngt wird. Der Dünger soll das Wachstum der Mikro-organismen anregen, von denen die Lachse sich ernähren.
Für diese Kleinstlebewesen ist Anna zuständig. Tage und Nächte verbringt sie vor dem Mikroskop, um ganz genau aufzulisten, wieviel wovon im Kurilensee, der im Lauf des Sommers bedenklich warm wird, lebt. Diese Hochrech-nungen sind Entscheidungsgrundlage für die Kommission.
"Glaubst du, dass es funktionieren würde? Zwanzig Tonnen Phosphatdünger in einen See zu kippen? Das ist doch Wahn-sinn. ... Vielleicht, vielleicht auch nicht. ... Es könnte die Lachse über viele Jahre retten. Wir könnten aber auch das ganze Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen. Und wenn wir nichts tun, werden die Kreisläufe vielleicht auch zusammenbrechen. Egal, was wir der Kommission für eine Empfehlung geben. Es kann doch nur die falsche sein! ... Vielleicht wird es auch die richtige sein ..."
Die Meinungen der Forscher gehen auseinander. Anna ist eindeutig gegen die Düngung, Yulia ist dafür, Fjeodor, der Chef der Station, ist ebenfalls dafür. Andere schwanken.
Aber, so Anna über die "Fish Commission":
"Am Ende ... lesen sie eh aus unserem Bericht heraus, was ihnen gut in die eigene Suppe passt. Es ist doch ganz egal, was wir schreiben. Am Ende entscheidet sowieso das Geld."
Anna wird recht behalten. Noch vor Ablieferung des Berichts fällt die Entscheidung für die Düngung. Auch der wackere Hubschrauberpilot Wassja, der die Lieferung so weit wie möglich verzögert, kann sie letzten Endes nicht verhindern.
Und weil es nun mal entschieden wurde, wird der Dünger zu einem Zeitpunkt ausgebracht, in dem er keine positive Wirkung mehr entfalten kann.
Sophia Klink, geb. 1993, ist promovierte Biologin. In ihrem Debütroman beschreibt sie ein Forschungsprojekt, und zeigt die Bedeutung der allerkleinsten Lebewesen für das große Ganze auf. Die Menge und Art der Algen in einem See entscheiden mit über die Zukunft des Planeten.
Und Anna, die es gewohnt ist, in Zusammenhängen zu denken, führt vor Augen, dass alleine über die Nahrung alle Wesen voneinander durchdrungen sind, und sie über sehr ähnlich Baupläne verfügen.
"Ich habe dieselben Ionenkanäle wie die Fische, dieselben Membranen, ATPasen ... So viel von ihnen ist auch in mir vorhanden. Mein Innerstes ähnelt dem einer Kieselalge."
Anna nimmt die Natur mit allen Sinnen wahr, schreckt auch nicht davor zurück, gegen Regeln zu verstoßen. Immer wieder verlässt sie die umzäunte Station und wandert durch den Wald den Berg hinauf. Hier ist sie dem Himmel näher - aber auch den Bären. Für diese Passagen des Romans findet Sophia Klink eine ganz andere und eigene Sprache. Hier vermischen sich die Gedanken der Wissenschaftlerin mit den Empfindungen einer Frau, die um die Verletzlichkeit der Welt weiß, die die Eindrücke der grandiosen Natur auf sich einströmen lässt und eine tiefe Verbundenheit fühlt.
Eine solche besteht auch zu Vova. Er ist Teil des Teams,
jedoch kein Wissenschaftler. Aber er verfügt über sehr viel Erfahrung, nennt jeden der vielen Bären, die an den Ufern des Sees leben, beim Namen. Er zählt ebenfalls Lachse, bricht immer wieder mit dem Hubschrauber zu Erkundungsflügen auf und ist ein Vermittler innerhalb des Teams.
Yulia bringt das Verhältnis von Anna und Vova auf den Punkt: "Ihr seid Beeren vom gleichen Feld."
Diese persönliche Geschichte ergänzt das Feld der Lachse und Algen, des Sees, der Berge und Vulkane.
Auch die Eigenarten der Figuren und die Dynamiken innerhalb der Gruppe werden beleuchtet, vor allem Yulia,
die es nicht versäumt, in jedem Jahr den herrlichen Molte-beerenschnaps zu brennen, gewinnt an Kontur. Erstaunlicherweise ist es gerade sie, die Wissenschaftlerin durch und durch ist, die immer wieder alte Märchen erzählt, in denen sich Naturphänomene spiegeln.
Mensch und Natur, Theorie und Erfahrung, Verstand und Gefühl, Individuen innerhalb einer Gruppe - Sophia Klink legt in ihrem bilderreichen Roman verschiedene Schichten auf- und ineinander. Wollte man ihn als ein Experiment, das Wissenschaft und Poesie miteinander verbinden möchte, bezeichnen, kann man dieses mehr als gelungen nennen.
Sophia Klink: Kurilensee
Frankfurter Verlagsanstalt, 2025, 330 Seiten
Gute Literatur
Meine Empfehlung